Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Helena Hauser

Raketenwissenschaft

Blockchain erhitzt die Gemüter. Kaum eine Diskussion über die Zukunft der Finanzwelt und des globalen Handels, die sich zurzeit nicht um die neue Technologie dreht. Und die Kanzleien diskutieren fleißig mit. Niemand will den Anschluss verlieren. Spannende Möglichkeiten bieten sich vor allem für technikaffine junge Anwälte.

Von Helena Hauser

Eigentlich klingt alles sehr einfach. Blockchain ist eine Infrastruktur, über die Transaktionen jeder Art abgewickelt werden können. Der Clou: Das Ganze funktioniert rein digital, dezentral und braucht keinen Vermittler. Blockchain-Fans sehen deswegen in der neuen Technologie eine digitale Revolution, die mit der Einführung des Internets vergleichbar ist. Skeptiker vermuten dahinter eher einen Hype, den die Kryptowährung Bitcoin befeuert. So oder so – es ist das Thema der Stunde.

Die ersten Milliarden sind bereits investiert. Neben der Euphorie herrscht aber gleichzeitig Unsicherheit, sowohl in rechtlicher als auch in regulatorischer Hinsicht. Was die Blockchain-Technologie alles kann und welche Bereiche sie zukünftig revolutionieren könnte – das fragen sich neben den Finanzinstituten, Behörden und Banken auch viele Kanzleien. Deshalb hat fast jede größere Wirtschaftskanzlei Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, die sich mit der neuen Technologie auseinandersetzen. Oft sind es hier die jungen Anwälte, die den Ton angeben, während sich manch älterer Kollege noch fragt, was Blockchain eigentlich ist.

Anwälte werden überflüssig

Glatz_Florian

Blick in die Zukunft: Florian Glatz ist überzeugt, dass Blockchain die Anwaltsbranche umkrempeln wird.

Einer, der sich auskennt, ist Blockchain-Experte und Anwalt Florian Glatz. Er ist mit seinen 32 Jahren bereits eine Größe in der deutschen Blockchain-Gemeinde. Neben seiner Qualifikation als Jurist ist er Softwareentwickler und berät als selbstständiger Anwalt Unternehmen und Start-ups rund um das Zukunftsthema. Er berichtet über die neuesten Entwicklungen und organisiert Veranstaltungen und Workshops. Außerdem ist er Mitgründer und Präsident des Bundesverbands Blockchain. Wenn bei Blockchain-Transaktionen, wie Glatz erklärt, keine Vermittler mehr notwendig sind, hat das weitreichende Konsequenzen. „Theoretisch braucht man keine Notare und Anwälte mehr. Ich könnte in meiner Blockchain-Software mit ein bis zwei Mausklicks eine Transaktion erstellen, die meine Immobilie an den Käufer transferiert“, erklärt er. Die Funktionen von Banken, Notaren oder Anwälten fielen dann zum Beispiel beim Hauskauf oder beim Handel mit Wertpapieren komplett weg.

Selbst für die Abwicklung von Verträgen würden dank ‚Smart Contracts‘, die sich automatisiert abwickeln, keine Anwälte mehr benötigt. „Die Rolle des Treuhänders, der zwischen den Parteien steht, kann die Blockchain ohne weiteres übernehmen“, meint Glatz. In Zukunft könnte so allein der Finanzsektor Milliarden einsparen und Transaktionen zu jeder Tages- und Nachtzeit durchführen. Außerdem argumentieren Blockchain-Befürworter, dass Transaktionen, die in die Blockchain eingebettet sind, grundsätzlich fälschungssicher sind. Denn versucht jemand, an einen Datensatz zu gelangen, um ihn zu manipulieren, muss er davor die ganze Block-Kette auflösen.

Digitaler Fingerabdruck

Um sich mit der Technologie im Detail auseinandersetzen zu können, ist es wichtig, die technische Funktionsweise dahinter zu verstehen. Der englische Name Blockchain setzt sich zusammen aus den Wörtern Block und Kette. Zu einer ‚Public Blockchain‘ – erstes und bekanntestes Beispiel ist das Bitcoin-System – hat prinzipiell jeder Zugang. Daraus lässt sich schon das Grundgerüst der Technologie ablesen: Nämlich eine Kette, die aus einzelnen Datenblöcken besteht. Eine Blockchain ist eine Art digitale Datenbank, in der dezentral alle Transaktionen dokumentiert sind. Eine Transaktion läuft dann so ab: Käufer und Verkäufer vereinbaren auf einer Blockchain eine Transaktion. Die Transaktion ist im nächsten Schritt als Datensatz in einem Block gebündelt. So entsteht ein Block, der die Datensätze der Transaktion, etwa Informationen zu Leistung und Gegenleistung, enthält. Dieser Block wird an das dezentrale Netzwerk gesendet. Dezentral ist das Netzwerk deshalb, weil es aus vielen Netzwerkteilnehmern an verschiedenen Orten besteht. Die Netzwerkteilnehmer müssen den Block abschließend prüfen und seine Richtigkeit bestätigen. Das passiert mithilfe eines Algorithmus. Ist die Transaktion verifiziert, kommt sie als neuer Block an das Ende der bestehenden Blockchain, sozusagen als neues Kettenglied. Dadurch wächst sie beständig.

Die entsprechende Blockchain, und auch die Informationen über die einzelnen Transaktionen, sind auf Computern überall auf der Welt gespeichert. Und die wiederum sind miteinander verbunden und laden automatisch die aktuelle Version herunter. Das bedeutet auch, dass jeder Netzwerkteilnehmer die Transaktionsgeschichte einsehen kann. In jedem neuen Informationsblock der Kette ist eine Art digitaler Fingerabdruck des vorangegangenen Blocks enthalten. Dieser digitale Fingerabdruck heißt ‚Hash-Wert‘. Den Hash-Wert errechnet der Algorithmus bei der Überprüfung der Transaktion. Dass der neue Block immer einen Teil des vorangegangenen Blocks enthält, führt schließlich dazu, dass Blockchain-Transaktionen theoretisch schwer zu fälschen sind.

Und auch das Dezentrale, also die Tatsache, dass die Informationen auf sehr vielen Computern gespeichert sind, erhöht den Schutz vor Fälschungen. Wer eine Information in der Kette ändern will, müsste alle Hash-Werte neu berechnen. Eine solche Rechenleistung zu erbringen, ist nicht ohne Weiteres möglich, weil dafür große Mengen an Strom, Zeit und Rechenkapazitäten nötig wären. Deshalb gilt eine Transaktion in der Blockchain als nahezu unveränderlich.

Es muss noch viel passieren

So weit die Theorie. Die Praxis sieht momentan noch anders aus. Es hakt an verschiedenen Stellen. Um das Potenzial der Technologie auszuschöpfen, fehlt es oft an technischen und rechtlichen Voraussetzungen. „Die Blockchain ist ein Netzwerksystem, das erst dann einen Mehrwert hat, wenn alle Teilnehmer einer Transaktion dort registriert sind“, erklärt Glatz. Damit etwa ein Hausverkauf gänzlich ohne Notare, Banken und Anwälte ablaufen kann, müsste zum einen die Immobilie auf der Blockchain registriert sein. Das Gleiche gilt für Käufer und Verkäufer. Zum anderen müsste die digitale Schnittstelle zwischen Grundbuch- und Transaktionssystem vorhanden sein. „Bis wir an diesem Punkt sind, wird noch einige Zeit vergehen“, meint Glatz. „Die Regulierung, Besteuerung oder der formelle Beweiswert von Daten in einer Blockchain – nur einige Punkte, die rechtlich noch nicht geklärt sind.“

Momentan verbraucht etwa eine Bitcoin-Transaktion, über die Blockchain abgewickelt, große Mengen an Strom und Speicherplatz. Zudem ist die Transaktionsgeschwindigkeit gebremst. Das liegt daran, dass die Verarbeitung und Speicherung der Daten dezentral, also an mehreren Orten, passiert. So sind in Deutschland die meisten Blockchain-Anwendungen noch reine Simulationen. Im Gegensatz dazu haben andere Länder schon mehr Erfahrung. Etwa Estland und Schweden, die in einem Pilotprojekt erfolgreich das Grundbuchsystem auf die Blockchain-Technologie umgestellt haben. Estland arbeitet seit einigen Jahren daran, den Alltag seiner Bewohner zu digitalisieren. Das Land nimmt damit eine Vorreiterrolle ein. Das zieht viele Start-ups an, die sich dort niederlassen und interessiert auch die deutsche Blockchain-Gemeinde. Auch Glatz reist regelmäßig nach Estland und hält dort unter anderem an der Universität Vorträge. „Estland ist sehr fortschrittlich, wenn es um die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und den Einsatz von Blockchain-Technologie geht“, so sein Eindruck.

Blockchain als Türöffner

Doch wer sich als junger Anwalt mit der Technologie beschäftigen will, muss nicht zwangsläufig Softwareentwickler oder Programmierer sein. Abseits der Programmierergemeinde verspricht die Technologie viele Möglichkeiten, um zu experimentieren. Das macht auch eine Gruppe von mittlerweile 35 Freshfields-Associates: Im Rahmen der ‚Associate Innovation Group‘ entwickeln und experimentieren die jungen Anwälte seit gut einem Jahr mit Ideen rund um das Thema Digitalisierung und Legal Tech. „Wir arbeiten in unserer Gruppe zum Beispiel an neuen Prozessen, um die kanzleiinternen Arbeitsabläufe zu optimieren“, erklärt Dr. Felix Netzer (40), einer der deutschen Associates der Innovation Group. Netzer ist seit acht Jahren bei Freshfields und Teil der Praxisgruppe Dispute Resolution. „Daneben entwickeln wir auch immer mehr eigene Tools und Apps, die unsere Mandanten nutzen können“, so Netzer. „In einem unserer aktuellen Projekte schreiben wir gerade zusammen mit unseren Programmierern eine Datenbank für einen Mandanten“, berichtet er.

Freshfields Bruckhaus Deringer

,Jugend forscht‘: Max Danzmann (li.) und Felix Netzer gehören bei Freshfields zur Innovation Group, die eigene Tools und Apps für Mandanten entwickelt. Auch die Blockchain-Technologie spielt dabei eine Rolle.

Ein weiterer Innovation-Group-Associate ist Max Danzmann (32), der im Finanzierungssektor tätig ist. Einen der Forschungs- und Beratungsschwerpunkte der Gruppe bildet dabei die Blockchain-Technologie. Da momentan vor allem der Bank- und Finanzsektor aktiv mit Blockchain-Anwendungen experimentiert, ist Danzmann als Bank- und Finanzrechtsexperte gefragt: „Bei uns melden sich gerade viele Banken, aber auch andere Unternehmen sowie Start-ups. Wir geben ihnen eine Art Überblick: Was ist Blockchain, wo kann es eingesetzt werden und was für rechtliche Fragen stellen sich“, berichtet er. Das ist nicht zuletzt auch ein guter Grund, um sich als junger Anwalt mit dem Thema zu beschäftigen, findet Netzer: „Jeder Anwalt sollte ein Grundverständnis dafür haben, weil das Thema aktuell die meisten Unternehmen beschäftigt – und die Relevanz wird in Zukunft vermutlich noch steigen.“ Für technikaffine junge Anwälte bietet die Beschäftigung mit Blockchain deshalb viel Potenzial, auch um eigene Ideen und Lösungsansätze zu entwickeln: Viele rechtliche und regulatorische Fragen rund um die Anwendungen sind künftig zu klären.

Aus der Sicht von Netzer ist Blockchain ein Türöffner bei Bewerbungsgesprächen: „Wer sich als Bewerber, der frisch von der Universität kommt, für Legal Tech und Blockchain interessiert, sollte das bei einem Vorstellungsgespräch auf jeden Fall sagen – so etwas kommt gut an und hebt einen von anderen Bewerbern ab.“ Momentan stehen Legal Tech und Blockchain bei den meisten Universitäten noch nicht auf dem Lehrplan. Im Kontext der Juristenausbildung ist es noch Neuland. „Wenn sich ein Bewerber trotzdem schon dafür interessiert und vielleicht erste Erfahrungen mitbringt, zeigt das, dass er über den Tellerrand schaut“, meint er.

Eine Chance für die neue Generation

Für viele Kanzleien ist es wichtig, beim Thema Blockchain von vornherein mit dabei zu sein, auch wenn es bisher kaum konkrete Anwendungen gibt. Hinter vorgehaltener Hand erzählen einige Anwälte, dass die jungen Experten in den Kanzleien auch dafür sorgen sollen, dass die gestandenen Partner beim Thema mitreden können. Den Anschluss verpassen wollen weder die Kanzleien noch die Mandanten. „Unsere anwaltliche Tätigkeit wird sich, trotz Blockchain-
Technologie, in den nächsten fünf Jahren wohl nicht grundlegend ändern“, meint Danzmann. „In zehn bis fünfzehn Jahren kann das schon eher sein, und darauf sollte man vorbereitet sein“, ergänzt Netzer.

Deswegen ist es vor allem die neue Generation von technikafffinen Anwälten, von der sich die Kanzleien für die Zukunft viel versprechen. Aus Sicht von Netzer „braucht es gute Juristen, die keine Scheu haben, sich mit neuen und komplexen Technologien auseinanderzusetzen und die Entwicklung voranzutreiben.“ Glatz sieht das ähnlich: „Ich kann allen Associates nur raten, sich früh mit Legal Tech und Blockchain auseinanderzusetzen. In Zukunft wird sinnvoller Rechtsrat ein tiefes technologisches Verständnis voraussetzen. Wer dieses heute schon erwirbt, hat einen Vorteil.“

„Wer heute als Anwalt ein technologisches Verständnis entwickelt, ist in der Rechtsberatung der Zukunft klar im Vorteil.“