Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Eva Flick

JUVE Insider: Minischritte

Die Frauenquote in Kanzleien bleibt auf niedrigem Niveau. Eine Verbesserung ist in Sicht – irgendwann.

Von Eva Flick

„Wir haben das noch nicht hingekriegt. Obwohl der Druck echt groß ist“, stellt ein Partner einer US-Kanzlei resigniert fest. Als Raucher nach draußen verdammt, friert er im winterlichen Köln in einem Innenhof, zieht an der Kippe, nippt am Wein, während seine Kollegen drinnen gerade das Buffet stürmen. Sein Gegenüber, Partner bei einer britischen Kanzlei und schon beim Kaffee angekommen, kann ihm nur zustimmen. „Bei uns ist es genauso.“ Das mit den Frauen, das kriegen sie nicht hin. Verdammt.

Die Frauenquote in der Kanzleiwelt bleibt nahezu konstant auf niedrigem – teilweise verschwindend geringem – Niveau und das seit Jahren. Die Zahlen sprechen eine ernüchternde Sprache, vor allem in den großen Sozietäten, aber nicht nur dort. Ein Vergleich von fünf Großkanzleien gibt einen vielsagenden Einblick. Als Beispiele – und man könnte auch zahlreiche andere wählen – mögen die Magic-Circle-Kanzleien Clifford Chance, Freshfields Bruckhaus Deringer und Linklaters einerseits und die deutschen Top-Einheiten Hengeler Mueller und Gleiss Lutz andererseits herhalten.

Laut der aktuellen Arbeitgeberbefragung für azur100 hatte von diesen Kanzleien Clifford Chance die meisten Frauen beschäftigt, insgesamt 37 Prozent, bei Linklaters waren es 27 Prozent, bei Freshfields 26 Prozent. Hengeler kommt auf 28, Gleiss auf 32 Prozent.

Pi mal Daumen ist demnach quer über alle Hierarchiestufen hinweg jeder dritte Anwalt eine Frau. Okay, möchte man meinen, das sind zwar keine berühmten Werte, aber es geht ja eigentlich noch. Angesichts schlechter Vorbilder wie der nur mit Männern besetzten Führungsspitze von Horst Seehofers Innenministerium ist die deutsche Gesellschaft ja im Frühjahr 2018 Kummer gewohnt.

Verhältnis 9:1

Doch wohlgemerkt: Diese Zahlen geben den allgemeinen Frauenanteil wieder, quer durch alle Hierarchiestufen. Aber wer hat das Sagen in Kanzleien? Die Equity-Partnerschaft. Und die ist traditionell wesentlich männlicher geprägt.

Auch hier schneidet Clifford Chance 2017 noch am besten ab – und das mit einem Partnerinnenanteil von gerade einmal 13,8 Prozent. Alle anderen dümpeln in noch seichteren Gewässern: Linklaters 9,5 Prozent, Freshfields 9,2 Prozent, Hengeler 9,5 Prozent und Gleiss hat mit 10,2 Prozent immerhin die Zehnerschwelle überwunden. So sitzen heute neun Männer einer Frau in den Kanzleipartnerschaften gegenüber.

Das Ernüchternde ist obendrein, dass sich diese Zahlen in den vergangenen Jahren nur marginal verändert haben. Nehmen wir die Kanzleiangaben aus dem Jahr 2008. Auch damals schon war Clifford der Einäugige unter den Blinden mit einer Gesamtfrauenquote von 35 Prozent, Linklaters kam auf 26 Prozent, Freshfields und Hengeler auf 28 Prozent, Gleiss auf 31 Prozent.

Da ist es keine Überraschung, dass auch der Blick auf die Equity-Partnerschaft sehr ähnliche Ergebnisse beschert wie 2017. Getan hat sich so gut wie nichts bei Clifford, Freshfields, Linklaters und Gleiss. Nur Hengeler kann eine sensationelle Steigerung von fast 300 Prozent vermelden. Das war allerdings auch nicht so schwierig: 2008 betrug der Frauenanteil in der Equity-Partnerschaft sehr überschaubare 3,5 Prozent. Mit 9,5 Prozent 2017 hat Hengeler auf das niedrige Niveau der Wettbewerbern zumindest aufgeschlossen.

Dabei ist es nicht so, dass die Kanzleien in den vergangenen Jahren nichts getan hätten, um mehr Frauen auf der Karriereleiter nach oben zu befördern. Kaum ein Managing-Partner hatte das Thema bei Dienstantritt nicht auf der Agenda, es gibt Frauen-Coachings, Frauen-Stammtische, Frauen-Diskussionsrunden, Frauen-Veranstaltungen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Doch nachweislich genutzt hat es kaum etwas.

Sie bemühen sich

Alle Kanzleien verlieren trotz ihrer Anstrengungen vielversprechende Anwältinnen auf dem Weg nach oben. Da hilft es auch nichts, dass immer mehr Kanzleien versuchen, die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere zu verbessern. Beispiel Clifford Chance: Früher als alle anderen mietete sie im Frankfurter Büro eigene Räume für den kanzleieigenen Kindergarten. Eine Einrichtung, die sich im zehnten Jahr ihres Bestehens großer Beliebtheit erfreut. Schließlich vereinfacht es die alltägliche Logistik junger Eltern ungemein, wenn die Kinder nicht auch noch mehrere Straßenblocks entfernt weggebracht und abgeholt werden müssen.

Und Clifford hatte schon 2008 – anders als Hengeler – mehr Frauen in der Partnerschaft, die
als Vorbild herhalten konnten, wie die Immobilienspezialistin Cornelia Thaler und die Finanzierungsexpertinnen Barbara Mayer-Trautmann und Alexandra Hagelüken (inzwischen bei Latham & Watkins). Hagelüken war 2006 Partnerin geworden. Und nach ihr kam … lange nichts. Trotz aller Programme und Bemühungen dauerte es ganze zwölf Jahre, bis Clifford Chance es 2018 in Deutschland schaffte, weitere Frauen – und gleich zwei – in die Partnerrunde zu heben.

Die Erklärung, die landauf, landab stets herhalten muss für das Rätsel, warum es nicht mehr Frauen in die Partnerschaft schaffen, lautet im Wesentlichen immer gleich: „Wir wollen die Besten in der Partnerschaft. Dabei ist es unerheblich, ob es ein Mann oder eine Frau ist.“ Warum das aber von je her viel öfter Männer als Frauen waren, darauf weiß niemand eine Antwort. Zumal sich längst herumgesprochen hat, dass Frauen tendenziell die besseren Examen erzielen, auf jeden Fall aber deutlich mehr als die Hälfte der Juraabsolventen stellen.

Kanzleien wie Clifford konnten Bewerberinnen immer glaubhaft vermitteln, dass es bei ihnen auch Praxisgruppen gibt, die von Frauen/Partnerinnen geleitet werden. Das können viele – vor allem auch kleinere Kanzleien – nicht. Denn wer sich über die schlechte Frauenquote bei Großkanzleien beschwert, muss nicht denken, dass es in kleineren Kanzleien immer besser aussieht. Mitnichten.

Die Kleinen sind kaum besser

Beispiel Spin-offs. Beschließen mehrere Associates einer Großkanzlei, künftig lieber selbstständig agieren zu wollen, sind das häufiger Männer als Frauen. Für Aufsehen sorgte etwa die Kanzlei Greenfort. 2005 kehrten Associates von Freshfields und Hengeler ihrer Heimatkanzlei den Rücken, um fortan als Corporate-Boutique selbst das Ruder in der Hand zu haben. 2018 besteht ihre Partnerschaft noch immer nur aus Männern – auch wenn sich die Frauenquote insgesamt hier ebenfalls bei rund einem Drittel eingependelt hat. Genauso sieht es bei Gütt Olk Feldhaus aus – und die Liste ließe sich fortsetzen.

Dabei hat der im ersten Satz zitierte Partner der US-Kanzlei durchaus recht, wenn er feststellt, dass der Druck immer größer wird. Denn eines ist klar, künftig wird diejenige Kanzlei die Nase vorne haben, die heute die besten Nachwuchsjuristen für sich begeistern kann. Und niemand kann es sich leisten, dabei auf über 50 Prozent der Absolventen zu verzichten.

Schon heute machen immer mehr Mandanten Druck, wenn sie die Kanzleien zu einem sogenannten Pitch für ein Mandat vortanzen lassen. Denn dabei müssen sich alle Kanzleien mit ihren Teams vorstellen. In Zeiten von Diversity mit einer rein männlichen, deutschen Mannschaft zu erscheinen, macht sich alles andere als gut – vor allem bei US-Mandanten, die besonders sensibel darauf reagieren.

Eine weltweit tätige Sozietät hat sich deswegen Folgendes überlegt: Für jeden Mann, der pro Land in die internationale Kandidatenrunde für die Partnerschaft geschickt wird, muss gleichzeitig eine Frau aus diesem Land starten. Also lediglich zwei oder drei Männer für die Partnerschaft vorzuschlagen mit dem Argument „es sind halt die Besten“, funktioniert nicht mehr. Ob das Früchte tragen wird? Das azur Karrieremagazin behält es im Auge. ▪

In dieser Rubrik erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Eva Flick ist Co-Leiterin des azur Karrieremagazins.