Magazin-Artikel
20.07.2021 | Autor/in: Melanie Müller

Soft-Skills: So wichtig ist die Stimme

Viele Juristen machen irgendwann im Laufe der ersten Berufsjahre diese Erfahrung: Die ersten Verhandlungen oder Mandantengespräche beginnen – und die Stimme versagt. Vor allem in ungewohnten Situationen verrät sie die Nervosität, vielleicht auch Unsicherheit.  Stimmtraining kann deswegen eine sinnvolle Investition für die Karriere sein.

Ich dachte immer, meine Stimme kommt ganz einfach aus dem Hals. Dann stehe ich dort, gemeinsam mit zwei anderen Anwälten und wir lernen, die Stimme vorne im Mund zu bilden. Klingt deutlich einfacher, als es ist. Anfangs kamen wir uns dabei richtig bescheuert vor.

Von solchen oder ähnlichen Erfahrungen hört Gesangslehrerin und Stimmtrainerin Ute Bolz-Fischer immer wieder. Viele Teilnehmer ihrer Seminare kostet es anfangs Überwindung, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich zu öffnen – im wörtlichen Sinne. Vor zwei Jahren hat sich Bolz-Fischer darauf spezialisiert, die Stimme von Anwälten zu schulen und gründete Law & Voice – Stimmbildung für Juristen.

Sie und ihr Mann – ein Jurist – beobachteten vor allem bei Gerichtsverhandlungen, wie unterschiedlich Anwälte ihre Stimme einsetzen. Bei einem war sie zu dünn, beim anderen zu monoton, und manch einer stotterte, wenn er nervös war, oder bekam gar keinen verständlichen Ton mehr heraus. Die Folge: mangels einer selbstsicheren und ruhigen Stimme konnte mancher Anwalt einen Sachverhalt oder ein entscheidendes Argument nicht souverän rüberbringen.

Es liegt auf der Hand, dass Juristen tagtäglich mit ihrer Stimme arbeiten. Denn mit ihrer Stimme wollen sie nicht nur das Vertrauen und die Sympathie aktueller und potenzieller Mandanten erwecken, sondern auch in Meetings und eben in Verfahren überzeugen. Dass Stimmtraining längst nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick auf die azur100-Recherche: Nur wenige Kanzleien bieten bislang entsprechende Workshops an. Teils sperren sich Kanzleien sogar gegen das Thema, obwohl manch ein Associate eine solche Weiterbildung von seinem Arbeitgeber fordert. Oftmals suchen sich Anwälte daher selbst einen Spezialisten, um die eigene Stimme schulen zu lassen. Die Kanzleien, die tatsächlich ein Stimmtraining anbieten, gehen sehr unterschiedlich vor: Während bei manchen kleinste Gruppen ein Training belegen, absolvieren Anwälte anderer Kanzleien Digitalunterricht mit der Größe einer ganzen Schulklasse.

In Telefonaten überzeugen

Die Stimme als Werkzeug: Mit Law & Voice hat sich Ute Bolz-Fischer auf das Stimmtraining für Juristen spezialisiert.

Jüngere wie ältere Anwälte nehmen ihre Stimme als Werkzeug ernster. „So wie einige Kanzleien Diversity als Thema für sich entdeckt haben, rückt die Stimme allmählich mehr ins Bewusstsein“, sagt Bolz-Fischer. Die Corona-Lage verstärkte die Bedeutung der Stimme nochmal. Mehr denn je mussten Juristen in Telefonaten und Videokonferenzen stimmlich überzeugen. Die Corona-Krise hält Bolz-Fischer somit für einen guten Anlass, um die Stimme zu trainieren. „Denn das Rad wird sich ja nicht zurückdrehen. Ich denke, im Arbeitsalltag wird einiges auf remote bleiben.“

Die Kanzlei Zirngibl hat das erkannt und bietet nun in ihrer kanzleiinternen Akademie ein Seminar zu Stimme und Körperhaltung. Eine Schauspielerin und Sängerin leitet die digitale Veranstaltung. Gemeinsam mit rund 30 anderen Teilnehmern lernte Charlotte Werther dort, wie sie sich ihrer Stimme bewusst wird und wie sie diese mit der Atmung koordiniert. Besonders gut kann Werther, die seit fünf Jahren bei Zirngibl arbeitet, sich daran erinnern, wie anschaulich die Trainerin mit ihrer Stimme spielte: Indem sie etwa die Tonlage gezielt wechselte, unterschiedlich schnell sprach oder betonte.

Entspannt gähnen

Im Alltag üben: Nach einem Stimmtraining-Seminar weiß Charlotte Werther von Zirngibl, wie sie mit kleinen Übungen regelmäßig das Gelernte trainieren kann.

Daneben erhielt die Gruppe auch Tipps, wie die Teilnehmer kleine Übungen in den Alltag integrieren können. Zum Beispiel schon nach dem Aufstehen morgens, um die Stimme aufzuwärmen. Dazu eignet sich mitunter bewusstes, entspanntes Gähnen, Summen oder das Mantrasingen ‚Om‘. Die 32-Jährige nahm aus dem Seminar mit, dass Juristen ihre Stimme als Werkzeug trainieren und einsetzen können. „So können wir uns nicht nur inhaltlich auf schwierige oder ungewohnte Situationen einstellen, sondern auch stimmlich auf solche vorbereiten“, sagt Werther. Dadurch treten Anwälte mit geschulter Stimme oftmals sicherer auf.

Einen intensiveren Lerneffekt als bei digitalen Veranstaltungen mit einer großen Gruppe mögen jedoch Präsenzveranstaltungen vermitteln. Diese legt ein Coach häufig nur für eine Handvoll Teilnehmer an, damit er jeden einzelnen gezielt unterstützen kann. Im Gegensatz zum Seminar von Zirngibl beschränkt sich Bolz-Fischer auf maximal vier Teilnehmer in einem Kleingruppen-Training. Zum einen könnte sie sonst nicht individuell auf jeden eingehen. Zum anderen möchte sie eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen. Schließlich sind Stimme und Stimmapparat etwas sehr Persönliches. Je mehr Teilnehmer, desto höher sei folglich die Hemmschwelle, sich vor den anderen fallen zu lassen. In der ersten Stunde erwartet die Juristen ein Stimmcheck: Wo zeichnen sich Probleme ab? Wie kann jemand seine Stimme optimieren? Außerdem lernen die Teilnehmer beim ersten Training tief in den Bauch zu atmen, das Zwerchfell zu aktivieren und die Augen-Stirn-Nase-Partie miteinzubeziehen: Einatmen sollen ihre Schüler durch die Nase, ausatmen durch den Mund.

Die Nasenatmung verhindere, dass Schleimhäute austrocknen und beuge Heiserkeit vor. Als Coach leitet Bolz-Fischer die Teilnehmer dazu an, die Stimme nicht mehr aus dem Hals heraus zu pressen, sondern vorne im Mund zu bilden. Denn so werde die Stimme voluminöser – und halte einige Strapazen aus. Zum Beispiel können Anwälte mit einer gefestigten Stimme eine Erkältung einfach übersprechen, so die Expertin. Grundlegend beim Training der Sprechstimme seien Gesangstechniken. Singen diene dem Stressabbau, da das Stresshormon Cortisol abnehme. Ein anderes Hormon wiederum stärke das Immunsystem. Wer regelmäßig singt, reduziert der Expertin zufolge auch die Krankheitstage – ein positiver Nebeneffekt also.

Die Mehrzahl der Anwälte kommt selbst auf Bolz-Fischer zu und bucht ein Einzeltraining. Der Anteil von jungen und älteren Juristen hält sich dabei die Waage. Kanzleien wie Zirngibl, die Stimmtraining bereits als Fortbildung anbieten, unterscheiden kaum bis gar nicht zwischen Frauen und Männern – dabei unterscheiden die sich in ihrem Hauptproblem durchaus voneinander: Frauen arbeiten bei Bolz-Fischer überwiegend daran, ihren Kehlkopf abzusenken. Der sei oft hochgestellt, wodurch die Stimme im Hals gequetscht ist und deswegen piepsig oder dünn und brüchig wird. Männern mangelt es oft an der Kieferöffnung, auch dadurch kann sich die Stimme nicht richtig entfalten.

Sprechen mit Korken

Andrea Benkendorff, Partnerin bei der Dresdner Kanzlei Battke Grünberg, kennt weitere Schwierigkeiten, mit denen Frauen zu kämpfen haben. „Manche Frauen neigen unbewusst dazu, gefallen oder niedlich sein zu wollen“, so die 51-Jährige. „Das Problem dabei ist: Wenn sie dieses Moment des Gefallenwollens zu sehr in ihrer Stimme spiegeln, wirken viele Frauen so leider weitaus weniger kompetent.“ Denn die Menschen schließen unbewusst von der Stimme auf Charakter und Qualifikation. Ohnehin hält Benkendorff es für bedenklich, sich zu verstellen. „Ich darf als Anwalt bei meiner Stimme nur ein bisschen an den Stellschrauben drehen. Wenn ich mich verstelle, bin ich nicht mehr authentisch, und das geht dann schief.“ In der kanzleieigenen Akademie von Battke Grünberg ist der Name des Workshops zur Stimmlichkeit Programm: „Sprache ist unser schärfstes Schwert.“ Eine externe Stimmtrainerin schult bis zu acht Teilnehmer und bietet Tipps und Tricks rund um Fragen wie ‚Wie formuliere ich, dass es ankommt und sympathisch wirkt?‘ und ‚Was sind Vor- und Nachteile von lautem oder leisem, hohem oder tiefem und schnellem oder langsamem Sprechen?‘

Bloß nicht verstellen: Andrea Benkendorff von Battke Grünberg warnt davor, zu viel an der Stimme zu verändern. Sonst gehe die Authentizität verloren.

Zu den verschiedenen Stimmübungen zählt auch die mit dem Korken: Die Teilnehmer versuchen mit einem Korken im Mund, möglichst deutlich zu sprechen. „Wenn sich die Teilnehmer eines Workshops durch verschiedene Stimmübungen selbst beim Sprechen reflektieren, dann ist der erste Schritt schon gelungen“, sagt Benkendorff.

Weder Zirngibl noch Battke Grünberg gehen im Training speziell auf Unterschiede bei den verschiedenen Karrierestufen ein. Prinzipiell liegt dem Training für alle Karrierestufen bei Bolz-Fischer die gleiche Technik zugrunde. Doch die Trainerin passt die Übungen an die unterschiedlichen Bedürfnisse der jeweiligen Stufe an. Mit Counseln und Partnern etwa optimiert sie die Stimme bei Pitches und Akquisegesprächen. Gemeinsam mit den Schülern steckt sie Lernziele ab, es geht um die Feinheiten. Um die Originalsituation zu simulieren, lädt sie Zuhörer ein, so dass der Anwalt sich auch vor Publikum behaupten muss.

Mit dem Spiegel zum Aha-Effekt

Den guten Umgang mit Stimme und Körperhaltung sieht Bärbel Kuhlmann (53), Partnerin bei EY Law, als Fertigkeit, die genauso zur juristischen Ausbildung gehört wie etwa Schriftsätze zu schreiben. „Anwälte müssen den Zuhörer mitnehmen. Das ist in der Anwaltswelt unerlässlich“, sagt sie. Auf einer externen Lernplattform hält die multidisziplinäre Kanzlei jederzeit abrufbares Material von mehreren Stunden bereit, um die Stimme zu trainieren. Darin sind kurze Videoeinheiten, jeweils gekoppelt an ein To-do.

An den Präsenztrainings von EY Law können 10 bis 15 Personen teilnehmen. Stimmtraining ist in der Regel jedoch nur eines von mehreren Element und findet in den ein- bis zweitägigen Seminaren kombiniert mit anderen Themen wie beispielsweise Körperhaltung statt. Kuhlmann beschreibt, dass bereits in einer Vorstellungsrunde eines solchen Seminares die externen Trainer mit den Teilnehmern Haltung, Stimme und Tonfall analysieren. Den Spiegel vorzuhalten, ergebe schon einen Aha-Effekt. Je nach Übung arbeiten die Teilnehmer in der Veranstaltung alleine, zu zweit oder in Dreiergruppen. Während des Seminars läuft eine Kamera, anhand der Aufzeichnungen erhalten die Teilnehmer Feedback durch die Experten und die Kollegen. Die Trainer geben konkrete, lebensnahe Situationen vor und testen dann, wie die Teilnehmer in verschiedenen Situationen reagieren. Wie verhalten sie sich etwa, wenn sie unter Druck gesetzt sind? Haben sie einen Frosch im Hals? Geht die Stimme hoch? Wird die Stimme brüchig oder kratzig?

Verbesserung braucht Zeit

Die Meinungen darüber, wie nachhaltig ein Stimmtraining ist, fallen unterschiedlich aus. „Das ist wie Fahrrad fahren: Einmal gelernt, vergesse ich das nicht“, sagt Kuhlmann. „Vorausgesetzt, ich kann das Erlernte auch praktisch anwenden.“ Expertin Bolz-Fischer ist anderer Ansicht. „Es reicht nicht aus, mal an einem Wochenende ein paar Stunden einen Kurs zum Stimmtraining zu besuchen“, so die Trainerin. „Das ist fast so, als ob ich zweimal ins Fitnessstudio gehe und dann sage ‚Ich bin jetzt fit‘.“ Stimmtraining sei ein Prozess, um nachhaltige Effekte zu erreichen. Sie selbst empfiehlt drei Unterrichtsstunden pro Monat à 45 Minuten. Signifikante Verbesserungen würden sich erst nach einigen Monaten einstellen. Eine souveräne, durchsetzungsstarke und klangvolle Stimme kostet Zeit, Übung und Geduld.