Magazin-Artikel
14.10.2020 | Autor/in: Marc Chmielewski

Suchst du Streit? – Schwerpunkt Konfliktlösung

Finanzkrise, Dieselkrise, jetzt auch noch Corona. Während diese Probleme Unternehmen und Bürger bekümmern, sorgen sie dafür, dass das Geschäft von Prozesspraxen boomt. Litigation hat sich vom Schmuddelkind zur zentralen Säule vieler Kanzleien entwickelt. Was zeichnet einen Top-Prozessanwalt aus? Eine Spurensuche bei jungen Partnern und alten Hasen.

Wer an Anwälte denkt, der denkt an flammende Plädoyers vor Gericht. Doch die Wahrheit über Wirtschaftsanwälte ist: Die meisten von ihnen haben mit der Justiz nicht mehr zu tun als ein Musiker oder Dachdecker. Sie streiten nicht, sondern beraten, sie feilen nicht an Prozessakten, sondern an Vertragswerken. Bis vor ein paar Jahren galt es als geradezu unfein sich herumzustreiten. „Wer als Anwalt etwas auf sich hielt, sagte: Ich weiß nicht mal, wo das Gericht ist“ – so fasst es Dr. Markus Meier zusammen.

Prozesse um Millionen.

Der Hengeler Mueller-Partner ist einer der führenden deutschen Prozessrechtler und seit 30 Jahren im Geschäft. Dass Streitigkeiten – neudeutsch: Litigation – inzwischen doch für viele Kanzleien eine wichtige Säule sind und das einstige Schmuddel-Image längst überwunden ist, liegt auch an Anwälten wie Meier: Sie sind teuer, aber im Extremfall erstreiten sie für ihre Mandanten Siege oder verhindern Niederlagen, die viele Millionen Euro Unterschied machen.

Mehrere Entwicklungen sorgen dafür, dass Unternehmen heute mehr streiten als früher. Die sogenannte Deutschland-AG, jenes Geflecht deutscher Konzerne, das die Streitlust bremste: gibt es nicht mehr. Die Finanzkrise: Zigtausende von Anlegern und Unternehmen haben zig Milliarden von Euro verloren – die Aufräumarbeiten vor Gericht, bei denen über die Verteilung des Schadens gestritten wird, dauern bis heute an.

Egal ob Großkanzlei oder Boutique: Für Hengeler-Partner Markus Meier ist Neugierde wichtiger.

Wie lernt man das Handwerk eines Prozessanwalts am besten und wo: in einer Großkanzlei oder in einer spezialisierten Boutique? Und was ist das Geheimnis der Top-Litigators? Junge Anwälte, die es in den vergangenen Jahren geschafft haben, sich in Kanzleien durchzusetzen, und die nun Partner sind, geben darauf ganz unterschiedliche Antworten.

Auch Meier hat über dieses Thema viel nachgedacht. Er glaubt: „Es kommt nicht so sehr darauf an, ob man sein Handwerkszeug in einer Großkanzlei oder einer kleineren Kanzlei erlernt. Das wichtigste ist die Neugier.“ Im Kern bestehe die Aufgabe von Prozessanwälten darin, den Sachverhalt gründlich zu ermitteln und rechtlich bestmöglich zu analysieren – und es dann so aufzuschreiben, dass ein Leser denkt: Genau so ist es, es kann nicht anders sein. Was noch? „Das Lesen hilft enorm, ich gehe gern mit Sprache um.“ Dieses Wissen gibt Meier auch weiter. „In Frankfurt beschäftigen wir uns immer wieder in Workshops mit der Sprache in Schriftsätzen.“ Bis hin zu Details wie dem Wort „sondern“, dem ein Problem innewohnt: Es signalisiert, dass danach erst das Wichtige gesagt wird. Das Wichtigste aber gehört an den Anfang eines Satzes. „An solchen Dingen feilen wir.“

Boutique oder größere Kanzlei für Berufsanfänger? Auch Tanja Pfitzner (51), Prozessspezialistin mit eigener Kanzlei in Frankfurt, mag sich da nicht festlegen. „Typische Juristenantwort: Es kommt darauf an.“ Jeder müsse sich seine Persönlichkeit anschauen. „Für mich war es sinnvoll, Erfahrungen in der Großkanzlei zu sammeln, dabei viele Menschen kennenzulernen – und dann irgendwann mein eigenes Ding zu machen. Ich bin nicht gemacht fürs Angestelltendasein, ich will gestalten.“

Selbstständigkeit bringt Sicherheit: Tanja Pfitzner ist Prozessspezialistin in eigener Kanzlei.

Vorher musste sie allerdings manchen Rückschlag einstecken. Ihr Werdegang zeigt, dass auch Beharrlichkeit zu den Zutaten einer erfolgreichen Anwaltspersönlichkeit gehört. 2012 nämlich kam sie dem Abgrund einmal gefährlich nahe – und wäre um ein Haar hineingezogen worden. Zehn Jahre im Frankfurter Prozessteam von Freshfields Bruckhaus Deringer lagen da schon hinter ihr.

Im Jahr 2000 ging Pfitzner an die Columbia University in New York, um dort ihren LL.M. zu machen. „Es war die Hochzeit des neuen Marktes, viele deutsche Kanzleien schickten Dreamteams in die USA, um Nachwuchs zu rekrutieren“, erinnert sie sich. „Ich habe im August angefangen zu studieren, und im September war schon der erste Freshfields-Cocktailabend.“ 2002 stieß sie in Frankfurt zu dem Freshfields-Team um Dr. Rolf Trittmann. Der ist, wie Hengeler-Partner Meier, einer der Pioniere des Typs Promi-Litigator in Deutschland.

2012 entschied sich Counsel Tanja Pfitzner zu einem folgenschweren Schritt: Sie nahm das Angebot an, bei der Top-Kanzlei Dewey & LeBoeuff als Partnerin einzusteigen. Es war als der entscheidende Karriereschritt gedacht: neue Mandanten gewinnen, eigenes Geschäft aufbauen, ganz groß durchstarten. Gleich zu Beginn merkte sie, dass bei Dewey ein anderer Wind wehte als auf den gediegenen Freshfields-Fluren. „In den ersten Mails, die ich als Dewey-Partnerin bekommen habe, hieß es immer, wir sollen ­collecten, collecten, collecten – also ausstehende Rechnungen eintreiben“, erinnert sich Pfitzner. „Ich war noch keine Woche dabei, kam aus einer englischen Kanzlei und dachte: Das ist wohl der amerikanische Stil.“ Dabei stand der Kanzlei wirtschaftlich das Wasser einfach bis zum Hals. Das war im Januar. Bereits im Februar begann die New Yorker Presse ausgiebig über Partnerweggänge zu berichten. Im Mai kam der Insolvenzantrag. Pfitzner war so kurz vor dem Untergang dazugestoßen, dass sie nicht mehr ernsthaft in die Mandatsarbeit kam – von Mandantenakquise ganz zu schweigen.

Das Dewey-Zwischenspiel hat Pfitzner tief geprägt. „Ich bin froh, dass ich in der eigenen Kanzlei einen Überblick über meine Finanzen habe.“ Die Finanzen einer internationalen Anwaltskanzlei sind dagegen vergleichsweise schwer zu durchschauen. „Nach dem Ende bei Dewey habe ich mit 42 Kanzleien gesprochen, die auf mich zukamen“, sagt Pfitzner. Sie hat sich Zeit genommen für ausgiebige Gespräche. „Einen ganzen Sommer dauerte diese Phase. Von dieser Zeit zehre ich immer noch. Ich habe damals viele Einblicke gewonnen und Kollegen intensiv ­kennengelernt, mit denen ich teilweise noch ­heute zusammenarbeite.“ Es gab viele Angebote. ­Trotzdem gründete Pfitzner am Ende dann ihre eigene Kanzlei.

Gefahrenabwehr für Konzerne: Martin Mekat von Freshfields stellt sich in Massenverfahren auf die Seite großer Unternehmen.

Also erst mal Großkanzlei, dann eigene Boutique? Nicht unbedingt. „Man braucht zum Netzwerken keine Großkanzlei, das geht vor allem im Schiedsrecht auch gut über Organisationen und Verbände“, sagt Pfitzner. „Das Gute an kleinen Kanzleien, gerade in der Konfliktlösung: Schon als Anfänger steht man häufig on the job ganz vorne. Man hat direkt mit Mandanten zu tun und tritt vor Gericht auf.“ Das ist nicht selbstverständlich. „Als ich vor 20 Jahren bei Freshfields anfing, gab es dort noch einige überschaubarere Fälle, bei denen man sich getraut hat, die einem jüngeren Kollegen zu überlassen. Die gibt es nach meinem Eindruck in dieser Form heute nicht mehr.“

Abwehrkampf für VW.

Eine Ausnahme sind vielleicht die vielen tausend Verfahren, die Freshfields und andere Kanzleien seit 2015 für den Volkswagen-Konzern führen, um Kundenklagen abzuwehren. Die einzelnen Verfahren haben meist nach den Maßstäben von Wirtschaftskanzleien läppische Streitwerte, aber weil sich jeder Fehler im komplexen Gewirr zehntausender von Verfahren nachteilig auf viele andere Stränge auswirken kann, bietet der Auto­konzern in jedem Verfahren Top-Kanzleien auf – und lässt die weltweite Prozessstrategie zentral von einem hochkarätigen Team von Freshfields-Partnern aushecken.

Detailkenntnis und überzeugender Auftritt: Beides macht einen guten Litigator aus, findet Nicolas Nohlen von Ashurst.

Dr. Martin Mekat (41), frischernannter Litigation-Partner bei Freshfields, hat wie Tanja Pfitzner bei Rolf Trittmann gelernt. Mekat ist VW-Anwalt der ersten Stunde. Von der sogenannten „Notice of Violation“ der US-Umweltbehörde EPA, die den VW-Dieselskandal ans Licht brachte, erfuhr Mekat im Autoradio. Es war Freitag, der 18. September 2015. Er wählte sofort die Nummer seines Chefs Trittmann. Der war bereits an dem Fall dran. So begann auch für Mekat das Mandat seines Lebens.

VW zeigt, über den Einzelfall hinaus, warum Litigation auf absehbare Zeit zu den wachsenden Segmenten des Rechtsmarkts zählen wird. Massenverfahren kommen immer wieder. Es werden immer mehr, und sie werden immer gefährlicher für Konzerne. Das ist, über den Dieselskandal hinaus, ein Großtrend – und es ist Mekats Eintritts­ticket in die Freshfields-Partnerschaft. „Die geplante europäische Sammelklage wird ein echter Game Changer, weil sie in einigen Punkten deutlich über die deutsche Musterfeststellungsklage hinausgeht“, meint Mekat. Vor allem im Datenschutz seien künftig vermehrt Massenverfahren zu erwarten. „Die Streitwerte sind zwar überschaubar, aber es gibt eine große Masse an Betroffenen, und die Datenschutz-Grundverordnung gibt ihnen besondere Möglichkeiten, ihre Ansprüche durchzusetzen.“

 Schiedsverfahren machen schlau.

Also, Martin Mekat, was ist, abgesehen von einem Mandat des Lebens zur rechten Zeit, das Geheimnis eines Top-Prozessanwalts? „Ein echter Disputes-Anwalt sollte sowohl Schiedsverfahren als auch Prozesse vor staatlichen Gerichten beherrschen“, ist Mekat überzeugt. „Man lernt unterschiedliche Facetten der Konfliktlösung kennen. Wer zum Beispiel mal als Schiedsrichter die Perspektive des Entscheiders einnimmt, kann danach als Parteivertreter überzeugendere Schriftsätze verfassen. Man wird ein besserer Anwalt.“

Auch Dr. Nicolas Nohlen, 38, hatte einen guten Lehrmeister, nämlich Markus Meier. Im Team des Hengeler-Partners kämpfte er unter anderem für Porsche gegen Kapitalanleger, die wegen der missglückten VW-Übernahme im Jahr 2008 klagten. Vor zwei Jahren wechselte Nohlen als Partner ins Frankfurter Büro von Ashurst, um für die britische Kanzlei eine deutsche Litigation-Praxis aufzubauen. Was macht Litigation für ihn aus? „Ich arbeite mich in einen Sachverhalt gern bis in die Details ein. Das ist die Basis für alles weitere. Zur Arbeit eines Prozessanwalts gehören aber insbesondere auch strategische und psychologische Erwägungen, wie man ein Gericht oder Schiedsgericht überzeugen kann – alles das mag ich an meinem Job.“

Und wie macht man das besonders gut? Ein Top-Litigator könne das große Ganze eines Falls genauso durchschauen wie dessen Details, meint Nohlen. „Das ist nicht trivial. Es gibt sehr erfah­rene Anwälte, die eine große Geschichte überzeugend vortragen können, aber dann nicht sattelfest sind, wenn bei den Details nachgebohrt wird. Umgekehrt gibt es Anwälte, die sich mit großem Fleiß in die Verästelungen eines Falls einarbeiten, darüber aber den Kern der Sache aus den Augen verlieren.“ Und es gibt eben Anwälte, die beherrschen beides. „Das sind die besten Litigators.“

Herausforderungen gibt es nicht nur im Beruf: Julia Grothaus von Linklaters rät zu flexiblen Karriereplänen.

Dr. Julia Grothaus (37) gehört zu denen, die es geschafft haben. Sie ist seit einigen Monaten Disputes-Partnerin bei Linklaters in Frankfurt. Wie wird man eine erfolgreiche Litigation-Anwältin? „Gute Juristen sind alle, die in Top-Kanzleien als Anwalt arbeiten“, sagt Grothaus. Das allein reicht also schon mal nicht. „Neben dem Talent braucht es vollen Einsatz und Spaß am Anwaltsberuf und am unternehmerischen Denken – wenn das zusammenkommt, geht es voran.“

Außerdem sei Flexibilität wichtig. „Es gibt so viele Unwägbarkeiten im Leben – und damit verbundene Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten. Junge Kollegen tun sich daher nicht unbedingt einen Gefallen, wenn sie bereits zum Zeitpunkt des Berufsstarts einen festen Karriere­plan verfolgen.“ Sich auf solche Pläne zu fixieren habe den Nachteil, dass es Frust erzeuge, wenn dann etwas nicht klappt.

Mindestens zwei Mal tauchten auch in Grothaus‘ Karriere völlig unerwartete Komplikationen auf. 2007, sie hatte gerade bei Linklaters in Köln als Praktikantin angefangen, wurde die Schließung des Kölner Büros bekanntgegeben. Grothaus saß an dem Tag zu Hause und wartete auf ihre Examensergebnisse, da schrieb ihr ein Freund: „Lies mal Juve, deine Kanzlei gibts bald nicht mehr!“ Sie arbeitete dann einfach erst mal von Köln aus weiter für das Frankfurter Büro. Dorthin war der langjährige Litigation-Chef Dr. Rupert Bellinghausen nach dem Rückzug von Linklaters aus Köln gewechselt.

Partnerin mit Drillingen.

Zehn Jahre später, Grothaus war bereits Managing Associate, wurde sie nicht nur Mutter – sondern Mutter von Drillingen. „Als ich von diesen Neuigkeiten erfuhr, habe ich mich natürlich auch gefragt: Kann ich jetzt beruflich so weitermachen? Aber man muss im Kopf flexibel sein und sich nicht zu früh von Plänen verabschieden. Vielleicht klappt es ja.“ Drei Jahre nach der Geburt ihrer Kinder wurde Grothaus zur Partnerin ernannt.