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19.11.2020 | Autor/in: Antje Neumann

Kreativ, effizient, technikaffin: Anwälte müssen mehr können als Jura

Wie sieht die Arbeitswelt der Juristen in zehn Jahren aus? Legal Operations zum Beispiel wird eine immer größere Rolle spielen, das zeigen die Beobachtungen im heutigen Anwaltsmarkt. Auch für die eigene Karriere spielen die aktuellen Trends eine Rolle und können etwa die Richtung der Ausbildung beeinflussen. In der JUVE-Redaktion haben wir einen Blick in die Glaskugel geworfen und Thesen für das Jahr 2030 aufgestellt. 

Im Jahr 2030 …

… werden Legal-Operations-Spezialisten besser bezahlt als Junganwälte.

liegt der Anteil der Volljuristen in Rechtsabteilungen bei nur noch knapp 50 Prozent.

…. wollen die kreativsten Köpfe nicht mehr in die Großkanzleien, sondern gründen Legal-Tech-Start-ups und bieten virtuelle Rechtsberatung.

Viele Rechtsabteilungen stecken schon jetzt mitten in Projekten, um ihre Abläufe zu digitalisieren und Standardvorgänge zu automatisieren. Effizienter werden lautet die Devise. Und weil viele Unternehmen für 2021 tiefrote Zahlen fürchten, hat sich dieser Trend spürbar verstärkt. Die Entwicklung erfasst dabei auch Tätigkeiten, die traditionell Juristen erledigt haben: Verträge entwerfen, rechtliche Risiken identifizieren oder die Honorare der Kanzleien im Blick behalten – diese Aufgaben werden heute unter dem Begriff Legal Operations digitaler und effizienter gestaltet.

Zwar steckt diese Entwicklung heute noch in den Anfängen, doch haben sich schon Ausbildungsinitiativen entwickelt, um Juristen das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben. Den Auftakt machte Mitte diesen Jahres eine Kooperation zwischen der Bucerius Law School und externen Beratern. Und auch wenn Legal-Operations-Profis nicht immer nur Juristen sind, werden sie zunächst dünn gesät bleiben, zumal Rechtsabteilungen und Kanzleien gleichermaßen um sie werben. Das wird die Gehälter in die Höhe treiben. (Zum Artikel: Wie lernt man eigentlich Legal Operations?)

Rechtsabteilungen strukturieren sich neu

Schon 2020 beschäftigen Rechtsteams in Deutschland im Schnitt neben elf Volljuristen insgesamt acht Mitarbeiter anderer Qualifikation. In zehn Jahren, so die zweite These, wird eine enge Zusammenarbeit mit IT-Experten, Supply-Chain-Managern, Pricing-Experten und Organisationsspezialisten in der Rechtsabteilung selbstverständlich sein.

Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie viele bekannte Unternehmen wie Tui oder Adidas kalt erwischte und diese schnelle Finanzspritzen brauchten, trat die KfW auf den Plan. Die Rechtsabteilung der staatlichen Kreditanstalt konnte bei dem Ansturm ihre Rolle hervorragend bewältigen, denn sie hatte ihre Struktur im Vorjahr nach einer Bedarfs- und Prozessanalyse besser aufgestellt. Inzwischen gilt sie als ein Beispiel für den Erfolg von Legal Operations. Auch die Rechtsabteilungen in Unternehmen wie Bosch, Siemens Healthineers, Vaillant, BASF und Deutsche Telekom haben in jüngerer Zeit intensiv Legal-Operations-Projekte aufgesetzt.

Neue Kompetenzen stärker nachgefragt

Exzellentes juristisches Fachwissen bleibt Kernziel des Studiums. Doch werden in der praktischen Arbeit von Anwälten in Kanzleien und Unternehmen Kreativität, IT-Kompetenz und Initiative eine immer größere Rolle spielen. Dass an der Spitze des vielleicht expansivsten deutschen Tech-Start-ups Bryter ehemalige Associates aus Großkanzleien stehen, unterstreicht den Trend. 2020 gab es sogar erstmalig einen Spin-off aus dem Legal-Tech-Lab einer Kanzlei. Es bleibt also spannend, welche Trends von heute sich bis zum Jahr 2030 durchgesetzt haben werden und welche vielleicht längst in Vergessenheit geraten sind.  

Alle 30 Thesen für das Jahr 2030 findet ihr hier:

Neue Normalität – 10 Thesen für Kanzleien  

In der Mitte angekommen – 10 Thesen für Unternehmen

Stille Machtübernahme – 10 Thesen für Legal Operations