Magazin-Artikel
25.10.2016 | Autor/in: Anika Verfürth

Steinreich

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Im Wettbewerb um die besten Juristen greifen Kanzleien wieder tiefer in die Tasche – nachdem sie die Einstiegsgehälter fünf Jahre lang nur mäßig erhöht haben. Der Wettlauf um das höchste Gehalt ist eröffnet.

Von Anika Verfürth

15.000 Euro direkt aufs Konto. Ohne Rückzahlungspflicht zur freien Verfügung – und das, bevor man auch nur einen Tag gearbeitet hat. Einen solchen Start-up-Zuschuss gibt es tatsächlich und zwar für Berufseinsteiger bei der US-Kanzlei Willkie Farr & Gallagher. Damit unterstützt die Kanzlei die Ausgaben, die zum Berufsstart fällig werden, etwa für einen Umzug, die Mietkaution oder das adäquate Berufs-Outfit.

Die ewigen Geldsorgen, die vielfach das lange Studium begleitet haben, sind damit abrupt beendet. Und wenn dann auch noch das erste Gehalt auf dem Konto gelandet ist, gibt es am Ende des Monats mehr als Nudeln mit Pesto. Die Aussichten auf den Berufseinstieg scheinen also gar nicht so schlecht. Doch die Großzügigkeit von Willkie bleibt auch unter den Topkanzleien eine Ausnahme. Dabei haben zuletzt gleich mehrere Kanzleien verkündet, die Einstiegsgehälter zu erhöhen, nachdem diese in den vergangenen Jahren eher auf stabilem Niveau verharrten – eine typische Aufwärtsspirale. Der Vorab-Bonus von Willkie mag auch eine Reaktion darauf sein.

Die Hunderttausender

Eine ausgefallene Idee sticht heraus, gerade um bei der großen Konkurrenz unter den Topzahlern mithalten zu können. Denn die Gruppe der Kanzleien wächst, die Berufseinsteigern im ersten Jahr ein maximales Festgehalt im sechsstelligen Bereich zahlt. So brüsten sich mittlerweile 33 Sozietäten mit einem Einstiegsgehalt von mehr als 100.000 Euro, zehn von ihnen erhöhten erst im vergangenen Jahr (Gehaltstabellen auf azur-online.de).

Summen über 100.000 Euro haben heute keinen Seltenheitswert mehr und gelten inzwischen für viele Wirtschaftskanzleien mit Führungsanspruch als Standard. Darüber hinaus positionieren sich die Kanzleien im Wettkampf um die Bewerber mit Prädikatsexamina über einen besonders bekannten oder renommierten Namen oder eben mit noch mehr Geld.

Topzahler aus den USA

Daher finden sich unter den Topzahlern vermehrt Kanzleien aus den USA, die in Deutschland nur kleinere Büros führen und häufig den Schwerpunkt auf das Transaktionsgeschäft legen. Dazu zählen etwa Gibson Dunn & Crutcher, Sullivan & Cromwell, aber auch Willkie. In ihren deutschen Büros stellen sie jährlich allerdings oft nur eine Handvoll Juristen ein, daher betreffen die Gehaltszahlen aus Bewerbersicht auch nicht die breite Masse. Dennoch wirkt das ewige Gehaltswettrennen in den USA, wo die Stundensätze und daher auch die Gehälter der Top-Juristen signifikant höher sind, sich am Ende auch auf den deutschen Markt aus.

So schaukelt sich die Gruppe der amerikanischen Spitzen-Transaktionskanzleien in Deutschland auf bis zu 125.000 Euro Einstiegsgehalt für Topjuristen hoch. Die Spitzenposition hält Sullivan & Cromwell mit etwa 140.000 Euro (160.000 US-Dollar). Die Kanzleien wissen dabei sehr wohl, dass das permanente Sich-gegenseitig-Ausstechen durch immer höhere Gehälter so langsam aus dem Ruder gerät.

Ein Anwalt kommentiert fast trotzig: „Wir haben ja nicht damit angefangen.“ Doch auch hier scheint es Schmerzgrenzen zu geben. Zahlte Sullivan bislang weltweit ein einheitliches Gehalt, zog die deutsche Praxis bei der letzten globalen Erhöhung auf 180.000 US-Dollar nicht mehr mit. Das hätte in Deutschland einem exorbitanten Einstiegsgehalt von rund 160.000 Euro entsprochen.

Trotzdem gesellen sich immer mehr Kanzleien zur Gruppe der Über-Hunderttausender: So erhöhte im Herbst 2015 etwa Latham & Watkins von 100.000 auf 110.000 Euro. Im Gegensatz zu den kleineren Einheiten stellt Latham rund 30 neue Juristen jedes Jahr ein. Mit der Erhöhung sorgte sie deshalb durchaus für Aufsehen bei den Marktteilnehmern. Schließlich ist bei den großen Kanzleien, die jährlich zwischen 50 und 100 Berufseinsteiger suchen, ein Einstiegsgehalt von 100.000 Euro seit Jahren das Maß aller Dinge. Das bezahlen Kanzleien wie Clifford Chance, Gleiss Lutz oder Linklaters. Auch Hengeler ­Mueller stand bis Mitte des Jahres noch in dieser Reihe. Seit Juli 2016 erhalten Berufseinsteiger mit LL.M-Titel aber statt 105.000 Euro nun 120.000 Euro, ohne LL.M sind es 110.000 Euro.

Ein Startschuss, den auch Freshfields Bruckhaus Deringer gehört hat und entsprechend nachzieht. Zuletzt erhöhte die Kanzlei ebenfalls auf 120.000 Euro. Von der Erhöhung profitieren nicht nur die Neueinsteiger, sondern die gesamte Mannschaft. Ähnlich wie Hengeler verrechnet Freshfields die Boni, die bisher in den ersten Jahren gezahlt wurden, und zahlt einen höheren Festbetrag an alle.

Zehn Prozent Unterschied

Ganz so rosig sieht es aber nicht für alle aus. Frauen mit Ambitionen zur Wirtschaftsanwältin müssen laut der letzten azur-Associateumfrage ihre Erwartungen zurückschrauben. Offensichtlich besteht gerade in den ersten Berufsjahren eine deutliche Gender Pay Gap. Nach den Angaben der Teilnehmer zum eigenen Gehalt verdienen die männlichen Associates zum Karrierestart deutlich mehr als ihre weiblichen Kollegen bei gleicher Berufserfahrung.

Die Ergebnisse aus der azur-Associateumfrage, an der über 3.000 junge Anwälte teilgenommen haben, offenbart im ersten Berufsjahr sogar einen Unterschied von rund zehn Prozent zwischen Männern und Frauen. Erst ab dem vierten Jahr pendeln sich die durchschnittlichen Jahresfestgehälter auf einem annähernd gleich hohen Niveau ein.

Diese Unterschiede resultieren zwar zum Teil daraus, dass überproportional viele männliche Umfrageteilnehmer in internationalen Großkanzleien arbeiten – dem Kanzleityp, der tendenziell die höchsten Gehälter bezahlt. Die weiblichen Umfrageteilnehmer dagegen sind mehrheitlich in mittelgroßen Einheiten und deutschen Großkanzleien tätig. Doch auch innerhalb der Kanzleigruppen werden Frauen fast durchweg deutlich schlechter bezahlt als Männer auf der gleichen Karrierestufe.

Festgehalt und Bonus

Unabhängig vom Geschlecht steigern die Kanzleien in den ersten Berufsjahren das Festgehalt nach festen Vorgaben. Das bestätigen auch die Angaben der Anwälte in der azur-Associateumfrage zu ihrem eigenen Gehalt. Hinzu kommen Boni, die bereits von Anfang an einen signifikanten Anteil zur Gesamtvergütung beitragen. Allerdings zeigt sich auch, dass ab einem bestimmten Punkt in der Karriere der Aufwärtstrend endet.

Spätestens ab dem achten Berufsjahr, wo in der Regel der Sprung zum Salary-Partner oder Counsel ansteht, stagniert das Festgehalt. Danach scheint laut Antworten der Anwälte nur noch über den Bonus mehr drin zu sein. Zwar beträgt der Bonus im achten Berufsjahr durchschnittlich stolze 31.000 Euro, doch damit scheint auch jeglicher Spielraum ausgereizt. Vor allem für Anwälte, die keine Vollpartner sind oder werden möchten, zeichnet sich damit das Maximum in der Gesamtvergütung ab. Denn in den Folgejahren kommt laut den Umfrageteilnehmern mit steigender Berufserfahrung auch kein höherer Bonus mehr zustande.

Letztendlich machen der Kanzleityp und vermutlich auch das Vergütungssystem den entscheidenden Unterschied. Ob Großkanzlei, Transaktionskanzlei oder Mittelstand: Die Kanzleien haben die monetären Anreize, mit denen sie um die jungen Juristen werben, individuell ausgeklügelt. Beim direkten Vergleich der Spitzengehälter und ihrer Bedingungen wird erkennbar, wo mit Abstrichen zu rechnen ist.

So findet sich etwa die US-Kanzlei Milbank Tweed Hadley & McCloy mit einem Startgehalt von 125.000 Euro unter den Top 3, jedoch zahlt sie auf der anderen Seite keinen Bonus. Auch Hengeler Mueller oder Freshfields, die durch ihre Erhöhungen einen Platz weit oben unter den Spitzenzahlern ergatterten, verzichten in den Anfangsjahren auf jegliche Boni und halten an strikten Gehaltsschritten nach Berufserfahrung fest. Zunächst lassen sie mit dem Einstiegsgehalt Konkurrenten wie Clifford Chance hinter sich. Letztere steigert ihre Festgehälter ebenfalls nach Seniorität, zusätzlich gibt es aber einen vom Kanzleierfolg und individueller Leistung abhängigen Bonus oben drauf. Damit kann die Gesamtvergütung im ersten Berufsjahr die 100.000-Euro-Grenze durchaus überschreiten.

Modelle mit Umsatzbeteiligung

Doch es gibt auch ganz andere Modelle: So startet ein Associate im ersten Jahr bei der Berliner Kanzlei BMH Bräutigam & Partner mit einem Festgehalt von 90.000 Euro. Dieses fällt im zweiten Jahr auf 65.000 Euro, dafür kann der Bonus aber bis zu 70.000 Euro betragen. So hält BMH ab dem zweiten Jahr in der Summe mit den Gehältern der Topzahler locker mit. Dieser Bonus hängt dabei keineswegs von der individuellen Leistung ab, sondern ausschließlich vom Gesamtergebnis der Kanzlei. Damit möchte BMH das unternehmerische Denken der Associates fördern und einen Konkurrenzkampf vermeiden.

Eine andere Variante hat sich P+P Pöllath + Partners ausgedacht: Mit 101.000 Euro für First-Year-Associates hat sie sich knapp einen Platz unter den Spitzenzahlern erobert. Die Gehälter steigen ebenfalls entsprechend der Zugehörigkeit zur Kanzlei, und der Bonus übersteigt eine Höchstgrenze nicht – bis zum vierten Berufsjahr. Dann addiert Pöllath zum Bonus eine individuelle Umsatzbeteiligung, die mit 20 Prozent des eigenen Umsatzes nicht unerheblich ist. Ab Counsel-Status beträgt der Anteil bereits 35 Prozent. Damit führt die Kanzlei ihren Nachwuchs immer stärker an das Leistungsprinzip heran.

Alternativen bei Baker & McKenzie

Bei Baker & McKenzie hingegen kann sich ein junger Jurist mittlerweile aussuchen, ob er den klassischen Weg zum Partner geht (Associate-Partner-Track) und damit entsprechend Leistung zeigen muss, oder aber den Alternative Career Track einschlägt. Bei Letzterem stellt die Kanzlei geringere Anforderungen an ihre Juristen und wirbt mit einer besseren Work-Life-Balance.

Das zeigt sich insbesondere an den Erwartungen bezüglich Arbeitszeiten, Umsatz und Mitarbeiterführung, die auf dem klassischen Partnertrack deutlich höher sind. Während ein Berufseinsteiger auf dem Associate-Partner-Track mit einem fixen Gehalt von 105.000 Euro rechnen kann, fällt das Gehalt auf dem alternativen Baker-Karriere­weg deutlich niedriger aus und bewegt sich etwa auf dem Gehaltsniveau einer mittelständischen Kanzlei.

Oftmals setzen Kanzleien auch eine bestimmte Zahl geleisteter Billable Hours voraus, um in den Genuss eines Bonus zu kommen. Billable Hours bezeichnen abrechenbare Stunden, also die Stunden, die einem Mandanten in Rechnung gestellt werden. In den ersten Berufsjahren müssen Associates häufig eine geringe Zahl dieser Stunden vorweisen können.

Latham & Watkins aber erwartet schon auf dem Papier einen hohen Arbeitseinsatz von ihrem Nachwuchs. So sind 1.900 Billable Hours ab dem ersten Jahr gesetzt. Wobei sich bei Latham dahinter nicht ausschließlich die beim Mandanten abrechenbaren Stunden verbergen, es zählen auch andere Tätigkeiten wie etwa Pro-bono-Arbeit. Jedoch sind die ‚Billables‘ eine klare Bedingung für den Bonus und somit lässt sich schon daran die hohe Arbeitsbelastung der Berufseinsteiger ablesen.

Was kommt pro Stunde heraus?

Die blanken Gehaltszahlen der Kanzleien sagen also nicht alles über die Vergütung aus. Faktoren wie Kanzleityp, Vergütungssystem und Arbeitsbelastung lassen das endgültige Gehalt ordentlich schwanken. Zusätzlich lohnt sich aber ein Blick auf die Frage, was eigentlich pro Stunde bei der Arbeit rumkommt.

Abseits der offiziellen Auskünfte der Kanzleien ergibt sich folgender Betrag, hochgerechnet aus den Angaben der Associates: Im Jahr 2015 erhielt laut azur-Associateumfrage ein deutscher Durchschnitts-Associate in einer Wirtschaftskanzlei 39,19 Euro pro Stunde. Um diesen Stundenlohn zu ermitteln, stützte sich die azur-Redaktion auf zwei Angaben der Umfrageteilnehmer: die durchschnittliche Arbeitszeit in Wochenstunden, die auf das ganze Jahr hochgerechnet wurde, und das Brutto-Jahresfestgehalt. Bonuszahlungen und Nebenleistungen bleiben unberücksichtigt. Angenommen wurden 28 voll genutzte Tage Jahresurlaub.

Regionales Gefälle

Bei einer regionalen Differenzierung fallen große Unterschiede auf. So beträgt der Stundenlohn in Frankfurt beinahe doppelt so viel wie im Osten. Zwar schuftet der Durchschnitts-Associate in der Main­metropole am meisten, dafür wird er auch mit dem höchsten Stundenlohn von 43,76 Euro entschädigt. Etwas über dem deutschlandweiten Durchschnitt wird auch die Arbeitsstunde in den anderen Großstädten bezahlt.

Bewegt man sich jedoch außerhalb der Metropolen, haben die Associates zwar mehr Freizeit, dafür wird die Arbeit pro Stunde aber auch deutlich weniger entlohnt. In Nordrhein-Westfalen (ohne Düsseldorf und Köln) bekommt ein junger Jurist durchschnittlich 34,37 Euro, im Osten (ohne Berlin) sind es sogar nur 24,87 Euro pro Stunde. <<