Magazin-Artikel
28.09.2020 | Autor/in: Markus Lembeck

Recht und Ethik: Technologie als Grundsatzfrage

Mit „Recht und Ethik der digitalen Gesellschaft“ ist eine neue Professur an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) überschrieben. Das deutsch-polnische Hochschulprojekt widmet sich der Digitalisierung, auch aus juristischer Perspektive.

Foto: Heide Fest

Prof. Dr. Philipp Hacker

Anfang September übernahm Prof. Dr. Philipp Hacker (35) die neue Professur. Damit ist er zugleich auch der erste Professor an der neu gegründeten European New School of Digital Studies (ENS). Die ENS ist eine gemeinsame Einrichtung der Europa-Universität Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań. Örtlich ist sie am Collegium Polonicum in Słubice angesiedelt, der Frankfurter Schwesterstadt am polnischen Oderufer. Zum Wintersemester startet mit dem „Master of Digital Entrepreneurship“ der erste Studiengang.

Rechtsphilosophie und digitale Grundsatzfragen

Der Zusammenhang von Ethik und Recht wird an vielen Hochschulen vor allem im Bereich der Rechtsphilosophie angesiedelt. Ethische Fragen werden zudem häufig im Kontext des Strafrechts sowie im Medizinrecht diskutiert. Die zielgerichtete Auseinandersetzung mit digitalen Grundsatzfragen und ihren Rückwirkungen auf das Recht ist relativ neu. Hacker ist auf dem Gebiet ausgewiesener Experte. Er hat zuletzt über rechtliche Implikationen maschinellen Lernens geforscht, insbesondere zu Fragen von Transparenz, Diskriminierung und Datenschutz. Anlässlich seiner Ernennung sagte er: „Mein Herz schlägt für interdisziplinäre Forschung im Schnittbereich von Recht, Technologie und Sozialwissenschaften. Genau dies verkörpert die European New School, und deshalb ist es mir eine besondere Freude, zum Aufbau dieser neuen, dynamischen Institution beitragen zu dürfen.“ Hacker ist der erste von insgesamt vier Professorinnen und Professoren, welche die Europa-Universität Viadrina an die European New School of Digital Studies beruft. „Meine Arbeit zu rechtlichen Herausforderungen digitaler Technologien, beispielsweise zur Entwicklung eines Rechtsrahmens für Trainingsdaten für Künstliche Intelligenz, möchte ich hier verbinden mit Engagement für die Lehre und die Studierenden.“

Doktorarbeit zum Datenprivatrecht

Philipp Hacker hat sich erst vor wenigen Monaten an der Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum Datenprivatrecht habilitiert. Als Leiter eines Forschungsprojektes zu Fairness und maschinellem Lernen beschäftigte er sich mit der Frage, wie der Rechtsrahmen der EU, aber auch technische Verfahren selbst dazu beitragen können, dass Künstliche Intelligenz faire und vertrauenswürdige Entscheidungen trifft. Der 35-Jährige war zudem Experte und Gutachter für den Sachverständigenrat für Verbraucherfragen des Bundesjustizministeriums. Er berät weiterhin die Bundesregierung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Hacker hat in München Jura studiert und in Berlin sein Rechtsreferendariat absolviert. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Noerr konnte er auch schon Kanzleiluft schnuppern, bevor er an der Yale Law School 2014 den Master of Laws (LL.M.) erwarb. Hacker promovierte 2016 mit einer Arbeit zu Verhaltensökonomie und Privatrecht.

Die Ernennung der weiteren ENS-Lehrstuhlinhaber erfolgt in den kommenden Monaten. Sie sollen die Themen „Informationsmanagement und digitale Transformation“, „Techniksoziologie“ sowie „Politische Theorie und digitale Demokratie“ abdecken. Hinzu kommen Lehrangebote der Adam-Mickiewicz-Universität aus den Bereichen Informatik und Computerwissenschaften.

Beratung für digitale Ethik und Recht

Auch in der Kanzlei- und Unternehmenswelt rücken ethische Fragen zwischen Digitalisierung und Recht zunehmend in den Fokus. Ebenfalls im September startete die Düsseldorfer Kanzlei Arqis gemeinsam mit dem Institute for Digital Transformation in Healthcare von der Universität Witten-Herdecke eine neue Beratungseinheit. Unter dem Namen „b.yond“ sollen Unternehmen Beratungsdienstleistungen von einem interdisziplinären Team abrufen können. Dieses besteht aus Juristen, Ökonomen und Naturwissenschaftlern, die ihre Kunden an der Schnittstelle von digitaler Ethik und datenbezogenen Rechtsfragen unterstützen sollen.