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11.02.2021 | Autor/in: Michael Forst

Mental Health: Immer mehr Kanzleien stellen Programme zur Gesundheitsförderung auf

Immer mehr Kanzleien fangen an, sich auch um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu kümmern. Die Corona-Krise macht den Bedarf noch einmal deutlicher: Allein im Homeoffice wiegen belastende Umstände noch schwerer.

In den USA wird das Thema Mental Health gerade viel diskutiert, auch in Wirtschaftskanzleien. Laut einer aktuellen Umfrage des zu Thomson Reuters gehörenden Beratungsunternehmens Acritas nutzten viele US-Anwälte die Corona-Krise, um über ihre bisherige Arbeitsweise nachzudenken. 77 Prozent der befragten gut 740 Partner großer US-Kanzleien gaben dabei an, dass sie in Zukunft anders arbeiten wollen. Diejenigen darunter, die künftig kürzer treten wollen, sorgen sich vor allem um ihre psychische Gesundheit. In den vergangenen Jahren haben der große Druck und das immense Arbeitspensum in der Branche zu Burn-outs geführt. Sie bilden jedoch nicht die Mehrheit ab: Die Hälfte der Teilnehmer gibt zwar an, dass sie sich durch den Stress körperlich und psychisch beeinträchtigt fühlt, sieht den ständigen Druck aber als normal an.

Mit Mindfulness Officer gegen die Isolation

Associates kamen in der Acritas-Studie jedoch nicht zu Wort. Zwar lastet auf ihnen auch noch kein Umsatzdruck, doch Arbeitsbelastung und Erwartungen in Wirtschaftskanzleien sind traditionell hoch. Gerade aber Anwälte der jüngeren Generation messen dem Thema ‚Wellbeing‘ einen immer höheren Stellenwert zu, wenn sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden. Die meisten Bewerber sind weiterhin gewillt, engagiert zu arbeiten. Aber sie sind nicht bereit, sich dabei bis zum Zusammenbruch aufzureiben. Das belegen auch Zahlen aus dem hiesigen Markt. In unserer aktuellen azur-Bewerberumfrage geben mehr als doppelt so viele Teilnehmer an, dass ihnen Freizeit und Familie wichtiger sind als das Gehalt. Der zweite immer wichtiger werdende Faktor ist das Betriebsklima.  

Ähnliches gilt auch für Associates: In der azur-Associate­Umfrage 2020 gibt mehr als ein Drittel der Nachwuchsjuristen an, dass sie ihren aktuellen Arbeitgeber wechseln würden, wenn ein anderer Job mehr Freizeit verspricht. Im Vergleich dazu: In Rechtsabteilungen der Unternehmen liegt dieser Wert gerade einmal bei zehn Prozent. Obwohl die Anforderungen in manchen Inhouse-Teams denen in Kanzleien in nichts nachstehen, ist der Druck hier meist geringer.

In Kanzleien sind psychische Erkrankungen größtenteils immer noch ein Tabuthema. Dabei steht für sie viel auf dem Spiel – schließlich sind die einzelnen Köpfe ihr wichtigstes Kapital. Einige haben aber den Handlungsbedarf erkannt und Programme eingeführt, mit denen sie die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter schützen und stärken wollen. Hier wirkt zudem die Corona-Krise wie ein Katalysator. Dadurch, dass viele Anwälte im Homeoffice arbeiten, fühlen sich viele isoliert, was sich wiederum negativ auf ihre Psyche auswirkt. Was die Kanzleien dagegen bieten, ist breit gefächert. ‚MyCare‘ heißt etwa das weltweite Wellbeing-Programm von DLA Piper. Den Kern bildet eine externe Beratung, auf die Mitarbeiter in beruflichen oder privaten Krisensituationen anonym zurückgreifen können. Auch Dentons hat ein solches Programm und nennt es ‚NextMind‘, zusätzlich hat die Kanzlei in Europa einen Chief Mindfulness Officer eingeführt. Mitarbeitern werden Workshops angeboten, in denen sie lernen, wie sie durch Meditation ihren Stress reduzieren können. Freshfields Bruckhaus Deringer geht einen ähnlichen Weg und bietet ebenfalls Workshops an und setzt auf Stressmentoren, an die sich Mitarbeiter wenden können. Schon vor der Corona-Krise hatte Morrison & Foerster in Berlin eine umfangreiche „Wellbeing Journey“ gestartet.

Klar ist schon jetzt, dass sich immer mehr Kanzleien entscheiden, sich in ihrer Rolle als Arbeitgeber stärker um die Sorgen und Nöte ihrer Mitarbeiter zu kümmern. Das Thema wird deshalb auch nach der Pandemie relevant bleiben.