Magazin-Artikel
15.05.2020 | Autor/in: Dennis Koch

Die Feuerlöscher – Insolvenzverwalter in der Krise

Insolvenzverwalter sind die zentralen Akteure bei einer Unternehmenspleite. Doch wer sich für die Insolvenzverwaltung entscheidet, wählt eine Branche, deren Rahmenbedingungen sich kräftig geändert haben – und der in naher Zeit noch weitere Veränderungen bevorstehen.

Ob „Bestatter“ oder „Aasgeier“ – so manche Bezeichnung für Insolvenzverwalter zeigt, dass dem Beruf in der öffentlichen Meinung etwas Morbides anhaftet. Dr. Christoph Niering (57) sah das früher nicht anders: „Ich wollte damals auf keinen Fall Totengräber werden.“ Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, welche Position Niering heute bekleidet: Seit 2011 ist er Vorsitzender des Berufsverbands der Insolvenzverwalter in Deutschland (VID), zusätzlich ist er Namenspartner von Niering Stock Tömp. Die Kanzlei mit Hauptsitz in Köln legt ihren Schwerpunkt auf die Insolvenzverwaltung, ist gelegentlich aber auch in Sanierungsmandaten tätig, zuletzt häufiger in der Gesundheitsbrache. Doch wie kam es zu dieser Laufbahn? Es war kurz nach dem Mauerfall, als ein Kollege ihm erzählte, wie spannend der Bereich aktuell sei. Niering änderte seine Meinung. „Damals gab es in Köln weniger als 20 Konkursverwalter und es war so eine Stimmung da, dass wir noch was bewegen können“, erinnert er sich. 

Firmenchefs auf Zeit.

Der Mauerfall liegt mittlerweile mehr als 30 Jahre zurück, doch Insolvenzverwalter bewegen immer noch viel. Damals wie heute spielen sie eine entscheidende Rolle für den Fortbestand oder die Abwicklung eines insolventen Unternehmens. Wenn eines von rund 180 zuständigen Amtsgerichten einem Insolvenzantrag stattgibt, bestellt es einen zunächst vorläufigen Verwalter, der dann persönlich für das Verfahren verantwortlich ist. Genauer gesagt, für das Vermögen der betroffenen Firma und für die finanzielle Befriedigung ihrer Gläubiger. Ab diesem Moment übernimmt er faktisch die Aufgaben eines Firmenchefs und ist damit von Beginn an nicht nur juristisch gefragt.

Insolvenzverwaltung und Sanierungsberatung schließen sich nicht aus: Jens Schmidt von der Kanzlei Runkel nutzt sein Know-how auf beiden Gebieten.

Genau das reizt Dr. Jens Schmidt an dem Beruf: „Die Kombination aus juristischer, unternehmerischer und betriebswirtschaftlicher Tätigkeit macht es spannend“, findet er. Der 42-Jährige ist Partner bei Runkel in Wuppertal. Die Traditionskanzlei ist mit sechs Büros in Nordrhein-Westfalen vertreten und legt neben der Insolvenzverwaltung ihren Fokus vor allem auf Beratungsmandate. Namensgeber Hans-Peter Runkel war einer der Gründer des VID. Zum Insolvenzrecht kam Schmidt über seinen Doktorvater, bei dem er seine Dissertation zu einem verfahrensrechtlichen Thema schreiben wollte. „Das Insolvenzrecht war dann für meinen Professor ein Kompromiss, der sich für mich aber als Volltreffer herausstellte“, resümiert er. Gerade erst wurde Schmidt in den illustren Gravenbrucher Kreis aufgenommen, der aus 23 wichtigen Verwaltern besteht und immer wieder auf die Weiterentwicklung des Insolvenzrechts Einfluss nimmt.

Auch für Dr. Ulf Pechartscheck war der Doktorvater maßgeblich für den Weg zum Insolvenzrecht. Der 43-Jährige ist Partner im Münchener Büro der Verwalterkanzlei Dr. Beck & Partner. Die Sozietät ist fast ausschließlich in Bayern aktiv und die Partner sind schon für viele große Insolvenzen bestellt worden, angefangen mit der Traditionsmarke Grundig im Jahr 2003 bis hin zum großen Autozulieferer Eisenmann 2019. Pechartscheck belegte eher zufällig bei seinem Professor an der Universität Regensburg eine Vorlesung zum Thema Unternehmenssanierung.

„Die juristische Ausbildung ist bekanntlich sehr allgemein und auf den Richterberuf ausgelegt. Daher fand ich es interessant, in der Vorlesung ein konkretes Anwendungsbeispiel des Gelernten zu sehen.“ An der Insolvenzverwaltung schätzt er die Unvorhersehbarkeit jedes Verfahrens sowie die Einblicke ins Wirtschaftsleben, die man außerhalb der Tätigkeit nur selten bekommt. Er findet: „Für Juristen, die zupackend sind und Dinge auch gerne mal praktisch erleben wollen, ist Insolvenzverwaltung eine sehr gute Möglichkeit.“ Zu den größeren Verfahren, die Pechartscheck betreut hat, zählt zum Beispiel die Elcomax Energiesysteme.

Spannungen aushalten, Konflikte moderieren: Für Ulf Pechartscheck von Dr. Beck & Partner zählt in der Insolvenz nicht nur die juristische Kompetenz.

Fingerspitzengefühl gefragt.

Wer als Insolvenzverwalter tätig sein will, muss vor allem zwei Bedingungen erfüllen: Er muss von den Gläubigern und dem Schuldner unabhängig sein und dem Gericht praktische Erfahrungen im Insolvenzrecht glaubhaft machen. Die vielfältigen juristischen Aufgaben eines Verwalters sind der Hauptgrund dafür, dass Gerichte in erster Linie aufs Insolvenzrecht spezialisierte Rechtsanwälte als Verwalter bestellen und nur vereinzelt etwa Wirtschaftsprüfer, Steuerberater oder Kaufleute. Welche Eigenschaften ein angehender Insolvenzverwalter mitbringen sollte, fasst VID-Vorsitzender Niering zusammen: „Er braucht gutes juristisches Wissen, betriebswirtschaftlichen Sachverstand, muss organisatorisch gut sein und empathisch. Wenn man in einem dieser Bereiche eine Schwäche hat, ist es schwierig, das zu kompensieren.“ Gerade der Empathie kommt eine große Bedeutung zu. Immerhin muss der Insolvenzverwalter zwischen allen Beteiligten vermitteln und ist, mehr noch als andere Rechtsanwälte, im direkten Kontakt mit unterschiedlichen Interessengruppen.

Pechartscheck führt aus: „Man ist in einem Spannungsfeld zwischen Schuldner und Gläubiger und muss einen Konflikt moderieren. Dabei sind die Leute nicht immer freundlich und werden einen auch mal beschimpfen, da sie ja in einer wirtschaftlichen Extremsituation sind.“ In solchen Momenten käme es darauf an, ruhig zu bleiben und weiter sachlich zu verhandeln.
Erschwert wird die Aufgabe des Insolvenzverwalters auch dadurch, dass er in der akuten Unternehmenskrise keine Einzelinteressen vertritt. Im Gegensatz zu anderen beteiligten Beratern, die nur für einzelne Geldgeber, die Eigentümer oder das Management auftreten, muss er  eine Lösung finden, die alle Interessengruppen einbezieht – auch die Belegschaft. „Wir müssen integrativ handeln“, sagt Runkel-Partner Schmidt, „weil jeder abgeholt werden muss. Wir können dann nicht das Gesetz einfach wie die Axt im Walde anwenden.“

Angehende Insolvenzverwalter sollten sich darüber bewusst sein, dass sie regelmäßig mit Niederlagen anderer konfrontiert werden. „Wenn man diesen Beruf ergreift, muss man mit wirtschaftlichem und persönlichem Scheitern zurechtkommen“, warnt Niering. Trotzdem ist die Insolvenzverwaltung seine Leidenschaft und eine erfüllende Tätigkeit, die er jedem Interessierten empfehlen würde. Das liegt auch an den Erfolgen, die er erzielt: „Mit beruflicher Zufriedenheit erfüllt mich zum einen, wenn ein Unternehmen, in das man viel Arbeit gesteckt hat, auch Jahre nach der Sanierung noch erfolgreich am Markt ist“, erzählt der VID-Vorsitzende. „Zum anderen, wenn man in einer Verbraucherinsolvenz Menschen in einer schwierigen Vermögenssituation einen Neuanfang ermöglichen kann. Dann sehen wir so viele Tränen der Erleichterung wie sonst nirgends.“ Es sind solche Momente, in denen ein Insolvenzverwalter auch über das Insolvenzrecht hinaus etwas bewegt hat.

Im Anwaltsmarkt liegt die Wahrnehmung der Verwalter eher auf den finanziellen Aspekten.
Ihnen eilt der Ruf voraus, absolute Spitzenverdiener zu sein. Wie lukrativ ihre Arbeit ist, liegt nicht wie bei anderen Anwälten an der Höhe von Stundensätzen. Je mehr Geld ein Verwalter im Laufe des Insolvenzverfahrens für die Gläubiger zusammenträgt, desto höher fällt seine Vergütung am Ende aus.

Langer Atem gefragt.

Es kann allerdings Jahre dauern, bis alle Verkäufe erledigt und alle Gerichtsprozesse entschieden sind. Und auch in anderer Hinsicht brauchen jüngere Verwalter einen langen Atem. Nur ausnahmsweise werden Einsteiger sofort für große Unternehmensinsolvenzen bestellt. In der Regel vergehen mehrere Jahre, in denen sich ein Insolvenzrechtler zunächst mit vielen kleinen Verbraucherinsolvenzen beschäftigen muss, bis ein Gericht ihn für ein größeres Verfahren bestellt.

Den Markt nachhaltig geändert hat zudem das „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG), das 2012 in Kraft getreten ist. Durch das Gesetz wurde als Alternative zur bisherigen Praxis das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung deutlich attraktiver gemacht. Die Eigenverwaltung ist noch mehr auf die Kontinuität und Sanierung eines Krisenunternehmens ausgerichtet, als es ein übliches Insolvenzverfahren ist. Die Geschäftsführung bleibt dabei im Amt, statt eines Insolvenzverwalters bestellt das Gericht einen Sachwalter, der keine operativen Aufgaben übernimmt, sondern als
juristischer Aufseher agiert. Auch wenn aktuell Regelinsolvenzverfahren insgesamt noch häufiger stattfinden, so lässt sich doch ein zunehmender Anstieg der Eigenverwaltungsverfahren in den vergangenen Jahren erkennen, besonders bei großen Insolvenzen.

Langfristige Sanierung als Ziel: Christoph Niering von Niering Stock Tömp freut sich, wenn er Unternehmen wieder auf die Erfolgsspur setzt.

Verwalter erweitern ihr Repertoire.

„Es lässt sich durchaus ein Attraktivitätsverlust für die reine Verwaltung beobachten“, findet Jens Schmidt. Als Folge davon erweitern immer mehr Verwalter ihr Repertoire und übernehmen neben gerichtlichen Verfahren zusätzlich auch insolvenzrechtliche Beratungsmandate – früher ein Verstoß gegen die ungeschriebenen Regeln der Insolvenzgerichte, die solche Verwalter manchmal rigoros von ihren Listen strichen. Gleichzeitig ist dies auch eine Vorbereitung auf das, was bald kommt: Spätestens 2022 muss der Deutsche Bundestag nämlich die EU-Richtlinie zu einem präventiven Restrukturierungsrahmen in ein nationales Gesetz überführen und beschließen. Die Richtlinie sieht vor, Instrumente zur Sanierung eines Unternehmens noch vor einer Insolvenzantragstellung bereitzustellen. Auf diesem Wege könnten künftig mehr Betriebe eine Insolvenz vermeiden, was es für Kanzleien nochmal wichtiger machen würde, insolvenzrechtliche Beratung anbieten zu können. Sogar der VID-Vorsitzende Niering sieht die Entwicklung nüchtern: „Auf Dauer wird nur der am Markt überleben, der sowohl Verwaltung als auch Beratung kann.“ Schmidt betrachtet den Wandel pragmatisch: „Wir nehmen in den Sanierungsmandaten wahr, dass die Erfahrung aus der Insolvenzverwaltung und die hiermit verbundene operative Erfahrung sehr geschätzt wird.“ Auch könne ein als Verwalter erfahrener Berater seinem Mandanten glaubhafter beantworten, wie der Insolvenzverwalter tickt. 

Der Markt ist umkämpft.

Die Zahl der Insolvenzverfahren ist in den letzten zehn Jahren um fast die Hälfte zurückgegangen, während die Zahl der Insolvenzverwalter im Vergleich nur leicht rückläufig ist. Das bedeutet, dass der Markt umkämpft ist. Auch hängt die Auftragslage stark an der Konjunktur. „Die Tätigkeit in der Insolvenzverwaltung ist naturgemäß Schwankungen unterworfen; aber sowohl in wirtschaftlich schwachen als auch in wirtschaftlich starken Zeiten besteht Bedarf nach guten Insolvenzpraktikern“, meint Schmidt.

Infolge der Corona-Epidemie sind wirtschaftlich schwache Zeiten zu erwarten. Im Frühjahr 2020 ist kaum absehbar, wie viele Unternehmen in einer Insolvenz landen werden. Eine erste vorsichtige Prognose von Jens Schmidt: „Wir stellen uns auf einen erheblichen Anstieg der Insolvenzfälle ein, nicht heute und auch nicht während der Corona-Krise, sondern im Anschluss an die Krise.“ An Arbeit wird jedenfalls kein Mangel sein, so viel ist sicher. Für Berufsanfänger ein Grund mehr, die Insolvenzverwaltung als Betätigungsfeld im Blick zu behalten.