Magazin-Artikel
21.05.2021 | Autor/in: Eva Flick

Geldstadt mit Herz: Der Frankfurter Anwaltsmarkt

Frankfurt am Main ist Deutschlands Kanzleimetropole, für viele Nachwuchsjuristen aber nicht unbedingt die Stadt, in der sie dringend leben möchten. Völlig zu Unrecht, wie die alt eingesessenen Frankfurter finden. Wer einmal dort ist, möchte bleiben.

Okay, bis in die Berge ist es weit, und auch das Meer liegt wahrlich nicht um die Ecke. Diesen geografischen Tatsachen kann selbst der eingefleischteste Frankfurt-Fan nichts entgegensetzen. Aber dann hört es gewöhnlich auch schon auf mit der Demut: Keine Stadt ist internationaler! Die schönste Skyline! Gleichzeitig Weltstadt und Dorf! Unbestritten ist, dass die Main-Metropole der Standort in Deutschland ist, in dem fast jede namhafte Kanzlei ein Büro unterhält. Die Wahrscheinlichkeit für hochqualifizierte Anwälte, dort zu landen, ist entsprechend groß, die Begeisterung darüber aber oft recht gering.

Prof. Dr. Christoph Schalast, Namenspartner der Kanzlei Schalast, weiß um die Vorurteile gegenüber seiner Heimatstadt. „Ich kenne viele Leute, die nicht ganz so glücklich darüber waren, als sie nach Frankfurt sollten“, erzählt er. Aber dann habe sie die Stadt überzeugt. „Sie waren allesamt nicht glücklich, als sie wieder gehen mussten.“

Harter Wettbewerb: Von seinem Büro hat Christoph Schalast die Konkurrenz im Blick.

Warum das so ist, davon berichten auch Dr. Robin Fritz, langjähriger Managing-Partner von FPS Fritze Wicke Seelig, und Dr. Daniel Röder, Mitbegründer von Greenfort, nur zu gerne. Denn aus der Begeisterung für ihre Stadt machen sie keinen Hehl und sind Feuer und Flamme – mit einer Intensität, die sonst vornehmlich die Kölner auszeichnet. Schalast findet Frankfurt „superspannend“, Fritz „superklasse“ und Röder „richtig, richtig cool“. Und ihr Enthusiasmus hat nichts mit der Stadt als Finanzplatz zu tun. 

In der Mitte Europas

Denn Schalast, FPS und Greenfort zählen mit ihrem aufgefächerten Beratungsangebot nicht zu den Sozietäten, die zwingend auf die Nähe zu den Banken angewiesen wären. Sie nutzen vielmehr das Netzwerk, das die überschaubare Stadt bietet, und die zentrale Lage in der Mitte Europas. Damit bieten sie ihren Wettbewerbern, die sich so zahlreich unmittelbar vor der Haustür tummeln, schon seit Jahren erfolgreich die Stirn und sind für Nachwuchsjuristen eine interessante Alternative zur Großkanzlei. Interessant müssen sie sich aber auch machen, denn die Konkurrenz ist groß. Oder wie Schalast es ausdrückt: „Wir können M&A, aber wenn ich aus meinem Bürofenster schaue, sehe ich von dort aus viele Kanzleien, die das auch können.“

Wie dicht der Markt ist, zeigt ein Blick auf die Top 50 Arbeitgeber der aktuellen azur100: Die Plätze 1 bis 20 sind gefüllt mit Kanzleien, die allesamt ein Frankfurter Büro unterhalten und ständig Nachwuchs brauchen. Allein die Top 5 der azur-Liste, also Freshfields Bruckhaus Deringer, CMS Hasche Sigle, Hogan Lovells, Baker & McKenzie und Linklaters, stellen in Summe pro Jahr bis zu 390 Associates, 1.150 Referendare und 500 Praktikanten ein.

Nicht nur die Juristerei im Kopf: Greenfort-Partner Daniel Röder gründete Puls of Europe.

Nicht alle von diesen Neueinstellungen werden in Frankfurt gebraucht, aber doch ein erheblicher Teil. Hinzu kommen ebenfalls ortsansässige Großkanzleien wie Hengeler Mueller, Gleiss Lutz, Noerr und Clifford Chance, dazu 178 Kreditinstitute mit ihren Rechtsabteilungen, übergeordnete Institutionen wie die Bundeszentralbank, die Europäische Zentralbank oder die BaFin. Die Liste mit Arbeitgebern für junge Juristen ist lang.

Vor allem die Kanzleien locken mit einer guten Ausbildung und mehr oder weniger guten Karriereaussichten. So ernannten die JUVE-Top-50-Kanzleien im vergangenen Jahr insgesamt rund 400 neue Partner und Counsel – ein knappes Viertel davon in Frankfurt. Obendrein bieten die Spitzensozietäten schon beim Einstieg sechsstellige Einstiegsgehälter. Zwar überspringt auch Greenfort mit 102.000 Euro diese Hürde beim Einstiegsgehalt, aber die kleineren Einheiten können in absoluten Zahlen kaum mithalten. FPS liegt mit 72.500 bis 82.500 Euro im Jahr schon einige Stufen darunter, genau wie Schalast mit 65.000 bis 75.000 Euro. Für Fritz aber ist die Gehaltsfrage zweitrangig. „Im Vorstellungsgespräch fragt danach kaum jemand“, sagt er. „Welche Kanzlei was zahlt, steht ja auch überall, das ist durch die modernen Medien sowieso transparent. Wer in eine Großkanzlei und dort viel Geld verdienen will, der bewirbt sich ohnehin nicht bei uns.“ Trotz der geringeren Verdienstmöglichkeiten scheuen die kleineren Einheit den Vergleich mit den Großkanzleien keinesfalls, denn ihr Ansatz ist ein komplett anderer.

Greenfort hob Daniel Röder 2005 aus der Taufe, gemeinsam mit ehemaligen Kollegen von Freshfields und Hengeler Mueller. Mittlerweile sind dort 27 Anwälte beschäftigt. Ob die Großkanzleien Greenfort bei der Bewerbersuche das Wasser abgraben? „Nein, wenn Freshfields hundert Associates pro Jahr einstellt, stellen wir ein oder zwei ein. Das war bis dato nie ein Problem, weil wir schon früh in den Nachwuchs investieren“, sagt Röder. So hat Greenfort schon vor Jahren ein Praktikantenprogramm installiert, das den Studenten einen Einblick in den Kanzleialltag vermittelt. Immerhin rund zwanzig Praktikanten pro Jahr bietet sie diese Chance, was in Anbetracht ihrer Größe eine ganze Menge ist.

Kulturelles Gegenmodell.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, juristisches Wissen zu vermitteln. „Wir sind das Gegenmodell zur Großkanzlei durch unsere Kultur, unser Miteinander“, so Röder. Zur Kultur gehört, dass Greenforts Anwälte nicht ausschließlich die Juristerei im Kopf haben und die Kanzlei andere Aktivitäten durch Flexibilität bei den Arbeitszeiten gut ermöglicht. Dazu muss sich jeder seine Termine selbst organisieren. „Ich kann nicht erst jemanden einstellen, weil ihn andere Sachen interessant machen und ihm dann untersagen, genau diese Sachen weiter zu unternehmen. Das macht doch die Vielfalt einer Kanzlei aus“, sagt Röder. Der 49-Jährige selbst geht mit bestem Beispiel voran. 2016 gründete er zusammen mit seiner Frau als Reaktion auf das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps die Bürgerinitiative ‚Pulse of Europe‘. Aus einer ersten Kundgebung in Frankfurt entwickelte sich innerhalb weniger Wochen eine Bewegung in zahlreichen deutschen und europäischen Städten, die bis heute aktiv ist.

Alles andere als allein auf weiter Flur: FPS-Partner Robin Fritz ist vernetzt wie wenige.

FPS unterhält weitere Büros in Berlin, Düsseldorf und Hamburg. Doch von den insgesamt 131 Anwälten arbeiten 84 am Main. In seiner jetzigen Form geht das Frankfurter Büro auf mehrere Fusionen zurück. Die Verwurzelung zahlt sich aus: FPS hat keinerlei Schwierigkeiten, an ihrem größten Standort den juristischen Nachwuchs für sich zu begeistern. Pro Jahr lernen jeweils rund dreißig junge Juristen die Kanzlei im Rahmen des Referendariats oder eines Praktikums kennen.

Einer von ihnen war Jörg Kadesch (49), der 1999 als Referendar kam, heute Partner ist und sowohl die strategische Personalentwicklung als auch die Finanzen der Kanzlei verantwortet. „Wir verlieren praktisch nie Anwälte an Wettbewerber“, sagt er. „Bei uns geht jemand nur, wenn er sich grundsätzlich für eine andere Karriere entscheidet, etwa für ein Richteramt.“ Für junge Juristen, die bei FPS einsteigen, formuliert Managing-Partner Fritz das Ausbildungsziel so: „Wir wollen sie zu Anwälten machen und nicht zu Due-Diligence-Maschinen, die Mandate abarbeiten. Zudem leben wir flache Hierarchien, und junge Juristen haben schnell Mandantenkontakt.“

Spontan auf die Baustelle.

Wie bei Greenfort ist es auch bei FPS für die meisten Praxisgruppen zweitrangig, dass der Standort Frankfurt heißt – mit Ausnahme der Immobilienpraxis und Robin Fritz, der seit 2003 geschäftsführender Partner ist. Der 65-Jährige, der im Holzhausenviertel aufwuchs, an der Frankfurter Uni Jura studierte und dort promoviert wurde, lebte zwischenzeitlich in New York und stieg 1987 bei Paul Paul & Schmitt – einem der Fusionspartner von FPS – ein. Er ist in Frankfurt vernetzt wie nur wenige, gewissermaßen mit Stahl und Beton: Kaum ein Hochhausbau dort ist ohne seine Beteiligung über die Bühne gegangen. „Das Projektentwicklungsgeschäft ist ortsgebunden“, sagt er. „Die Immo-Branche will Gesichter am Ort haben, Anwälte, die wissen wie die Stadt funktioniert, und Leute, die auch mal spontan auf die Baustelle kommen können.“  Er hat sich damals bewusst dafür entschieden, wieder in Frankfurt leben zu wollen – vor allem wegen seines Netzwerks, das hier nicht nur wegen der überschaubaren Entfernungen gut zu pflegen ist. „Es gibt keinen Dünkel. Sie müssen nicht seit drei Generationen hier sein, um in der so genannten Stadtgesellschaft anzukommen“, meint er. „Wichtig ist, wer Sie sind und was Sie können. Wenn Sie ein guter Typ sind, werden Sie offen aufgenommen.“

Berlin oder Dresden?

Ähnlich sieht es Schalast. Auch der 60-Jährige wuchs in Frankfurt auf und studierte dort. Nach der Wiedervereinigung verschlug es ihn nach Berlin. Die nächsten Jahre war er mit M&A-Mandaten für die Treuhandanstalt beschäftigt. Als die Treuhand schloss, stand er vor der Frage, wohin. Berlin oder Dresden? „Dort war ich nach der Schließung der Treuhandanstalt Ende 1994 in den örtlichen Netzwerken nicht ausreichend verwurzelt für einen erfolgsversprechenden Business Case“, erzählt er. Also ging er zurück nach Frankfurt und machte sich im Mai 1995 selbstständig. Heute zählt die Kanzlei 65 Anwälte und Standorte in Hamburg, Berlin, Düsseldorf und Stuttgart. 

Den Grund für die Offenheit der Frankfurter sieht Schalast in der Gesellschaftsstruktur: „Frankfurt ist eine Stadt, in die man kommt und aus der man auch wieder weg geht. Es gibt hier im Verhältnis zur Einwohnerzahl ungewöhnlich viele Arbeitsplätze.“ Und die sorgen unter anderem dafür, dass die Stadt in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen ist.

Hatte Frankfurt 2005 noch 630.000 Einwohner, waren es Ende 2020 schon 759.000. Und die stammen aus aller Herren Länder. Menschen aus 178 Nationen leben am Main, viel mehr gibt es nicht. Hinzu kommen noch rund eine halbe Millionen Pendler täglich, die dafür sorgen, dass die Stadt mit ihrer markanten Skyline größer wirkt, als sie in Wirklichkeit ist. Greenfort-Partner Röder bezeichnet Frankfurt als „Schmelztiegel“, den besonders die überschaubare Größe auszeichnet. „Um einmal durch die Stadt zu fahren, braucht man mit dem Rad nur zwanzig Minuten“, sagt er. „Frankfurt hat sich in den vergangenen Jahren unfassbar gut entwickelt mit viel Kultur, Gastronomie und Bars. Vor Corona war hier doch die Hölle los und das wird auch wieder so werden.“

Auch FPS-Partner Fritz lobt Frankfurt, weil es nicht zu groß ist. „Es ist die Stadt der kurzen Wege“, sagt er. „Und wenn man arbeitet, spielt Zeit eine große Rolle. Wer Familie und Beruf hat, will nicht zwei Stunden am Tag im Auto verbringen.“ Andere Städte haben seiner Meinung nach auch viele Vorteile. „Das Nachtleben ist in Berlin sicher besser“, gibt er zu. „Aber irgendwann muss man ja auch mal Geld verdienen. Und das Geld ist in Frankfurt.“ Bestes Beispiel sind für ihn die Israelis. Auch unter denen seien viele Berlin-Fans, aber fürs Geschäft kämen sie nach Frankfurt. Ein Grund, warum FPS ein Israel Desk unterhält.

Work und Life in Balance.

Mit einem Argument können sowohl FPS als auch Schalast und Greenfort in der Konkurrenz zu den Großkanzleien immer punkten: die bessere Work-Life-Balance. Natürlich gibt es in allen Wirtschaftskanzleien Arbeitsspitzen, aber die Zahl der geleisteten Stunden liegt im Durchschnitt deutlich unter der in Großkanzleien, die häufig eine feste Marke abrechenbarer Stunden vorschreiben. Die Balance zwischen Beruf und Freizeit stellt deshalb Christoph Schalast bei allen Bewerbern heraus. „In einer Großkanzlei ist es ökonomische Notwendigkeit, dass die Associates vorrangig sehr viel arbeiten“, sagt er. „In einer Kanzlei wie der unsrigen haben Sie eine gute Chance, mit Mitte vierzig nicht schon das erste Mal geschieden zu sein.“ Vielleicht auch, weil genug Zeit übrig bleibt, um zwischendurch doch ans Meer oder in die Berge zu fahren.