Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Konstanze Richter

Oh, wie schön ist Kanada

England ist ihnen zu nah, die USA zu teuer. Jurastudenten mit LL.M.-Ambitionen zieht es deshalb immer häufiger nach Kanada. Dort finden sie neben unberührter Natur auch pulsierende Metropolen mit hoher Lebensqualität und gute Lernbedingungen an den Universitäten.

Von Konstanze Richter

Rünz_Sebastian

Motorrad verkauft: Zur Finanzierung des Auslandsjahres brachte Sebastian Rünz, Associate bei Taylor Wessing, einige Opfer.

Kanada hat Sebastian Rünz (31) schon immer gereizt. Wie viele Deutsche verband er mit dem Land endlose Wälder, kulturelle Vielfalt und freundliche Menschen. Dementsprechend hoch waren seine Erwartungen an das LL.M.-Studium in Toronto in der östlichen Provinz Ontario. Sie wurden nicht enttäuscht: „Ich würde jedem raten, dort zu studieren“, sagt der Handels- und Vertriebsrechtler von Taylor Wessing in Düsseldorf begeistert. Zwar bewarb er sich auch in Ottawa. „Toronto bietet aber deutlich mehr Kultur- und Freizeitangebote.“ Etwa eine tolle Kneipenszene, den Lake Ontario und Nationalparks in der Nähe. Auch Andreas Dölker (34) hat seine Entscheidung für das LL.M.-Studium in Kanada nicht bereut. Für den IT-Rechtler aus der Kanzlei Schürmann Rosenthal Dreyer war die University of British Columbia (UBC) in Vancouver an der Westküste des Landes die erste Wahl. „Die Uni hat einen sehr guten Ruf und auch Vancouver war mir als lebenswerte Stadt bekannt.“

Regelmäßig belegen kanadische Metropolen bei Rankings Spitzenplätze für ihre hohe Lebensqualität. Auch viele juristische Fakultäten des Landes rangieren seit Jahren unter den Top 100 der beliebtesten Law Schools weltweit. Das zieht mittlerweile mehr und mehr Jurastudenten aus Deutschland an. Denn bei Wirtschaftskanzleien löst der LL.M. zunehmend die Promotion als beliebteste Zusatzqualifikation ab. Recruiter interessiert dabei vor allem die englische Sprachkompetenz, für die der Masterabschluss als Garant gilt. Auch den Blick über den Tellerrand des deutschen Jurastudiums schätzen viele Wirtschaftskanzleien. „An einem Auslands-LL.M. sehe ich, ob der Horizont des Bewerbers mehr als nur juristische Fragen umfasst“, sagt der Personalverantwortliche einer Großkanzlei. Einige Sozietäten honorieren daher die Zusatzqualifikation auch beim Gehalt.

Die naheliegende Lösung für einen angelsächsischen LL.M. – Großbritannien – ist einigen Jurastudenten allerdings zu nah an der eigenen Heimat. So ging es jedenfalls Jeannine Birr. Die 27-jährige Transaction Lawyer bei Linklaters in München verbrachte bereits während des Bachelorstudiums ein Jahr in Edinburgh. „Nach dem LL.B.-Abschluss wollte ich noch mal raus aus Europa.“ An den US-Universitäten schreckten sie aber vor allem die hohen Kosten ab.

Zwar haben kanadische Hochschulen in den vergangenen Jahren bei den Gebühren zugelegt, weil staatliche Gelder gestrichen wurden. Im Vergleich zu den meisten Universitäten im Nachbarland sind sie aber noch günstig. Zahlt ein LL.M.-Student an der University of California in Berkley mehr als 57.000 US-Dollar (rund 46.000 Euro) für das neunmonatige Studium, liegen die Gebühren an der University of Dalhousie – der Nummer eins im Ranking der beliebtesten kanadischen Law Schools – bei rund einem Drittel davon. Allerdings können die Kosten je nach Universität auch in Kanada sehr unterschiedlich ausfallen. Wer sich beispielsweise für einen LL.M. an der University of Toronto entscheidet, den erwarten Studiengebühren in Höhe von 38.700 Kanadischen Dollar; das sind rund 24.000 Euro. Allerdings vergeben viele kanadische Hochschulen auch für ausländische Studenten Stipendien.

Teures Wohnvergnügen

Hinzu kommen die Lebenshaltungskosten, die in den beliebten Metropolen wie Vancouver, Toronto oder Montreal schnell bis zu 1.500 Euro pro Monat betragen können. Besonders zu Buche schlagen dabei die Mieten. „Der Wohnungsmarkt ist hart umkämpft. Meine Freundin und ich haben nach zwei Wochen intensiver Suche in Toronto immerhin ein 35 Quadratmeter großes Appartement gefunden“, erzählt Taylor Wessing-Associate Rünz. Kostenpunkt: 1.200 Kanadische Dollar, umgerechnet rund 750 Euro. Zwar bieten viele Universitäten Zimmer für Studenten an. „Luxus kann man da allerdings nicht erwarten“, warnt Rünz.

Er trennte sich zur Finanzierung des Auslandsjahres von seinem Motorrad. Außerdem arbeitete er vor dem Aufenthalt für ein halbes Jahr als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einer Großkanzlei. Den Rest finanzierte Rünz über eine Mischung aus Bildungskredit, Hilfe von den Eltern, einem kleinen Stipendium der Universität sowie einem Nebenjob. „Mit meinem Studentenvisum war ich auf eine Arbeit an der Hochschule beschränkt. Aber das Institut für Geschichte suchte jemanden für die Übersetzung eines Buches zur Islamwissenschaft ins Deutsche.“ Die Arbeit daran konnte er sich frei einteilen. „Ein schönes Zubrot, mit dem ich auch Ausflüge finanzieren konnte.“

Kanada punktet im Vergleich zu den USA jedoch nicht nur mit den geringeren Studiengebühren. Auch die Lebensart ist eine völlig andere. „Die Kanadier sind sehr weltoffen und interessiert. Ich bin viel öfter auf Details der deutschen oder europäischen Politik angesprochen worden, als ich das je bei Reisen in den USA erlebt habe“, sagt Dölker. Hinzu kommt eine deutlich niedrigere Kriminalitätsrate als in vielen US-Metropolen. „Häufig bin ich nachts durch die Stadt nach Hause gegangen“, berichtet Rünz. Außerdem sehe man deutlich mehr Radfahrer und Fußgänger auf den Straßen.

Keine deutschen Landsleute

Dölker_Andreas

Der einzige Deutsche in seinem Jahrgang: Andreas Dölker, IT-Rechtler bei Schürmann Rosenthal Dreyer, genoss den interkulturellen Austausch.

Weltoffen und international präsentieren sich auch die kanadischen Universitäten. Im Gegensatz etwa zu englischen Hochschulen treffen deutsche Juristen hier trotz des hohen Anteils ausländischer Studenten selten auf ihre eigenen Landsleute. „In meinem Jahrgang war ich der einzige Deutsche“, erzählt Dölker, der jetzt in Berlin arbeitet. Ähnliche Erfahrungen machte Transaction Lawyer Birr an der McGill-Universität. „Unter den rund 50 LL.M.-Studenten waren wir Deutschen nur zu dritt“, sagt sie. Dafür war der Anteil an Franzosen deutlich höher. Da Montreal im französischsprachigen Quebec liegt, zieht die Stadt zahlreiche Studenten der ehemaligen Kolonialmacht an. So kam es, dass Birr sich mit zwei französischen Mitbewohnern eine Wohnung im frankophil-geprägten Ostteil der Stadt teilte. Während McGill Seminare in Französisch und Englisch anbietet, müssen LL.M.-Anwärter an der Université de Montréal gute Französischkenntnisse mitbringen.

Generell ist eine möglichst heterogene Zusammensetzung der Studentenschaft bezüglich der Nationalitäten gewünscht. Viele kanadische Law Schools fördern diese gezielt über Studienplatzkontingente. „In meiner Gruppe waren beispielsweise Studenten aus Brasilien, Großbritannien, China oder Australien“, erzählt Dölker. Gerade Vancouver an der Westküste ist das Tor nach Asien. Während jedoch in Großbritannien LL.M.-Studenten häufig unter sich bleiben, treffen sie in Kanada in vielen Kursen auch auf einheimische Kommilitonen. „Viele Seminare, die ich für das Masterstudium wählen konnte, waren auch für kanadische Jurastudenten relevant. Die machten daher häufig rund die Hälfte der Studenten aus“, sagt Rünz.

Frühe Weichenstellung

Wer sich für einen LL.M. in Kanada entscheidet, hat die Wahl zwischen zwei Varianten: thesis-based oder non-thesis-based (Law Schools in Kanada, Seite 56). „Das auf der Thesis, also der Masterarbeit, basierende Studium ist noch stärker wissenschaftlich ausgerichtet. Die zweite Option bietet hingegen eine größere Auswahl an Kursen und die Masterarbeit wird nicht so stark gewichtet“, erläutert Birr. Da die kanadische Rechtsordnung sich stark vom deutschen Recht unterscheidet, sind die Inhalte für das spätere Berufsleben eines deutschen Anwalts weniger relevant.

Rünz und Birr entschieden sich deshalb für einen Abschluss in General Law. „Abgesehen von einer Pflichtveranstaltung für alle Studenten, die die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens vermittelte, war ich sehr frei in der Auswahl meiner Seminare“, erzählt Rünz. Birr konzentrierte sich dabei vor allem auf Themen des internationalen Wirtschaftsrechts. „Das, neben der internationalen Erfahrung, hilft mir bei der heutigen Tätigkeit als Transaction Lawyer sehr.“ Vor allem in der Arbeit mit internationalen Mandanten erweist sich die im Master erworbene Kenntnis fremder Rechtsformen häufig als Gewinn. „Mit diesem Hintergrund kann ich die Unterschiede zum deutschen Recht besser vermitteln“, so Birr.

Dölker hingegen stellte bereits früh die Weichen für seine spätere berufliche Laufbahn. „Ich wusste schon im Jurastudium in Deutschland, dass ich mich auf IT und Datenschutz spezialisieren wollte“, erzählt er. Diese Ausrichtung setzte er dann in Kanada mit der Auswahl entsprechender Vorlesungen fort und schrieb auch seine Masterarbeit zu dem Thema. Sehr eng betreut hat ihn dabei seine kanadische Professorin. „Sie nahm sich sehr viel Zeit und stand immer als Ansprechpartnerin für Fragen zur Verfügung.“

Birr_Jeannine

Raus aus Europa: Jeannine Birr, Transaction Lawyer bei Linklaters, zog es nach dem LL.B. in die weite Welt.

Diese enge Betreuung begeistert die an überfüllte Vorlesungen an deutschen Universitäten gewöhnten Jurastudenten besonders. „Die kleinsten Seminargruppen zählten sechs Teilnehmer. In den Vorlesungen saßen höchstens vierzig bis fünfzig Studenten“, sagt Dölker. „Einige besonders beliebte Seminare sind allerdings auch voll“, so Rünz.

Bei allem Lernen sollten sich LL.M.-Studenten jedoch auch Zeit zum Reisen nehmen. „Die unmittelbare Umgebung von Vancouver ist landschaftlich sehr schön“, schwärmt Dölker. An dem Slogan „British Columbia – the most beautiful place in the world” sei viel Wahres dran. Die westliche Provinz bietet neben spektakulären Berglandschaften mit hohen Gipfeln und einsamen Seen auch Wale Watching in der Salish Sea oder Kayaking auf einem der zahlreichen wilden Flüsse. Der IT-Rechtler schloss sich dem Studentenclub an der UBC an und unternahm Skitouren zu einsamen Hütten in den Bergen. Auch Rünz zog es oft raus aus Toronto, um die Gegend zu erkunden. Hier locken in unmittelbarer Nähe unter anderem Nationalparks mit dichten Wäldern, der Ontariosee und die Niagarafälle – Bilderbuchkanada sozusagen.

Reisen ist in Kanada selbst für Studenten erschwinglich: „Mietwagen sind günstiger als in Europa und je nach Reiseziel und Anspruch auch die Unterkünfte“, sagt der Taylor Wessing-Associate. Einziger Wehrmutstropfen: „Der Winter in Toronto ist schon extrem hart und lang. Der Sommer entschädigt dafür umso mehr. Das Wetter ist dann deutlich beständiger als in Deutschland.“

Will man bei all dem landschaftlichen und kulturellen Liebreiz des Landes überhaupt wieder zurück in die Heimat? „Ich hatte die Befürchtung, dass es mir nach dem Jahr in Kanada schwer fallen würde, wieder zurück ins deutsche Rechtssystem zu finden“, gibt Dölker zu. Das Gegenteil sei nach seiner Rückkehr aber der Fall gewesen. „Ich war viel motivierter, mich in das Referendariat zu stürzen.“

Nützliche Links für ein LL.M.-Studium in Kanada

Kanada Offiziell

www.educanada.ca

Offizielles Informationsportal des kanadischen Bildungsministeriums mit Hinweisen rund ums Studium in Kanada: Stipendien, Visabestimmungen, Lebenshaltungskosten, Checklisten für Bewerber und vieles mehr.

Übersicht zu LL.M.-Programmen

www.llm-guide.com/canada

Die Seite bündelt Basisinformationen zu sämtlichen kanadischen Hochschulen, die LL.M.-Programme anbieten, derzeit etwa 20. Zu der Seite gehören auch eine Austauschplattform von LL.M.-Studenten und solchen, die es werden wollen. Zudem gibt es Neuigkeiten zu Studiengängen und Stipendien. Die genannten Gebühren können in Einzelfällen allerdings von denen der auf den Uni-Webseiten genannten abweichen.

Förderprogramme des DAAD

www.daad.de/laenderinformationen/kanada/de

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) fördert regelmäßig Deutsche bei Studienaufenthalten in Kanada. Hier gibt es Informationen zu den Förderprogrammen.