Magazin-Artikel
27.09.2021 | Autor/in: azur Redaktion

Engagement: Die Galerie der Guten

Ein Engagement für die Gesellschaft oder für die Umwelt spielt im Rechtsmarkt eine große Rolle. Viele Kanzleien oder Anwälte haben Projekte ins Leben gerufen, in denen sie sowohl ihre finanziellen Mittel als auch ihr Wissen als Anwälte einsetzen. Die azur-Redaktion hat für euch vier spannende Projekte ausgewählt. 

Lernen in der Zeltschule

Gesellschaftliches und kulturelles Engagement gehört quasi zur DNA von Poellath: Die Partner, Mitarbeiter und Freunde der Kanzlei unterstützen verschiedene gemeinnützige Stiftungen mit finanziellen, sachlichen und logistischen Mitteln – und natürlich mit juristischer Expertise. Ein Beispiel für das Engagement der Kanzlei ist die Stiftung ,Hilfe zur Selbsthilfe‘, die Namenspartner Reinhard Pöllath im Jahr 1999 nur zwei Jahre nach Gründung der Kanzlei ins Leben gerufen hat. Die Stiftung unterstützt verschiedene Projekte aus den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, Bildung, Völkerverständigung sowie Wissenschaft und Forschung. Die Förderung der Vergabe von Kleinstdarlehen, sogenannte Mikrofinanzkredite, in Entwicklungsländern war insbesondere in den ersten Jahren der Schwerpunkt der Stiftungsarbeit.  

Inzwischen ist die Arbeit der Stiftung auch durch andere Projekte geprägt, wie etwa die Unterstützung des gemeinnützigen Vereins Zeltschule: Der Verein baut für Kinder, die mit ihren Familien aus dem Bürgerkriegsland Syrien fliehen mussten, im libanesisch-syrischen Grenzgebiet Schulen direkt in den Flüchtlingscamps (Foto). Syrische Lehrer, die ebenfalls auf der Flucht sind und in den Camps leben, unterrichten dort. Verantwortlich für den Bau der provisorischen Klassenzimmer ist Jacqueline Flory: Sie hat den Verein Zeltschule im Jahr 2016 gegründet, damals hat sie noch bei Poellath gearbeitet. Mittlerweile füllt ihr Engagement als Vorstandvorsitzende der Zeltschule ihre ganze Zeit aus. (si)

Das Noerr KinderCamp

2011 begann der gemeinsame Ausflug der Noerr-Anwälte als große Überraschung. „Wir wollten unser jährliches Treffen anders gestalten“, erinnert sich Partner Dr. Tobias Bürgers, „und damit auch einen sozialen Beitrag leisten.“ Treffpunkt war der Flughafen Salzburg, und manch einer mag im Stillen gehofft haben, dass es von dort aus vielleicht nach Mallorca gehen könnte. Weit gefehlt, Ziel war das Dorf St. Wolfgang im Salzkammergut, wo die Kanzlei nahezu sämtliche Übernachtungsmöglichkeiten reserviert hatte – bis hin zur kleinen Pension. Wer welche Schlafstätte ergatterte, entschied das Los.

Statt Wandern hieß es Anpacken. 450 Anwälte errichteten auf einem Grundstück am benachbarten Fuschlsee das Noerr KinderCamp. Sie bauten Wohnwagen aus Holz auf, installierten Wascheinrichtungen, bepflanzten die Gartenanlagen, sodass Unterkünfte für 32 Personen entstanden. Das Geld, das die Kanzlei durch die gemeinsame Aktion sparte, investierte sie in einen Verein. Er ermöglicht sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen aus Deutschland, Österreich und Rumänien am Fuschlsee Ferien zu verbringen. Acht bis zehn Wochen ist das Camp jedes Jahr in Betrieb, 2.000 Kinder waren schon dort. Der Verein wird bis heute durch Noerr-Spenden finanziert und übernimmt die Kosten für die Unterbringung, die Verpflegung und das Rahmenprogramm. Als die Wohnwagen vor zwei Jahren renovierungsbedürftig wurden, griffen die Noerr-Mitarbeiter wieder zum Werkzeug. Für Bürgers – und nicht nur für ihn – ist es „ein Herzensprojekt“. (EF)

Hilfe für die Hilflosen

Philip Worthington (36) kann sich noch gut an einen Moment im Jahr 2016 erinnern, als er als Helfer auf Lesbos einer geflüchteten Familie Decken und ein Zelt gab, um sich ein Nachtlager aufzubauen. „Ich dachte, wie kann die EU zulassen, dass diese Menschen in der Kälte im Zelt schlafen müssen?“ Seitdem hat sich auf den griechischen Inseln nichts verbessert. Sie sind nach dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei im März 2016 nicht mehr nur eine Durchgangsstation Richtung Europa, sondern die Geflüchteten müssen vor Ort ihr Asylverfahren durchlaufen. Die Initiative European Lawyers in Lesvos (ELIL) setzt sich dafür ein, dass jedem Asylsuchenden ein Anwalt zur Seite steht, um ihn auf seine Anhörung vorzubereiten. „Die Geflüchteten müssen dabei viele komplexe Formalitäten beachten. Gleichzeitig sprechen fast alle kein Griechisch und viele sind traumatisiert“, erklärt Worthington, selbst Anwalt und Geschäftsführer von ELIL.

Er arbeitet mit einem festen Team vor Ort auf Lesbos (Foto) und Samos sowie mit freiwilligen Helfern zusammen, unter anderem mit Anwälten, die die Initiative zeitweise unterstützen. Normalerweise kommen sie für mehrere Wochen auf die Inseln, derzeit läuft die Beratung digital ab. ELIL kann auf viele Erfolge zurückblicken: In den letzten Jahren haben 250 Freiwillige rund 12.000 Asylsuchenden geholfen. Von den Menschen, die ELIL unterstützt hat, wurde 74,5 Prozent Asyl gewährt. Doch die Herausforderungen bleiben. Bei dem Brand im Camp Moria im September 2020 wurde auch das Büro von ELIL zerstört, im neuen Lager haben die Helfer bisher keine Räumlichkeiten. Worthington fordert deshalb mehr europäische Solidarität. (hei)

Der Anwalt der Bienen

Achim Willands Bienen-Karriere begann mit einem Prozess. Heraus kam das sogenannte Honig-Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2011: Honig mit Spuren von gentechnisch veränderten Pollen darf seitdem in der EU nicht mehr ohne gesonderte Zulassung verkauft werden. „Durch den Prozess haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt, wie ein Bienenvolk arbeitet, wie die Pollenaufnahme funktioniert und wie der Honig entsteht. So kam ich zur Biene“, erinnert sich Dr. Achim Willand. Der 57-Jährige ist bei der Berliner Kanzlei Gaßner Groth Siederer & Coll. als Anwalt tätig und vertrat damals den Imker, in dessen Umfeld genmanipulierte Maispflanzen angebaut wurden. Darüber traf er den Imkermeister Thomas Radetzki, der 2015 die Aurelia Stiftung gründete, in der sich Willand seitdem als Anwalt engagiert. Sie ergreift das Wort für die Bienen – falls nötig, auch vor Gericht. Vor allem gegen die Folgen von Gentechnik und den Einsatz von Pestiziden hat Aurelia inzwischen zahlreiche Verfahren angestrengt.

„Der Gesundheitszustand der Bienen und anderer Bestäuber kann auch als ein Indikator dafür gesehen werden, wie es um unsere Umwelt bestellt ist“, so Willand. Dass dies auch in der Landwirtschaft nachhaltig berücksichtigt wird, dafür kämpft er – mit Erfolg. Heute erlebt er geradezu einen Hype um die Bienen und Hummeln. „Dass wir aus Glyphosat aussteigen und dass wir nun ein Insektenschutzgesetz bekommen, hätte früher niemand für möglich gehalten.“ Er ist davon überzeugt, als Berater einen Unterschied machen zu können, egal ob es um den Schutz von Bienen oder anderer Arten geht. Den Beweis dafür hat er geliefert. (av)