Magazin-Artikel
10.11.2017 | Autor/in: Konstanze Richter

Nur geträumt: Teilzeitmodelle für Associates und für Partner?

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Die deutschen Wirtschaftskanzleien haben in den vergangenen Jahren einiges getan, um die Vereinbarkeit von Karriere und Freizeit zu verbessern. Früher undenkbare Arbeitszeitmodelle sind mancherort ­bereits Realität. Für Associates. Doch auf Partner­ebene sieht das ganz anders aus: Da dümpelt der ­Anteil an Teilzeitpartnern nach wie vor im niedrigen einstelligen Bereich vor sich hin.

Von Konstanze Richter

Reduzierte Arbeitszeit. Das hört sich besser an als Teilzeit. Andererseits klingt es auch besser als die Realität aussieht. In Wirklichkeit bleibt nämlich unter dem Strich von der Reduktion oft nicht mehr viel übrig. „Meine reinen Arbeitsstunden kann man keinem außerhalb der Kanzleiwelt als Teilzeit verkaufen“, sagt Martina ­Hidalgo. Die Equity-Partnerin bei CMS Hasche Sigle in München ist Mutter von vier Kindern im Alter von sieben bis zwölf Jahren. „Als die Kinder noch klein waren, hatte ich meine ­Arbeitszeit auf 65 Prozent reduziert und bin zu Beginn zwei Tage in der Woche zu Hause geblieben.“ Heute arbeitet die Arbeitsrechtlerin circa 80 Prozent. Bei Bedarf häufig auch mehr.

„Keine Namen“

Der Begriff Teilzeit ist in der Anwaltswelt dehnbar. So bezeichnet der Pressesprecher einer Sozietät gar einen Arbeitsanteil von 90 Prozent noch als Teilzeit. Das gilt in anderen Berufen als vollzeitnahe Beschäftigung. Manch einer will über den konkreten Anteil der Reduzierung gar nicht erst reden. Einige Kanzleien möchten auf die Frage nach Vollpartnern in Teilzeit keine ­Namen nennen. Hinter vorgehaltener Hand ­äußern ihre Marketingverantwortlichen die Angst, dass Mandanten das Vertrauen verlieren könnten, wenn sie erfahren, dass der Partner nicht rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Eine Reduktion der Arbeitszeit um 20 Prozent scheint für viele Vollpartner deshalb das höchste der Gefühle zu sein. Mehr sei nicht drin, wenn man gleichzeitig noch erfolgreich mit Mandanten ­arbeiten will. „Keiner unter den Equity-Partnern in Teilzeit arbeitet 60 Prozent oder weniger. Bei den meisten beläuft sich der Anteil auf rund 80 Prozent“, sagt Annette Feißel, Equity-Partnerin bei Raue in Berlin. Feißel ist in den Praxisgruppen Litigation und Immobilienrecht tätig. Sie hat nach der Geburt ihrer Tochter 2004 ihre Arbeitszeit reduziert – damals noch als Associate. Zweieinhalb Jahre später kam ihr Sohn zur Welt. Bei beiden Kindern kehrte sie nach sechs beziehungsweise acht Monaten in den Beruf ­zurück. Auch als Salary- und dann als Vollpartnerin behielt sie das Teilzeitmodell bei. Zwei halbe Tage in der Woche bleibt ihr Schreibtisch leer – zumindest der in der Kanzlei. Wenn ein arbeitsintensives Mandat ihre Auf­merksamkeit darüber hinaus fordert, setzt sie sich zu Hause noch mal hin.

Angst vor Skepsis der Mandanten

Kolberg_Andreas

Homeoffice: Andreas Kolberg, Partner in der Kieler Kanzlei Cornelius + Krage, arbeitet jede zweite Woche halbtags, um für seine Kinder da zu sein.

Ausgerechnet ein Mann bricht mit dem ungeschriebenen 80-Prozent-Gesetz, wenn auch nur geringfügig. Andreas Kolberg von der Kieler Kanzlei Cornelius + Krage hat für seine zwei Kinder auf 75 Prozent reduziert. Im Wechsel mit seiner geschiedenen Frau arbeitet er alle zwei Wochen halbtags. „In meinen Teilzeitwochen verlasse ich das Büro meistens gegen 12:30 Uhr, um die beiden von der Schule abzuholen.“ Nachmittags ist er für seine 13-jährige Tochter und den 11-jährigen Sohn da. Erst wenn sie im Bett sind, setzt er sich wenn nötig noch mal an den Schreibtisch, um Mails zu beantworten oder Schriftsätze zu bearbeiten. So kommt auch er in den Halbtagswochen im Schnitt auf immerhin rund sechs Stunden Arbeit pro Tag.

Haben die Skeptiker also doch recht? Ist die Vollpartnerschaft trotz guten Willens nur schwer mit der Teilzeit zu verbinden? Die klassische Juristenantwort darauf lautet: Das hängt ganz davon ab. Vom konkreten Mandat und der persönlichen Erwartungshaltung des einzelnen Mandanten – und dessen Vertrauen in den Anwalt. „Als ich anfing, meine Arbeitszeit zu reduzieren, war ich bereits seit zehn Jahren in der Kanzlei und es bestand zu vielen Mandanten schon eine enge Bindung“, erzählt Kolberg. Das habe ihm den Schritt sicher erleichtert.

M&A macht Schwierigkeiten

Ob sich Teilzeit mit der Anwaltskarriere vereinbaren lässt, kann zudem eine Frage des Rechtsgebiets sein. M&A gilt immer noch als Feind einer ausgeglichenen Work-Life-Balance. Myriam Schilling, M&A-Partnerin bei Oppenhoff & Partner in Köln, kennt dieses Problem. „Es gibt sicherlich Beratungsbereiche, in denen sich die Zeiteinteilung besser planen lässt“, meint sie. „Ich bin aber davon überzeugt, dass eine flexible Arbeitszeitgestaltung mit guter Organisation und Kommunikation auch im M&A-Bereich funktionieren kann.“

Dr. Viola Sailer-Coceani, Partnerin bei Hengeler Mueller in München, ist ein gutes Beispiel dafür, dass es geht. Die Gesellschaftsrechtlerin stieg nach der einjährigen Elternzeit Anfang 2014 wieder in den Beruf ein. Sie steuert ihre Arbeitslast über die Anzahl der Mandate, die sie betreut. „Ich kenne noch andere Beispiele, die zeigen, dass sich Teilzeit selbst mit der Arbeit von M&A-Anwälten vereinbaren lässt“, sagt sie. „Doch letztendlich legt der Mandant fest, wann der Anwalt arbeitet.“

Im Gegensatz zum Transaktionsgeschäft fällt eine konkrete Arbeitszeitplanung im Prozessrecht zwar häufig leichter, weil Termine zur mündlichen Verhandlung und für die Abgabe von Schriftsätzen im Vorfeld feststehen. Pauschalisieren kann man aber auch hier nicht. „Schiedsverfahren beispielsweise können für den Mandanten von großer Bedeutung sein. Da ist es verständlich, wenn Vorstände selbst abends nach 20 Uhr von ihrem Prozessbevollmächtigten eine Rückmeldung erwarten“, erzählt Raue-Partnerin ­Feißel.

Hidalgo_Martina

Flexibilität durch reduzierte Arbeitszeit: CMS-Partnerin Martina Hidalgo hat früher, als ihre zwei Kinder klein waren, 65 Prozent gearbeitet. Heute sind es rund 80 Prozent.

CMS-Arbeitsrechtlerin Hidalgo profitiert hingegen durchaus davon, dass sie viel mit Gewerkschaften und Betriebsräten zu tun hat. „In den Schulferien sind dort viele Entscheider in Urlaub, so dass ich mit meiner Familie normalerweise ebenfalls in Ruhe wegfahren kann.“ Was allerdings nicht bedeutet, dass nicht auch sie ihre Arbeitszeit im Notfall nach den Bedürfnissen des Mandanten ausrichtet.

Aus Partnersicht ein Spagat

Die Vereinbarkeit von Karriere und Familie bleibt also für die Equity-Partner ein Spagat. Während die Kanzleien für ihre Associates bereits verschiedene Konzepte und Programme zur Teilzeit oder alternative Arbeitsmodelle entwickelt haben (▷Liegen lernen, S.90), hapert es vielfach noch an der Akzeptanz, wenn ein Anwalt, der gleichzeitig unternehmerische Verantwortung trägt, die Arbeitszeit reduzieren will.

„Es nutzt den Wirtschaftskanzleien nichts, wenn sie nach außen groß mit Konzepten werben, die nach innen nicht gelebt werden“, warnt Oppenhoff-Partnerin Schilling. Denn wo Partner nicht mit gutem Beispiel vorangeht, trauen sich auch Associates nicht, entsprechende Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Die Folge: Viele von ihnen entscheiden sich mittlerweile gegen den Partnertrack oder schlagen die Inhousekarriere ein, in der Hoffnung, so wenigstens noch einen Hauch von Work-Life-Balance erhalten zu können. „Es besteht die Gefahr, dass sich vor ­allem junge Frauen aus der Kanzlei verabschieden, wenn sie Familie wollen“, so Schilling. Eine fatale Entwicklung, findet auch Feißel: „Mehr als 50 Prozent der Absolventen am Markt, die ein Doppel-Prädikat haben, sind weiblich. Wir möchten dieses Potenzial nicht ignorieren.“

Um auch in Zukunft gute Juristen in die Partnerriege zu locken, müssen sich die Kanzleien bewegen. Glaubt man den Beteuerungen, tun sie das bereits. Bei Hengeler Mueller beschloss die Partnerversammlung erstmals 2008, Teilzeit auf höchster Partnerebene möglich zu machen. Zuletzt kündigte Beiten Burkhardt im Herbst 2016 an, Teilzeit auch für Equity-Partner anzubieten und CMS hat zu Anfang 2017 mit Dr. Christiane Kappes eine Vollpartnerin in Teilzeit ernannt, die im Umwelt- und Planungsrecht tätig ist.

Mickrige Zahl

„Dass eine Frau in Teilzeit arbeitet und trotzdem Equity-Partnerin wird, wäre früher nicht vorstellbar gewesen“, sagt Hidalgo. Trotz aller positiven Beispiele bleibt der Anteil an Vollpartnern, die ihre Arbeitszeit reduzieren, aber seit Jahren auf konstant niedrigem ­Niveau. Zwar erreicht er in ­einigen Kanzleien durchaus ordentliche Wert von 20 Prozent oder mehr. Da es sich dabei aber meist um Sozietäten mit kleinerer Partnerriege handelt, bleibt die tatsächliche Anzahl der Vollpartner mit reduzierter Arbeitszeit eher mickrig.

Bisher wurde das Thema vor allem von Frauen vorangetrieben, doch mehr und mehr ­wollen auch werdende Väter an der Teilzeit partizipieren. „Für sie ist die Hemmschwelle noch höher, da es noch weniger Vorreiter gibt als bei den Frauen“, sagt Schilling. Das glaubt auch Kolberg: „In der Anwaltswelt herrscht nach wie vor ein sehr konservatives Denken.“

Impulse könnten also eher von außen kommen: Wer internationale Unternehmen berät, trifft häufiger auf mehr Verständnis für den Spagat zwischen Familie und Beruf. Firmen sowie Kanzleien in den USA und Großbritannien beispielsweise gehen häufig viel selbstverständlicher mit dem Thema Teilzeit und flexible Arbeitseinteilung um. Sie sind nicht die einzigen. „Die Skandinavier sind den Deutschen weit voraus – sowohl was die Möglichkeiten, die Arbeitszeit zu reduzieren, als auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kindererziehung angeht“, erläutert Kolberg. Der in Kiel ansässige Anwalt betreut viele Mandanten aus Nordeuropa. Dass seine Teilzeit im Partnerkreis problemlos akzeptiert wurde, führt er ebenfalls zum Teil darauf zurück, dass zwei der drei Senior-Partner von Cornelius + Krage in Skandinavien studiert und längere Zeit dort gelebt haben.

Und so langsam tut sich auch in deutschen Rechtsabteilungen und Führungsetagen etwas. Vor allem in großen Konzernen wird Teilzeit selbst auf der Führungsebene immer mehr zum Thema – bei männlichen wie weiblichen Mitarbeitern. Und häufig ist eine Anfrage nicht wirklich so dringend, dass sie noch spät abends beantwortet werden muss. „Nicht alle Probleme müssen sofort gelöst werden“, weiß Raue-Partnerin Feißel aus Erfahrung. Da dürfe man durchaus mal nachfragen, wie eilig eine Sache tatsächlich sei. „In vielen Fällen reicht es, wenn ich den Mandanten oder auch Kollegen ein Zeichen gebe, dass ich ihre Mail gesehen habe und mich darum kümmere.“

In der Flexibilitätsfalle

Doch in einem Punkt bleiben sich auch Teilzeitpartner einig: Wenn die Hütte brennt, kann auf reduzierte Arbeitszeiten keine Rücksicht genommen werden. Damit scheint allerdings keiner der interviewten Anwälte ein ernsthaftes Problem zu haben. Im Gegenteil: Die meisten sehen den Vorteil ihrer Arbeitszeitmodelle weniger in der tatsächlich geringeren Anzahl der Stunden als in der gewonnenen zeitlichen Flexibilität. Jeder von ihnen arbeitet bei Bedarf aus dem Homeoffice – beispielsweise wenn die Kinder krank sind. Aber das birgt die Gefahr, dass die tatsächliche Arbeitszeit häufig doch wieder 100 Prozent erreicht.

Trotzdem verzichten die Teilzeitpartner lieber auf einen Teil ihres Verdienstes. Je nach System werden die Prozentsätze, die sie offiziell weniger arbeiten, von ihrer Gewinnbeteiligung abgezogen. Andere nehmen, wie Hengeler Mueller-Partnerin Sailer-Coceani, weniger Mandate an. „Ich verzichte auf 25 Prozent meines Gewinnanteils, auch wenn ich oft mehr als 75 Prozent meiner ­früheren Vollzeitstelle erfülle“, sagt Kolberg. „Mein Umsatz ist jedoch in den vergangenen Jahren ­keinesfalls gesunken, sondern überproportional zur Teilzeit gestiegen.“ CMS-Partnerin Hidalgo bringt die vorherrschende Einstellung auf den Punkt: „Dass ich das Büro früher verlassen kann, ohne das schlechte Gewissen, anderen auf der Tasche zu ­liegen, ist mir mehr wert als Geld.“ <<<