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24.11.2020 | Autor/in: Christin Stender
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Home Sweet Office: Die neue Arbeitswelt mit reduzierten Büroflächen und flexiblem Arbeiten

In vielen Kanzleien soll Homeoffice künftig zum Arbeitsalltag gehören. Kanzleimanager denken schon darüber nach, sogar ihre Büroflächen zu reduzieren. Anwälte, die schon lange flexibler arbeiten wollen, sehen sich endlich am Ziel – doch auch die neue Arbeitswelt hat ihre Tücken.

Am Anfang war alles gut. Als der Lockdown Mitte März alle Anwälte von Arqis ins Homeoffice verbannte, lag eine Wir-schaffen-das-Stimmung in der Luft. Das gesamte Team war motiviert. Jeden Tag gab es eine halbstündige Videokonferenz im Team und zusätzliche Kaffee-Meetings. Alle Anwälte waren technisch umfassend ausgestattet. „Das hat alles sehr schnell funktioniert, und zwar auf einem sehr hohen Niveau“, sagt Dr. Andrea Panzer-Heemeier, Managing-Partnerin von Arqis.
Doch dann ruckelte es plötzlich. Nach guten drei Wochen trat eine gewisse Ermüdung ein, die Stimmung verschlechterte sich. Ein Gefühl von Vereinsamung und Überforderung machte sich breit. Immer mehr Anwälte schalteten in den Meetings ihre Kameras ab und wurden empfindlicher, wenn es um Kritik oder Arbeitsbelastung ging, berichtet Panzer-Heemeier. „Dinge, die man sonst schnell auf dem Flur geregelt hätte, schwelten plötzlich.“

Andrea Panzer-Heemeier

Bist du zu gründlich fürs Homeoffice?

Entsprechend freudig waren die Anwälte, als sie ins Büro zurückkehren durften, wenn auch nicht jeden Tag, sondern im Rahmen eines rollierenden Systems. Und was zusätzlich half: Schon vor der Corona-Krise hatten alle Anwälte einen Test zur Persönlichkeitsanalyse absolviert. Die Ergebnisse dieses Tests wurden nun im Team offen­gelegt, sodass jeder sehen konnte: Wer ist in welchem Maße dominant, wer innovativ, stetig oder detailverliebt und gründlich? Panzer-Heemeier ist überzeugt: „Das hat uns in der Zusammenarbeit im Homeoffice unglaublich geholfen und die Lage entspannt.“

Wenn zum Beispiel jemand sehr gründlich ist, wird er seinen Kollegen aus dem Homeoffice heraus immer wieder Mails schicken, um Details im Schriftsatz zu klären, weil das gemeinsame Arbeiten am Dokument vor Ort nicht möglich ist. Die Mail-Flut kann diejenigen ausbremsen und nerven, deren Stärken eher darin liegen, innovativ und schnell zu sein. Das erzeugt schlechte Stimmung. Weiß jeder, wie der andere tickt, ist es vielleicht trotzdem noch anstrengend. Aber jeder kann besser mit den Eigenarten des anderen umgehen.

Nicht jede Kanzlei hatte das Glück, ihre Anwälte vor dem Lockdown so genau analysiert zu haben – zu Reibungsverlusten kam es deshalb vermutlich in jeder Kanzlei, als es im März für alle von heute auf morgen ins Homeoffice ging.  Eine JUVE-Blitzumfrage unter den JUVE-­Top-50-Kanzleien hat ergeben, dass zum bisherigen Höhepunkt der Krise im Frühjahr durchschnittlich vier von fünf Anwälten einer Kanzlei von zu Hause aus arbeiteten. Ein gutes Drittel der befragten Kanzleien gaben sogar an, dass 90 Prozent oder mehr ihrer Anwälte im Homeoffice saßen – darunter auch Kanzleien, die zuvor gar keine Heimarbeit zugelassen hatten.

 

Zum Vergleich: Vor der Krise arbeiteten im Durchschnitt nur 5 Prozent der Anwälte einer Top-50-Kanzlei im Homeoffice – und zwar in der Regel dann, wenn Handwerker erwartet oder Kinder betreut wurden. Jede dritte Kanzlei gab in der Umfrage an, dass vor der Krise kein einziger ihrer Anwälte zu Hause arbeitete.
Auf Umwegen hat die Corona-Krise mehr von dem gebracht, was sich vor allem jüngere Anwälte seit Langem wünschen: Flexibilität. „Work-Life-Balance bedeutet für viele ja nicht unbedingt, dass sie weniger, sondern flexibler arbeiten wollen“, sagt Dr. Torsten Fett, Co-Managing-Partner von Noerr. Das heißt, am Nachmittag mal eine Runde laufen gehen oder gemeinsam mit der Familie zu Abend essen, bevor es wieder an den Schreibtisch geht, anstatt von morgens bis abends im Büro zu sitzen. Tina Siebenhaar, Partnerin bei Bryan Cave Leighton Paisner, sieht in der Flexibilisierung des Arbeitsmodells einen Vorteil: „Wenn wir Homeoffice möglich machen, werden wir auch als Arbeit­geber attraktiver.“

Dass die Mitarbeiter auch zu Hause ausreichend arbeiten, setzt Vertrauen voraus, aber nicht nur: Anhand des anwaltlichen Stundenmodells lässt sich leicht überprüfen, wie fleißig daheim gearbeitet wird. Mehr noch: Im Home­office lassen sich einige Arbeiten sogar effizienter erledigen als im Büro, weil man weniger von Kollegen abgelenkt wird. „Manchmal entscheide ich mich jetzt ganz bewusst dafür, einige Dinge zu Hause zu erledigen“, sagt Fett. „Weil ich da einfach mehr Ruhe habe.“

Nicht nur deshalb ist die Skepsis gegenüber Kollegen im Homeoffice verschwunden: Dass hier tatsächlich gearbeitet wird, hat nun jeder selbst erfahren. Dieses veränderte Stimmungsbild dürfte auch ein Vorteil für Teilzeitkräfte sein, die ohnehin häufiger daheim arbeiten. Ihre Akzeptanz dürfte gestiegen sein – und damit indirekt auch ihre Chancen auf die nächste Karriere­stufe.

Doch nicht für jeden ist die neue Arbeitswelt schön. Vor allem für diejenigen nicht, die neu in eine Kanzlei kommen. Bei Noerr gab es Associates, die von ihrem ersten Arbeitstag an im Home­office saßen. Da ist es schwierig, die Bindung zum Arbeitgeber und den neuen Kollegen aufzubauen. „Die zuständigen Partner haben jeden Tag mit ihren neuen Associates telefoniert“, sagt Fett. „Aber das ist natürlich nicht dasselbe wie das gemeinsame Arbeiten in der Kanzlei – und auch für die Partner eine besondere Herausforderung.“

Zweiklassengesellschaft

Bei Arqis hat Panzer-Heemeier eine Vollzeitjuristin während des Lockdowns im Büro eingearbeitet. Die Associate war allein, ohne Peer­group, also ohne Kaffeepause oder Mittagessen mit anderen jungen Anwälten. „Das ist natürlich alles andere als optimal“, sagt Panzer-Heemeier. „Denn wer neu anfängt, will doch die anderen Associates auch mal fragen, wie der Partner so ist und was man in der Kanzlei zu erwarten hat.“

Die Managing-Partnerin sieht die jungen Partner durch Homeoffice im Speziellen und Corona im Allgemeinen im Nachteil: „Für die Neupartner ist es unglaublich schwierig, unter Corona-Bedingungen ihre Teams zu führen. Denn sie haben bislang ja nur sehr wenig Erfahrung mit Teamführung.“ Und auch beim Aufbau ihres Netzwerks hätten sie es ungleich schwerer als die Partnergenerationen vor ihnen: Kein Essengehen, kein Plausch an der Bar, kein Visitenkartentausch, keine echten Partnerversammlungen. Panzer-Heemeier befürchtet: „Sie verlieren bestimmt ein bis zwei Jahre beim Aufbau ihrer Praxis.“

Christian Schede

Dr. Christian Schede, Managing-Partner von Greenberg Traurig, findet auch die Arbeitsverteilung schwieriger, wenn alle im Homeoffice sitzen. „Wenn die Kollegen im Büro sind, hat man einen besseren Überblick darüber, wer wie viel auf dem Schreibtisch hat. Die Umverteilung fällt dann leichter und ist gerechter.“ Außerdem könne Homeoffice eine gut strukturierte Zusammenarbeit vor Ort nicht ersetzen – und er warnt: „Nicht alle Berufsgruppen können permanent im Homeoffice arbeiten. Das fördert eine Zwei­klassengesellschaft innerhalb der Kanzlei. Für den Zusammenhalt ist das wenig förderlich.“
Während im Sommer wieder mehr Anwälte in ihren Kanzleibüros saßen, steigt die Zahl der Heimarbeiter aktuell coronabedingt wieder an. Zum Zeitpunkt der JUVE-Blitzumfrage Mitte Oktober waren es im Durchschnitt 42 Prozent der Anwälte einer Top-50-Kanzlei. Inzwischen dürften es noch mehr sein.
Doch schon die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown haben bei vielen Kanzleien zu einem Umdenken geführt: Homeoffice soll künftig nicht mehr nur in Ausnahmefällen erlaubt sein, sondern selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitsalltags werden. Laut JUVE-Blitzumfrage haben 38 Prozent der Top-50-Kanzleien bereits ein langfristiges Homeoffice-Konzept entwickelt und umgesetzt, 58 Prozent der Befragten arbeiten noch daran.

Keine Rückkehr in die Welt vor Corona

Torsten Fett

„Es ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für Veränderungen“, sagt Fett von Noerr. „Wir müssen die Kraft des Momentums von Corona nutzen.“ Er kann sich nicht vorstellen, dass seine Kanzlei in die Welt vor der Pandemie zurückkehren wird. Deshalb hat Noerr ihre Mitarbeiter gefragt, welche Erfahrungen sie im Homeoffice gemacht haben – und will daraus ableiten, wie der Arbeitsalltag künftig aussehen soll. Dazu gehört laut Fett allerdings nicht nur die Frage, ob und wie oft ein Anwalt im Büro oder zu Hause arbeitet. Sondern auch, wie in Zukunft Teamwork funktioniert und ob die vorhandenen Büros noch zeitgemäß sind. „Wir glauben, dass neue Raumkonzepte die neue angestrebte Arbeitskultur besser unterstützen können“, so Fett. „Das müssen wir in der Partnerschaft diskutieren.“ Der Flächenbedarf könnte in diesem Zuge sinken. Damit ist Noerr in guter Gesellschaft: Ein Drittel der von JUVE befragten Kanzleien planen, ihre Büros zu verkleinern (Krisenmanagement, Seite 45), weil sie damit rechnen, dass auch zukünftig mehr im Homeoffice gearbeitet wird. Dabei ist häufig zwischen 10 und 20 Prozent die Rede.

Wie viele Regeln tun uns gut?

Greenberg Traurig war pünktlich zum Lockdown umgezogen und hatte die neuen Raumkonzepte bereits mitgedacht. Wegen Corona können die Büroräume nun zwar erst einmal seltener genutzt werden als geplant, aber ­dennoch
Soll der neuen Arbeitswelt auch eine neue ­Verhaltensweise folgen. Dazu hat die Kanzlei ihre Mitarbeiter gefragt, was sie sich für ­ihre neue Arbeitswelt wünschen. Das Ergebnis: Mehr ­mobiles und agiles Arbeiten war eins von vier Fokusthemen, die die Befragung zutage ­förderte.

„Flexibles Arbeiten fördert das Wohlbefinden“, sagt Schede, Managing-Partner von Greenberg Traurig. „Dabei ist allerdings wichtig, dass die Teammitglieder aufeinander Rücksicht nehmen und ihre Homeoffice-Tage vorher ankündigen.“ Wann und wie oft daheim gearbeitet werden darf, dafür möchte Schede allerdings keine generellen Regeln aufstellen. „Es gibt kein One-Size-Fits-All“, sagt er. Manche Kollegen müssen aus den eigenen vier Wänder raus, um gut arbeiten zu können, andere nicht. Ausbildung per Video ist zum Beispiel auch nur halb so gut wie persönlich. „Deshalb müssen wir immer im Blick behalten, was wichtig ist, um unsere Kultur, Qualität und Produktivität zu sichern; und entsprechend entscheiden.“

Bei Bryan Cave Leighton Paisner verfolgt die Partnerschaft einen anderen Ansatz: Noch vor der zweiten Welle startete die Kanzlei eine Testphase, in der jeder Mitarbeiter einen Tag Homeoffice machen durfte. Coronabedingt verlagert sich nun allerdings doch wieder mehr ins Homeoffice. Panzer-Heemeier gibt für ein langfristiges Homeoffice-Konzept zu bedenken: „Homeoffice außerhalb von Corona ist etwas anderes als Homeoffice während Corona. Es dient dazu, die aktuelle Misssituation abzumildern, ist aber kein Ersatz für persönlichen Austausch und persönliche Ausbildung.“ Trotzdem will sie die Möglichkeit, von daheim zu arbeiten, insgesamt stärker etablieren, gerade auf den unteren Ebenen. Denn dass es jedenfalls vorübergehend funktioniert, hat die Corona-Zeit ja gezeigt.