Magazin-Artikel
01.06.2017 | Autor/in: René Bender

JUVE Insider: Ende mit Schrecken

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Der europäische Arm der internationalen Großkanzlei King & Wood Mallesons musste Ende 2016 Insolvenz anmelden. Wie konnte es so weit kommen?

von Ulrike Barth & René Bender

Am Ende steht ein lapidarer Satz: „Bedauerlicherweise wurde das neue Kapital nicht in geplanter Höhe zugesagt.“ So endete im Dezember vergangenen Jahres die Geschichte von King & Wood Mallesons (KWM) – in Europa.

In anderen Ländern der Welt machen die Partner unter gleichem Namen weiter. Das geht, weil Einheiten wie China und die in Schieflage geratene Europe LLP von KWM nicht finanziell integriert sind. Im Klartext: Die Chinesen müssen nicht für die europäischen Partner geradestehen. Zwar teilten sie in den vergangenen Jahren einen Namen und haben auch grenzüberschreitend gemeinsam gearbeitet. Doch sowohl haftungsrechtlich als auch was die finanziellen Verbindlichkeiten angeht, agierten die Einheiten getrennt voneinander. Das war möglich, weil KWM als Schweizer Verein organisiert ist, unter dessen Dach die arbeitenden Einheiten in verschiedenen Gesellschaften operieren. Eine von ihnen ist die EMEA-Praxis – und nur sie meldete Ende des Jahres Insolvenz an.

Global und neu

Doch von Anfang an: Wer wissen will, warum KWM überhaupt in Schieflage geraten konnte, muss sich anschauen, aus welchen Teilen die Großkanzlei – mit rund 500 Anwälten eine der größten der Welt – überhaupt geschmiedet wurde. Gerade einmal drei Jahre ist es her, dass sich die Kanzlei aufschwang, eine globale Einheit völlig neuen Zuschnitts zu werden. Die britische SJ Berwin gesellte sich damals zu King & Wood Mallesons, einem Zusammenschluss aus der chinesischen Top-Kanzlei King & Wood und Mallesons. Beide waren selbst erst 2012 zusammengegangen.

Beim Zusammenschluss bezeichnete die Kanzleiführung das finanzielle Ergebnis der EMEA-Praxis noch als „rocketing“. Um neun Prozent hatte sie auf rund 190 Millionen Pfund zugelegt, umgerechnet damals knapp 270 Millionen Euro. Schenkt man internen Stimmen Glauben, war dieser Erfolg zumindest ein Teil des Problems: Die Kanzlei verwendete einen großen Teil zur laufenden Kostendeckung, etwa für Partnerausschüttungen, und verringerte ihre sogenannte Steuerreserve unter das übliche Maß. Später, als die Steuer anfiel, sei dies zum Problem geworden. Eine Kanzleisprecherin versicherte zwar auf Anfrage, die Information sei falsch. Doch im eigenen Partnerkreis wird das bis heute als wichtiger Auslöser für die Misere genannt.

So kommt es, dass im Dezember 2016 von der Anwaltskanzlei der Zukunft wenig geblieben ist. Die Lage der europäischen Praxis hatte sich zu diesem Zeitpunkt dramatisch zugespitzt. Der Anfang vom Ende beginnt, als mehrere leistungsstarke Partner die Kanzlei verlassen.

Enttäuschung über Fusion

Schon im Frühjahr 2015 gingen in London der Co-Chef der Corporate-Praxis und wenig später der Chef der dortigen Prozesspraxis. Zudem kehrte Ende 2015 die COO der Kanzlei den Rücken. Vom KWM-Netzwerk hatten sich nämlich viele Partner mehr versprochen. Jetzt rächte sich doppelt, dass das einstige Zusammengehen der Partner KWM und SJ Berwin als eine Fusion unter Schwachen galt. Zumindest war die Produktivität beider Einheiten beim Zusammengehen nur bedingt wettbewerbsfähig. So war schon zu SJ Berwin-Zeiten die Zahl der Partner überschaubar, die über Geschäft verfügten, das auch im internationalen Maßstab genügte. Diese „elitären“ Partner zog es jetzt – enttäuscht von der Fusion – immer häufiger woanders hin.

Wie sich im Rückblick zeigt, reißen die Weggänge Löcher in die Eigenkapitaldecke. Denn wie viele Kanzleien deckte auch KWM das Geschäft aus einer Kombination von Partnereinlagen und einer Kreditlinie, um laufende Kosten zu finanzieren. Doch nun wird es der Kanzlei zum Verhängnis, dass schon die Vorgängerin SJ Berwin mit geringer Partnereinlage agierte. Daran hat sich bei der Fusion mit KWM nichts geändert.

Und obwohl sich aufgrund der Abgänge doch abzeichnen muss, dass die Kanzlei deutliche Einbußen bei ihrer Liquidität hinnehmen muss, schüttet KWM weiter aus den Gewinnen an die verbleibenden Partner aus. Zunächst. Denn im Juli 2016 ergreift die Kanzlei dann doch erstmals Maßnahmen. Rund 14 Millionen britische Pfund sollen die eigenen Partner nach einem Plan der Rekapitalisierungs-Taskforce in die Kassen spülen.

Bereits Anfang 2016 hatte der weltweite KWM-Chef Stuart Fuller seinen neuen Fünf-Jahres-Plan erklärt: mit dem Ziel einer stärkeren Integration der einzelnen Gesellschaften des Schweizer Vereins. Der Hintergrund: das europäische Geschäft stärken, das mit „einigen Cashflow-Themen zu kämpfen habe, wegen seiner transaktionsgetriebenen Natur“, so Fuller. Wenige Wochen später erklärt das Management, die EMEA-Partnerschaft um 15 Prozent zu verkleinern. Dabei sind sowohl die Teams in London als auch hierzulande zu dieser Zeit bereits geschrumpft, größtenteils als Folge einer geplanten Restrukturierung. Noch globaler ausgerichtet und höherwertig soll das Geschäft werden. Private Equity, M&A, Capital Markets, Finance, Real Estate, Regulatory und Litigation sollen die Stützen des Geschäfts werden.

Personeller Aderlass

Währenddessen kehren weitere Anwälte der Kanzlei den Rücken, wie der deutsche Corporate-Chef Julian Lemor und ein sechsköpfigen Private-Equity-Team in Paris – erfolgreiche Partner, die nicht im Ruf stehen, dass ihnen ein Wechsel nahegelegt wurde und die die strategischen Schwerpunkte der Kanzlei repräsentieren. Auf rund acht Millionen Pfund wird der Umsatz taxiert, den die Kanzlei allein durch den Weggang der Pariser verliert.

Der personelle Aderlass geht weiter – und reißt immer größere Lücken. Im Oktober gehen weitere vier Partner. Die Kanzlei stoppt daraufhin die Rekapitalisierung und prüft die Auswirkung der Abgänge auf die eigentlich dringend notwendige Finanzspritze. Weil drei der vier Partner zu den 20 umsatzstärksten der Gesamtkanzlei gehören, reicht der Plan zur Rekapitalisierung nun nicht mehr aus.

Im November 2016 legt die Kanzleiführung einen neuen Rettungsplan vor. Laut dem sollen neben der ursprünglich geplanten Einlagen der europäischen Partner auch die asiatisch-pazifischen Partner in gleicher Höhe Geld zuschießen. Teil des Deals ist die Zusicherung der verbleibenden EMEA-Partner, dass sie die Kanzlei in den kommenden zwölf Monaten nicht verlassen. Ein Zugeständnis, auf das sich kaum einer mehr einlassen will. Es ist ein offenes Geheimnis: Fast alle Partner sind längst auf dem Sprung.

Unpopulärer Rettungsplan

Unter den 130 noch verbliebenen EMEA-Partnern stimmen noch nicht einmal 20 Prozent für den Rettungsplan, allerdings stehen noch verschiedene andere Szenarien im Raum. Die Alternative einer „Fusion“ scheint dabei noch das realistischste Szenario zu sein, sprich die Übernahme durch eine Wettbewerberin. An eine zweite Variante, einen sogenannten Buy-out, glauben schon damals nur noch die Optimisten in der Kanzlei. Sie sollen in den kommenden Tagen eines Besseren belehrt werden.

Die Barclays Bank, die wichtigste Kreditgeberin, verlangt bereits zusätzliche Sicherheiten über das Vermögen der Kanzlei in Form eines zweiten, erweiterten Schuldscheins. Eine Insolvenzexpertin wird an Bord geholt, die bereits Dewey & LeBoeuf zur Seite stand, als die Kanzlei ihrem Ende entgegen steuerte. Im Januar bleibt dann nur noch der Schritt in die Insolvenz.

Gemessen am Umsatz ist es die bisher größte einer Kanzlei in Europa. Zum Insolvenzverwalter der britische LLP, zu der auch die deutschen Partner gehörten, wurde Andrew Hosking von der Boutique Quantuma, die bereits Erfahrung mit Kanzleipleiten hat.

Und in Deutschland? Ist eine kleine Truppe um die Partner Rüdiger Knopf, Dr. Christian Cornett und Rudolf Haas verblieben, die nun als KWM Europe Rechtsanwaltsgesellschaft mbH weiter macht. Alle anderen haben längst neue Heimaten gefunden. <<

In dieser Rubrik erläutern Autoren von JUVE aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. René Bender und Ulrike Barth schreiben für die azur-Redakion.