Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Laura Bartels

Die Zeit läuft

Knappe Fristen und enormer Erfolgsdruck prägen die Examensvorbereitung junger Juristen. An Gutachtenstil und Klausurentraining kommt keiner vorbei. Darüber hinaus gibt es weitere Tipps und Tricks, den Lernprozess zu optimieren. Aber was genau bringen die?

Von Martin Brandt

Wolf_Maximilian

Blitzkarriere: Maximilian Wolf von Baker & McKenzie setzte auf eine strukturierte Examensvorbereitung.

„Ich habe einen Kurs im Speed Reading gemacht und ‚Krieg und Frieden‘ in zwanzig Minuten durchgelesen. Es handelt von Russland.“ Mit Woody Allens Lesetempo kann Dr. Maximilian Wolf nicht ganz mithalten. Aber auch er ist alles andere als langsam. Seit Januar 2018 ist er Associate bei Baker & McKenzie in Düsseldorf – mit gerade einmal 25 Jahren. Sein bisheriger, noch kurzer Lebenslauf kann sich sehen lassen: Abitur mit 16, erstes Staatsexamen mit 21, das Zweite mit 24 – beide mit ‚sehr gut‘ – , dazwischen noch schnell promoviert. Klingt beeindruckend. Ist es auch. Aber wie geht das? Geholfen hat ihm bei seiner Blitzkarriere vor allem eine strukturierte Examensvorbereitung.

Sein Ansatz klingt wenig spektakulär: Fälle lösen, und zwar möglichst lange Fälle. Wie im Examen auch. Für abrufbares Wissen nutzte er ein traditionelles Karteikartensystem mit mehreren Fächern. „Damit lässt sich Detailwissen gut lernen“, sagt Wolf. Beim Speed Reading beschränkte sich Wolf im Wesentlichen auf das Skimmen und Scannen von Lehrtexten, also das schnelle Erfassen wichtiger Textinhalte. Problematisch werde diese Methode dann, wenn Texte sehr kompakt seien, erklärt Dr. Jochen Laubrock, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Projekt ‚Kognitive Wissenschaften‘ der Universität Potsdam: „Bei Details kommt man an seine Grenzen. Das kann bei kompakten und komplexen juristischen Fachtexten zum Beispiel der Fall sein.“

Pseudowissenschaftlicher Hokuspokus?

Disqualifiziert das den Ansatz des Speed Reading für juristischen Lehrstoff grundsätzlich? Nicht ohne Weiteres, meint Laubrock: „Die Möglichkeit schnelleren Lesens hängt von einigen Faktoren ab, die die Lesefähigkeit grundsätzlich betreffen.“ Um die Effizienz zu messen, kommt es nicht nur darauf an, fix mit einem Text durch zu sein, sondern im Wesentlichen, wie die Geschwindigkeit mit der Aufnahmefähigkeit korreliert. Schnelleres Lesen ergibt in der Lernphase vor den Examina schließlich nur dann einen Sinn, wenn der Stoff auch hängen bleibt. Vorwissen in einem Themengebiet sowie die Komplexität eines Textes entscheiden über die Fähigkeit, diesen schneller zu erfassen. Mitlesen im Kopf gilt als zeitraubend, da das Sprechtempo natürliche Grenzen setzt. Dabei ist dieses aus Sicht von Laubrock für das Verständnis eines Textes erheblich. „Das innerliche Mitsprechen stellt einen wichtigen Prozess beim Lesen dar.“ Diesen zu unterbinden, erhöht vielleicht die Geschwindigkeit. Ob man auch noch ausreichend aufnimmt, ist allerdings fraglich.

Zu den weiteren Voraussetzungen gehören Zeichenmengen, die auf einen Blick vom Leser erfasst werden können, die sogenannte Blickspanne. Entscheidend ist es nämlich, Wörter und Wortgruppen wiederzuerkennen. Der Umfang der Wortgruppen, die mit einer Blickspanne aufgenommen werden können, variiert. Aber nicht unbegrenzt. Der Durchschnitt liegt bei etwa drei Wörtern beziehungsweise 15 Zeichen. „Geübte Leser haben etwas mehr Vorausschau, ungeübte etwas weniger“, sagt Laubrock. Vor einigen Jahren machten Apps wie ‚fastr‘ oder ‚Spritz‘ die Runde, die schnell Einzelwörter einblenden und schnelles Lesen erzwingen. Das Medium ist neu, die Technik alt. Die Bedeutung der Blickspanne wird außer Acht gelassen und der Sinnzusammenhang zerrissen. Auch hier wird Schnelligkeit potenziell auf Kosten des Lerneffektes erzielt.

Kapazität durch Geschwindigkeit

Von Geschwindigkeitstraumschlössern darf man sich getrost verabschieden, wie Jonas Ritter meint. Er gehört mit seinem Unternehmen Ritter Speed Reading zu den kommerziellen Anbietern und hält übertriebene Anforderungen an die persönlichen Kapazitäten beim Lese- und Lerntempo für problematisch. Die Grenzen sind nämlich relativ bald erreicht. „Meine Erfahrung ist, dass fast jeder reguläre Leser, der noch keine Speed-Reading-Methode verwendet, das Potenzial zur Verdopplung seiner Aufnahmekapazität hat“, sagt er. Eine weitere Steigerung ist möglich, aber nur bedingt sinnvoll. Der Durchschnitt liegt bei rund 200 Wörtern pro Minute. Entsprechend sind laut Ritter 400 Wörter realistisch.

Der Wert ist aber nicht absolut. Liest sich ein trivialliterarischer Text relativ schnell ohne wesentlichen Verständnisverlust, sieht das bei anspruchsvollem Stoff wie juristischen Lehrbüchern oder Fachaufsätzen schon ganz anders aus. Ritters Ansatz ist nicht etwa, physische Eigenschaften wie die Augenbewegung oder das Erweitern der Blickspanne zu beeinflussen. Es geht darum, sich bewusst einer Trainingssituation zu stellen, um diese später auch in den alltäglichen Leseprozess zu überführen. Das bewusste Schnelllesen führt, so Ritter, zu erhöhter Konzentration: „Es ist wie beim Sport. Mit kurzen Tempoläufen trainiere ich auf Dauer die Grundgeschwindigkeit und Leistung.“ Hierdurch steigere sich die Aufmerksamkeitskapazität. Schneller zu sein, stellt für ihn somit nur einen Effekt dar, aber nicht den entscheidenden. Stattdessen könne durch Speed Reading das Verständnis bei schnellerem Lesen beibehalten, bei normalem Lesetempo aber erhöht werden. Mehr Aufnahme durch erhöhte Trainingsintensität sozusagen. Klingt verführerisch für Jurastudenten kurz vor den entscheidenden Prüfungen.

Stress macht dumm

Die absolvierte Christoph Werkmeister nicht nur mit beeindruckendem Erfolg, sondern auch deutlich schneller als der Großteil angehender Juristen. Er ist seit 2013 als Associate bei Freshfields Bruckhaus Deringer in der Litigation-Praxis tätig.

Werkmeister_Christoph

Ohne extravagante Lernmethoden zum Examen: Christoph Werkmeister von Freshfields Bruckhaus Deringer.

 Seine Staatsexamina schloss er mit ‚gut‘ ab, sein erstes sogar schon nach sechs Semestern. Klar, auch er schwört auf Fälle und einen exzellenten Gutachtenstil. Nach Schnelllese- oder extravaganten Lernmethoden sucht man bei ihm allerdings vergeblich. Fragt man nach seinem Geheimnis für ein rasantes, erfolgreiches Studium, reduziert er es auf zwei Begriffe: Breite und Struktur. „Zum Examen selbst sollte man auch Detailkenntnisse haben. Aber während des Studiums habe ich mehr Wert auf ein sehr breites Fundament in allen Rechtsgebieten gelegt.“ Er absolvierte in jedem Semester mehr als die vorgeschriebenen Klausurfächer und organisierte die Lernphasen im Voraus planmäßig. Das brachte ihm Übung, ab und an auch zulasten der einen oder anderen guten Note in Klausuren. Die hohe Geschwindigkeit half ihm, die Dinge besser im Gedächtnis zu behalten, weil sie schlicht nicht allzu weit zurücklagen. „Davon profitierte ich sogar noch im Referendariat“, sagt er.

Auch bei Markus Orschler von Ritter Speed Reading geht es um Effizienz. Er ist auf die Vermittlung von Memo- bzw. Gedächtnistechniken spezialisiert. Sein Konzept setzt auf die Reduzierung des tatsächlich lernnotwendigen Stoffes. Erst danach ergibt es Sinn, bestimmte Lerntechniken anzuwenden. Oberstes Ziel ist dabei die Stressvermeidung. Denn Stress gilt gemeinhin als für das Gedächtnis kontraproduktiv und löst durch die Ausschüttung von Adrenalin eher Fluchtreaktionen aus, was auch die intellektuellen Fähigkeiten in diesem Zustand tangiert. Kurzum: Stress macht dumm. Gerade in Examensphasen ist eine frühzeitige Planung, welcher Stoff in welcher Zeit gepaukt werden soll, daher besonders wichtig. Erst darauf folgen die Techniken, die dem geschundenen Erinnerungsvermögen auf die Sprünge helfen können. Dazu zählen grafische Darstellungen, Analogiebildungen und die Reduktion eines Sachverhaltes auf wenige Punkte, die als Links des Gedächtnisses fungieren. Schnelle, passive Lektüre, die sich ins Gehirn einbrennt, ist und bleibt also Wunschdenken.

Rekordgeschwindigkeit

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Gedächtnisweltmeister: Simon Reinhard

Eine Aussage, die Simon Reinhard unterschreiben würde. Der Immobilienrechtler ist als freier Mitarbeiter bei HFK Rechtsanwälte in München sowie als selbstständiger Berater zum Thema
Gedächtnisschulung tätig. Das kommt nicht von ungefähr, denn der 39-Jährige ist amtierender Gedächtnisweltmeister. In Wettbewerben betet er in verschiedenen Disziplinen Zahlen-, Karten- und Wortreihen in Rekordgeschwindigkeit mithilfe von speziellen Techniken herunter. Doch helfen solche Fertigkeiten überhaupt im juristischen Alltag? „Mir hat es im zweiten Staatsexamen und besonders im Strafrecht sehr geholfen.“ Bei listenartigem oder definitionslastigem Lernstoff wie dem Strafrecht bietet sich nämlich der Gedächtnispalast an, bei dem Inhalte auf bekannten oder selbst entworfenen Wegstrecken an festen Punkten verankert und durch Bilder visualisiert werden. Damit lassen sich laut Reinhard, der seinen Sport erst kurz vor dem ersten Staatsexamen aufnahm, Begriffe und auch Definitionen dem Sinn nach gut lernen.

Dennoch empfiehlt er nicht grundsätzlich, nur noch nach Methode zu lernen. Man kann sich seinen Stoff auch nach ‚normalem‘ Schema aneignen. Aber die Lücken, die sich zum Beispiel nicht logisch ergeben, lassen sich mittels Techniken auffüllen. Sauberkeit geht jedoch vor Schnelligkeit. „Ich halte nichts von oft unrealistischen Speed-Reading-Versprechen, die eine extreme Vervielfältigung der Lesegeschwindigkeit bei gleichem Lerneffekt nahelegen. Eine gewisse Steigerung ist möglich, aber für wichtiger halte ich konzentriertes und strukturiertes Lernen – sowohl mit als auch ohne Techniken.“

Ein Aufwand, der sich lohnt

Das oft gegen Gedächtnistechniken vorgebrachte Argument, diese seien so lernintensiv, dass man sich den Stoff auch gleich herkömmlich beibringen kann, lässt er nicht gelten: „Das ist so, als würde man den Führerschein nicht machen, weil man ja schon Fahrradfahren kann. Es ist Aufwand, aber man hat deutlich mehr davon und profitiert dauerhaft“, sagt Reinhard. So kann er in seiner Tätigkeit als Anwalt immer wieder in Mandantengesprächen, in Vorträgen oder vor Gericht auf Gedächtnismethoden zurückgreifen, ohne auf ein Skript schauen zu müssen. Dabei fasst er beispielsweise zehn Themen zusammen und ordnet jedem Thema einige Stichworte zu, die dann auf einem vorgestellten Weg abgelegt werden: „Solche gedanklichen Wegstrecken abzugehen, ist wahnsinnig blackoutsicher. Ein Nebeneffekt ist außerdem, dass sie als Konzentrationshilfe für einen Sachverhalt dienen.“ Aber auch Reinhard prägt sich nicht willkürlich sämtliche Dinge und Fakten ein. Die Gedächtnistechniken müssen aktiv angewandt und sinnvoll eingesetzt werden.

Sich einen Einkaufszettel einzuprägen, ist insofern unsinnig. „Aber wichtige Definitionen und relevante Inhalte zu beherrschen oder die Struktur eines Vortrags auswendig zu können, hilft sehr und spart Zeit.“ Zeit, die man auch für anderes verwenden kann. Zum Beispiel für den Gutachtenstil. Denn so sinnvoll Lern- und Lesetechniken für auswendig zu lernenden Stoff auch sein mögen, bleiben sie angesichts der besonderen Herausforderungen der juristischen Staatsexamina nicht mehr als eine Ergänzung auf dem Weg zum Doppelprädikat.

„Während des Studiums habe ich Wert auf ein sehr breites Fundament in allen Rechtsgebieten gelegt.“

„Relevante Inhalte oder die Struktur eines Vortrags auswendig zu können, hilft sehr und spart Zeit.“