Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Laura Bartels

Die Gretchenfrage

Anwalts- oder Nur-Notariat? Da streiten sich die Gelehrten. Für junge Juristen ist die Antwort eigentlich unerheblich. Denn beide Formen bieten ihnen viele Entfaltungsmöglichkeiten und ein spannendes berufliches Umfeld.

Von Laura Bartels

Just_Clemens

Amtsanwärter: McDermott-Partner Clemens Just hat im Frühjahr 2017 die Fachprüfung bestanden.

Eine Turnhalle in der Nähe von Frankfurt, Schreibpult an Schreibpult. Die Sonne strahlt mit all ihrer Kraft und sorgt dafür, dass die auf dem Tisch deponierten Schokoriegel sich von Minute zu Minute mehr verflüssigen. Wochenlang hat sich Dr. Clemens Just, Partner bei McDermott Will & Emery in Frankfurt, auf diese Tage vorbereitet. Vier Klausuren à fünf Stunden, einige Monate später noch einmal fünf Stunden mündliche Prüfung samt Aktenvortrag. Nein, Just musste nicht sein zweites Staatsexamen nachholen. Er hat vielmehr noch ein drittes gemacht. Genauer gesagt hat er im Frühjahr 2017 die notarielle Fachprüfung abgelegt, die in Umfang und Ablauf dem Zweiten Examen ähnelt (Und so geht‘s, Seite 88). Nach mehreren Jahren im Anwaltsberuf noch einmal intensiv zu lernen, erfordert ein hohes Maß an Disziplin. „Das Klausurenschreiben war natürlich auch dieses Mal kein reines Vergnügen“, sagt Just. Und doch führt kein Weg daran vorbei.

Denn wer in Deutschland neben dem Anwaltsberuf auch noch als Notar arbeiten will, muss seit Ende 2010 diese Fachprüfung ablegen. „Ich habe versucht, mir im Vorfeld nicht zu viele zu konkrete Gedanken über die Klausuren zu machen“, erzählt er. Eine gesunde Blauäugigkeit erschien ihm angebracht. Als dann die Klausuren anstanden, war auch die Anspannung, die man aus den beiden vorangegangenen Staatsprüfungen kannte, wieder da. „Die Situation ist tatsächlich vergleichbar mit der im Staatsexamen. Ich würde daher jedem raten, die Prüfung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen“, sagt er. Denn sonst kann der Schuss auch nach hinten losgehen. Nur weil man juristisch vorgebildet ist, heißt das nicht, dass man auch die notarielle Fachprüfung mal eben besteht. Die Durchfallquoten liegen zwischen zwölf und 24 Prozent – also ähnlich wie im zweiten Examen.

Tückisch für Anwälte, die bisher in Wirtschaftskanzleien tätig waren, sind vor allem das Familien- und Erbrecht, denn damit beschäftigen sie sich bei der Beratung großer Konzerne selten bis gar nicht. Doch wer Notar werden will, muss auch diese Klausuren bestehen. Am Ende entscheiden die Note aus der Fachprüfung und die Punktzahl aus dem zweiten Examen darüber, wer Notar wird. Die Besten eines Prüfungsdurchgangs haben die besten Chancen auf das Amt. Stichwort Bestenauslese. Das Prüfungsmodell soll die fachliche Eignung der Bewerber feststellen und die Auswahlkriterien transparenter machen. Auslöser für die damalige Reform war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Darin bemängelten die Richter das frühere Punktesystem, weil es vom Bewerber keinen Nachweis der fachlichen Qualifikation forderte, sondern lediglich den Besuch einiger Vorbereitungskurse voraussetzte.

Geteiltes Land

Das galt allerdings nur für Bundesländer mit Anwaltsnotariat. Denn Deutschland ist im Hinblick auf das Notariat immer noch zweigeteilt. Die Gründe sind historisch bedingt. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen, Berlin und Hessen gibt es das Anwaltsnotariat, das es erlaubt, gleichzeitig als Notar und als Anwalt tätig zu sein. Das Nur-Notariat geht zurück auf die Zeit der französischen Revolution. Es ist heute die vorherrschende Notariatsform in den meisten Bundesländern. Eine Besonderheit stellen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg dar. Im Westen gibt es neben dem Nur-Notariat jenseits von Duisburg auch Anwaltsnotariate. Und in Baden-Württemberg existierte bis zu Beginn des Jahres sogar noch eine dritte Form – die Amtsnotariate. Diese sind allerdings seit dem 1. Januar 2018 Geschichte.

Die zum Jahresanfang umgesetzte Reform soll für einheitliche Verhältnisse sorgen und schreibt künftig das Nur-Notariat als gesetzliche Regelform vor. Aktuell gibt es dort noch beide Formen. Anwaltsnotare dürfen ihr Amt aber nur noch bis zum Erreichen der Altersgrenze von 70 Jahren ausüben. Neu bestellt werden ausschließlich Nur-Notare.

Und welche Notariatsform ist die bessere? Das ist die Gretchenfrage. Die Argumente sind stets dieselben: Befürworter des Anwaltsnotariats finden, dass gerade die vorherige Tätigkeit als Anwalt ein Vorteil ist, weil der Anwaltsnotar auch schon als Parteivertreter tätig war und beide Seiten kennt. Nur-Notare führen ihre große Erfahrung an und werten gerade die Tatsache, dass sie sich ausschließlich mit notariellem Geschäft befassen als klaren Vorteil. Letztlich ist an den Argumenten beider Seiten etwas Wahres dran. Clemens Just jedenfalls gehört zu den Verfechtern des Anwaltsnotariats. „Ich weiß es sehr zu schätzen, bereits einige Jahre Erfahrung als Anwalt gesammelt zu haben. Das werde ich auch in meine notarielle Tätigkeit einfließen lassen“, sagt er. Bestellt ist Just noch nicht. Das dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein. Zwar gehörte er zum ersten Jahrgang in Frankfurt, bei dem für die Bestellung zum Notar tatsächlich auch die Note in der Fachprüfung ausschlaggebend sein wird. Sein Ergebnis war aber nach eigener Aussage so gut, dass er seiner Bestellung entspannt entgegen sieht.

Bis vor Kurzem war die Situation in Frankfurt für Bewerber auf das Anwaltsnotariat sehr günstig. Denn in der hessischen Metropole ist der Generationswechsel unter den Notaren im vollen Gang. Zwischen 2018 und 2027 werden dort 116 Stellen neu besetzt, weil amtierende Notare die Altersgrenze erreichen werden. Das hieß bisher: Wer die Prüfung besteht, wird auch bestellt. Doch das ist jetzt vorbei. Ab sofort greift auch in Frankfurt das Prinzip der Bestenauslese. Die Verschärfung der Zulassungsbedingungen hat dazu geführt, dass schon im Herbst 2017 deutlich weniger Kandidaten zur Prüfung angetreten sind als in den Durchgängen zuvor. Das wiederum könnte bedeuten, dass die Chancen der Bewerber für 2019 wieder steigen, weil es weniger Konkurrenz um die ausgeschriebenen Stellen gibt.

Jeder nach seiner Façon

Jedes Bundesland regelt die Zulassung zum Amt des Notars nach eigenem Geschmack. Entsprechend sind Modus und Stellensituation in jedem Land anders. So auch in Berlin: Als die Treuhandanstalten in der Nachwendezeit das DDR-Vermögen privatisierten, brauchte die Stadt viele Notare und bestellte entsprechend viele. Der Bedarf war lange Zeit gedeckt. Um eine homogene Altersstruktur unter den Notaren zu erhalten, werden heutzutage neben den klassischen „Bedarfsstellen“ in Berlin auch „Altersstrukturstellen“ ausgeschrieben.

Internationale Großkanzleien wie Clifford Chance und Freshfields Bruckhaus Deringer pflegen ihre Notariate seit vielen Jahren. Kanzleien wie Flick Gocke Schaumburg oder Greenberg Traurig haben – teils durch Quereinsteiger, teils durch den eigenen Nachwuchs – ebenfalls Notariate aufgebaut. Zum einen, weil es ein lukratives Geschäft ist. Zum anderen bietet es jungen Anwälten eine attraktive Karrierealternative, die ihre Zukunft nicht als Equity-Partner sehen, also als Gesellschafter einer Kanzlei. So können Kanzleien verhindern, gute Juristen ohne Partnerambitionen an die Konkurrenz zu verlieren.

Statusproblem

Die Fachprüfung stellt manche Sozietäten allerdings zugleich vor ein strategisches Problem: Das Notarexamen hat den Nebeneffekt, dass die angehenden Amtsträger immer jünger werden. Denn die Lernphase vor der Prüfung ist zwar zeitintensiv und anstrengend; vor allem aber ist sie wesentlich kürzer als das Punktesammeln, das bis Herbst 2010 vorgeschrieben war. Allerdings hat so mancher Absolvent der notariellen Fachprüfung noch nicht das entsprechende Geschäft, um mit der Bestellung zum Notar auch Partner zu werden. Und gerade deshalb hat der neue Modus für manche Einheiten einen Haken: Denn Notare müssen als Träger eines öffentlichen Amtes weisungsunabhängig arbeiten, was auf einen Associate oder Salary-Partner, also einen angestellten Anwalt, in der Regel nicht zutrifft. Meist sind es nur die Equity-Partner, die wie ein selbstständiger Anwalt agieren, aber mit anderen Partnern in denselben Kanzleitopf wirtschaften.

Galla_Stefan

Wurde gleichzeitig Partner und Notar: Stefan Galla von Luther.

Ein Weg, um schneller an die gewünschte Equity-Partnerschaft zu kommen, ist das Notariat in den meisten Fällen nicht. Denn letztlich führt der Weg immer auch übers Geld. Wer also nicht den entsprechenden Umsatz beisteuert, hat auch durch die Notarzulassung keine Chance, das auszugleichen. Bei Stefan Galla, Partner und Notar bei Luther in Essen, fielen Notarbestellung und Partnerstatus 2010 zusammen. Luther gehört zu den Wirtschaftskanzleien, die sich ein großes Notariat leisten. Sozietätsweit hat die Kanzlei zehn Amtsträger, die Hälfte davon allein im Essener Büro. Weitere Kandidaten, die die Prüfung bereits abgelegt haben oder sich darauf vorbereiten, stehen schon in den Startlöchern.

Dass es gerade in Essen bei Luther so viele Amtsträger gibt, hat historische Gründe. „Luther hatte an diesem Standort schon immer einen hochkarätigen Mandantenstamm aus Großkonzernen und mittelständischen Unternehmen, der regelmäßig notarielle Beratung in Anspruch nahm. Dieses Geschäft wird respektive von Notargeneration zu Notargeneration weitergegeben“, erklärt Galla. Zugute kommt ihnen dabei auch, dass das Notariat in der Regel von sehr langen, etablierten Beziehungen lebt. „Denn den Notar wechseln Mandanten bei Weitem nicht so häufig wie den Anwalt. Auch andere Kanzleien im Ruhrgebiet und Ostwestfalen – wie Kümmerlein, Aulinger oder Streitbörger Speckmann – haben große Notariate mit bis zu 20 Amtsträgern und unterhalten etablierte Beziehungen zum regionalen Mittelstand und zu großen Konzernen wie E.on, Thyssenkrupp oder Oetker.

Position mit Potenzial

Kein Wunder, dass diese Kanzleien im Notariat ein Modell mit Zukunft sehen. „Wir unterstützen unsere jungen Kollegen, die sich eine Laufbahn als Anwaltsnotar vorstellen können, weil das Notariat für uns als Gesamtkanzlei ein wichtiger Beratungszweig ist“, sagt Galla. Wer zum Beispiel als Associate die Prüfung besteht und zum Notar bestellt wird, aber noch nicht den entsprechenden Mandantenstamm und Umsatz vorweisen kann, wird bei Luther zunächst of Counsel, wodurch er den Status eines Angestellten verliert. Auf dieser Position hat er dann die Möglichkeit, sein Geschäft auszubauen. Das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Denn anders als ein Anwalt, kann ein Notar nicht ganz so offensiv an die Mandantenakquise herangehen. „Notare unterliegen als Träger eines öffentlichen Amtes sehr restriktiven Bestimmungen, was die Eigenwerbung betrifft“, sagt Galla. Anzeigen mit dem eigenen Konterfei und einer langen Liste an Kompetenzen sind für Notare also ebenso gestrichen wie das Basecap oder den Regenschirm mit dem Namen des Notariats durch die Stadt zu tragen. Letztlich kommt es nur auf Kontaktpflege an.

Das vermeintliche Problem mit der Eigenwerbung kennen die sogenannten Nur-Notare auch. Mit Statusproblemen innerhalb einer Sozietät müssen sie sich allerdings nicht beschäftigen. Denn, wie der Name schon sagt, ist es ihnen nicht erlaubt, gleichzeitig als Notar und als Anwalt zu arbeiten. Sie sind selbstständig und dürfen sich nur mit anderen Notaren zu einer Sozietät zusammenschließen. Auch hier gibt es regionale Unterschiede. Während sich in den meisten Bundesländern nur maximal zwei Amtsträger zu einer Sozietät zusammenschließen dürfen, gibt es in Hamburg noch einige Großnotariate. Bis vor einigen Jahren unterlag Hamburg als Stadtstaat
keinerlei Beschränkungen, was die Größe seiner Notariate betraf. Im Zuge der Novelle der Notarordnung wurde die Größe der Notariate schließlich auf fünf Amtsträger reglementiert.

Der Anwärterdienst für hauptberufliche Notare verläuft ähnlich wie das Referendariat vor dem Zweiten Staatsexamen. Nur-Notare absolvieren mehrmonatige Stationen bei Notaren, denen sie durch die Notarkammer zugeordnet werden. Einige Stationen können die Assessoren auch frei wählen. Maßgeblich für die Aufnahme in den Anwärterdienst sind vor allem gute Examensnoten. Auch die persönliche Eignung zählt, zum Beispiel soziale Kompetenz, Unparteilichkeit und Redlichkeit. Nach drei Jahren können sich Notarassessoren auf freie Stellen bewerben. Neben der Eignung spielt auch das Dienstalter eine Rolle. Notarassessoren, deren Anwärterdienst am längsten zurückliegt, kommen zuerst an die Reihe. Ewig lange Wartezeiten müssen Bewerber aber nicht befürchten. Denn grundsätzlich nimmt die Kammer nur so viele Bewerber in den Anwärterdienst auf, wie voraussichtlich zum Notar bestellt werden können. Der Bedarf richtet sich nach der Zahl der Urkunden und dem Rechtsschutzbedürfnis der Bevölkerung.

Neben den fachlichen Qualifikationen müssen alle Amtsträger aber auch den Praxistest bestehen. „Ein guter Notar muss vor allem im Alltag überzeugen. Dazu gehören ein hohes Maß an Servicebereitschaft aber auch interne Aufgaben wie Personalführung“, sagt Dr. Florian Möhrle vom Hamburger Notariat am Ballindamm.

Sein Team besteht aus rund 20 Mitarbeitern, das er kontinuierlich mit Arbeit versorgen muss. Denn ein guter Mitarbeiterstamm ist das Kapital jedes Notars. Vieles in der Vor- und Nachbereitung einer Beurkundung läuft über den Tisch der Notariatsfachangestellten. Und Mandanten schauen bei der Wahl ihres Notars vor allem auf Schnelligkeit, Gründlichkeit und Dienstleistungsbereitschaft. „Wir versuchen eigentlich immer, alles möglich zu machen, egal wie kurzfristig ein Termin hereinkommt oder verschoben werden muss“, sagt Möhrle. Das sei der Vorteil einer größeren Einheit, weil man im Zweifelsfall auch auf seine Amtskollegen zurückgreifen könne, beziehungsweise bei sehr großen Transaktionen auch parallel beurkunden kann. „Notare konkurrieren nicht über den Preis miteinander, sondern beim Service“, sagt Möhrle.

Und so geht´s
Zwei Notariatsformen, zwei Zulassungswege.

Anwaltsnotariat

Prüfungsmodalitäten

▪ Vier Klausuren

▪ Mündliche Prüfung mit Aktenvortrag und Prüfungsgespräch

▪ Notenskala wie im Ersten und Zweiten Staatsexamen
(0 bis 18 Punkte)

▪ Prüfungstermine: zweimal im Jahr März/April und September/Oktober

▪ Prüfungsgebühr: 3.000 Euro

 

Voraussetzungen für die Bestellung zum Anwaltsnotar

▪ Persönliche Eignung: Unabhängigkeit, Gewissenhaftigkeit, Redlichkeit, Lauterkeit

▪ Fachliche Eignung: Ergebnis der notariellen Fachprüfung zählt 60 Prozent

▪ Note im zweiten Staatsexamen zählt 40 Prozent.

▪ Besondere Voraussetzungen: Anwärter müssen fünf Jahre Tätigkeit als Rechtsanwalt nachweisen, die bloße Zulassung reicht nicht mehr aus. Sie müssen außerdem drei Jahre in dem Bezirk als Anwalt gearbeitet haben, in dem sie auch als Notar tätig sein wollen.

▪ Praxisausbildung bei einem amtierenden Notar
(160 Stunden)

 

Hauptberufliches Notariat

Anwärterdienst

▪ Nur-Notare müssen einen rund dreijährigen Anwärterdienst als Notarassessor absolvieren.

▪ Voraussetzungen: Persönliche Eignung

▪ Fachliche Eignung: Noten in den ersten beiden Staatsexamina, in der Regel wird ein Vollbefriedigend erwartet, kann aber von Jahr zu Jahr variieren.

▪ Der Anwärterdienst umfasst eine Tätigkeit bei diversen
Notaren. Die Stationen sind unterschiedlich lang, im Durchschnitt drei Monate. Außerdem die Übernahme von Notarvertretungen sowie Fortbildungen.

Vergütung: Die Bezüge während des Anwärterdienstes sind an die Besoldung von Richtern auf Probe angeglichen. Maßstab ist das Bundesrecht, sofern kein entsprechendes Landesbesoldungsgesetz existiert. Das Einstiegsgehalt liegt bei knapp 3.800 Euro. Die Notarkammern oder -kassen zahlen die Bezüge, die sich je nach Bundesland unterscheiden.

Nach drei Jahren können sich Anwärter auf eine Stelle bewerben. Dabei werden nur so viele Notarassessoren zugelassen, wie zum Ende des Anwärterdienstes zum Notar bestellt werden können.