Magazin-Artikel
18.10.2021 | Autor/in: Johanna Heidrich

Lehrjahre im Westen: Das Referendariat in NRW

Nordrhein-Westfalen ist das einzige Bundesland, das monatlich Referendare einstellt. Mit einer geschickten Auswahl der Stationen können angehende Juristen ihre Spezialisierung voranbringen. Doch das Examen darf am Ende keiner auf die leichte Schulter nehmen.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland befinden sich jährlich tausende angehende Juristen im Referendariat. 2020 waren es mehr als 2.900. Der sogenannte juristische Vorbereitungsdienst ist für sie streng durchgetaktet. Parallel zur praktischen Ausbildung – etwa bei Gericht oder in einer Kanzlei – besuchen die Referendare wöchentliche Arbeitsgemeinschaften. Daneben müssen sie den Stoff für das Examen selbstständig wiederholen.

So gelingt der Einstieg ins Referendariat

Um in das Referendariat einzusteigen, müssen sich Jurastudierende nach dem bestandenen ersten Staatsexamen in einem der drei Oberlandesgerichtsbezirke – Köln, Düsseldorf und Hamm – bewerben. Zusätzlich zu dem Nachweis über das bestandene Examen müssen sie bei der Bewerbung Unterlagen wie die Geburtsurkunde oder ein Führungszeugnis einreichen.

„Anschließend werden sie einem der Landgerichte Aachen, Bonn oder Köln als Stammdienststelle zugewiesen“, erklärt Dr. Matthias Nordmeyer. Er ist neben seiner Tätigkeit als Richter am 8. Zivilsenat des Oberlandesgerichts (OLG) Köln Ausbildungsleiter am Justizprüfungsamt. In dieser Funktion ist er unter anderem für die Organisation des juristischen Vorbereitungsdienstes verantwortlich. In den beiden anderen OLG-Bezirken gibt es jeweils andere Ausbildungsgerichte. Besonders beim OLG-Bezirk Hamm ist die geografische Ausdehnung groß. Die Noten aus dem ersten Staatsexamen spielen bei der Bestimmung der Stammdienststelle keine Rolle: „Wir teilen die Bewerber nach ‚pflichtgemäßem Ermessen‘ zu. Dabei achten wir unter anderem darauf, wo sie wohnen, ob sie Familie oder Kinder haben und wie lang die Fahrtzeit zur Stammdienststelle ist“, sagt Nordmeyer.

Bevor Referendare in NRW in ihre Ausbildung einsteigen können, müssen sie sich allerdings auf eine Wartezeit einstellen. Im Gerichtsbezirk Hamm beträgt diese derzeit etwa drei, in Köln fünf bis sechs Monate. Nordmeyer zufolge liegt das daran, dass es mit Köln und Bonn zwei große juristische Fakultäten und damit viele Bewerber gibt. Die Wartezeit lasse sich etwa durch Praktika oder Auslandsaufenthalte überbrücken.

Feste Stationen im Referendariat

Hat das Referendariat schließlich begonnen, ist die zeitliche Abfolge der fünf Stationen, die die Nachwuchsjuristen innerhalb von 24 Monaten durchlaufen, immer gleich. Ausnahme: „Wenn vernünftige Gründe vorliegen, können sie die Verwaltungs-, Rechtsanwalts- und Wahlstation zeitlich tauschen“, sagt Nordmeyer. Denkbar sei etwa, dass jemand im Rahmen der Verwaltungsstation die Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer besuchen wolle, an der das Semester immer entweder am 1. Mai oder 1. November beginnt. Insgesamt acht Monate dürfen Referendare zudem im Ausland verbringen. Diese Zeit können sie auf die verschiedenen Stationen aufteilen. Laut Nordmeyer ist es am gängigsten, Deutschland für die Verwaltungs- oder Wahlstation zu verlassen. Zudem absolvierten einige die Verwaltungsstation etwa bei einer Bundesbehörde in Berlin.

Wer sich zusätzlich zu der Unterhaltsbeihilfe in Höhe von derzeit rund 1.325 Euro etwas dazuverdienen möchte, darf maximal zehn Stunden in der Woche im Rahmen einer Nebentätigkeit arbeiten. „Zur Profilbildung und als Plus im Lebenslauf kann das durchaus sinnvoll sein,“ sagt Nordmeyer. Zusätzlich zahlen die Arbeitgeber der Rechtsanwalts- oder Wahlstationen zum Teil Zusatzvergütungen. Bei der Top-Zahlerin Latham & Watkins beläuft sich diese laut azur100-Recherche auf bis zu 5.500 Euro monatlich. Diese stolze Summe ist jedoch eher hypothetisch. Was finanziell geht, muss zwischen Referendar, Ausbildungsstelle und Besoldungsamt genau abgestimmt werden.

Theorie gemischt mit Praxis.

An den unterschiedlichen Stationen arbeiten alle Referendare mit einem Einzelausbilder zusammen. Bei der Zivilstation ist das meist ein Zivilrichter, bei der Strafstation ein Staatsanwalt. Von ihm bekommen die angehenden Juristen zum Beispiel Akten zur Bearbeitung, die der Ausbilder anschließend benotet. Auch an mündlichen Verhandlungen nehmen sie teil. Bei der Staatsanwaltschaft etwa ist es üblich, dass Referendare für Sitzungsvertretungen eingesetzt werden. Darin übernehmen sie die Aufgaben des Amtsanwaltes in Verfahren, in denen es etwa um Diebstahls- und Betrugsdelikte geht.

Flankiert wird die praktische Ausbildung von den Arbeitsgemeinschaften, die in der Regel einmal wöchentlich für circa vier Stunden stattfinden. In dem Rahmen schreiben die angehenden Juristen regelmäßig Klausuren und halten Aktenvorträge. Für die einzelnen Stationen – und zwar sowohl für die Praxisausbildung als auch für die Ausbildung in der AG – bekommen sie zwar jeweils Zeugnisse, jedoch fließen diese nicht in die Examensnote ein. „Die Bewertung soll in erster Linie den Leistungsstand widerspiegeln – vor allem, damit die Referendare sich selbst besser einschätzen können“, sagt Nordmeyer. Allerdings lägen die Zeugnisse dem Prüfungsausschuss in der mündlichen Prüfung vor. Außerdem würden viele Arbeitgeber sie bei der Bewerbung sehen wollen.

Die Stationen im Referendariat in NRW

1. Zivilstation (5 Monate)
3. Strafrechtsstation (3 Monate)
2. Verwaltungdbehörede (3 Monate)
4. Anwaltsstation (9 bzw. 10 Monate)
Schriftliche Prüfungen
6. Wahlstation (3 Monate)
Mündliche Prüfung

6 Tipps zur Planung des Referendariats in NRW

  • Wartezeit einplanen (im Gerichtsbezirk Hamm ca. 3 Monate, in Köln ca. 5)
  • Semesterbeginn an den Unis für die Reihenfolge der Stationen beachten
  • Eventuelle Zusatzvergütung bei der Anwalts-/Wahlstation abklären
  • Die Bewerbung für Verwaltungs-, Anwalts- und Wahlstation ein halbes bis ganzes Jahr im Voraus planen, um beim Wunscharbeitgeber zu landen
  • Von Anfang an konsequent parallel für die Klausuren lernen
  • Bei der Anwaltsstation auf das Angebot eines Examensseminars achten

Die Stationen ein halbes Jahr im Voraus planen

Wer im Referendariat bei seinem Wunscharbeitgeber landen will, sollte sich rechtzeitig darum kümmern. Für die Verwaltungs-, Anwalts- und Wahlstation müssen sich Referendare selbst bewerben. Dabei ist empfehlenswert, ein halbes Jahr bis ein Jahr im Voraus alles dafür in die Wege zu leiten. Laut Nordmeyer ist es sinnvoll, auch den späteren Berufseinstieg bereits im Blick zu haben: „Wer etwa schon weiß, dass er später einmal im Bereich M&A arbeiten möchte, sollte überlegen, ob er die Rechtsanwalts- oder Wahlstation bei einer entsprechenden Kanzlei oder in einem Unternehmen absolviert.“ Bei einer späteren Bewerbung könne dies von Vorteil sein.
Zudem können alle Referendare in NRW die zehnmonatige Anwaltsstation aufteilen. Dies bietet ihnen die Möglichkeit, mehrere Arbeitgeber – zum Beispiel eine Kanzlei und ein Unternehmen – kennenzulernen.

Genügend Zeit fürs Lernen

Zusätzlich zur Praxis sind die Klausurwochen ein wichtiger Teil der Anwaltsstation. Dabei müssen Referendare in NRW innerhalb von vier Wochen jeweils vier Klausuren schreiben. 16 Klausuren vorzubereiten, kostet Zeit. Auch die AG findet in der letzten Station vor der schriftlichen Prüfung häufiger statt als zuvor.
Wer erst in dieser Phase beginnt, die prüfungsrelevanten Inhalte zu wiederholen, ist laut Nordmeyer zu spät dran: „Das Examen kommt schneller, als man denkt. Dann muss man das Wissen für acht Klausuren in drei Rechtsgebieten innerhalb von zwei Wochen präsent haben.“ Ein von Beginn an kontinuierliches Lernen sei daher notwendig. Dabei sei es wichtig, sich nicht nur auf den in den Arbeitsgemeinschaften vermittelten neuen Stoff im Verfahrensrecht zu konzentrieren, sondern auch das materielle Recht zu wiederholen. Zwar sind im Examen Kommentare zugelassen, aber sich ausschließlich darauf zu verlassen, sei gefährlich.
Manche Arbeitgeber bieten zur Examensvorbereitung Seminare an, etwa von Alpmann Schmidt oder von Kaiser. Bereits bei der Auswahl der Anwaltsstation können Referendare auf solche Angebote von potenziellen Arbeitgebern achten.

Die Klausuren kommen am Ende

Die Examensklausuren liegen schließlich im 21. Monat des Referendariats und damit in den letzten Wochen der Anwaltsstation. Geschrieben werden insgesamt acht Klausuren in zwei Wochen. Dabei handelt es sich um zwei Strafrechtsklausuren, zwei im Öffentlichen Recht und vier Zivilrechtsklausuren. Darauf folgen die Wahlstation und schließlich das mündliche Examen. Diese letzte Prüfung steht im 26. Monat des Referendariats an und besteht aus einem Aktenvortrag und einem Prüfungsgespräch. Wenn sie bestehen, stehen den Referendaren anschließend alle Türen offen.