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27.04.2020 | Autor/in: Norbert Parzinger

Gefährlicher Schnellschuss

Wer in der Krise zuerst am Nachwuchs spart, denkt zu kurzfristig. Ein Kommentar von Norbert Parzinger.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen – erst recht nicht, wenn er sich die Suppe selbst eingebrockt hat. Als Taylor Wessing Ende März wegen der Corona-Krise allen wissenschaftlichen Mitarbeitern kündigte, ließ der Shitstorm in den sozialen Medien nicht lange auf sich warten. Und Wettbewerberkanzleien nutzten gleich die Gelegenheit, um die WiMis für ihre eigenen Praxen anzuwerben. Dass das deutsche Taylor Wessing-Management mit der schnellen Sparmaßnahme nur seine Pflicht tun wollte, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil: Die Kostenersparnis dürfte kaum das selbst geschaffene Handicap im Bewerbermarkt aufwiegen.

Kein Wettbewerber dürfte nun einen ähnlich plumpen Fauxpas wagen oder gar einen Einstellungsstopp verkünden. Trotzdem ist es ein offenes Geheimnis, dass viele momentan kaum Zusagen an Bewerber verschicken – und dass WiMis auch anderswo zu den ersten gehören, die ihre Stunden stark reduzieren müssen. Doch verlangt es die kaufmännische Sorgfaltspflicht wirklich, in unsicheren Zeiten auch noch eine Gratwanderung zwischen Kosten- und Imagerisiko zu starten?

Manche Kanzleien zeigen, dass es anders geht. Norton Rose Fulbrights Appell an die Belegschaft, freiwillig auf Teilzeitarbeit umzustellen, und der Verzicht der Reed Smith-Partner auf einen Teil ihrer Bezüge sind nicht nur glücklicher kommuniziert als Taylor Wessings Schnellschuss. Diese Schritte sind auch substanziell anders. Denn hier leisten erst einmal die oberen Ränge ihren Beitrag zur Krisenbewältigung, oder gleich alle – aber nicht die untersten zuerst. Bei der Suche nach dem passenden Arbeitgeber werden sich das viele Absolventen merken.

Zur Nachricht: Taylor Wessing kündigt allen Wissenschaftlichen Mitarbeitern.