Magazin-Artikel
08.11.2017 | Autor/in: Till Mansmann

Moderner als gedacht: Das Berufsbild Steuerberater wandelt sich rasch

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Das Berufsbild in der Steuerberatung wird neu gemacht: Digitalisierung und demografischer Wandel lösen Veränderungen aus. Vielleicht wird sogar das Steuer­beraterexamen erleichtert. Das macht das Steuerrecht für Juristen spannender als früher.

Von Till Mansmann und Stephan Mittelhäuser

Klingt das nicht nach einer interessanten Alternative zum reinen Anwaltsberuf? Die Examensnoten sind egal, Hauptsache, man besteht. Der Frauenanteil steigt in großen Schritten. Und die Digitalisierung schafft Standardaufgaben vom Hals, lässt mehr Raum für gestaltende Beratung.

Die Rede ist von der Steuerberatung. Jenseits des drögen Spezialistentums vergangener Jahre bietet die Branche neue Chancen. Die Digitalisierung beschleunigt den Wandel des Anforderungsprofils für die Steuerberatung und wirkt sich auch auf die Ausbildungsanstrengungen der Arbeitgeber aus.

Zunehmend werden daher in der Steuerberatung IT-Spezialisten gebraucht. Aber auch andere, persönliche Qualitäten sind inzwischen gefragt: „Die Bandbreite unserer Kandidaten ist relativ groß. Sie reicht vom Wirtschaftsinformatiker bis hin zur Agraringenieurin. Wichtig bei der Personalauswahl ist für uns: ,Kluger Kopf mit Spaß an Steuern‘“, sagt Dr. Michael Rödl, Personalleiter bei Rödl & Partner in Nürnberg. Rund 45 Examenskandidaten stellt Rödl jährlich ein.

Berufsanfänger durchs Examen bringen

Im Gegensatz zu Anwaltskanzleien, die ­Prädikatsjuristen als Berufsanfänger mit doppeltem Staatsexamen einstellen können, müssen Steuerberatungseinheiten einen Schritt früher ansetzen: Sie holen zwar auch Absolventen von den Universitäten, müssen sie allerdings anschließend noch durchs Steuerberaterexamen bringen. Die europaweite Harmonisierung der Wirtschaftsstudiengänge im Rahmen des Bologna-Prozesses 1999 hat die Qualifikationen der Bewerber nachhaltig verändert.

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Spezialisten gesucht: Bernhard Steffan, Vorsitzender des Personalausschusses von Ebner Stolz, sieht die Berufsanfänger als leistungsbereit, aber unerfahren im Steuerrecht.

Bernhard Steffan aus Stuttgart, Vorsitzender des Personalausschusses von Ebner Stolz Mönning Bachem, beschreibt das so: „Im Gegensatz zu früher, zu den alten Diplom-Studiengängen, kommen die ­Berufsanfänger heute mit sehr viel weniger Spezialisierung von den Hochschulen“, so der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Das sei aber ganz ausdrücklich keine Kritik am Nachwuchs oder am veränderten Hochschulsystem. Steffan bringt es so auf den Punkt: „Die jungen Leute heute sind anders als früher, aber unverändert leistungsbereit. Andere würden wir gar nicht einstellen.“

Mehr Flexibilität, mehr Frauen

Die sogenannte Generation Y setzt, so der übereinstimmende Eindruck vieler Personalverantwortlicher in den Kanzleien, einfach inzwischen andere Schwerpunkte. Anders als früher werden heute in fast jedem Vorstellungsgespräch Fragen nach familienfreundlichen Arbeitszeiten und nach Flexibilität gestellt, nicht zuletzt, weil inzwischen mehr Frauen in den Beruf kommen als Männer. Früher war die Steuerberatung fast eine reine Männerdomäne, jetzt verändert sich das Geschlechterverhältnis rasant. Im Jahresvergleich 2016/17 stieg die Anzahl der männlichen Steuerberater um 41 Personen, bei den Frauen wuchs die Anzahl hingegen um 558 Personen.

Der Beruf wird immer weiblicher, und gerade bei den Neueinstellungen kann man nicht mehr von einem Männerberuf sprechen. Die Kanzleien haben darauf reagiert. Alexandra Fotteler, Personaldirektorin bei BDO in Hamburg, sagt: „Besonders wichtig sind bei uns Wiedereinstiegsprogramme für Frauen nach der Schwangerschaft. Der Frauenanteil bei den jungen Steuerberatern steigt überproportional. Da lassen wir uns von einem oder zwei Kindern nicht aus der Kurve werfen.“

Vorteil große Kanzlei?

Steuerberater in großen Kanzleien sind hier vermutlich im Vorteil. Ihre Tätigkeit unterscheidet sich deutlich von der Arbeit in kleinen, regional tätigen Einheiten mit nur wenigen Berufsträgern – die Mehrheit der Steuerberater arbeitet als Einzelkämpfer ohne Kanzleipartner. Eines ist über alle Kanzleigrößen gleich: die Klage über fehlenden Nachwuchs. Auf den ersten Blick scheint die Lage gar nicht so dramatisch: Seit vielen Jahren ist die Zahl der Neubestellungen an Steuerberatern in etwa gleich, die Veränderungen von Jahr zu Jahr niedrig. Insgesamt ist die Anzahl der Steuerberater jedoch immer weiter gestiegen – und dank der Verkammerung des Berufs kann diese zum Jahresbeginn immer sehr genau bis auf den einzelnen Berufsträger bestimmt werden.

Ein Problem zeigt sich dabei in der Statistik, und das ist eine gewisse Überalterung: Ein mit dem Durchschnittsalter der Gesellschaft mitwachsender Anteil des Berufsstands steht dem Arbeitsmarkt gar nicht wirklich zur Verfügung. Zudem berichten die großen Kanzleien übereinstimmend, dass ihr Bedarf an Steuerberatern in den letzten Jahren gewachsen ist. Der Beleg dafür sind die Steuerberaterexamen. Beispiel Pricewaterhouse­Coopers: Die Big-Four-Gesellschaft schätzt, dass die Anzahl ihrer Examenskandidaten seit 2014 um knapp 30 Prozent gestiegen ist. Bei Ebner Stolz hat sich die Zahl seit 2010 gar mehr als verdoppelt, auf nun über 50 Examenskandidaten im Jahr, und auch WTS spricht von einer Verdoppelung über die vergangenen fünf Jahre. Rechnet man den gestiegenen Bedarf allein der zehn größten Gesellschaften zusammen, kommt man schnell auf einen Mehrbedarf von Hunderten Steuerberatungseinsteigern pro Jahr allein für diese Kanzleigrößenklasse.

Stufen zum Steuerberater
Die ganze Prüfung muss bestanden werden: Im Steuerberaterexamen führt der Weg über drei aufeinanderfolgende Prüfungstage im Herbst mit je sechsstündigen Klausuren und einer münd­lichen Prüfung im Frühling des Folgejahres.

1. Klausurtag
Verfahrensrecht – Umsatzsteuern – Erbschaftssteuern – Bewertungsrecht

2. Klausurtag
Einkommensteuern – Körperschaftsteuern – Gewerbesteuern – Außensteuern – Interne Steuern

3. Klausurtag
Buchführung – Bilanzwesen · Umwandlungssteuern

Mündliche Prüfung
Ein Tag mit bis zu sechs Stunden Prüfung

Aber die großen Kanzleien saugen nicht nur fähige Leute aus dem Markt – sie tun auch etwas für den Berufsstand. Die Durchfallquote bei der Steuerberaterprüfung ist für die Kandidaten, die ihre Ausbildung in einer der zehn größten Steuerberatungskanzleien absolviert haben, deutlich niedriger. Das melden alle Kanzleien. So heißt es zum Beispiel bei Roever Broenner Susat Mazars, dass die aktuelle Durchfallquote mit 32 Prozent deutlich von der durchschnittlichen Durchfallquote abweicht. Der Grund dafür dürfte in der umfassenden Ausbildung in diesen Kanzleien liegen, die ihre Examenskandidaten mit erfolgreichen Berufsträgern aus der Praxis gut vernetzt. Jede Kanzlei hat ein strukturiertes Ausbildungsprogramm, wie es kleine Steuerberatungsgesellschaften, aus denen heraus die meisten Examenskandidaten antreten, nicht anbieten können.

Aus  der Ausbildung ins Examen

Allerdings kommt auch ein statistischer Effekt für die auffällige Abweichung zumindest anteilig zum Tragen: Immer noch macht sich ein beträchtlicher Teil der Steuerberater auf den ­sogenannten berufspraktischen Weg zum Steuerberater-Titel. Etwa 40 Prozent der Steuerberaterkandidaten sind keine Akademiker, sondern haben einen einschlägigen Ausbildungsberuf absolviert. Meist sind es Steuerfachangestellte. Mit ausreichender Berufspraxis erwerben sie das Recht, das Examen abzulegen.

Ihre Erfolgsaussichten sind dabei allerdings geringer – es liegt auf der Hand, dass Universitätsabsolventen die steuerrechtlichen Fragestellungen der Klausuren leichter fallen. Und dass sie zudem besser wissen, wie man sich auf derartige Prüfungsherausforderungen vorbereitet – Juristen schneiden dabei noch ein klein wenig besser ab als Ökonomen. Die Berufspraktiker findet man weit überwiegend in kleinen, regional aufgestellten Kanzleien.

Hauptsache bestanden

Der geringere Prüfungserfolg ist ein Problem für die Berufspraktiker, jedoch kein Makel, wenn sie bestanden haben. Sie gelten als außerordentlich einsatzfähig – mehr als die Konkurrenz mit akademischen Weihen. So sagt denn auch Roever Broenner-Partner Dierk Lemmermann: „Unsere Lieblingskandidaten verfügen über einen Abschluss als Steuerfachangestellter mit BWL-Studium. Aber wir zählen auch VWLer, Wirtschaftsmathematiker und Juristen zu unseren Examenskandidaten.“ Und ein anderer Personalverantwortlicher nennt die berufspraktischen Steuerberater, die den Weg in eine Großkanzlei finden, „seltene Glücksfälle“. Und, ganz anders als bei den Juristen: Bei den Steuerberatern spielt die Examensnote nicht nur eine untergeordnete, sondern nahezu gar keine Rolle. Hauptsache bestanden, mit dem Titel ist dann ungeachtet irgendwelcher Zahlen jede Karriere möglich.

Doch was für Rechtsanwälte mit nicht so tollen Noten wie das Paradies klingt, ist für Steuerberateranwärter oft die schiere Hölle: Beim ­Examen 2016/17 fielen prozentual mehr Prüflinge durch als in jedem der 15 Jahre zuvor: 58,4 Prozent – nach 53,9 Prozent im Vorjahr – was schon als extrem schlecht galt. Entsprechend laut schrillen angesichts der katastrophalen Ergebnisse die Alarmglocken. Die Bundessteuerberaterkammer lud deshalb die größten, bundesweit in der Steuerberaterausbildung tätigen Schulungsunternehmen zu einem Krisentreffen: Das Lehrgangswerk Haas aus Springe, das Steuerrechts-Institut Knoll aus München, die Steuerfachschule Dr. Endriss aus Köln, Econect Hemmer aus Frankfurt, Steuerlehrgänge Dr. Bannas aus Köln, AWS Arbeitskreis für Wirtschafts- und Steuerrecht aus Oberursel bei Frankfurt und GFS Steuer- und Wirtschaftsfachschule aus Berlin.

Jost_Andrea

Reform erwünscht: Andrea Jost, Geschäftsführerin des Steuerrechts-Institut Knoll, hält die Anforderungen im Steuerberaterexamen für überzogen.

Wie besorgniserregend die Lage ist, wurde dort mehr als deutlich. Denn mancher Ausbildungsprofi sieht in der jüngsten Durchfallquote von knapp 60 Prozent ein sogar noch schöngefärbtes Ergebnis: „In vielen Kammerbezirken sind die mündlichen Prüfungen besser ausgefallen als in den letzten Jahren – das kann man auch als Ausgleich für die schwierige schriftliche Prüfung interpretieren“, sagt etwa Andrea Jost, Geschäftsführerin von Knoll. Ihre Analyse des Problems: „Die schriftliche Prüfung war einfach überfrachtet, das konnten die Kandidaten in der verfügbaren Zeit nicht lösen.“ Und für Roman Fuhrmann, Geschäftsführer des Lehrgangswerks Haas, kaschieren die miesen Zahlen noch mehr: „Wenn man die Besonderheit einbezieht, dass man die Steuerberaterprüfung abbrechen kann, ohne dass der Versuch gewertet wird, ist die Misserfolgsquote in Wirklichkeit noch viel höher.“

Viele Prüfungen versiebt

In der Tat haben 13,7 Prozent der Examenskandidaten die Prüfung abgebrochen. Am Ende waren es schließlich 1.722 Kandidaten, die bestanden – satte 145 weniger als 2015/16. Und das obwohl 4.139 Kandidaten antraten, 87 mehr als im Jahr zuvor. Mehr Prüflinge, die antreten, und weniger, die es schaffen – auf Dauer ist das für die Schulungsunternehmen genauso ein Problem wie für die Vertreter des Berufsstands bei den Kammern. „Es ist keine gute Entwicklung, wenn solche Prüfungsergebnisse künftige Interessenten abschrecken“, so Andrea Jost. „Die Steuerberaterprüfung darf schwer sein, aber sie muss wieder attraktiver werden.“

Die Prüfung war zuletzt jedenfalls so schwer, dass sich ein Prüfungsexperte, der nicht genannt werden will, sicher ist: Diese Prüfung hätten selbst die meisten gestandenen Steuerberater mit jahrelanger Berufspraxis genauso versiebt wie der Nachwuchs. Mancher vermutet deshalb gar, die Quote von 41,6 Prozent bestandenen Prüfungen wäre überhaupt nur deshalb zustande gekommen, weil die Maßstäbe in der Korrektur der Klausuren nach unten angepasst worden wären.

An der Stelle sind sich die Kursanbieter denn auch einig: Hauptschuld tragen die Finanzministerien in Bund und Ländern, wo die Aufgaben ausgearbeitet werden: „Früher waren die Klausuren berechenbarer, da war die Prüfungsvorbereitung besser planbar“, so Fuhrmann. In den Ministerien selbst gibt man sich dazu sehr zurückhaltend. Die Aufgaben entsprächen den Standards und seien nicht schwerer geworden, heißt es lediglich. Das sieht die Bundessteuerberaterkammer anders. Die Prüfung als „Nadelöhr und Herzstück der Berufszulassung“ soll umfassend reformiert werden. Es dürfe nicht sein, dass Exotengebiete, die in der Praxis selten vorkommen, ausschlaggebend für den Prüfungserfolg seien.

Prüfung attraktiver machen

Erleichterungen für die Kandidaten – und damit eine erhöhte Attraktivität der Prüfung – könnten aber auch Reformen bei den Abläufen bringen, zum Beispiel ein verändertes Prüfungsverfahren nach dem Vorbild des Wirtschaftsprüferexamens: Anders als bei den Steuerberatern müssen Wirtschaftsprüfer, die einen Teil des Examens nicht bestehen, nur die entsprechende Klausur wiederholen, und nicht, wie Steuerberater, die ganze Prüfung.

Besonders gut ist die Stimmung zwischen den für die Prüfung verantwortlichen Ministerien und den privatwirtschaftlich mit Prüfungsvorbereitungen befassten Unternehmen jedoch nicht: Vor allem eine Aktion der Ministerien ärgert die Steuerfachschulen: Mit Hinweis auf das Urheberrecht soll ihnen, beginnend mit den Aufgabenstellungen von 2015, verboten werden, die Examensklausuren und Musterlösungen für ihre künftige Arbeit zu verwenden. Bislang konnten sie offen zur Vorbereitung der nächsten Generationen von Steuerberatern genutzt werden und kursierten auch frei unter Examenskandidaten.

Viele Kursanbieter halten den Hinweis auf das Urheberrecht für nur vorgeschoben. Sie vermuten, dass damit die Anfechtung der Prüfungsergebnisse durch Kandidaten, die durchgefallen sind, erschwert werden soll. Gebracht hat es wenig bis nichts. Für die alten Klausuren ist jetzt ein Schwarzmarkt entstanden. „Nur wenige Tage nach der Prüfung wurde uns schon die Klausur angeboten – für 500 Euro“, berichtet Brück. Derweil steht im Herbst 2017 die nächste Prüfung bevor, die Aufgaben sind bereits erstellt.

Veränderung kommt. Aber langsam

Die Hoffnung, dass es bei den Examensanforderungen schnell zu Verbesserungen kommt, ist gering. „Ich fürchte nur, dass die Mühlen langsam mahlen – es ist ein träger Prozess, das wird vielleicht Jahre dauern“, sagt Andrea Jost. Und genau in dieser Zeit stehen für alle rechts- und steuerberatenden Berufe massive, gern als „disruptiv“ beschriebene Veränderungen an. Wer sich heute als Anfänger für die Arbeit in der Steuerberatung interessiert – der weiß nicht zu hundert Prozent, in welchem Berufsbild und Arbeitsumfeld er am Ende seiner Ausbildung landen wird. Aber das macht auch den Reiz der Veränderung aus. <<<