Magazin-Artikel
23.07.2021 | Autor/in: Eva Lienemann

Gesellschaftsrecht: Ein Blick ins Herz

Gesellschaftsrecht hat ein Imageproblem: Eine Hauptversammlung nach der anderen absitzen, das klingt erst mal wenig spannend. Doch wenn man Gesellschaftsrechtler fragt, schwärmen sie: So viele Facetten hat kaum ein anderes Rechtsgebiet, und viele große Unternehmen lernt man im Innersten kennen.

 

 

Mitten im Rosenmontagstrubel – 2020 versteht sich, als Karneval gerade noch möglich war – saß Kristina Klaaßen-Kaiser (43) in ihrem Büro an der Düsseldorfer Kö und verhandelte einen Milliardendeal: Den Verkauf der Thyssenkrupp-Aufzugssparte an einen Zusammenschluss mehrerer internationaler Bieter. Unternehmen verkauft an Investoren – ein klassischer M&A-Deal, eine Transaktion also. Einerseits. Andererseits war der Verkauf am Rosenmontag ein vorläufiger Höhepunkt nach einer langen Geschichte diverser Umstrukturierungs- und Konsoldierungsmaßnahmen des deutschen Industriekonzerns. Seit mehr als zehn Jahren wird Linklaters von Thyssenkrupp mandatiert, seit vielen Jahren ist auch Partnerin Klaaßen-Kaiser Teil des Beraterteams. Das Mandat ist ein Beispiel dafür, in welcher Bandbreite sich ihr tägliches Arbeitsleben abspielt.

Geschult in Milliardendeals: Kristina Klaaßen-Kaiser, Partnerin bei Linklaters, ist es gewohnt, mit internationalen Teams am Verhandlungstisch zu sitzen.

Wo verläuft die Grenze zwischen M&A und Gesellschaftsrecht? „In Großkanzleien trennen wir in der Regel nicht zwischen M&A und Gesellschaftsrecht“, sagt Klaaßen-Kaiser. „Es gibt gerade bei größeren Projekten einen fließenden Übergang der beiden Bereiche, denn auch Unternehmenskäufe und -verkäufe sind durch strategische Beratung geprägt. Das macht für mich die unglaubliche Bandbreite aus: es geht von öffentlichen Übernahmen über M&A-Transaktionen und Hauptversammlungen bis hin zu Compliance-Fragen.“ Viele sehen deshalb im Gesellschaftsrecht die Königsdisziplin, die eine Kanzlei anbieten kann. Es ist auf jeden Fall eine facettenreiche Tätigkeit, die gerade Berufsanfängern den Einstieg leicht macht und eine breite Ausbildung ermöglicht, meint Klaaßen-Kaiser. Sie selbst begann 2005 als Associate in einer mittelständischen Kanzlei, wechselte drei Jahre später zu Linklaters. „Ich empfehle die Großkanzlei aber eindeutig auch für Berufseinsteiger. Hier öffnen sich viele Türen und man hat unglaubliche viele Möglichkeiten.“

Rund 600 Kilometer gen Süden, unweit des Englischen Gartens, arbeitet Dr. Lisa Kopp als Associate in München. Bei Hengeler Mueller – eine Liga im Gesellschaftsrecht mit Linklaters, also eine der besten Adressen Deutschlands für diesen Fachbereich. Kopp (34) ist Senior Associate und eher zufällig zum Gesellschaftsrecht gekommen. „Nach meiner Promotion im Bereich Geistiges Eigentum wollte ich mir im Referendariat einfach mal eine Großkanzlei anschauen“, berichtet sie. Kopp landete im Gesellschaftsrecht – und war sofort begeistert: „Mir gefällt sehr, dass man lernt, wie die Wirtschaft tickt.“

Täglicher Sprung ins kalte Wasser

Zufallstreffer Gesellschaftsrecht: Nach ihrem Studium ging Lisa Kopp zu Hengeler Mueller – und war sofort begeistert. Hauptversammlungen vorzubereiten ist eines ihrer Spezialgebiete.

Kopp hat kaum mit Transaktionen zu tun, ihre Schwerpunkte liegen im Aktien- und Kapitalmarktrecht. Sie bereitet beispielsweise die Hauptversammlungen von börsennotierten Unternehmen vor – eine der zahlreichen Nischen, die es für Berater im Gesellschaftsrecht gibt und in der Hengeler Mueller neben Linklaters zu den Top-Kanzleien zählt. „Hauptversammlungen sind für mich wahnsinnig spannend“, sagt Kopp, „denn ich schaue dabei direkt ins Herz der Unternehmen.“ Kopp sitzt dann auch schon mal Vorstandsmitgliedern gegenüber. Als Associate mit sechs Jahren Berufserfahrung hat sie vor solchen Situationen keine Angst. „Natürlich springe ich in meinem beruflichen Alltag fast jeden Tag ins kalte Wasser“, sagt Kopp und lacht. „Aber man kann ab einem bestimmten Punkt nicht zu jeder Frage Rücksprache halten“, berichtet sie. „Letztlich geht es immer darum, eine Frage faktenbasiert aufzuarbeiten. Das habe ich ja als Juristin gelernt.“ Wer es mit gesellschaftsrechtlichen Mandaten zu tun hat, sitzt oft in großen Verhandlungsrunden, die international besetzt sind.

„Meine erste Verhandlung, in der es um die Umstrukturierung einer Gesellschaft ging, habe ich ein halbes Jahr nach meinem Berufseinstieg gemacht“, erinnert sich Kopp. „Ohne meinen zuständigen Partner.“ Natürlich habe sie Respekt vor solchen Situationen. Aber wenn sie merke, dass der Partner ihr den Freiraum gebe, alleine zu verhandeln, dann wisse sie auch, dass sie in dem Moment die Richtige für diese Aufgabe sei. „Hier sind außerdem alle jederzeit offen für Fragen“, sagt Kopp. „Und am Ende schaut natürlich der Partner noch einmal auf das Ergebnis.“

Plötzlich in der Vorstandssitzung

Von einer guten Unterstützung seines damaligen Partners hat auch Dr. Marco Sustmann (50) von der auf Gesellschafts- und Kartellrecht spezialisierten Düsseldorfer Kanzlei Glade Michel Wirtz profitiert. Ende der 1990er Jahre begann er seine Anwaltskarriere bei der US-Kanzlei Shearman & Sterling. Sustmann gehörte im Düsseldorfer Büro zum Team des Senior-Partners Georg Thoma, damals eine Galionsfigur der deutschen Praxis mit besten Beziehungen in die Vorstandsetagen der deutschen und internationalen Wirtschaftskonzerne. „Ich hatte im römischen Recht promoviert und keinen Bezug zum Gesellschaftsrecht, als ich anfing“, erinnert sich Sustmann.

Allein nach Södertälje: Marco Sustmann, Partner bei Glade Michel Wirtz, wurde als junger Anwalt nach Schweden geschickt, um für Scania mit MAN zu verhandeln. Seitdem schockt ihn kein Mandat mehr.

Schnell war er begeistert vom internationalen M&A-Geschäft und den Themen, an denen er als Gesellschaftsrechtler mitarbeiten konnte. „Ich saß plötzlich in Vorstandssitzungen“, sagt Sustmann, „und fand es sehr spannend, dass ich in diese Welt Einblick bekam.“ Heute sind er und seine Kanzlei Glade Michel Wirtz an den wichtigsten gesellschaftsrechtlichen Mandaten des Landes – wie der Konzernumstrukturierung von Daimler – beteiligt. „Die Kombination aus einer überschaubaren Kanzleigröße und hochkarätigen, internationalen Mandaten hat ihren besonderen Reiz“, sagt Sustmann. Zudem habe der Wechsel größere unternehmerische Freiheit gebracht. Das Selbstbewusstsein, sich in großen Runden zu behaupten, hat auch Sustmann erst lernen müssen. Er erinnert sich dabei an einen entscheidenden Punkt in seiner Karriere. Das war 2006: Der schwedische Nutzfahrzeug-Hersteller Scania hatte ein Übernahmeangebot von MAN bekommen, Shearman & Sterling sollte das Mandat für Scania steuern. Doch die maßgeblichen Partner der Kanzlei waren ‚conflicted‘ – so nennt man es, wenn es einen Interessenkonflikt gibt, weil Anwälte einen Wettbewerber beraten oder vertreten haben. Alle conflicted, außer: Sustmann. „Man sagte mir, ich solle nach Södertälje in das Headquarter von Scania fahren und das machen“, erinnert sich Sustmann. „Ich habe erstmal geschluckt und dann ja gesagt.“ Zwei, drei Tage wurde Sustmann bei den Verhandlungen in Schweden von Investmentbankern „gegrillt“, wie er sagt. „Danach hatte ich keine Angst mehr, egal, wie groß das Mandat war.“ Selbstbewusstsein werde natürlich von jedem Anwalt erwartet. Aber für Gesellschaftsrechtler, die oft im Zentrum eines Mandats stehen, gilt dies umso mehr. „Es würde nicht funktionieren“, sagt Sustmann, „nach fünf Berufsjahren immer noch wie ein stilles Mäuschen am Verhandlungstisch zu sitzen.“

Sustmann und Klaaßen-Kaiser als erfahrene Partner wissen aber auch: Associates müssen Schritt für Schritt an ihren Aufgaben wachsen. „Von einem First-Year-Associate erwartet keiner, dass er beim Einstieg Dax-30-Kontakte mitbringt“, sagt Klaaßen-Kaiser. „Aber wir versuchen, sie direkt einzubinden und schnell in Mandantenkontakte zu bringen.“ Oft werden auch die jeweiligen Gegenüber in den Unternehmen gemeinsam mit dem Associate groß. Sustmann berichtet von dem Kontakt in einem Unternehmen, den er als Shearman-Associate geknüpft hatte. Mittlerweile ist dieser Chefjurist eines großen Unternehmens – und Sustmann Partner. „Solche Kontakte muss man als Anwalt halten können und nicht darauf warten, dass ein Anruf kommt.“ Für ihn ist es selbstverständlich, dass er gute Kontakte an jüngere Kollegen weitergibt.

Rund um die Uhr arbeiten?

Neben der schillernden Welt der Vorstandbüros, großen Deals und aufsehenerregenden Compliance-Mandate haftet dem Gesellschaftsrecht allerdings auch noch ein anderes Image an: Wer M&A und Gesellschaftsrecht macht, muss rund um die Uhr verfügbar sein. Auch die Ergebnisse der azur-Associate-Umfrage zeigen regelmäßig, dass die wöchentliche Arbeitszeit gerade in diesen Rechtsbereichen überdurchschnittlich hoch ist. „Das Klischee lautet: ‚Jeder allzeit bereit‘“, sagt Klaaßen-Kaiser. „Aber das verkennt, wie unterschiedlich die Mandate im Gesellschaftsrecht sein können. Außerdem arbeiten wir hier häufiger in größeren Teams zusammen und können daher flexibler absprechen, wer wann verfügbar ist.“ Linklaters hat den Wunsch der Associates nach einer besseren Work-Life-Balance entsprochen, indem die Kanzlei vor vier Jahren eine planbare 40-Stunden-Woche für Associates und Counsel eingeführt hat. Ein Modell, das bezeichnenderweise zunächst kein Associate aus dem Gesellschaftsrecht gewählt hatte. Das hat sich mittlerweile geändert.

Schlecht planbare Arbeitszeiten müssen also nicht zwingend am Rechtsgebiet Gesellschaftsrecht liegen, können aber natürlich mit der Verantwortung zusammenhängen, die man als Partner einer Kanzlei hat. Davon ist Sustmann überzeugt: „Das Unternehmerische ist eben immer mit Verantwortung verbunden.“  Für ihn sei es wichtig, dass auch das Umfeld, die Familie, den Job mitträgt.

Lisa Kopp von Hengeler Mueller hat sich zunächst für den Karriereweg zum Counsel entschieden. „Das muss jeder für sich sehen“, meint Kopp. Sie möchte im Moment neben der Arbeit mehr Zeit haben für Hobbies, Sport, Familie. „Partnerin kann ich ja immer noch werden“, sagt sie. Ihr Arbeitstag beginnt gegen 8:30 Uhr, zum Abendessen gegen 18/19 Uhr möchte sie zu Hause sein. „Die Arbeitszeiten sind meist nicht für eine ganze Woche planbar“, sagt Kopp, „dafür sind sie auch sehr flexibel.“ Wenn sie am frühen Nachmittag einen privaten Termin hat, setzt sie sich manchmal eben abends nochmal an den Schreibtisch. Apropos Schreibtisch: Anwälte lernen nie aus. „Im Gesellschaftsrecht ändert sich eigentlich ständig etwas“, sagt Kristina Klaaßen-Kaiser. „Wir müssen also nicht nur in wirtschaftlichen, sondern vor allem auch in rechtlichen Fragen immer auf dem neuesten Stand sein.“