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23.07.2020 | Autor/in: Christine Albert
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Summer in the City

Aus London kamen zuletzt immer mehr Meldungen, dass Großkanzleien die Einstiegsgehälter für ihre Anwälte reduzieren – alles reine Vorsichtsmaßnahmen aufgrund der Corona-Krise, wie es heißt. Eine Branche zwischen überhitzten Associate-Erwartungen und eingefrorenen Gehältern.  

Inzwischen scheint es ausgemacht, dass die Briten weniger glimpflich durch die Pandemie kommen als viele andere. Ende Juni galt Großbritannien nach Infektions- und Todesfallzahlen als das am schlimmsten von Covid-19 betroffene Land Europas. Und weil auch die Wirtschaft leidet – das Bruttoinlandsprodukt ging schon im ersten Quartal um 2,2 Prozent zurück – leiden auch ihre Berater. Deshalb waren es englische Großkanzleien, bei denen als erstes Gehaltskürzungen für „Newly Qualified Solicitors (NQ)“ – in Deutschland vergleichbar mit den Berufseinsteigern – bekannt wurden. 

Die britische Branchennachrichtenseite ,Roll­OnFriday‘ berichtete Ende Mai, dass Slaughter and May ihren frisch qualifizierten Anwälten weniger bezahlen will. Die Magic-Circle-Kanzlei senkt demnach ab September das Einstiegsgehalt von 92.000 auf 87.000 britische Pfund, also umgerechnet von rund 102.000 auf 96.000 Euro. Schon davor hatte Slaughter and May, immerhin die britische Best-Friend-Kanzlei von Hengeler Mueller, entschieden, die eigentlich versprochenen Gehaltserhöhungen für ihre Bestandsmannschaft auszusetzen. 

Nicht alle machen mit

Andere Spitzenkanzleien zogen nach: Ende Juni berichtete das britische Branchenmagazin ,The Lawyer‘ in kurzen Abständen von weiteren NQ-Gehaltssenkungen als Reaktion auf die Corona-Krise. Allen & Overy reduzierte ihr Mindestgehalt für Berufseinsteiger um 10 Prozent von 100.000 auf 90.000 Pfund. Als nächste Magic-Circle-Kanzlei kappte Clifford Chance die NQ-Vergütung um 5,5 Prozent auf 94.500 Pfund. 

Freshfields Bruckhaus Deringer, die im Vorjahr mit einer NQ-Gehaltserhöhung auf 100.000 Pfund ihre Magic-Circle-Konkurrenten unter Zugzwang gesetzt hatte, hat sich bislang gegen eine Kürzung entschieden. Die Kanzlei hatte bereits Ende April andere, weltweit geltende Vorsichtsmaßnahmen mitgeteilt: Die Entnahmen der Partner für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2019/2020 wurden zunächst einbehalten, die entsprechende Quartalsausschüttung auf den September verschoben. Die Entscheidung über Bonuszahlungen vertagte Freshfields auf Spätsommer. Für den Zeitraum von einem Jahr, zwischen Mai 2020 und April 2021, friert die Kanzlei die Gehälter für alle Mitarbeiter ein, in dieser Zeit gibt es also keine Gehaltserhöhungen.Bei Linklaters war bis Redaktionsschluss nichts vergleichbares bekannt, in der britischen Presse hieß es lediglich, man befinde sich noch in der Entscheidungsphase. 

Deutsche Kanzleien agieren vorsichtiger

In Deutschland blieben Meldungen über gesenkte Einstiegsgehälter bislang aus. In einer Umfrage des JUVE-Verlags, zu dem die azur-Redaktion gehört, im April berichteten nur knapp fünf Prozent von 250 Associates von krisenbedingten Gehaltskürzungen. Deutlich mehr Associates, nämlich 22 Prozent der Befragten, berichteten schon zu diesem Zeitpunkt von einem Stopp der Bonuszahlungen. Davon hörte man in der Folge bei vielen deutschen Praxen – auch wenn viele Kanzleien bislang noch keine großen Umsatzeinbrüche bemerken, rechnen viele doch spätestens im Herbst mit einem Rückgang. 

Clifford Chance teilte jedenfalls mit, für Deutschland sei keine Senkung der Einstiegsgehälter geplant. Bei Linklaters hieß es auf JUVE-Anfrage, bisher habe die Kanzlei noch keine finale Entscheidung getroffen. Allen & Overy teilte mit, das Einstiegsgehalt in Deutschland sei unverändert.

Spitzenzahler bleiben ohnehin im britischen genauso wie im deutschen Markt die amerikanischen Kanzleien. In Deutschland zahlt etwa Sullivan & Cromwell Berufsanfängern schon seit Jahren am meisten. 145.000 Euro bekommt ein First-Year-Associate hier. Knapp dahinter folgen Milbank, ­Skadden Arps Slate Meagher & Flom und Willkie Farr & ­Gallagher, die ihre Associates im ersten Jahr mit 140.000 Euro entlohnen.