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21.05.2014 | Autor/in: Mathieu Klos
Themen in diesem Artikel:

Die Welt rettet man nicht an einem Tag

Für mehr Gerechtigkeit treten Juristen ­praktisch schon von Berufs wegen ein, für ­eine ­bessere Welt dagegen eher selten. Die Suche der azur-Redaktion nach Juristen, die sich ­sozial engagieren, gestaltete sich jedenfalls schwierig.

Die Welt rettet man nicht an einem Tag: Beitrag aus azur 1/2014

Die Welt rettet man nicht an einem Tag: Beitrag aus azur 1/2014

Einige Juristen jedoch sind sehr aktiv, ­beispielsweise Christoph von ­Bülow, Lamia Özal, ­Falk ­Würfele und Maxi­milian Oehl. Für die vier Juristen ist ­soziales Engagement eine Herzensangelegenheit – auch wenn sie sich als Studenten gerade auf das Staatsexamen vorbereiten oder als ­Anwälte komplizierte Transaktionen ­begleiten. Sie nehmen sich Zeit für ­andere. Dabei sind sich die vier bewusst, dass sie mit ­ihrem juristischen Wissen und Einfluss manche ­Türen für Menschen in misslicher Lage öffnen können. Sie ­erliegen aber nicht der ­Illusion, die Welt von Grund auf zu ändern. (aus azur 1/2014)

 

Saatgut für die Ärmsten der Armen: Dass die Glasfassaden ­Frankfurter ­Bankentürme und große Transaktionen nicht alles sind, ahnte ­M&A-Anwalt Dr. Christoph von Bülow schon früh. Dann verteilte er für die ­Welthungerhilfe in Kenia Saatgut. Seither hat er Gewissheit, dass man mit ­wenig viel für Menschen tun kann, die mit dem Minimum zum Leben ­auskommen müssen. Mehr

Gleiche Chancen für Deutsch-Türken: Das Thema liegt der Berliner Studentin Lamia Özal am Herzen. Sie gründete zusammen mit anderen Aktivisten den ­Jugendverein DeuKische Generation. Um auf Themen wie Chancengleichheit und Integration aufmerksam zu machen, scheuen sie nicht vor spektakulären ­Aktionen zurück und stellten 2010 Strafanzeige gegen Thilo Sarrazin. Mehr

Bildung für Straßenkinder: Irgendwann wollte Prof. Dr. Falk Würfele einfach nicht mehr tatenlos an den Straßenkindern von Bukarest vorbeigehen. Der ­Immobilien- und Strafrechtler ist regelmäßig beruflich in der rumänischen Hauptstadt unterwegs und gründete vor drei Jahren das Hilfsprojekt „Von Piloten und Prinzessinnen“, um das Interesse der Kinder an Schule zu wecken. Mehr

Menschenrechte schützen: Im Dickicht der Themen des Jurastudiums drohte Maximilian Oehl zu versinken. Der Kölner Student zweifelte, wofür all das Wissen gut sein sollte, und beschloss, ­denen zu helfen, die rechtlichen Beistand besonders nötig haben. Er gründet vor einem Jahr die Refugee Law Clinic Cologne und berät Ausländer und Asylsuchende zum deutschen Recht. Mehr

 

 

Die Not etwas lindern

Als M&A-Anwalt viel arbeiten und sich trotzdem humanitär engagieren – für Christoph von Bülow ist das kein Gegensatz. Er unterstützt die Welthungerhilfe.

Die Halbwüste im nordkenianischen Marsabit ist kein bevorzugter Arbeitsort für einen M&A-Anwalt. Saatgut zu verteilen ist keine typische Arbeit für einen Partner von Freshfields Bruckhaus Deringer. Aber genau das tat Dr. Christoph von Bülow im März 2012, um den hilfsbedürftigen Menschen vor Ort zu helfen und herauszufinden, ob er nicht selbst eine wohltätige Organisation gründen soll.

Christoph von Bülow

Christoph von Bülow

Normalerweise begleitet der 57-Jährige Anwalt große Trans­aktionen oder regelt komplizierte gesellschaftsrechtliche Fragen. Dass die Lebensbedingungen und der Wohlstand auf unserem Planeten ungerecht verteilt sind, treibt den Wirtschaftsanwalt schon länger um. „Eine Reise zu einer Augenklinik der Christoffel-Blindenmission in Nepal hat mich tief beeindruckt“, erzählt von Bülow. Dort behandeln Ärzte Menschen mit Grauem Star, damit diese nicht als Blinde zu den Ärmsten unter den Armen werden. „Die ­unmittelbaren Eindrücke dort haben mir deutlich ­gemacht, dass jeder von uns in der Verantwortung steht zu helfen.“ Von Bülows Frau ist Ärztin. Bei beiden keimte die Idee einer eigenen Hilfsorganisation.

Aber vor diesem Schritt wollte der Anwalt heraus­finden, ob er als Kopfmensch den bedürftigen Menschen vor Ort überhaupt eine praktische Hilfe sein kann. Die Gelegenheit dafür ergab sich während der dreimonatigen Auszeit, die Freshfields jedem Partner gewährt. Statt sich an Traumstränden zu sonnen, ackerte von Bülow für eine bessere Welt. Die Welthungerhilfe war zunächst skeptisch, ob der Wirtschaftsanwalt für diese Art von Projekt ­geeignet ist.

Erst ein Vorbereitungsgespräch mit dem ­Projektleiter brachte die Gewissheit. Im März 2012 reiste von Bülow nach Nairobi, von dort aus ging es per ­Propellerflugzeug weiter zum Hilfseinsatz in den Norden Kenias. In dem kleinen Städtchen Marsabit verteilte er ­gegen die Trockenheit resistentes Saatgut, im Süden von Kenia baute von Bülow anschließend mit den Einwohnern gemeinsam Auffangbecken für Regenwasser oder Toilettenhäuschen aus Wellblech.

„Diese Arbeit hat mir noch einmal eindringlich vor ­Augen geführt, dass ein Großteil der Weltbevölkerung ums nackte Überleben kämpft. Das vergisst man allzu leicht in Finanzmetropolen wie Frankfurt“, sagt von Bülow. „Die Ungerechtigkeit der Verteilung von Nahrung und Wasser auf dieser Welt kann man als einzelner zwar nicht lösen, aber wir können und müssen es uns leisten, die Not der Menschen zu lindern.“ Die Idee einer eigenen Hilfsorganisation hat von Bülow jedoch nach seinen Erfahrungen in Kenia begraben: „Mit zwei linken Händen bin ich für die betroffenen Menschen vor Ort keine große Hilfe, ich kann von Europa aus mehr bewirken.“

Aber er unterstützt weiter die Welthungerhilfe. Von Bülow finanziert ein Projekt in Marsabit und öffnet der ­Organisation durch seine Kontakte auf Fundrasing-Veranstaltungen Türen zu Spendern. Die Menschen in den ­ärmsten Ländern der Welt hätten in den Industrienationen keine Lobby, sagt von Bülow. Deshalb sei es wichtig, politisch aktiv zu sein. Das beginnt für ihn in alltäglichen Diskussionen mit Kollegen und Freunden. Er findet, dass gerade Juristen, die sich regelmäßig mit Fragen der Gerechtigkeit befassen, in der Verantwortung stehen. Und damit meint der Freshfields-Partner nicht nur die ungleichen Verteilung des Wohlstandes in der Welt, sondern auch das verantwortungsvolle Handeln in der täglichen Beratung. (Mathieu Klos)

Rabatz für die gute Sache

Gleiche Chancen für Jugendliche liegen Lamia Özal am Herzen. Dafür setzt sie sich mit ihren Mitstreitern von DeuKische generation politik- und medienwirksam ein.

Lamia Özal ist die Blaupause einer perfekt integrierten Türkin. Die 24-Jährige wächst in den besseren Gegenden Berlins auf, besucht gute Schulen, studiert Jura in Potsdam und ist sogar Stipendiatin der Stiftung der deutschen Wirtschaft. Özal spricht seit vielen Jahren besser Deutsch als Türkisch, sie hat mehr deutsche als türkische Freunde, und mit Vorurteilen als Türkin in Deutschland hat sie nicht zu kämpfen. 16 Jahre lang ist in ihrem Leben alles in bester Ordnung – bis 2006.

Lamia Özal

Lamia Özal

Es ist die Zeit intensiver öffentlicher Diskussionen um die Reform des Zuwanderungsgesetzes. Die Rütli-Schule in Berlin-Kreuzberg macht mit Gewaltexzessen und einem hohen Ausländeranteil Schlagzeilen. In der Münchner ­U-Bahn treten ein junger Türke und ein Grieche einen Rentner zu Tode. Das Bild von testosterongesteuerten, prügelnden jungen Männern bestimmt das Bild der Türken in der deutschen Öffentlichkeit. „Plötzlich wurde auch ich mit Fragen und Vorurteilen von Mitschülern konfrontiert“, erzählt Özal. „Für mich persönlich waren Türkisch zu sein und ein normales Leben in Deutschland selbstverständlich.“ Dass aber andere Deutsch-Türken mit Vorurteilen kämpfen und nicht die gleichen Bildungschancen wie sie haben, nimmt sie fortan nicht mehr hin.

Sie gründet mit deutschen und deutsch-türkischen Mitstreitern den Berliner Jugendverein DeuKische Generation. Mit der Zusammensetzung der Wortteile deutsch und türkisch drücken sie ihr Lebensgefühl von bikulturell und bilingual aufgewachsenen Jugendlichen aus. „DeuKische geht es um die Zukunft aller Jugendlichen in Deutschland. Wir mischen uns ein, damit nicht Politiker über die Köpfe ganzer Generationen hinweg entscheiden, ohne deren ­Lebenswirklichkeit zu kennen“, erklärt Özal. Im Zentrum der Arbeit von DeuKische steht aber die Chancengleichheit junger Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem von Deutsch-Türken, die die größte Migrantengruppe in Deutschland stellen.

Die Arbeit bei DeuKische beansprucht Özal während des folgenden Jura-Studiums in Potsdam wie ein normaler Acht-Stunden-Arbeitstag. Ihre Jura-Vorlesungen besucht sie zusätzlich. Özal ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins und koordiniert die Projekte an Schulen, zum Beispiel Workshops zu Themen wie Identität und Heimat. „Wir wollen die Jugendlichen ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen“, sagt sie. Der Verein sucht immer wieder die Öffentlichkeit, um Vorurteile gegenüber Ausländern zu bekämpfen.

Als Thilo Sarrazin 2009 und 2010 mit provokanten Thesen zur Integrationspolitik in seinem Buch ‚Deutschland schafft sich ab‘ wochenlang die öffentliche Diskussion beherrscht, fordern die DeuKische-Mitglieder vor der SPD-Parteizentrale den Parteiausschluss von ­Sarrazin. Sie gehen noch weiter: Mehrere DeuKische-­Vertreter stellen Strafantrag gegen ihn wegen Volksverhetzung. Den stellt die Berliner Staatsanwaltschaft zwar ein, aber DeuKische positioniert sich geschickt in den Medien.

Den Zugang zur Politik erarbeitet sich der Verein in Berlin schnell. DeuKische wird 2010 von Angela Merkel auf den Integrationsgipfel eingeladen. Im März diskutierte ­Joachim Gauck im Rahmen der Themenwoche „Unterwegs zum Miteinander“ mit Vertretern von ­DeuKische und anderen Initiativen in Berlin Kreuzberg – mit dabei ist Özal, die eigentlich für das erste Staatsexamen büffelt. Durch die Arbeit bei DeuKische hat Özal auch ihre eigene Identitätssuche abgeschlossen: „Ich verstehen mich als Deutsche und Türkin.“

Inzwischen zieht sich die Gründergeneration von DeuKische aus der Vorstandsverantwortung zurück und macht der nächsten Generation Platz. Özal hat bereits neue Projekte im Kopf, aber ihr nächstes Ziel ist nun erst einmal die erste Staatsprüfung. Danach erwägt Özal ein Masterstudium Human Rights in der Türkei. Das Land ist unter der Regierung Erdogan nicht gerade für die Wahrung von Menschenrechte bekannt. Auch hier wird sich Lamia Özal vermutlich wieder einmischen. (Mathieu Klos)

König von Rumänien

Deutlichen Worten folgen deutliche Taten. Falk Würfele will mit seinem Hilfsprojekt rumänischen Straßenkindern eine Bildungschance geben.

Er ist ein Mann deutlicher Worte: „Zwischen den EU-Subventionen für Rumänien und der Flatrate-Prostitution in Deutschland gibt es einen Zusammenhang“, nennt der Rumänienkenner Prof. Dr. Falk Würfele Missstände in der Europäischen Union beim Namen. Das erklärt er so: „Die EU-Subventionen zwingen die rumänische Regierung zu Steuerhöhungen und Lohnkürzungen bei Staatsbediensteten. Bei Monatsgehältern von 200 bis 600 Euro wurde die nicht sonderlich wohlhabende Mittelschicht extrem belastet. Inzwischen verdingen sich sogar Töchter aus Beamtenfamilien als Prostituierte in Westeuropa, statt zu studieren. Dazu tragen Deutschland und die EU durch falsch gesetzte Hilfe leider bei.“

Falk Würfele

Falk Würfele

Der Düsseldorfer Wirtschaftsanwalt klagt nicht nur an, er ist auch ein Mann der Tat. Seit acht Jahren lebt und ­arbeitet der 47-Jährige in Bukarest – mittlerweile rund zwei ­Wochen im Monat. Spätabends, wenn er von seinem ­Appartement zu seiner angestammten Jazzkneipe geht, fallen ihm immer wieder die vielen Straßenkinder im ­Zentrum der ­rumänischen Hauptstadt auf. Die Bilder von bettelnden Kindern, die im Winter in Pappkartons auf der Straße ­hausen, flimmern auch über deutsche Bildschirme. Falk Würfele, der selbst drei Kinder hat, sieht sie jeden Abend live. „Irgendwann konnte ich nicht mehr wegsehen.“

Er setzt sich eines Abends zu den Kindern und fragt sie, wer sie sind und was sie auf der Straße tun. Sie fragen ihn, wer er sei. „Der König von Rumänien“, antwortet er auf Rumänisch. Er will eine Reaktion provozieren, um ins Gespräch zu kommen. Seither spricht er immer wieder mit den Kindern, findet heraus, dass sie ganz normale Träume haben. Sie wollen Pilotin, Rennfahrer oder Prinzessin werden.

„Sie haben einen normalen Wissensdrang, wie alle Kinder“, erklärt Würfele. Vor drei Jahren gründet er eine Straßenschule. „Unser Ziel ist es, die Idee von Bildung in ihren Köpfen zu pflanzen, damit sie wieder zur Schule ­gehen.“ Dann findet Würfele wieder klare Worte: ­„Diese Kinder stammen zu 90 Prozent aus Zigeunerfamilien. Sie werden von ihren Eltern zum Betteln auf die Straße ­geschickt. Eigentlich könnten sie eine Schule besuchen.“

„Von Piloten und Prinzessinnen“ betreut derzeit zwölf Kinder. Würfele trägt die Kosten. „Mit 3.000 bis 5.000 Euro regelmäßigen Spenden im Monat könnten wir hier sehr viel bewegen“, so der Anwalt. Zurzeit bekommt er nur sporadisch Unterstützung aus Deutschland. Vor Ort betreut eine Straßenarbeiterin die Kinder. Gespräche und kleine Bildungsangebote sollen ihren Wissendurst anregen.

Jetzt geht das Hilfsprojekt den nächsten Schritt. ­Würfele mietet ein Ladenlokal an und eröffnet demnächst ein Straßenkaffee als feste Anlaufstelle. Hier treffen sie Gesprächspartner, lesen Bücher, bekommen medizinische Erstversorgung und eine warme Mahlzeit. „Wir geben den Kinder einen Schutzraum, in dem sie den Respekt erfahren, den ihnen ihre Familien verweigern“, erklärt der ­Anwalt. Vor allem die Mädchen würden in den Familien unterdrückt. Die Familien, aus denen die Straßenkinder in Bukarest stammen, kennt er zum Teil aus seiner anwalt­lichen Arbeit in Deutschland.

Würfele verdient sein Geld mit der Begleitung internationaler Bauprojekte, das Strafrecht bezeichnet der Partner von GTW Rechtsanwälte als sein Hobby. Weil er Rumänisch spricht, wird er von deutschen Gerichten regelmäßig als Pflichtverteidiger rumänischer Straftäter bestellt. „Die klauen hier üblicherweise Stahl oder Kupfer“, erzählt Würfele. Oft sitzen ihm dann muskelbepackte Männer gegenüber. Auch sie wurden in ihrer Kindheit von den Familien erniedrigt und zum Teil misshandelt.

Um für den Schulbesuch zu werben, will er nun mit seinem Projekt aktiv in die Familien der Straßenkinder hineingehen. Dass das wohl die schwierigste Aufgabe sein wird, ist ihm bewusst. Er scheut sie aber nicht. „Wenn eines der Straßenkinder – vielleicht sogar ein Mädchen – Pilotin werden würde, wäre das ein Vorbild für die anderen Kinder und der Einsatz hätte sich gelohnt.“ (Mathieu Klos)

Wenn nicht jetzt wann dann

Menschen helfen, Jurawissen anwenden: Beides trieb Maximilian Oehl schon länger um. 2013 gründete er die Refugee Law Clinic Cologne.

Lässiges Auftreten, ein Vollbart wie Rasputin, der Wunderheiler der Zarenfamilie, und die langen dunkelblonden Haare nach hinten zum Zopf gebunden – so einer studiert doch eigentlich nicht Jura und schon gar nicht mit Schwerpunkt Handels- und ­Gesellschaftsrecht. So einer wie Maximilian Oehl studiert allenfalls Völker- und Europarecht. Seit Februar vergangenen Jahres widmet der 25-Jährige seine ganze Kraft der Refugee Law Clinic Cologne (RLCC). Die studentische Organisation hilft Ausländern und Asylsuchenden, im Dickicht deutscher ­Gesetze und behördlicher Anordnungen zu ­ihrem Recht und ein wenig menschlicher Anerkennung zu kommen. Maximilian Oehl ist ihr Initiator.

Maximilian Oehl

Maximilian Oehl

„Als Schüler war ich eher auf Themen wie ein stringenter Lebenslauf und Karriere gepolt“, erzählt er. Eine andere Perspektive habe er 2007 während einer Tätigkeit für ein humanitäres Projekt in Ghana bekommen. Nach vier Monaten in Afrika sei er nicht mehr nur auf sein eigenes Fortkommen fixiert gewesen. Dennoch entschied Oehl sich für das Jura-Studium.

Mit zunehmendem Studienverlauf fragte sich der Kölner Student allerdings, wozu das Ganze? Im Sommer 2011 stellte er sich dann die Frage: Welche Fähigkeiten habe ich als Jurist, und wie kann ich sie am besten anwenden? Seine Antwort fiel eindeutig aus: Er will denen helfen, die fern ihrer ­Heimat in einem fremden Land mit fremden Gesetzen ihre Rechte praktisch kaum durchsetzen können. Die anfängliche Skepsis vor ­allem von Professoren, die ihm rieten, doch jetzt erst ­einmal an sein Examen zu denken, wischte er beiseite. Er sagte sich: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“.

Maximilian Oehl ist ein Vertreter jener jungen ­Generation, die gerne mit dem Zusatz „Y“ und dem Attribut Work-Life-Balance versehen wird. Oehl geht es aber nicht so sehr um Freizeit – die hat er seit Gründung der RLCC kaum, und seit einigen Wochen bereitet er sich auf das erste Staatsexamen vor. Für ihn ist es vielmehr ­wichtig, das, was er tut, mit Sinnvollem zu verbinden.

Das Ausländerheim, in dem die Kölner Studenten der RLCC einmal wöchentlich Sprechstunden halten, liegt an der Kyffhäuser Straße. Hier, ins quirlige Kölner Studentenviertel Kwartier Latäng, verschlägt es vor allem Party­gänger und Nachschwärmer. Dass hier Menschen fern der ­Heimat auf Aufenthaltsgenehmigung oder Abschiebung warten, entgeht den meisten. Oehl und seine Mitstreiter helfen bei Amtsgängen und alltäglichen Problemen, wie einen Handyvertrag abzuschließen. Sie erleben aber auch Fälle von auslaufenden Aufenthaltsgenehmigungen und Abschiebungen.

In solchen elementaren Rechtsfragen ­betreuen die jungen Juristen zwar ihre Mandanten, das Mandat führt aber ein erfahrener Anwalt. „Wir bereiten den Sachverhalt auf und sichten die Dokumente“, erklärt Maximilian Oehl. Die eigentliche Vertretung gegenüber der Ausländerbehörde oder vor ­Gericht übernimmt der ­Anwalt. Behördengänge nehmen die Studenten – in ­Absprache mit dem Anwalt – auch eigenständig wahr.

„Es ist aber schon erschreckend, wie weit die im ­Studium vermittelte Theorie und die richterliche und ­behördliche Praxis gelegentlich auseinanderliegen“, ­erklärt Oehl seinen Eindruck nach einem Jahr RLCC. Demgegenüber stehen die Erlebnisse mit zum Teil extremen Schicksalen der Mandanten, das Gefühl ein wenig zu ­helfen und der Zuspruch, den das Projekt nach den ersten zwölf Monaten des Bestehens erfährt. Vor einem Jahr fand Oehl schnell 13 Mitstreiter, mit denen er die RLCC grün­dete. Inzwischen engagieren sich 160 Freiwillige. Sie ­bearbeiteten in nur zwölf Monaten rund 50 Mandate. „In jedem Juristen steckt der Funke, Gutes zu tun“, findet Maximilian Oehl. (Mathieu Klos)