Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Eva Flick

Eine verschworene Gemeinschaft: Das MBA-Studium als Netzwerkschmiede

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Während der LL.M.-Titel auf vielen Visitenkarten prangt, ist der MBA unter Juristen wenig etabliert. Zu aufwendig und zu teuer, argumentieren Kritiker. Dabei kann sich der Aufwand durchaus bezahlt machen – vor allem wegen der intensiven Netzwerkkontakte. Von Eva Flick (aus azur 2/2015)

In der Hügellandschaft von Vallendar, ein paar Kilometer rheinabwärts von Koblenz, sagen sich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht. Die meisten Wochenendausflügler suchen hier beim Wandern die Ruhe abseits des Großstadtlärms. Auch Tobias Haar fährt in schöner Regelmäßigkeit von Karlsruhe aus in die Mittelrhein-Idylle. Alle zwei Monate wohnt er für ein paar Tage am Ende der Kleinstadt, in einem Priestergästehaus inmitten eines parkähnlichen Gartens.

Teilzeit in Vallendar: Tobias Haar, Chefsyndikus bei Gameforge, absolviert den MBA an der WHU.

Teilzeit in Vallendar: Tobias Haar, Chefsyndikus bei Gameforge, absolviert den MBA an der WHU.

Seinen Zimmerschlüssel händigt ihm eine Schwesternschülerin aus. Die himmlische Ruhe kommt ihm durchaus gelegen. Dabei will er weder Priester werden, noch will er wandern. Sein Ziel: der MBA-Abschluss an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Bis zur Schule ist es vom Gästehaus des Priesterseminars nur ein knapper Kilometer.

Der 43-jährige General Counsel des Spieleherstellers Gameforge und Partner der Kanzlei Vogel & Partner hat noch nicht genug in Sachen Ausbildung. Nach dem Jurastudium in Heidelberg und dem LL.M.-Abschluss in Rechtsinformatik in Hannover und Stockholm setzt er mit dem Executive-MBA in Vallendar noch einen drauf. Der Kurs findet in Kooperation mit der angesehenen Kellogg School of Management in den USA statt. Innerhalb von zwei Jahren absolviert er in Deutschland, Hongkong, Israel und den USA insgesamt zwölf Module. Gelernt wird an verlängerten Wochenenden oder in Blockkursen. Im Sommer 2015 feierte Haar Halbzeit.

Nischendasein

So wie Tobias Haar entscheiden sich jedes Jahr Juristen dafür, ihre Ausbildung um ein MBA-Studium zu ergänzen. Dabei führen viele Wege zum Abschluss: den Management-Kurs kann man nebenberuflich absolvieren so wie an der WHU. Andere wiederum überlassen ihre Mandanten für einige Zeit ihren Kollegen und drücken für ein Jahr Vollzeit die Schulbank. Bei Dr. Andreas Hoger wiederum ist die MBA-Ausbildung ein fester Bestandteil seiner Ausbildung. Der 36-jährige Associate arbeitet unter der Flagge von Hengeler Mueller. Bereits vor fünf Jahren setzte die Kanzlei eine Kooperation mit der Hochschule St. Gallen auf die Schiene, die eine fünfjährige Fortbildung für ihre Associates umfasst – was so keine andere deutsche Kanzlei anbietet.

Alle Associates besuchen diese Managementkurse, mit denen sie nach fünf Jahren 30 Punkte und ein ‚Diploma‘ erworben haben. Die Punkte, die normalerweise die Hälfte der nötigen Punktzahl eines MBA-Abschlusses in St. Gallen ausmachen, können sie sich hier wie auch an anderen MBA-Schulen anrechnen lassen. Der Abschluss ist damit zwar kein vollständiger MBA – Wettbewerber nennen ihn gelegentlich leicht verächtlich ‚Mini-MBA‘ – aber ein erheblicher Schritt in diese Richtung. Einen LL.M.-Abschluss hat Hoger sowieso schon in der Tasche, erworben an einer der bekanntesten Universität überhaupt, in Harvard.

Erst ein anstrengendes Studium und Referendariat, die Promotion und womöglich noch einen LL.M.-Studium – welchen Mehrwert kann der MBA überhaupt bieten? Die Antwort von Tobias Haar kommt schnell: „Im Prinzip ist das ein kleines BWL-Studium“, meint er. Im Vordergrund können Fragen stehen wie ‚Wie lese ich einen Jahresabschluss‘ oder ‚Wie berechne ich Zinssätze‘? Behandelt wird eine Reihe von Fallbeispielen aus der realen Wirtschaftspraxis.

So nehmen die Teilnehmer detailliert die Aufstellung eines Unternehmens unter die Lupe und entscheiden am Ende etwa darüber, welche Produktlinien unprofitabel sind und deshalb besser eingestellt werden. Daneben geht es aber auch um die Verbesserung von Leadership-Skills, wie es im MBA-Umfeld so schön international heißt, also um Eigenschaften, die Führungspersönlichkeiten mit sich bringen sollten.

Als Tobias Haar 2008 bei Gameforge einstieg, war er in erster Linie mit dem Aufbau der Rechtsabteilung beschäftigt. Später vergrößerte sich sein Aufgabengebiet, mittlerweile ist er in viel mehr Themenbereiche involviert, beispielsweise zu Aspekten des Einkaufs oder bei Fragen aus der Finanz- und Personalabteilung. Problemlösungen, die hier relevant sind, werden üblicherweise nicht im Jurastudium vermittelt, aber durchaus in einem MBA-Lehrgang. Und genau darum geht es in erster Linie: um die Fähigkeit, die richtigen Antworten auf Fragen auch in nicht-juristischen Arbeitsbereichen zu finden.

Vollzeit in Fontainebleau

Auch Dr. Jan-Claudio Muñoz fiel die Entscheidung für einen MBA-Studium leicht. Der 32-jahrige Associate bei Willkie Farr & Gallagher erinnert sich: „Nach dem Examen und der Promotion war mein Bedarf an juristischen Themen schlichtweg erschöpft. Deswegen schied ein LL.M.-Abschluss für mich aus.“ Aber er wollte unbedingt noch einmal ins Ausland. „Ich hatte mir vorgestellt, dass ich nach dem MBA auf dem Wissensstand eines Investmentbanking-Associate wäre“, erzählt er. Er entschied sich für die Variante Vollzeitstudium bei INSEAD im französischen Fontainebleau. Den Abschluss machte er im Sommer 2013.

Seine Erwartung an das MBA-Studium erfüllte sich zwar nicht – einfach weil vieles vom fachlichen Lernstoff im täglichen Anwaltsleben wieder ins Hintertreffen gerät. Und doch bereut er seine Entscheidung bis heute keine Sekunde: „Ich kann Bilanzen und Unternehmensbewertungen verstehen“, sagt er. Das sind wichtige Fertigkeiten für einen M&A-Anwalt. Auch Excel-Tabellen gehören normalerweise nicht zu den Lieblingstools von Juristen, für MBA-Absolventen aber zum gängigen Repertoire.

Fünf Jahre St. Gallen: Wie alle Hengeler-Associates belegt Dr. Andreas Hoger Seminare in der Schweiz.

Fünf Jahre St. Gallen: Wie alle Hengeler-Associates belegt Dr. Andreas Hoger Seminare in der Schweiz.

Denkanstöße

Mehr juristische Komponenten dagegen beinhalten die Hengeler St.-Gallen-Seminare, die maßgeschneidert für den Arbeitsalltag der Anwälte angelegt sind. Beispielsweise gibt es Kurse speziell zu Mandantentypen unter Fragestellungen wie ‚Wo liegen die speziellen Bedürfnisse von Bank-Mandanten oder von Private-Equity-Häusern?‘. Auf dem Stundenplan stehen aber auch Kurse, bei denen die Zielgruppe nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist.

Das Seminar zur Verhandlungsführung leitete beispielsweise ein Dozent, der seine Brötchen damit verdient, dass er mit Piraten verhandelt. Es geht um Lösegeldforderungen und um das Leben von Entführten. Spannend. Aber wie soll das auf eine M&A-Verhandlung übertragbar sein? „Auch bei M&A-Verhandlungen braucht man Geduld“, erklärt Andreas Hoger die Parallelen. „Man muss die Ziele immer im Blick behalten. Während so einer M&A-Verhandlung habe ich schon öfter an diese Strategien gedacht.“

Die St.-Gallen-Seminare sind ganz auf die Weiterbildung der Hengeler-Anwälte ausgelegt – der unmittelbare Nutzen im späteren Berufsalltag also garantiert. Angenehmer Nebeneffekt: die enge Vernetzung der Jahrgänge. Denn in jedem Kurs kommen die jeweiligen Jahrgänge aller Standorte zusammen. Andreas Hoger hat auf die Weise gemeinsam mit 30 Kollegen studiert. Das schweißt zusammen.

Aber mit dem Netzwerk, das man an einer herkömmlichen MBA-Schule mit einkauft, können die Kontakte der Hengeler-Associates nicht mithalten. Denn die renommierten MBA-Schulen verlangen die teils immensen Kosten auch deshalb, weil jeder Student mit dem Abschluss Mitglied eines riesigen Alumni-Netzwerkes wird. Alleine bei INSEAD gehören rund 50.000 Mitglieder aus mehr als 170 Ländern dazu. Bei der Kellogg MBA-Schule, zu der auch die Absolventen aus Vallendar zählen, sind es sogar 59.000.

Weltweite Kontakte

Ein Mehrwert, der mit Geld schwer zu beziffern ist. „Das Netzwerk ist der ausschlaggebende Punkt für den Nutzen eines MBA-Abschlusses“, meint Jan-Claudio Muñoz. Regelmäßig begegnet er auf Mandantenseite ehemaligen INSEAD-Studenten. Damit ist immer sofort ein Anknüpfungspunkt gefunden. Ein spezifisches Problem in einem Land, in das man eigentlich keine Kontakte hat?

Kein Problem. „Ich kenne praktisch überall einen INSEAD-Alumni, der mir garantiert kurzfristig helfen kann“, erzählt er. „Umgekehrt gilt das genauso.“ Antworten auf Fragen, die er auf diese Art schon gestellt hat, landen nicht selten wenige Stunden später in seinem Mail-Eingang. „Und das von Leuten, die mir vor Jahren einmal kurz begegnet sind.“

Vollzeit in Fontainebleau: Willkie Farr-Anwalt Dr. Jan-Claudio Muñoz studierte an der INSEAD Business School.

Vollzeit in Fontainebleau: Willkie Farr-Anwalt Dr. Jan-Claudio Muñoz studierte an der INSEAD Business School.

Das Netzwerk garniert mit hochkarätigen Dozenten und kleinen, international besetzten Klassen lassen sich die Schulen fürstlich entlohnen. Zehn Monate bei INSEAD kosteten Jan-Claudio Muñoz seinerzeit 50.000 Euro. Mit 75.000 Euro schlägt der Kurs von Tobias Haar in Vallendar zu Buche. Und das sind nur die reinen Studiengebühren. Reise- und Übernachtungskosten kommen beim Teilzeit-MBA dazu, komplette Lebenshaltungskosten im Vollzeit-Kurs. Ein Grund, warum sich Muñoz schnell von seiner eigentlichen MBA-Wunschschule verabschiedete.

Zu seinen ursprünglichen Favoriten gehörte beispielsweise die Columbia-School in New York. Mit seinem sehr guten Ergebnis in den Auswahlprüfungen, die alle Bewerber für einen MBA-Abschluss absolvieren müssen, hätte er dort auch gute Chancen gehabt. Allerdings dauert der Kurs in New York zwei Jahre, und die Schule selbst berechnet die Studien- und Lebenshaltungskosten auf saftige 100.000 Dollar pro Jahr – von den Opportunitätskosten, die durch den Wegfall des Gehalts in dieser Zeit entstehen, gar nicht zu reden.

Kosten mit Arbeitgebern teilen

Die hohen Kosten sind auch ein Grund, warum sich doch mancher potenzielle MBA-Student abschrecken lässt. Dabei sind immer mehr Unternehmen und Kanzleien bereit, die Gebühren teilweise oder sogar ganz zu übernehmen. Muñoz‘ Kanzlei Willkie Farr beispielsweise übernimmt die Hälfte der Studiengebühren. Beim deutschen Managing-Partner Mario Schmidt rannte Muñoz seinerzeit mit seinem MBA-Wunsch offene Türen ein. „Ich ermuntere junge Associates immer sehr, einen MBA zu absolvieren“, berichtet Schmidt und unterstützte Muñoz mit der Vermittlung von Secondments bei der Investmentbank Rothschild und beim Private-Equity-Haus 3i.

Diese Stationen – so mutmaßt Muñoz heute – waren am Ende ein wichtiger Pluspunkt für einen der begehrten Plätze an der INSEAD. Denn die Schulen legen immer viel Wert auf sehr gemischte Klassen. Da sitzt der McKinsey-Berater, der fünf Sprachen spricht und Marathon läuft, neben einem ehemaligen Kampfpiloten im Klassenzimmer, der Hongkong-Chinese aus einem Industrieunternehmen neben dem Singalesen aus der Investmentbank. „Als deutscher Jurist, der gerade mal das Referendariat in der Tasche hat, ist man für eine MBA-Schule kein besonders spannender Bewerber“, meint Muñoz. Klingende Namen wie Rothschild und 3i hätten ihm wohl die Türen geöffnet.

Intensive Zeit

Doch egal, ob man sich für einen Voll- oder für einen Teilzeit-MBA entscheidet, alle Programme haben eins gemeinsam: Sie sind anstrengend. Der typische Seminartag in Vallendar beispielsweise beginnt um 8.30 Uhr. Der Studientag ist komplett durchgetaktet. Interaktive Unterrichtsstunden folgen Schlag auf Schlag, dann Abendessen, dann Gruppenarbeit und Vorbereitung für den nächsten Tag. Ein Ende ist häufig erst um 23 Uhr in Sicht. Um diese Uhrzeit sind Vallendars Bürgersteige längst hoch geklappt

Eine Gelegenheit fürs Feierabendbier gibt es dennoch. Denn das heimelige Vallendar hat sich auf die Nachteulen von der WHU eingestellt. Gegenüber der Schule liegt die Korova-Bar. Feste Öffnungszeiten: Fehlanzeige. Wer klingelt, wird hineingelassen und bekommt einen Schlummertrunk – oder zwei. Auch an der Theke lässt es sich schließlich netzwerken.