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30.11.2021 | Autor/in: Eva Lienemann
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Große Studie: Wer sind Deutschlands Anwälte?

Wir wollen herausfinden, wer Deutschlands Anwälte sind. Deshalb startet der JUVE  Verlag gemeinsam mit der renommierten London School of Economics (LSE) die größte Anwaltsstudie Deutschlands. Wer sind Deutschlands Anwälte? Und was hat sie dazu bewegt, Jurist zu werden? Habt ihr den Berufseinstieg bereits gemeistert? Dann seid ihr gefragt: Alle – vom Associate bis zur Partnerin – können an der Kurz-Umfrage teilnehmen. Über die Ergebnisse werden wir exklusiv berichten.

Asif Butt ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und PhD Candidate an der London School of Economics

Zum Umfragestart sprach unsere Kollegin Eva Lienemann mit dem Leiter der Studie, Asif Butt, darüber, inwiefern familiäre Herkunft ein wichtiger Faktor in der Anwaltschaft sein kann, und warum es immer von Vorteil ist, Loriot zu kennen.

Deutsche Kanzleimanager lieben das Wort „Diversität“. Doch am Ende sehen viele Partnerriegen doch uniform aus: männliche, weiße Akademikerkinder. Oder?

Butt: Klar, dieser Eindruck könnte entstehen. Doch wir wollen es genauer wissen. Erstmals für den deutschen Anwaltsmarkt wollen wir mit unserer Studie wissenschaftlich fundiert die Frage beantworten, wer in Deutschland eigentlich Anwalt oder Anwältin wird. Jeder Anwalt, jede Anwältin ist hier gefragt! Wir möchten wissen: Aus welchen Gründen entscheiden sich diese Leute für den Anwaltsberuf? Waren Ihre Eltern bereits Juristen? Mussten sie vielleicht sogar familiäre Erwartungen erfüllen? Oder haben sie einen sozialen Aufstieg geschafft, sind womöglich die ersten in ihrer Familie, die studiert haben? Die Studie soll die Bildungs- und Karrierewege und die familiäre Herkunft von Anwälten erheben. Etwa über den Beruf- und Bildungsstand der Eltern, das Aufwachsen in Ost- oder Westdeutschland, Geschlecht und Migrationshintergrund.

Sie sind Forscher an der renommierten britischen LSE, forschen aber zum deutschen Rechtsmarkt. Was wissen Sie aus dem britischen Markt zum Thema? Der soziale Aufstieg ist ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien schwierig.

Butt: In Großbritannien sind elitäre Berufsgruppen durch das Privatschul- und Unisystem oftmals homogener als in Deutschland. Für Großbritannien liegen bereits Studien zur Diversität in der Anwaltschaft vor. Dort wurden unter anderem Anwältinnen und Anwälte in mehreren Großkanzleien über 5 Jahre begleitet, um zu sehen, wie sich ihre Karrieren entwickeln. Ein Ergebnis: Anwälte aus unteren sozialen Schichten brauchen im Durchschnitt 18 Monate länger, bis sie Partner werden. Auch Frauen und Personen mit Migrationshintergrund werden nicht so schnell befördert.

Wie kann das sein?

Butt: Mentorship spielt eine große Rolle, wenn es um Beförderung geht. Mentoren setzen sich allerdings oft stärker für Personen ein, die ihnen ähnlich sind. Wenn die Partnerriege mehrheitlich aus Personen besteht, die aus bestimmten privilegierten Verhältnissen kommen, setzt sich das auf den unteren Karrierestufen schnell so fort. Im Grunde fängt es noch viel früher an: Beim Pool an möglichen Kandidaten, die zu einer Großkanzlei gehen. Wer kann sich überhaupt das Jura-Studium, aber auch die Vorbereitung aufs Examen, die teuren Repetitorien, leisten? Wer hat Kontakte, die unterstützen und beraten? Für jemanden, der aus einer Unterschichtsfamilie kommt und dann weiter aufsteigen möchte, sind im Berufsleben viel mehr Hürden zu nehmen als für jemanden, dessen Eltern vielleicht schon Juristen waren.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Butt: Wer in einem bestimmten Milieu aufgewachsen ist, für den sind Loriot-Witze beim Geschäftsessen oder die Auswahl der richtigen Weinsorte kein Thema. Sie sind automatisch souverän in solchen Situationen. Jemand aus einer unteren Schicht, der zu Hause früher weder Loriot geschaut hat noch über besondere Weinkenntnisse verfügt, hat es dann hingegen schwer und ist verunsichert. Ich führe parallel zu unserer Studie Interviews mit Anwälten aus deutschen Großkanzleien. Sie berichten oft von solchen Situationen. Es gibt eben einen Habitus, den man nur bedingt erlernen kann. Wer den nicht hat, der wirkt möglicherweise weniger souverän und wird dann von möglichen Förderern auch seltener wahrgenommen.

Warum haben Sie sich eigentlich gerade Anwälte als Forschungsobjekt ausgesucht?

Butt: Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Der Aufstieg aus einer unteren Schicht an die Spitze der Gesellschaft, das wissen wir aus der deutschen Bildungsforschung, gelingt nicht oft. Nun gehört der Anwaltsberuf zu den elitären Berufen: Man braucht eine lange Ausbildung, genießt ein hohes Ansehen und verdient am Ende überdurchschnittlich gut. Zweitens wissen wir aus Großbritannien, dass unter Anwälten die „Vererbungsrate“ besonders hoch ist. Der Beruf wird also oft von Personen ergriffen, deren Vater und/oder Mutter denselben Beruf auch ausgeübt haben. Das kann oft auch mit einer gewissen Erwartungshaltung der Eltern einhergehen. Wenn wir also die Frage beantworten, wer Deutschlands Anwälte sind, lässt sich gut abbilden, wie viele Personen aus unteren Schichten es bis an die Spitze geschafft haben, aber auch, ob diese Vererbungseffekte auch in Deutschland auftreten.

Und, was glauben Sie, wird herauskommen?

Butt: Das ist aus Forscher-Sicht natürlich erstmal offen (lacht). Wir freuen uns, wenn jeder – vom Associate bis zur Partnerin – an unserer Studie teilnimmt. Mit ihrer Hilfe können wir am Ende wissenschaftliche fundiert die Frage beantworten: Wer sind Deutschlands Anwälte?

Das Gespräch führte Eva Lienemann.

Asif Butt ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und PhD Candidate an der London School of Economics. Der Sozialwissenschaftler forscht zu den Themen soziale Ungleichheit und Aufstieg in Elite-Berufe am dortigen Institut für Soziologie. Die Studie ist Teil seiner Doktorarbeit. Butts Weg ist selbst ein Beispiel für sozialen Aufstieg: Er wuchs als „Arbeiterkind“ in Dortmund auf, seine Eltern stammen aus Pakistan