Magazin-Artikel
01.06.2017 | Autor/in: Anika Verfürth

LL.M.-Studium: Jura unter spanischer Sonne

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Sommer, Sonne, Strand und Meer. Wer sich zu einem Masterstudiengang in Spanien entschließt, möchte nicht selten gleich ganz dort bleiben. So erging es auch den Juristen, mit denen azur gesprochen hat.

von Anika Verfürth

316 Tage Sonne im Jahr. Das sind 47 Tage mehr als der Durchschnitt für Deutschland vorsieht. 4.964 Kilometer Küste. Deutschland hat nicht mal die Hälfte davon zu bieten. Vergleiche mit Spanien, bei denen Deutschland den Kürzeren zieht, lassen sich einige aufstellen. Sicher, es mögen eher die ‚weichen‘ Faktoren sein, die für die iberische Halbinsel als Arbeits- und Wohnort sprechen. Doch auch deutsche Juristen in Spanien geben diese offensichtlichen Vorzüge als Beweggrund für ihre Standortwahl an.

Genügt das aber auch, um Spanien ins Spiel zu bringen als einen Ort, an dem man seine juristische Ausbildung mit einen LL.M. abrunden will? Oder kann das Land daneben mit weiteren Vorzügen punkten? Verglichen mit der Bekanntheit zahlreicher internationaler LL.M.-Abschlüsse im angloamerikanischen Raum jedenfalls fliegt ein spanisches LL.M.-Studium oder Masterprogramm bei den meisten unter dem Radar.

Der englischsprachige Raum dominiert

Kein Wunder, dominiert doch der englischsprachige Raum naturgemäß im Kontext internationaler Wirtschaftsberatung – und entsprechend zieht es junge Juristen mit dem Wunsch nach Auslandserfahrung und einem internationalen Abschluss eher dorthin. Das bestätigt auch ein Blick auf die weltweiten Ranglisten der besten oder bekanntesten Universitäten für ein rechtswissenschaftliches Studium. Um dort eine spanische Universität zu finden, muss man erst ein bisschen scrollen. Dennoch etablieren auch die Universitäten Spaniens zunehmend umfassende Master- oder LL.M.-Programme mit internationalem Bezug.

Für Kai Fischer begann seine Zeit in Spanien mit einem Erasmus-Aufenthalt in Granada im sonnigen Andalusien – wo er auch seine spätere Frau, eine Spanierin, kennenlernte. Im Anschluss stand für ihn jedoch fest, das Staatsexamen zunächst in Deutschland abzuschließen. Praktika und das Referendariat hat er genutzt, um erste Berufserfahrungen in Spanien zu sammeln. Mittlerweile ist der 45-Jährige als Partner bei Cuatrecasas tätig. Mit rund 900 Berufsträgern an 26 Standorten weltweit zählt sie zu den größten spanischen Wirtschaftskanzleien. Ihre wichtigsten Büros sind die in Barcelona, Madrid und Lissabon. Der Corporate-Anwalt hat vor rund 15 Jahren damit angefangen, den German Desk von Cuatrecasas mit aufzubauen und leitet diesen nun von Barcelona und Madrid aus.

Fischer_Kai_Christian

Kam durch Erasmus nach Spanien: Kai Fischer, Leiter des German Desk bei Cuatrecasas, hat sich der spanischen Zulassungsprüfung gestellt.

Auch für Fischer stand neben den privaten Gründen die Attraktivität des Standorts im Vordergrund. „Dann wirklich den Schritt zu wagen und sich einer neuen Rechtsordnung zu stellen, ist nochmal etwas anderes“, erzählt er. Gerade nach dem langen und umfassenden Studium in Deutschland dürfe man nicht unterschätzen, was es heißt, sich in das fremde System einzuarbeiten.

Drei Wege zum spanischen Anwalt

Um als Anwalt in Spanien tätig zu werden, gibt es mehrere Wege. Einer davon ist die Tätigkeit als EU-Anwalt – mit den geltenden Voraussetzungen der Niederlassungsfreiheit in den Mitgliedstaaten. So kann ein deutscher, zugelassener Anwalt nach dreijähriger Tätigkeit in Spanien dort die Zulassung erwerben und den Titel tragen. Denn EU-Länder müssen ihre jeweiligen Anwaltszulassungen gegenseitig anerkennen. Dazu hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Jahr 2014 ein grundsätzliches Urteil im Falle von zwei Italienern gefällt, die ihre Zulassung ohne Berufserfahrung in Spanien erhielten und direkt danach in Italien praktizieren wollten.

Fischer hat einen anderen Weg gewählt und sich direkt der Zulassungsprüfung zum spanischen Anwalt gestellt. Diese besteht aus schriftlichen und mündlichen Prüfungen und umfasst die Grundprinzipien des spanischen Rechts, etwa zum Arbeits-, Straf-, Zivil- oder Öffentlichen Recht.

Im Jahr 2014 hat Spanien sein System umgestellt. Seitdem erlangen die dortigen Studenten nicht mehr direkt nach ihrem Abschluss die Zulassung, sondern müssen sich ebenfalls dieser Prüfung stellen sowie praktische Erfahrung sammeln. Daher bieten zahlreiche Universitäten Vorbereitungskurse für die Zulassungsprüfungen an. Fischer hat sich darauf seinerzeit noch im Eigenstudium vorbereitet.

Auch Philipp von Wolffersdorff hat es inzwischen ins südliche Spanien verschlagen. Der 43-Jährige ist seit sechs Jahren Partner bei Monereo Meyer Marinel-lo in Madrid. Die Kanzlei startete 1989 mit dem Vorhaben, für deutschsprachige Mandanten in Spanien tätig zu werden und eröffnete Standorte in Barcelona, Madrid und Palma de Mallorca.

LL.M.-Angebot wächst

Von Wolffersdorff entschied sich nach seinem zweiten Staatsexamen in Deutschland für einen Master in Unternehmensrecht an der Universidad de Deusto in Bilbao. Das Programm dauerte zehn Monate und umfasste neben Betriebswirtschaftslehre auch Steuerrecht, Handels- oder Gesellschaftsrecht.

„Gerade die Masterprogramme in Spanien haben schon lange eine international angelegte Aufstellung“, berichtet von Wolffersdorff aus seiner Zeit in Bilbao. Dennoch sind die Kommilitonen überwiegend Spanier. Dies liegt auch daran, dass die Studienzeit in Spanien mit vier Jahren sehr kurz ist und die Absolventen entsprechend jung sind. Vor dem Berufseinstieg absolvieren viele noch einen Master. Auch von Wolffersdorff hat die Erfahrung gemacht, dass ein internationaler Titel wie der LL.M. in Spanien nicht im Vordergrund steht. Doch inzwischen bieten immer mehr Universitäten ein LL.M.-Programm an oder strukturieren ihre Masterabschlüsse zu einem solchen um.

Unterrichtssprache Englisch

Auch in Bilbao gibt es mittlerweile einen LL.M.-Studiengang – und damit verändert sich der Inhalt. Standen früher die spanische Sprache und die Rechtskenntnisse Spaniens in einem Masterstudium im Fokus, legt ein LL.M. naturgemäß das Augenmerk auf Internationalität. So konzipierten einige Universitäten wie etwa die IE Law School in Madrid oder die Universitat Pompeu Fabra in Barcelona LL.M.-Programme, deren Unterrichtssprache Englisch ist.

„Gerade bei internationaler Arbeit ist ein LL.M.-Titel am Ende doch sehr wichtig“, findet Mónica Weimann Gómez, „Für viele junge Leute ist diese Qualifikation mittlerweile beinahe selbstverständlich.“ Die 48-Jährige leitet den German Desk bei der spanischen Kanzlei Gómez-Acebo & Pombo von Madrid und London aus. In der Kanzlei arbeiten rund 260 Anwälte an neun Standorten, darunter Brüssel, Lissabon, London und New York. „Mittlerweile habe ich zu 99 Prozent mit ausländischen Mandanten zu tun, ein LL.M. etabliert sich dort zunehmend als Titel, mit dem jeder etwas anfangen kann“, berichtet sie.

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Deutsche Schule, spanisches Studium: Mónica Weimann Gómez, Partnerin bei Gómez-Acebo, wuchs in Spanien zweisprachig auf.

Denn gerade der LL.M.-Titel sei ein Indikator für Auslandserfahrung und Sprachkenntnisse. Im internationalen Geschäft steht Englisch nach wie vor an erster Stelle. „Sobald ein Spanienbezug besteht, ist ein Abschluss in Spanien natürlich eine gute Wahl“, so Weimann. Die gebürtige Spanierin mit deutschem Vater hat in Madrid eine deutsche Schule besucht und dort mit einem deutschen Abitur abgeschlossen.

„Enormer Unterschied zu Deutschland“

Durch den frühen Kontakt mit der Kultur überlegte sie, auch ein deutsches Jurastudium zu absolvieren, entschied sich letztendlich aber doch für ein Jura- und Betriebswirtschaftsstudium in Spanien. „Das war ein enormer Unterschied zur deutschen Schule“, erinnert sich Weimann an ihre ersten Tage an der spanischen Universität. „Das Lernverfahren war wenig praktisch orientiert und galt oft nur der Reproduktion“, erzählt sie. Daher begrüßt sie die Änderung im spanischen Studiensystem vor rund drei Jahren. Seitdem ist es Teil der juristischen Ausbildung, Praxiserfahrung zu sammeln.

Spanien sei ein guter Standort zum Studieren, die Universitäten haben in den vergangenen Jahren einige Reformen erlebt, so Gómez. „Doch ein Studium in Spanien ist nach wie vor sinnvoller, wenn man auch in Spanien praktizieren will“, ist ihr Fazit. Hinter einem Ergänzungsstudium in Spanien – ob als Masterstudium oder LL.M.-Programm – steht weiterhin primär das Ziel, auch nach dem Studium in Spanien tätig zu sein.

Die Unterschiede bei der Bezahlung sind allerdings gravierend: Haben in Deutschland die Kanzleien Berufseinsteiger schon länger gut bezahlt und seit dem letzten Sommer noch einmal großzügig an der Gehälterschraube gedreht, sieht das auf der iberischen Halbinsel anders aus. Die neue Benchmark der großen deutschen Kanzleien liegt bei 120.000 Euro im ersten Berufsjahr. Bei Cuatrecasas erhält ein Berufseinsteiger im ersten Jahr rund 35.000 Euro.

Allerdings hinkt der Vergleich zur Bezahlung in Deutschland: Die spanische Juristenausbildung ist sehr viel kürzer, für viele erfolgt der Berufseinstieg schon mit Anfang 20. „Die Einsetzbarkeit von jungen Juristen ist ganz anders, entsprechend auch die Bezahlung“, berichtet Fischer aus seiner Erfahrung bei Cuatrecasas.

Lockerer Umgang, wenig formal

„Rational entscheidet man sich für einen Berufseinstieg in Spanien in der Regel nur, wenn man auch einen privaten Beweggrund hat“, so Fischer. „Doch als Nische für die Schnittstelle zwischen Spanien und Deutschland ist das Arbeitsumfeld toll“, erzählt er von seiner Tätigkeit beim German Desks. Ein solches weisen in der Regel vor allem die großen spanischen Wirtschaftskanzleien auf. Bei Monereo Meyer Marinel-lo arbeiten rund 30 deutschsprachige Anwälte in dem Team. „Die Kultur in Spanien unterscheidet sich auch im Arbeitsalltag stark von der deutschen. Weniger formal und ein lockerer Umgang“, sagt von Wolffersdorff. Und steht am Ende das Geld nicht an oberster Stelle, sprechen 316 Tage Sonne im Jahr und fast 5.000 Kilometer Küste auch für sich. <<