Magazin-Artikel
23.07.2020 | Autor/in: Anika Verfürth

LL.M.-Studiengänge in Europa – die Exoten

Alle wollen für ein LL.M.-Studium nach Großbritannien oder in die USA? Stimmt nicht. Gerade in Europa gibt es viele Masterprogramme, die fachlich und kulturell sehr sinnvoll sind, auch wenn sie auf den ersten Blick exotisch anmuten.

Einen Kaffee mit Freunden, Kollegen oder Kommilitonen trinken. Dazu klassischerweise eine Zimtschnecke. Den Tag unterbrechen und Raum schaffen für soziale Kontakte, manchmal 15 Minuten, manchmal eine ganze Stunde: Die schwedische Fika ist wie eine Institution in der Gesellschaft, sie gehört zum Alltag dazu, wird mindestens einmal täglich abgehalten. Sich die Zeit nehmen zu können, um ein Land, seine Leute und seine Kultur kennenzulernen, gehört zu den Vorzügen eines Auslandsstudiums.

„Man muss den Mut haben, auch mal den anderen Weg einzuschlagen“, findet Birthe Rosenberg. Die 31-Jährige ist seit 2017 Associate im Düsseldorfer Büro von Linklaters. Und in ihrem Jahr an der Universität in Stockholm hat sie natürlich nicht nur gelernt, wie die Schweden ihre Fika zelebrieren. „Wir haben zum Beispiel EuGH-Entscheidungen besprochen und jeder Student eine Auslegung des Rechts in seinem Heimatland dargelegt, das erweitert die eigene Perspektive immens.“

Persönliches Interesse entscheidet.

Ein Abschluss, der ins Auge fällt: Auf ihren LL.M. in Stockholm wird Birthe Rosenberg von Linklaters häufig angesprochen.

Zwar machen sich junge Anwälte mit dem Ziel Wirtschaftskanzlei die Entscheidung nicht leicht, welche Zusatzqualifikation sie erwerben wollen. Aber beim LL.M.-Studium ist die erwähnte eigene Perspektive oft etwas begrenzt. Welche ist die beste Universität, die richtige fachliche Spezialisierung, und wo knüpfe ich nachhaltig soziale Kontakte während des LL.M.-Studiums? Colombia, Harvard, Yale, Oxford, Cambridge. Diese und weitere Eliteuniversitäten stehen oft auf der heimlichen Wunschliste, zumindest aber die USA oder Großbritannien als Studienland.

Doch einen Master of Laws bietet inzwischen nahezu jede Universität im In- und Ausland an, die über eine juristische Fakultät verfügt. Das macht die Auswahl nicht einfacher. Nicht selten sorgen auch die kleineren LL.M.-Länder für ein vielfältiges Netzwerk und ein hohes Niveau.
Die kleine Gruppe von rund 18 Studenten des Stockholmer LL.M. in European Law setzte sich in Birthe Rosenbergs Jahrgang aus verschiedensten europäischen Nationalitäten zusammen, aber auch einige Studenten aus China oder Südafrika waren dabei. 

Heute berät die Anwältin zum Kartellrecht, ein Rechtsgebiet, dass eng mit dem EU-Recht und dem europäischen Markt zusammenhängt. „Auch die wirtschaftswissenschaftlichen Aspekte, die der LL.M. vermittelt hat, helfen mir heute in der täglichen Arbeit“, so Rosenberg. Hochkarätige Professoren, unter anderem aus den USA, sorgen in Schweden für ein Lernniveau, das begehrten Eliteuniversitäten in nichts nachsteht. Besondere Erlebnisse wie die Nordlichter, Elchsichtungen oder eine Hundeschlittenfahrt durch eine Wintermärchenlandschaft sind am Ende Extras, die das Jahr zusätzlich besonders machen. Aber auch jetzt im Berufsleben bemerkt Rosenberg, dass ihr LL.M.-Titel mit dem Zusatz Stockholm regelmäßig ein Aufhänger für ein Gespräch ist. „Ein exotischerer LL.M. fällt ins Auge, häufig werde ich darauf angesprochen“, berichtet sie von ihrer Erfahrung.

Schmuckstück für den Lebenslauf.

Genau das ist es, was junge Juristen häufig dazu bewegt, einen LL.M.-Abschluss in die ohnehin schon lange Ausbildung zu integrieren. Er soll den Lebenslauf schmücken, ein Hingucker sein, in einer Bewerbung oder in der Signatur herausstechen. Dass dieser Effekt einem Abschluss in Cambridge und Co. anhaftet, dafür sorgt nicht nur das Versprechen der Universität, eine besonders gute Ausbildung zu bieten. Insbesondere die anderen Studenten im Jahrgang, die künftige Elite, die Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik und natürlich in Kanzleien über den Globus ausfüllen wird – dieses große Netzwerk verleiht einem LL.M. seinen Wert. Es ist üblich, dass die Absolventen miteinander in Kontakt bleiben und damit für ihre Arbeitgeber noch wertvoller sind, indem sie insbesondere zur internationalen Mandatsarbeit einen eigenen Beitrag leisten können.

Doch je nach Fachrichtung ist das unter Umständen gar nicht so wichtig. Vielleicht weil die Kanzlei ohnehin über ein großes internationales Netzwerk verfügt, von dem auch ein junger Associate profitieren kann. Oder aber der Berufseinstieg ist in einem Rechtsgebiet geplant, in dem diese Dimensionen keine Bedeutung haben.

Nach Oslo wegen der Seefahrt.

Auf internationalen Gewässern unterwegs: Felix Goebel von Arnecke Sibeth Dabelstein spezialisierte sich auf das Maritime Wirtschaftsrecht.

Auch deshalb können für ein LL.M.-Studium ganz andere Länder zur Debatte stehen, zum Beispiel Norwegen. Kulinarisch betrachtet wird Norwegen wohl eher mit Fisch als mit Zimtschnecken assoziiert. Und wie ausgiebig die Norweger Kaffee trinken, steht auf einem ganz anderen Blatt. Allerdings war es nicht der Fisch, sondern die Seefahrt, die Dr. Felix Goebel nach Oslo gebracht hat. Schiffe, Werften, Containerfracht. Das sind die Themen, die das Maritime Wirtschaftsrecht spannend machen. Wer in dieser Nische Fuß fassen will, für den lohnt es sich besonders, die Wahl des LL.M.-Programms daran auszurichten. Goebel entschied sich für den LL.M. in Maritime Law an der Universität in Oslo. „Bei der Entscheidung war für mich vor allem die Fachrichtung wichtig und nochmal eine Zeit im Ausland verbringen zu können“, berichtet der 34-Jährige. Die Fachspezialisierung hat sich bei ihm ausgezahlt, mittlerweile ist er Associate bei der auch auf maritime Rechtsfragen spezialisierten Kanzlei Arnecke Sibeth Dabelstein im Hamburger Büro.

„Inhaltlich hilft mir der LL.M. jeden Tag in der Mandatsarbeit. Schiffe fahren mit tausenden Verträgen durch internationale Gewässer, der Master hat mir unfassbar geholfen, dieses System zu verstehen“, sagt Goebel. Während des Studiums wurden er und seine rund 20 Kommilitonen den wichtigsten Unternehmen der Branche vorgestellt – wertvolle Kontakte für das spätere Berufsleben. Aber auch die anderen Studenten sorgten für internationales Flair, er war der einzige Deutsche, es waren Nationen aus der ganzen Welt vertreten, von Hongkong bis Brasilien.

Doch ob nun in Schweden oder in Norwegen, ein Auslandsaufenthalt in Nordeuropa ist teuer. Die Lebenshaltungskosten sind deutlich höher als in Deutschland. Ein Bier für zehn Euro ist der Normalfall, Wohnungen etwa in Stockholm sind Mangelware und fast nicht bezahlbar. Doch im Vergleich zum Studium in den USA oder in Großbritannien, wo allein die Universität schnell mehrere zehntausend Euro für einen Abschluss verlangt, sind skandinavische LL.M.-Programme erschwinglicher. Manchmal reicht sogar schon ein Semesterbeitrag von ein paar hundert Euro aus. „Ich war überrascht, wie modern und gut strukturiert das Studium in Oslo war“, berichtet Goebel. Schon 2013, als er seinen LL.M. dort absolvierte, war die Literaturrecherche voll digital und Klausuren wurden selbstverständlich am Computer geschrieben. Davon können die meisten Studenten in Deutschland nur träumen.

Ähnlich wie Birthe Rosenberg in Schweden hat auch Felix Goebel in Norwegen ein Studium mit hochkarätigen und in ihrem Fach relevanten Professoren erlebt. „Letztlich ist es am wichtigsten, die Wahl nach dem eigenen Interesse am Programm und am Land zu treffen. Dabei sollte man sich nicht blind von dem Namen einer Eliteuni leiten lassen“, betont Rosenberg.

Den direkten Vergleich zwischen einer renommierten englischen Hochschule und einem LL.M. an einem ausgefalleneren Ort kann Dr. Sören Langner ziehen. Der 45-Jährige hat einen LL.M. in Tschechien an der Charles University in Prag absolviert. Zusätzlich war er für ein Semester an der London School of Economics (LSE). „Sicherlich knüpft man an einer klassischen Eliteuniversität Kontakte einer anderen Kategorie“, sagt der Arbeitsrechtler, der heute bei CMS Hasche Sigle Partner im Arbeitsrecht ist. Für ihn ist aber trotzdem das persönliche Interesse an der Stadt, die sich damals in einer spannenden Zeit befand, und der Landeskultur entscheidend für die Auswahl eines LL.M.-Programms gewesen: „Man wird sensibler für andere Kulturen, Lebensarten und vor allem auch für andere Rechtssysteme.“

Englisch ist die Master-Sprache.

Häufig wird der LL.M.-Abschluss von Kanzleien auch als Garantie für besonders gute Englischkenntnisse eines Bewerbers gewertet. Doch dass man Englisch nur im englischsprachigen Ausland lernt, ist in Bezug auf ein LL.M.-Programm nicht die ganze Wahrheit. Ob nun in den USA, in Australien oder in Europa, die rechtswissenschaftlichen Masterprogramme zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass die Studenten aus aller Herren Länder kommen. Deshalb ist Englisch die Sprache der Verständigung untereinander, und die Lehre findet in diesen Programmen selbstverständlich auch nicht in der Landessprache statt. Denn im Zentrum steht der Austausch zwischen Nationen, das Netzwerken und der Rechtsvergleich.

Für Letzteres steht nicht zuletzt das European University Institute in Florenz. Das Hochschulinstitut in der Toskana ist ein Ergebnis der europäischen Idee und wurde seinerzeit unter diesem Stern ins Leben gerufen. Insbesondere der LL.M. in Comparative, European and International Laws zeichnet das Institut aus.

Darüber hinaus bieten zahlreiche andere Universitäten des Landes Masterstudiengänge in Rechtswissenschaften an. So etwa die Universität Mailand, die zuletzt ein neues LL.M.-Programm mit dem Titel ‚Law and Sustainable Development’ einführte. Damit beschreibt sie sich als die erste Universität in Europa, die sowohl wirtschaftliche und soziale Aspekte sowie Umweltschutz und Nachhaltigkeit mit den Rechtswissenschaften verknüpft.