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10.11.2017 | Autor/in: Eva Flick
Themen in diesem Artikel:

Liegen lernen: Großkanzlei ohne Überstunden – kann das sein?

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Linklaters und McDermott Will & Emery rütteln seit diesem Sommer am Grundprinzip einer Großkanzlei: Associates können dort mit einem fixen Stundenvolumen einsteigen. Ohne Überstunden. Kritiker sind sich sicher: Das wird nicht funktionieren.

Von Eva Flick

Wenn Justus Jobski um 18.30 Uhr noch an seinem Schreibtisch hockt, setzt es eine freundliche Erinnerung. Vom Chef oder vom Kollegen aus dem Nachbarbüro. Er solle nach Hause gehen, heißt es dann, die halbe Überstunde, die er gerade geschoben hat, bald wieder ausgleichen. ­Jobskis Arbeitszeit umfasst genau 40 Stunden. Sie beginnt um 9 Uhr und endet um 18 Uhr. Wie in einer ordentlichen Behördenstube üblich. Nur dass der 27-Jährige mitnichten in einer Behörde sitzt, sondern in der schicken Taunusanlage 8 bei Linklaters in Frankfurt. Zum 1. August hat er dort als Associate angefangen. Praxisgruppe: Gesellschaftsrecht und M&A.

Jobski ist ein sogenannter ‚Yourlink‘ und für die Kanzlei die personifizierte Nagelprobe. Wenn es bei ihm klappt, klappt es überall, so das Kalkül der Kanzleistrategen. Er ist Associate im Team von Dr. Sebastian Daub und fokussiert sich damit auf M&A und vor allem auf Private-­Equity-Transaktionen. Ein Geschäft, das ­durchgearbeitete Nächte mit sich bringt, nicht planbar ist (▷Großwildjäger, S. 16), geprägt von teils ­extremem Zeitdruck. Trotzdem soll Jobski täglich pünktlich den sprichwörtlichen Stift ­fallenlassen.

Festes Stundenbudget

Jobski_Justus

Alle Augen sind auf ihn gerichtet: Justus Jobski ist bei Linklaters der erste Associate, der mit festgelegter ­Stundenzahl in Gesellschaftsrecht und M&A berät.

Mit Yourlink hat Linklaters im Sommer dieses Jahres ein alternatives Karrieremodell auf die Beine gestellt, das im Markt für reichlich Diskussionsstoff sorgt. Die Grundzüge des Modells sehen so aus: Der Arbeitsvertrag legt ein festes Stundenbudget fest. An welchen Tagen dieses wie abgearbeitet wird, variiert je nach Team und Praxisgruppe und wird im Vorfeld detailliert festgelegt. Überstunden sind ausdrücklich nicht vorgesehen. Die Yourlinks arbeiten an denselben Mandaten wie die Associates mit den klassischen Verträgen, genießen dieselbe Ausbildung und können ebenfalls – wenn auch mit zeitlicher Verzögerung – zum Managing Associate oder Counsel aufsteigen. Der Weg in die Partnerschaft bleibt ihnen versperrt. Wollen sie doch Partner werden, müssen sie auf den herkömmlichen Weg wechseln. Die Berechenbarkeit der Arbeitszeit hat ­ihren Preis: Statt des bei Linklaters üblichen Einstiegsgehalts von 120.000 Euro kassieren sie ein Drittel weniger. Mancher Partner tituliert sie deswegen auch mitunter als „die 80er“.

Linklaters rüttelt damit am grundsätzlichen Geschäftsprinzip der transaktionsgetriebenen Großkanzlei: Wirtschaftskanzleien, vor allem solche, die wie Linklaters auf großvolumige Transaktionen abonniert sind, sind Dienstleister. Viel Arbeiten gehört nahezu überall zum Berufsverständnis. Wer hier einsteigt, arbeitet weitaus mehr als der Rest der Bevölkerung. 54 Wochenstunden kamen 2016 laut azur-Associateumfrage durchschnittlich zusammen, bei Linklaters waren es sogar mehr als 56 Stunden.

Doch in den vergangenen Jahren haben sich die Ansprüche der jungen Juristen verändert. Nicht mehr alle sind bereit, ihr gesamtes Leben dem Beruf unterzuordnen. Nicola von Tschirnhaus (43), Senior Recruitment Manager bei Linklaters, unterteilt die potenziell für die Kanzlei interessanten Nachwuchsanwälte in zwei Gruppen: „Für die einen macht es den Reiz aus, sich voll und ganz auf spannende Mandate einzulassen. Arbeitszeiten mit Belastungsspitzen gehören für sie dazu. Solche Leute haben sich immer bei uns beworben“, erzählt sie. „Die anderen reizen unsere Mandate ebenfalls, aber sie möchten auch Zeit für andere Themen haben, ob Familie, Freizeit oder auch zusätzliche Ausbildungen. Und für diese Kandidaten kamen wir früher nicht in­frage.“ Wenn man aber die besten Nachwuchsjuristen gewinnen möchte, könne man es sich nicht leisten, auf eben diese Leute zu verzichten.

Rund um die Uhr. Was sonst?

„Solche wollen wir doch gar nicht“, betonen dagegen die strikten Kritiker. Sie gehören nicht selten zu der Generation, für die es noch undenkbar war, im Vorstellungsgespräch ganz offen nach freien Wochenenden zu fragen. „Wir sind ein freier Beruf und keine Angestellten“, ist zu hören. „Natürlich sind wir für Mandanten rund um die Uhr verfügbar. Das gehört doch dazu.“ Mancher macht auch direkt kurzen Prozess: Nachwuchsanwälten, die ständig pünktlich nach Hause wollen, warum auch immer, fehle halt das richtige Anwaltsgen. Punkt.

Eine gewagte Ansage, bei der mancher Arbeitsrechtler schon die Aufsichtsbehörden vor der Tür stehen sieht. Schließlich trete man mit der Aussage an die Öffentlichkeit, dass die Kanzlei mit einem Modell wirbt, das für 40 Stunden ein Drittel weniger bezahlt als üblich, eine Art Teilzeit also. Da könne sich jeder mit einfachem Dreisatz ausrechnen, wie viele Stunden ein klassischer Associate im Einsatz ist.

Modell mit fixen Stunden

Wenn Volker Teigelkötter, Partner im Arbeitsrecht bei McDermott Will & Emery, dieses Argument hört, wird er energisch. „Das ist komplett falsch“, sagt der 49-Jährige mit Nachdruck. Seine Kanzlei bietet seit diesem Jahr ebenfalls ein Arbeitsmodell mit fixer Stundenzahl an. Zwischen 35 und 38,5 Stunden können Associates, ähnlich wie bei Linklaters, vertraglich verein­baren. Das Gehalt liegt zwischen 68.000 und 75.000 Euro pro Jahr, während Associates mit klassischen Verträgen zwischen 115.000 und 125.000 Euro pro Jahr kassieren.

Teigelkötter_Volker

Zwei Vollzeit-Varianten: Volker Teigelkötter, Partner bei McDermott Will & Emery, widerspricht energisch, wenn das neue Arbeitsmodell der Kanzlei als Teilzeitprogramm titutliert wird.

„Das ist aber keine Teilzeit“, betont Teigelkötter. „Wir bieten zwei Vollzeit-Arbeitsverhältnisse an.“ Das eine ist klassisch und basiert auf einer Vertrauensarbeitszeit, für die selbstverständlich ebenfalls das Arbeitszeitgesetz gelte, nach dem jeder Arbeitnehmer von montags bis samstags bis zu zehn Stunden arbeiten darf. Im neuen Modell dagegen wird innerhalb festgelegter Zeiten gearbeitet. „Natürlich wollen wir attraktiver sein als der öffentliche Dienst und bezahlen entsprechend mehr“, erklärt Teigelkötter. „Aber wir bezahlen keine Flexibilität, die das klassische Modell voraussetzt und letztlich finanziell honoriert.“

Stundenzahl ist in Stein gemeißelt

Wie bei Linklaters soll auch bei McDermott die geleistete Wochenstundenzahl in Stein gemeißelt sein. Im M&A stellt sich Teigelkötter eine Art Schichtbetrieb vor. Dass die Hälfte der Associates eines Teams mit festen Arbeitszeiten ausgestattet ist, hält er durchaus für organisierbar. In der Praxis bewiesen hat es sich aber noch nicht. Am 1. Oktober begann die erste Associate im Arbeitsrecht mit diesem für die Kanzlei neuen Stundenmodell. „In der arbeitsrechtlichen Praxis ist eine gewisse Planbarkeit durchaus gegeben“, betont er. Seiner Meinung nach spräche doch nichts dagegen, dass ein Associate eben keine zehn Dinge am Tag erledige, sondern nur fünf. Ein Mandant müsse im Idealfall gar nicht bemerken, dass jemand nicht rund um die Uhr verfügbar sei. Im Wesentlichen sei das vor allem Organisationsaufwand.

Wie man den in der Praxis hinkriegen kann, zeigt Dr. Matthias Scheck. Er ist Associate der ersten Stunde auf dem sogenannten ‚Alternative Track‘ bei Baker & McKenzie, der diesen Sommer bereits seit drei Jahren bestand. Der heute 35-Jährige stieg im Juni 2012 bei Baker in der IT-Praxis ein. Damals noch – wie alle – mit einem klassischen Vertrag in der Tasche. Ins Grübeln kam er erst, als im Frühjahr 2014 seine Tochter auf die Welt kam und er feststellen musste, dass Kanzlei- und Familienleben nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen sind.

„Volles Spektrum an Mandanten“

Als Baker nahezu zeitgleich den Alternative Track aus der Taufe hob, war Scheck schnell überzeugt von dem Modell und wechselte den Vertrag. Überzeugt davon ist er bis heute. „Von der eigent­lichen Arbeit her merke ich keinen großen Unterschied“, betont er. „Mir war es wichtig, dass ich weiter das volle Spektrum an Mandanten bearbeite.“ Das ist ihm gelungen, auch, weil er seine Arbeit anders organisiert als früher. Es sei eine Frage der Prioritäten. „Ich muss mich fragen, welche Deadline realistisch ist, ich muss Erwartungen steuern.“

Mandanten gegenüber sei es normalerweise gar nicht nötig, das Thema überhaupt anzuschneiden. In Deutschland ist die Kommunikation in seiner regulären Arbeitszeit sowieso kein Problem, wenn es Mandanten von der Ostküste der USA sind, ebenfalls nicht. „Bei Mandanten von der US-Westküste ist es mit der Zeitverschiebung schon schwieriger, aber das kriegt man auch hin“, erzählt Scheck. Auf längere Sicht kann er bei Baker zum Counsel aufsteigen. Um Partner zu werden, müsste er auf den regulären Track wechseln. Aber ob er das eines Tages tun wird, weiß er noch nicht. Inzwischen hat er zwei Töchter und die festen ­Arbeitszeiten kommen ihm immer noch zupass.

Keine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Dazu trägt auch bei, dass die Zusammenarbeit mit den Kollegen genauso gut funktioniert wie früher. „Natürlich hatte ich Bedenken, auf ein Gleis abgestellt zu sein“, beschreibt er seine Zweifel. Aber das hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Die Reaktionen, die ihm entgegenschlugen, war kein ‚Wie kannst Du nur?‘, sondern vielmehr ein ‚Hätte ich genauso gemacht‘. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Associates – ebenfalls ein Argument, das Kritiker immer wieder gerne anführen – kann er nicht feststellen.

Scheck_Matthias

Auf die Prioritäten kommt es an: Bei Baker & McKenzie arbeitet Matthias Scheck bereits seit drei Jahren auf dem ‚Alternative Track‘.

Bei Pionier Baker & McKenzie konnte sich das Modell trotzdem noch nicht großflächiger durchsetzen: Von den im August 109 Associates in den deutschen Büros arbeiten sieben Associates auf dem alternativen Track, wobei vier von ihnen, wie Matthias Scheck, darauf gewechselt sind und drei sich von Anfang an dafür bewarben. Immerhin hat Baker damit ein Modell erschaffen, das bis zu dem Zeitpunkt bei Großkanzleien als undenkbar galt. „Auch wir hätten das schon vor drei oder vier Jahren einführen können“, gibt Teigelkötter von McDermott zu. Aber die Branche sei eben nicht die schnellste. Er fügt hinzu – und das dürfte der springende Punkt sein: „Dafür musste auch erst ein Umdenken bei manchem Partner stattfinden.“

Das stellte Nicola von Tschirnhaus bei Link­laters vor einigen Jahren ebenfalls fest. „Die Idee dazu ist bei uns über einen längeren Zeitraum gereift“, berichtet sie. Sie vergleicht das mit dem Bedürfnis nach Teilzeit oder der Elternzeit für Väter. „Das hatte vor fünf Jahren auch noch Seltenheitswert“, meint sie. Zumindest die ersten Zahlen der Initiative sind vielversprechend. Die Yourlinks sind bei Linklaters seit dem 1. August am Start – und zwar quer durch die Praxisgruppen: im Kartellrecht genauso wie im Steuerrecht, im Immobilienrecht und im TMT. Und eben Justus Jobski im Gesellschaftsrecht und M&A. In Summe waren es bis zum Redaktionsschluss vier Männer und eine Frau, die direkt auf Grundlage dieses Modells bei Linklaters einstiegen. Ein weiterer Anwalt, der jetzt noch als klassischer Associate unterwegs ist, möchte wechseln.

Suche nach Hochqualifizierten

Warum die Yourlinks sich für diesen Weg entschieden haben, ist unterschiedlich, spielt am Ende – so betont es von Tschirnhaus – aber keine Rolle. Die kritischen Stimmen werden spätestens dann verstummen, wenn die Rechnung aufgeht: Wenn nämlich die hochqualifizierten Associates bei Link­laters anfangen, die sich sonst wegen der ­Arbeitszeiten nie beworben hätten.

Außerdem könnte auch noch das passieren, was die Befürworter der alternativen Arbeitszeitmodelle prognostizieren: „Wer erst einmal bei ­einem richtig interessanten Mandat dabei ist, der will doch sowieso nicht pünktlich nach Hause ­gehen. Der will dabei bleiben und wird früher oder später auf einen klassischen Vertrag wechseln wollen.“

Im Falle von Justus Jobski könnten diese ­Befürworter durchaus richtig liegen. „Ich studiere noch BWL“, erzählt er. Vollzeit. Eigentlich hatte er sich darauf eingestellt, maximal als wissenschaftlicher Mitarbeiter nebenher arbeiten zu können. Wie nach seinem Ersten Staatsexamen, als er ­bereits bei Freshfields Bruckhaus Deringer war. „Umso glücklicher bin ich jetzt über diese ­Möglichkeit. Das kam für mich genau zur ­richtigen Zeit.“ Drei BWL-Semester hat er schon im Kasten, noch weitere drei Semester braucht er bis zum Bachelor. Eines steht für ihn aber jetzt schon fest: „Anschließend bin ich komplett ­verfügbar.“ <<<