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26.04.2021 | Autor/in: Christine Albert
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Feedback in Kanzleien: Im Lockdown wichtiger denn je

Juristen haben einen geschulten Blick für Schwachpunkte – sie könnten perfekte Feedbackgeber sein, sind es aber oft nicht. Doch mehrere Trends zwingen Kanzleien, ihre Feedbackkultur zu professionalisieren: eine anspruchsvolle neue Anwaltsgeneration, die eigene Qualitätssicherung und auch die aktuelle Corona-Pandemie.

In vielen Wirtschaftskanzleien gehört das Thema Feedback als Teil des Performance-Managements mittlerweile zum festen Inventar. Neben der direkten Einbeziehung in die Mandatsarbeit ist es einer der wichtigsten Faktoren, die Associates auf ihrem Weg nach oben unterstützen können. Das bestätigte zuletzt auch wieder die aktuelle azur-Associate-Umfrage. „Als Associate kann man sich nur weiterentwickeln, wenn man Feedbacks bekommt“, sagt etwa ein Teilnehmer. „Gerne auch harte Kritik, denn dann kann man sich verbessern.“

Bei den meisten Kanzleien ist der Standard aktuell, dass einmal im Jahr ein Entwicklungsgespräch stattfindet, in dem der Partner dem Associate Rückmeldungen zu seiner Arbeit gibt. Soweit jedenfalls die Theorie. Die Realität sieht oft anders aus. „Feedbackgespräche werden nicht geführt, obwohl das so nach außen kommuniziert wird“, kritisiert etwa ein Associate einer mittelgroßen deutschen Kanzlei in der azur-Umfrage. Viele Aussagen dazu fallen innerhalb ein- und derselben Kanzlei sehr unterschiedlich aus, dort hängt es offensichtlich stark vom jeweiligen Partner oder Team ab, wie ernst das Thema genommen wird.

Doch auch in Kanzleien, in denen verbindliche Jahresgespräche stattfinden, wird der Ruf nach Feedback derzeit immer nur noch lauter: Häufiger! Zeitnaher! Verpflichtender! Zielführender! Strukturierter! Ehrlicher! Weniger starr! So lauten die Forderungen von Associates in der azur-Umfrage.

Feedback im Homeoffice

Während der Corona-Krise hat strukturiertes Feedback noch einmal an Bedeutung gewonnen. Plötzlich sitzen alle im Homeoffice, das erschwert das persönliche, spontane Lob zwischendurch oder Verbesserungsvorschläge. Angestellte Anwälte sorgen sich: Wie will mein Vorgesetzter mich bewerten, wenn er mich wochenlang nicht zu Gesicht bekommt? Diese Sichtweise musste allerdings auf beiden Seiten erst reifen. „Selbst wer die technischen Möglichkeiten hatte – die Sensibilität für verändertes Führen einer Kanzlei war zumindest zu Beginn der Pandemie nicht die oberste Priorität“, sagt Wolf Kahles, der bis 2018 fast zwanzig Jahre lang den HR-Bereich bei Clifford Chance verantwortete und nun als of Counsel beim Beratungsunternehmen Venturis arbeitet. In der ersten Unsicherheit galt die größte Sorge der Partner erst einmal der geschäftlichen Entwicklung. „Und bei vielen Mitarbeitern lagen auch die Nerven durch Homeschooling und Homeoffice blank“, weiß Linklaters-Partnerin Kristina Klaaßen-Kaiser. „Da ging es erst einmal darum, in Kontakt zu bleiben. Appraisals wurden auf später verschoben.“

Zumindest die Sorge um die wirtschaftliche Situation ist vielerorts ab dem Sommer wieder abgeklungen. Da konnten viele schon erkennen, wie robust ihr Geschäft war. „Aber Corona hat die Art der Zusammenarbeit derartig verändert, dass Feedback mittlerweile eine ganz andere Relevanz bekommen hat“, sagt Carsten Schneider, Managing-Partner bei Osborne Clarke. „Weil viele Einzelgespräche fehlen, besteht die Gefahr, dass Feedback zu kurz kommt.“ Und auch bei Linklaters hat man umgedacht. Es ging schnell nicht mehr nur ums Aufschieben, sondern darum, sich an die Situation anzupassen. „Wir müssen nun viel genauer schauen, wie der individuelle Bedarf ist“, sagt Klaaßen-Kaiser. Partner müssten beispielsweise feste Zeiten für Personalthemen in ihren Alltag einbauen und auch das Onboarding intensiv begleiten. „Eines darf niemals leiden: die Qualität. Und genau deshalb ist Feedback in Lockdown-Zeiten wichtiger denn je.“