Magazin-Artikel
25.10.2016 | Autor/in: Christin Stender

Luxemburg für Anfänger

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Brexit, Immobilienboom, Fondshype. Es gibt viele Gründe, warum Luxemburg als Kanzleistandort an Bedeutung gewinnt. Deutsche Anwälte sind hier gefragt, denn viele Mandanten sprechen ihre Sprache. Gleichzeitig lernen junge Juristen im Großherzogtum einen besonders internationalen Arbeitsalltag kennen.

Von Christin Stender

 Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich einließ. Als Silke Bernard 2004 als junge Anwältin nach Luxemburg ging, hatte sie noch nie einen Fondsprospekt aus der Nähe gesehen. „Das ganze Thema Anlagefonds war mir aus der juristischen Ausbildung fremd“, sagt die 40-Jährige rück­blickend. Heute ist Bernard Expertin auf genau diesem Gebiet: Sie ist Partnerin der Investment Management Group im Luxemburger Büro von Linklaters – und ihr Geschäft wächst.

Kein Wunder, denn Luxemburg hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, dem Finanzskandal Lux Leaks zum Trotz, der die Steuerdumpingstrategien der luxemburgischen Regierung zugunsten von Großunternehmen offenbart hatte. Das kleine Land ist zum zweitwichtigsten Fondsstandort der Welt aufgestiegen, noch erfolgreicher sind nur die USA. Im Großherzogtum verwalten Fonds ein Anlagevermögen im Wert von rund 3,5 Billionen Euro. 143 Banken haben hier ihren Sitz, so dass die Finanzindustrie längst zum wichtigsten Pfeiler des wirtschaft­lichen Erfolgs geworden ist: Mit einem Brutto­inlandsprodukt von 104.359 US-Dollar pro Kopf belegt der Zwergstaat die Spitzenposition auf der weltweiten Einkommensliste, noch vor Katar und der Schweiz.

Mitten im Cross-Border-Team: Für Silke Bernard von Linklaters bietet Luxemburg das ideale Umfeld.

Mitten im Cross-Border-Team: Für Silke Bernard von Linklaters bietet Luxemburg das ideale Umfeld.

Gute Chance für deutsche Juristen

Dabei berät Bernard stets eng mit ihren Kollegen aus anderen Linklaters-Standorten zusammen. „Wir sind ein voll integriertes und täglich zusammenarbeitendes Cross-Border-Team“, sagt sie. Gleichzeitig ist aber auch die Belegschaft in Luxemburg selbst sehr international: Im Link­laters-Büro arbeiten Anwälte aus rund 20 verschiedenen Ländern – und das ist keine Seltenheit in den Kanzleiräumen von Luxemburg.

Interkulturelle Kompetenz ist also gefragt. Und das nicht nur im Umgang mit den Kollegen, sondern auch bei der Beratung der Mandanten, die aus der ganzen Welt kommen. „Innerhalb kürzester Zeit wechselt man von Deutsch zu Englisch, Französisch und wieder zurück“, berichtet Bernard aus der Beratungswirklichkeit. Die einschlägige Literatur für Juristen ist übrigens in französischer Sprache geschrieben. Wer in Luxemburg arbeiten möchte, sollte also französische Sprachkenntnisse mitbringen.

Innovativer Finanzstandort

Neben dem internationalen Alltag ist das kleine Land für Bernard aber auch noch aus einem anderen Grund interessant: „Aufgrund der sich ständig ändernden Europäischen Vorschriften, aber auch weil sich Luxemburg als innovativer Finanzstandort positionieren und interessante rechtliche Lösungen anbieten will, ändern sich kontinuierlich die rechtlichen Gegebenheiten“, sagt sie. „Das sorgt für ständig neue, intellektuelle Herausforderungen.“ Dieses sich schnell wandelnde rechtliche Umfeld ist nur ein Grund dafür, warum deutsche Juristen in dem kleinen Nachbarland so gefragt sind. Denn die deutsche Jura-Ausbildung hat ein hohes Ansehen, die deutschen Juristen gelten als Berater, die sich schnell in komplexe Fragestellungen einarbeiten können.

„Deutsche Anwälte werden als Generalisten geschätzt“, sagt auch Dr. Oliver Glück (44), ­Co-Managing-Partner der deutschen Kanzlei GSK Stockmann + Kollegen, die im Frühjahr 2016 den Sprung nach Luxemburg wagte. In dem neuen Büro arbeiten Anwälte aus vielen verschiedenen Ländern, unter ihnen auch Deutsche, die Büro-Sprache ist Englisch. „Luxemburg ist ein sehr attraktiver Markt für ausländische Anwälte, da hier die Absolventenzahlen niedriger sind als der hohe Bedarf“, sagt Phillip Mößner (42), Personalpartner des Luxemburger GSK-Büros. „Deshalb können junge Juristen auch aus anderen Ländern hier ihre internationale Karriere beginnen und hervorragend vorantreiben, egal in welchem Rechtsgebiet des Wirtschaftsrechts.“

Rückkehr kann schwierig werden

Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum deutsche Anwälte in Luxemburg gefragt sind: Da viele Mandanten aus Deutschland kommen, wird auch viel Geschäft auf Deutsch abgewickelt. So müssen etwa Prospekte in deutscher Sprache verfasst werden. Hier sind deutsche Muttersprachler die optimalen Akteure.

„Für junge Juristen aus Deutschland ist es durchaus attraktiv, in Luxemburg zu arbeiten“, sagt Viviane De Moreau d’Andoy, die Anfang 2015 eine der Gründerinnen des luxemburgischen Büros der internationalen Kanzlei Simmons & Simmons war. Aber sie warnt auch: „Wer einige Jahre hier gearbeitet hat, hat es schwer, in sein Heimatland zurückzukehren. Denn er hat sich hier auf luxemburgisches Recht spezialisiert.“

Die Fonds-Beratung ist in luxemburgischen Kanzleien am stärksten vertreten. Gleichzeitig verfolgen viele Einheiten aber auch einen Full-Service-Ansatz, so dass Associates auch außerhalb des Finanzrechts in Luxemburg tätig werden können. Neben GSK und Simmons & Simmons haben zuletzt etwa auch Bird & Bird und Dentons in Luxemburg ein eigenes Büro eröffnet.

Luxemburg ist begehrt
Immer mehr ausländische Kanzleien haben ein Büro in Luxemburg – eine gute Plattform für deutsche ­Anwälte, die international arbeiten wollen.

■ Internationale Kanzleien
Baker & McKenzie (seit 2010) / CMS DeBacker (seit 2010) / Hogan Lovells (seit 2013) / King & Wood Mallesons (seit 2013) / DLA Piper (seit 2014) / Dentons (seit 2015) / Simmons & Simmons (seit 2015) / Bird & Bird (seit 2016)

■ Führende UK-Kanzleien
Allen & Overy (seit 2000) / Clifford Chance (seit 2000) / Linklaters (seit 2002)

 ■ Deutsche Kanzleien
Luther (seit 2010) / GSK Stockmann + Kollegen (seit 2016)

Dabei sind Luther und GSK bislang die einzigen rein deutschen Kanzleien, die in dem kleinen Nachbarland vertreten sind – und das, obwohl viele Mandanten weitere Kanzlei­eröffnungen begrüßen würden. „Jede weitere Kanzlei verstärkt den Wettbewerb in Luxemburg“, sagt etwa Frank Müller (41), Head of Legal bei der Corpus Sireo Holding.

Das ist aus Mandantensicht von Vorteil, da das Vergütungsniveau der Anwälte im Kleinstaat zur Zeit sehr hoch ist. Gleichzeitig sind die Luxemburger Kanzleien nicht gerade für Serviceorientierung und Schnelligkeit bekannt. Deutsche Anwälte beklagen sich: „In einer Luxemburger Kanzlei geht nach 18 Uhr keiner mehr ans Telefon, man wartet ewig auf eine Antwort.“ Und eine Anwältin, die lange in einer Sozietät vor Ort gearbeitet hat, sagt: „Die hiesigen Anwälte sind sehr satt.“ Deshalb haben deutsche Kanzleien mit ihrem ausgeprägteren Service-Ansatz einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil.

Immer weiter Wachstum

Zwar kommt der Standort Luxemburg für viele Kanzleien nicht in Frage. Trotzdem gewinnt das Großherzogtum weiter an Bedeutung, und zwar unverändert im Bereich Fonds. „Für Fondsauflegungen ist Luxemburg mit seinem großen Spektrum von verfügbaren rechtlichen und regulatorischen Strukturen wohl immer noch das ‚land to be‘“, sagt Bernard. Wachstum gibt es auch im Bereich Immobilien: Inzwischen werden zahlreiche Transaktionen als sogenannte Share Deals über Gesellschaften nach luxemburgischen Recht abgewickelt. Der Beratungsbedarf steigt.

Der Brexit tut ein Übriges, um das kleine Land als globalen Finanzplatz zusätzlich aufzuwerten. Denn: Viele Akteure ziehen in Betracht, ihren Standort aus London weg zu verlegen – nach Paris, Dublin, Frankfurt oder eben Luxemburg. „Die Kanzleien, die sich jetzt nicht vor Ort platzieren, verpassen den richtigen Moment für eine Eröffnung“, ist De Moreau d’Andoy überzeugt. Denn jetzt drängen neue Mandanten auf den Markt, die in dieser Zeit der Unsicherheit dringend Beratung benötigen.

International arbeiten

Tatsächlich zeigen zurzeit zahlreiche Kanzleien Interesse an einem eigenen Büro in Luxemburg. Allerdings scheitern viele daran, dass sie für ihre angestrebte Eröffnung nicht das richtige Team finden. „Den Anwälten, die bei den etablierten luxemburgischen Kanzleien arbeiten, geht es ­finanziell hervorragend“, sagt De Moreau d’Andoy, die selbst einige Jahre beim Marktführer Arendt & Medernach tätig war. „Aufgrund ihrer ­Unabhängigkeit können sie ausgezeichnet vom Verweisgeschäft zahlreicher ausländischer ­Kanzleien leben.“ Wenn sie sich jedoch einer ­internationalen Einheit anschließen, verlieren sie einen Teil dieses Geschäfts aus Wettbewerbs­gründen.

Deshalb scheuen viele luxemburgischen Anwälte diesen Schritt. Die 45-Jährige hingegen wagte als Senior Associate den Absprung zu Simmons & Simmons. „Ich wollte gerne mehr international arbeiten und die Gelegenheit nutzen, etwas Neues mit aufzubauen“, begründet sie ihre Entscheidung. Diese Chance haben auch deutsche Associates. Sie müssen nur zugreifen. <<