Magazin-Artikel
01.06.2017 | Autor/in: Eva Flick

Die Schatzsucher: Compliance-Anwälte jagen verschwundenen Millionen hinterher

AZ01/17

Der Titelbeitrag aus azur 1/2017

Die Zeiten, in denen ausschließlich Partner komplizierte Compliance-Fälle in Kanzleien bearbeiteten, sind vorbei. Beim Einsatz vor Ort ist Teamwork gefragt. Wenn sich drei Generationen von Anwälten auf die Suche nach verschwundenen Millionen machen, zeigt sich, warum das so sein muss.

von Eva Flick

Wie lässt man 100 Millionen Euro in bar verschwinden? Aufgeteilt in 100-Euro-Scheine wiegen sie mehr als eine Tonne, übereinandergestapelt misst der Turm 100 Meter, würde man sie in Badewannen handelsüblicher Größe füllen, bräuchte man neun davon. Das mögen überflüssige Zahlenspiele für Otto Normalverbraucher sein, nicht aber für Dr. Helmut Görling und sein Team. Görling jagt verschobenen Geldern hinterher und sorgt für die Rückführung, ‚Asset Tracing‘ nennt sich diese Compliance-Disziplin. Meist wurde das Geld in Fällen von Korruption und Geldwäsche zur Seite geschafft. 100 Millionen können dabei durchaus zusammenkommen.

Wenn der 61-Jährige, der im Mai 2016 als Partner bei Herbert Smith Freehills in Frankfurt eingestiegen ist, von seinen spektakulärsten Fällen erzählt, lacht er das breite Lachen, das ihn auszeichnet, und lehnt sich genüsslich im Stuhl zurück. Über aktuelle Fälle kann er nicht sprechen, das ist klar. Aber über vergangene. Und er liebt es, davon in der Zeitung zu lesen.

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Helmut Görling, Herbert Smith Freehills

So wie vor zehn Jahren, als Heros – seinerzeit unangefochtener Marktführer im Geldtransportgewerbe – in die Insolvenz krachte. „Der Verbleib von 100 Millionen musste geklärt werden“, erzählt Görling. „Damals hieß es sogar, dass kurzfristig die Bargeldversorgung in Deutschland in Gefahr sei.“ Was nach schamloser Übertreibung der Boulevardpresse klingt, war gar nicht abwegig. Heros wickelte rund die Hälfte aller Bargeldtransporte in Deutschland ab. Holte täglich Berge von Scheinen und Münzen von Läden wie Aldi, Rewe, Metro und McDonald’s ab, füllte die Geldautomaten der Sparkassen und der Commerzbank, um nur einige Kunden zu nennen.

Wo war der Rest?

Die anvertrauten Gelder zahlten die Verantwortlichen von Heros aber nicht direkt auf die entsprechenden Konten ein, sondern nutzten sie für kurzfristige Geldanlagen, stopften Löcher im eigenen Geschäft oder verprassten sie für ein ausschweifendes Luxusleben. Der Schaden belief sich auf satte 250 Millionen Euro, ein großer Teil davon war in das eigene, schon seit Langem defizitäre Unternehmen geflossen.

Aber wo war der Rest? Der Insolvenzverwalter holte sich Görling und sein Team an Bord, die damals noch unter eigener Flagge agierten. Görling galt schon vor zehn Jahren als alter Hase im Geschäft. Schließlich begann er seine Karriere direkt an der Front, als Kriminalkommissar am hessischen Landeskriminalamt, bevor er bei Beiten Burkhardt einstieg, später zu Jones Day ging und dann die eigene Kanzlei eröffnete. Getreu dem Motto ‚ungewöhnliche Fälle erfordern ungewöhnliche Maßnahmen‘ griff Görling tief in die Trickkiste – oder besser im Fall Heros – in die Tasche. „Wir beriefen eine Pressekonferenz ein und setzten bis zu 18 Millionen Euro Belohnung für Hinweise aus.“ Das war die höchste Summe, die bis dato in einem Fall von Kriminalinsolvenz ausgeschrieben worden war.

Versteck verraten

Dass diese Maßnahme auch eher merkwürdige Zeitgenossen auf den Plan rief, war zu erwarten. Ein Wünschelrutengänger bot sich an. „Mit solchen Hinweisen gibt’s nur eines: gelesen, gelacht, gelocht“, meint Görling. Zu den zahlreichen Anrufern gehörte aber auch ein Anwalt, dessen Mandant als verurteilter Mörder im Knast saß. Sein Mandant hätte mit einem der Heros-Beschuldigten die Zelle geteilt und der hätte das Versteck verraten – so der Hinweis. Dr. Dirk Seiler, damals seit vier Jahren als Associate bei Görling und heute ebenfalls Partner bei Herbert Smith Freehills, fuhr in besagte JVA und hatte, das gibt der 47-Jährige heute zu, „irgendwie kalte Hände vor dem Treffen“. Dabei war auch er nicht unerfahren, hatte als Strafverteidiger schon einige schräge Sachen erlebt. Ein Teil des Geldes wäre im neuen Haus des Beschuldigten versteckt, erklärte ihm der Mann. Dort seien vor Kurzem ein neues Badezimmer und eine neue Veranda gebaut worden. In der Ummantelung der Badewanne und unter der Veranda liege das Geld. „Sollte ich das glauben oder nicht?“ Seiler war sich nicht sicher.

Schließlich erwirkte er einen Arrestbefehl über acht Millionen Euro und fuhr hin. An seiner Seite: ein Gerichtsvollzieher, eine Firma für die Erkundung von Hohlräumen und – fürs Grobe – mehrere Bauarbeiter. „Das Bad sah neu aus“, erinnert er sich. „Und auf der Veranda waren neue Platten schwimmend verlegt, die alten lagen daneben, ordentlich an einer Wand auf gestapelt.“ Die Hinweise aus der JVA passten also genau. Trotzdem plagten ihn Skrupel, hier nun den Hammer schwingen und damit die ganze Herrlichkeit kurz und klein schlagen zu lassen.

Das Ende ist schnell zusammengefasst: Seiler machte kurzen Prozess, ließ als erstes die Badewanne aufschlagen. Kein Geld. Die Baufirma trug Schicht um Schicht die flammneue Veranda ab. Nachts stand die Baustelle unter Aufsicht, damit das Geld – im Falle eines Fundes – nicht gleich wieder verschwand. Sie gruben und gruben, Seiler griff gar selbst zum Spaten („das Rumstehen wurde irgendwann langweilig“), nach einem weiteren Tag die bittere Erkenntnis auch hier: kein Geld. Alles für die Katz.

Zehn Jahre später sitzen Görling und Seiler zusammen am Tisch und können heute über diese Aktion lachen. Auch Misserfolge gehören zum Geschäft. Mit in der Runde sitzt Enno Appel. Der heute 37-Jährige war damals im ersten Berufsjahr, aber bereits Teil des Teams. Auch er hatte seine eigene Aufgabe im Heros-Fall: Er kümmerte sich um eine später ebenfalls angeklagte Buchhalterin, „Typ freundliche Omi“, wie er sie beschreibt. Die hatte wie so viele Mitarbeiter das Chaos bei Heros für sich genutzt, Bargeld nach Hause geschmuggelt und es anschließend ordentlich, aber wenig clever auf dem Konto des Gatten deponiert. Damit war sie ein kleines Puzzlestück im Gesamtkonstrukt.

Letztlich konnten sie zumindest einen Teil des Geldes später finden. Es war unter anderem angelegt in etlichen Häusern, in 53 Nobelkarossen, die in der Nachbarschaft parkten, und in ganzen Editionen von Luxusuhren mit jeweils sechsstelligem Wert – versteckt in Schweizer Banktresoren.

Arrestverfahren? Kalter Kaffee

Ein aufregendes Debut für Appel – der aber schon damals nicht ohne Erfahrung war. Er kam als Student in Görlings Team, später als Referendar. Aus heutiger Sicht, meint er, hätte er besser zu einem noch früheren Zeitpunkt die erste Kanzleiluft geschnuppert. „Je früher, desto besser“, resümiert er. „Alles, was man dort an Erfahrung sammelt, bringt einem später Pluspunkte.“ Arrestverfahren und Zwangsvollstreckung im ersten Berufsjahr? „Kalter Kaffee, das kannte ich alles schon.“

Und auch die anderen Tricks aus dem Berufsalltag, die Altmeister Görling mit Vergnügen seinem Nachwuchs vermittelt, etwa die Frage: Was ist zu tun, wenn ich bis spätestens 24 Uhr einen Schriftsatz in den Nachtbriefkasten befördern muss, der Schriftsatz aber so dick ist, dass er nicht durch den Briefschlitz passt? Die Antwort: Man baut sich eine Schriftsatzwurst, wie Görling das nennt. Bei dicken Schriftsätzen haben seine Anwälte immer mehrere Umschläge samt Locher und Kordel im Gepäck, sodass der Schriftsatz aufgeteilt und miteinander verbunden im Briefschlitz versenkt wird. Das sind Lösungen nach Görlings Geschmack.

Denn Kreativität ist es auch, mit der er an interne Untersuchungen – ein weiterer Schwerpunkt seiner Praxis – herangeht. „Mich interessiert am meisten die Entwicklung einer Strategie einer internen Untersuchung“, sagt er. „Einfach Unterlagen zu durchsuchen, muss zwar sein, das alleine finde ich aber mäßig interessant und wenig effektiv.“ Deswegen schüttelt es ihn heute noch, wenn er an seine erste Zeit als Anwalt zurückdenkt, als er sich auf Leasingrecht konzentrierte, reichlich kleine Fälle bearbeitete, alle drei bis vier Seiten dünn, alle ähnlich aufgebaut. Routine. Ihm fällt nur ein Wort dafür ein: „Grauenvoll!“. Im Compliance dagegen ist jeder Tag anders.

Einsatz nach Drehbuch

Bei einer internen Untersuchung will er in erster Linie verstehen, warum ein Sachverhalt so ist, wie er ist. Eine mögliche Herangehensweise: der theoriebasierte Ansatz. Die Anwälte stellen eine These A auf. Wenn These A stimmt, welche Spuren muss es dann geben? Gibt es die? Wenn nicht, überprüfen sie These B. Görling und Seiler sprechen von „Kopfkino“ oder „Drehbuch“.

Können sich junge Juristen auf den Einsatz im Compliance fachlich vorbereiten? Enno Appel erklärt es so: „Compliance ist eine Querschnittmaterie. Und manches davon hört man tatsächlich schon an der Uni.“ Dazu gehören zum Beispiel Insolvenzrecht, Arbeitsrecht, Strafrecht, im Referendariat verstärkt Prozessrecht. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Staatsanwälten brauchen Compliance-Experten auch viel Wissen im Zivil- und Prozessrecht. Fachliches Know-how sollte also eher in der Breite denn in der Tiefe vorhanden sein.

Doch das ist nur die halbe Miete. Fingerspitzengefühl im Zusammentreffen mit Menschen, die teilweise erheblich unter Druck stehen, lernt niemand an der Uni. Dirk Seiler betont: „Wenn wir bei jemandem vor der Tür stehen, ist völlig klar, dass das wahrscheinlich den größten Einschnitt in seinem Leben bedeuten wird. Normalerweise ist in jedem Fall der Job weg, er landet im Knast, Familie und Freunde wenden sich ab.“ Was unter dem Label Wirtschaftskriminalität läuft, bringt nicht selten sehr persönliche Einblicke mit sich, die nicht jeder junge Anwalt ohne Weiteres wegsteckt. Fingerspitzengefühl ist außerdem nötig in Verhandlungen mit der Staatsanwaltschaft und bei internen Untersuchungen, wenn es darum geht, Mitarbeiter zum Reden zu bringen, die ihrerseits unter Druck stehen.

„Wenn ich mir einen Wunsch-Anwalt schnitzen könnte, wäre für mich das gewisse Auftreten eine ganz besonders wichtige Komponente“, erklärt Seiler sein Anforderungsprofil. „Man muss in der Lage sein sich durchzusetzen, auch wenn es menschlich schwierig wird.“ Das sei auch eine Frage der Erfahrung, aber nicht nur.

Und letztlich ruft die Front beim Mandanten vor Ort auch nicht jeden Tag. Trotz aller Reiserei findet der größte Teil der Arbeit am Schreibtisch statt. „Bei zwei Tagen Vollstreckung haben wir vorher zwei Monate Papier gewälzt“, rechnet Seiler vor. Das geht Helmut Görling auch nicht anders. Doch noch während er überlegt, wie sein Verhältnis zwischen Papierwälzen und Vorort-Einsatz in Zahlen ausgedrückt aussieht, klingelt sein Handy und er verlässt den Raum. „Wir haben eben den Hinweis eines Whistleblowers bekommen, um den ich mich jetzt kümmern muss“, erklärt er später entschuldigend. „Der will bestimmt wieder Geld für seinen Hinweis. Das ist oft der Grund, warum die Leute sich melden.“ Um wie viel Geld es dieses Mal geht, verrät Görling nicht. Aber vielleicht steht es ja bald in der Zeitung.