Magazin-Artikel
31.10.2016 | Autor/in: Christin Nünemann

SimsalaBIM

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Das Chaos um den Flughafen BER, die Hamburger Elbphilharmonie und Stuttgart 21 haben die Baubranche aufgeschreckt. Künftig sollen Großbauprojekte nicht mehr teurer werden oder länger dauern als geplant. Das Building Information Modeling (BIM) soll es richten. Für junge Baurechtler ist der Megatrend eine Karrierechance.

Von Christin Stender

Es ist ein Trauerspiel. Eigentlich sollten schon im Oktober 2007 die ersten Flugzeuge vom neuen Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg abheben. Doch daraus wurde nichts, bis heute. Immer wieder wurde die Eröffnung verschoben. Insolvente Auftragnehmer, mangelhafter Brandschutz, strengere Sicherheitsanforderungen. Die Gründe sind vielfältig. Wenn alles gut geht, soll der Flughafen nun im vierten Quartal 2017 seine Tore öffnen. Zehn Jahre später als geplant. Und die Kosten? Die sind von ursprünglich einer Milliarde Euro auf inzwischen rund sechs Milliarden Euro gestiegen – Ende offen.

Kostenexplosion und Zeitpläne, die aus dem Ruder laufen. Sie gehören bei Großbauprojekten inzwischen zum gewohnten Bild. Der Flughafen BER steht hier in einer Reihe mit der Hamburger Elbphilharmonie und Stuttgart 21. Oft steckt der Teufel für das Scheitern solcher Großbauprojekte in den Details der Planung. „Es ist nicht unüblich, dass mit dem Bau bereits begonnen wird, bevor die Planung abgeschlossen ist“, sagt Baurechtler Dr. Klaus Eschenbruch, Partner der Kanzlei Kapellmann und Partner.

Robert Elixmann und Klaus Eschenbruch, Kapellmann und Partner

Robert Elixmann und Klaus Eschenbruch, Kapellmann und Partner

Die Gründe für den verfrühten Beginn sind nicht selten politisch motiviert: Bauprojekte sollen in einer bestimmten Wahlperiode begonnen oder abgeschlossen werden. Bautechnische Vorgaben oder Richtlinien werden dann gerne in den Hintergrund gedrängt. Doch das rächt sich: Wurde der Bau nicht ordentlich geplant, treten Fehler auf, die nicht nur kostspielig sein können, sondern auch das Potenzial haben, die Baustelle vollständig zum Erliegen zu bringen. Künftig soll sich das nicht mehr wiederholen.

BIM soll es richten

Das hat sich zumindest das Bundesverkehrsministerium auf die Fahne geschrieben und deshalb die Reformkommission „Bau von Großprojekten“ ins Leben gerufen. In ihrem Endbericht aus dem Sommer 2015 empfiehlt die Expertengruppe, die Planungsmethode Building Information Modeling (BIM) in Deutschland einzuführen. Das Ziel: Risiken minimieren, Bauzeiten verkürzen, Kosten senken – fast zu schön, um wahr zu sein.

Zurzeit diskutiert die Baubranche kein Thema heißer als BIM. Doch was ist das eigentlich? Tatsächlich fehlt noch eine einheitlichen Definition. Manche verstehen darunter eine 3D-Planung, doch es ist viel mehr. Mithilfe von verschiedenen IT-Werkzeugen entsteht ein 5D-Modell eines Bauprojekts, also ein 3D-Modell ergänzt durch Informationen zu Terminen und Kosten. Zu diesem Modell tragen alle Projektbeteiligten ihren Teil bei.

Alle Teilmodelle laufen beim sogenannten BIM-Koordinator zusammen, der das Gesamtmodell auf Fehler überprüft und den einzelnen Gewerken Rückmeldungen gibt: Was passt nicht zusammen? Wo läuft zum Beispiel ein Rohr ins Leere oder wo befindet sich ein Fenster innerhalb des Gebäudes? Kurzum: Wo sind Änderungen notwendig? Probleme werden also virtuell gelöst, so dass sie real nicht mehr auftreten können. Am Ende steht ein Modell, das exakt umgesetzt werden kann – ohne Mehrkosten, ohne Terminverschiebung. Das ist der Traum eines jeden Auftraggebers.

Chance für junge Juristen

BIM kommt, doch nicht jeder in der Szene ist darauf vorbereitet. Das gilt auch für die Baurechtler, die vor der Herausforderung stehen, die Planung mit dem neuen Werkzeug in entsprechende Verträge zu gießen. „Bislang gibt es nur wenige Anwälte, die mit BIM wirklich umgehen können“, stellt Kapellmann-Anwalt Robert Elixmann fest und sieht hier eine Chance für den juristischen Nachwuchs: „Wenn sich junge Baurechtler nach neuen Spezialthemen wie BIM umschauen, können sie in der Beraterlandschaft noch bestehende Lücken füllen und damit zu gefragten Experten werden.“ Voraussetzung dafür ist ein echtes Interesse an Technik. Denn BIM ist in erster Linie ein technisches Thema.

Das setzt eine gute Vorbereitung der Juristen voraus. „Wer Verträge zu Bauprojekten schreiben will, die in BIM geplant werden, muss selbst einmal mit dieser Software gespielt haben“, ist auch Christian Esch, Partner der Kanzlei Graf von Westphalen, überzeugt. „Ein guter Baurechtler muss in der Lage sein zu verstehen, was die Planer mit BIM eigentlich tun.“ Erst dann könne man auch einschätzen, welche juristischen Risiken und Probleme, aber auch Chancen sich damit ergeben. Ein Punkt ist die veränderte Zusammenarbeit der verschiedenen Projektbeteiligten. Sie ist nun auf Kooperation angelegt und erfordert somit besondere Verträge.

Mehr Planung, weniger Streit

Typisch ist auch die detaillierte Planung vor dem ersten Spatenstich. Dadurch sind alle Projekt­beteiligten gezwungen, ihre Entscheidungen frühzeitig zu treffen, so dass in späteren Projektphasen im Idealfall wenig bis gar kein Änderungsbedarf besteht – und damit auch kein Streit zwischen den Parteien aufflammen kann. Das sieht zurzeit anders aus. Denn auf deutschen Baustellen ist es nicht unüblich, dass Auftragnehmer bewusst zunächst mit einer zu günstigen Kostenkalkulation an das Projekt herangehen und die tatsächlichen – also höheren – Kosten später nachfordern. Das führt zu Streit. „Auf den Baustellen gibt es immer mehr ein Gegeneinander“, sagt Esch. Der Grund: Viele Vorhaben sind in der Vergangenheit schief gegangen, und das Vertrauen unter den Beteiligten ging zunehmend verloren.

Wunderwerkzeug
So funktioniert Building Information Modeling (BIM)

BuiIding Information Modeling steht für das gemeinschaftliche Arbeiten an einem Bauvorhaben mithilfe von IT-Werkzeugen.

Jeder Projektbeteiligte entwirft vor dem ersten Spatenstich ein 5D-Modell, das sämtliche spezifische Objektdaten inklusive Terminen und Kosten enthält. Die einzelnen Modelle werden anschließend vom sogenannten BIM-Koordinator zu einem einzigen Modell zusammengesetzt. Der BIM-Koordinator identifiziert Fehler und Ungereimtheiten im Modell und spielt diese Informationen an die einzelnen Beteiligten zurück.

Das Modell dient dem Management des Objekts über dessen gesamten Lebenszyklus hinweg. Das heißt, dass der Auftraggeber nicht nur in der Phase des Planens und Bauens von der neuen Methode profitiert, sondern auch in der Phase des Betriebs und bei einem eventuellen Verkauf.

BIM wird bislang nur bei Neubauten angewendet, der Einsatz der Methode ist aber auch für bereits bestehende Gebäude im Rahmen von Sanierungen denkbar.

Auch hier kann BIM helfen: Weil alle Projektpartner frühzeitig miteinander kooperieren und von Anfang an die realistischen Kosten offenlegen, verringert sich automatisch das Konfliktpotenzial. Böse Überraschungen werden ausgeschlossen. Gibt es dann nie wieder Streit am Bau? „Die Tätigkeit des Baurechtsanwalts wird sich absehbar stärker hin zu der Vertragsgestaltung und weg von der Führung von Bauprozessen verlagern“, prognostiziert Eschenbruch. Und auch Esch meint: „Die Prozesse werden abnehmen, aber man wird wohl nie ganz ohne Streit auskommen.“ Denn es wird immer wieder vorkommen, dass etwa Verträge unklar sind oder nachträglich doch noch Änderungen auftreten, die in der Planungsphase nicht budgetiert wurden.

Baurechtler bleiben Baurechtler

Von einer grundsätzlichen Veränderung des Berufsbild des Baurechtlers geht Esch deshalb nicht aus. „Auch mit der neuen Technik wird es die alten Probleme geben“, sagt Esch. Allerdings könnten die Gerichtsverfahren in Zukunft etwas anders gestaltet sein: Computeranimationen werden helfen können, Beweise zu liefern. Denn: Die Software dokumentiert genau, welcher Beteiligte was getan und welchen Fehler gemacht – oder eben auch nicht gemacht – hat.

BIM wird aber nicht nur den Arbeitsalltag von Baurechtlern verändern, sondern auch den von Immobilienrechtlern: Die Due Diligence – also die Risikoprüfung – im Vorfeld eines Immobilienkaufs wird sich mit vorhandenen BIM-Informationen völlig neu, das heißt schneller und effizienter gestalten lassen.

BIM in der Juristenausbildung

BIM ist also nicht nur ein neues technisches Werkzeug. Vielmehr könnte es auf den deutschen Baustellen einen Paradigmenwechsel einläuten, der die Planung und die Ausführung von Bauvorhaben sowie den Verkauf von Immobilien völlig neu gestaltet. Tatsächlich würde die deutsche Baubranche mit BIM endlich ein Level des Projektmanagements erreichen, das in vielen anderen Wirtschaftssektoren bereits gang und gäbe ist. Baurechtler Eschenbruch sieht darin sogar den Vorboten des automatisierten Planens.

Langfristig wird BIM wohl auch zu einem festen Bestandteil der Ausbildung von jungen Baurechtlern in den Kanzleien werden. Bislang ist das Angebot der Sozietäten zu diesem Thema noch überschaubar. Es ist noch zu früh für fertig ausgearbeitete Seminarprogramme. Doch der Wissensaustausch innerhalb der Kanzleien läuft und wird vorangetrieben. „Bei Kapellmann werden junge Anwälte über unsere Kapellmann-Akademie durch regelmäßige Veranstaltungen ausgebildet. Auch haben wir bereits eine Veranstaltung zu BIM inhouse durchgeführt, um unser Spezialwissen zu diesem Bereich aus unseren Projekten intern mit allen Kollegen zu teilen“, sagt Elixmann. „Künftig wird es hier sicher auch Seminare zu BIM geben.“ Und Esch sagt: „Es gibt hervorragende Seminare von externen Anbietern. Die sollten nicht nur junge Baurechtler unbedingt an Anspruch nehmen.“

Deutschland hinkt hinterher

Tatsächlich muss die deutsche Bauwirtschaft erst noch ihre Hausaufgaben machen, bevor es mit BIM so richtig losgehen kann. Andere Länder sind schon viel weiter. In den USA etwa sind Planer und Architekten ganz selbstverständlich mit Tablets auf der Baustelle unterwegs und greifen auf BIM-Modelle zu. Und auch in Norwegen ist die Verwendung bereits Standard. In Großbritannien stößt die Planungsmethode ebenfalls auf große Resonanz. Dort ist die Verwendung bereits vorgeschrieben. <<