Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Norbert Parzinger

Der Knobel-Fan

Seit der letzten Finanzkrise herrscht Konjunktur im Bankaufsichtsrecht. Bernd Geier hat die Boomjahre genutzt und sich zum Partner hochgearbeitet – ohne dabei den Spaß an kniffligen Themen zu verlieren.

Von Norbert Parzinger

Geier_Bernd

Während die alte Bankenwelt in der Lehman-Krise zusammenkracht, entwickelt Geier zukunftsfähige Strukturen.

Eine wichtige Bewerbung mit einem Satz einleiten, der beim Empfänger genauso viel Selbstironie voraussetzt wie beim Absender? Das Risiko wäre den meisten Juristen wohl zu groß. Doch Prof. Dr. Bernd Geier, damals noch ohne Titel, war da schmerzfrei. „Law is reason, free from passion“, begann er sein Motivationsschreiben für das LL.M.-Programm der Harvard Law School – ein Aristoteles-Zitat, bekannt aber vor allem aus der Filmkomödie ‚Legally Blonde‘. Dort geht ein herzensgutes, aber etwas einfach gestricktes Provinz-Blondchen zum Jurastudium nach Harvard, um ihren Ex-Freund zurückzuerobern. Gleich im ersten Seminar fällt der Aristoteles-Satz, und sie landet wegen mangelnder Vorbereitung vor der Tür. Da hilft weder ein treuherziger Augenaufschlag noch der rosa Puschel am Füllfederhalter.

Bernd Geiers Freundin ist seitdem überzeugt, dass er sich mit dieser Formulierung bei der Ivy-League-Uni aus der engeren Auswahl geschossen hat. Er selbst trägt es mit Humor. Ein bisschen wirkt der 41-Jährige auch heute noch wie der Student von damals, ein schmaler Schlaks mit einem Lausbubenlächeln, auf den ersten Blick etwas zerstreut, tatsächlich hoch konzentriert. Seine Hände kann er beim Reden kaum stillhalten – zu interessant die Themen, zu viel Energie im Leib. „Das Filmzitat passte einfach zu gut zur Situation, das konnte und wollte ich mir nicht verkneifen“, schmunzelt er. „Dabei waren meine Vorbilder damals eher die richtig harten M&A-Anwälte.“

Cambridge, London, Frankfurt

Erste Eindrücke aus der Welt der internationalen Großtransaktionen sammelte Geier schon als Referendar und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Linklaters in Frankfurt. Während seines LL.M.-Studiums – in Cambridge statt in Harvard – lernte er auch das Londoner Büro dieser Magic-Circle-Kanzlei kennen, ein Glaspalast am Nordrand der City, ganz nah am Herzen der globalen Finanzindustrie. Wieder zurück in Deutschland, fing er als Associate in der Linklaters-Bankrechtspraxis an. „Das Team spielte in diesem Markt ganz oben mit, aber im Rampenlicht standen meistens die Deal-Anwälte“, erinnert er sich.

Wenige Monate später brach mit dem Konkurs der US-Investmentbank Lehman Brothers die große Finanzkrise aus, und der alte Aristoteles-Satz hatte plötzlich viele neue Fans. Vernunft statt Leidenschaft passte gut in eine Zeit, in der Regulierungsexperten für den Finanzsektor stärker gefragt waren als hochdrehende Deal-Maschinen. „Das war ein Schlüsselerlebnis“, sagt Geier heute. „In Echtzeit konnte man miterleben, wie alle Akteure versuchten, die Lage zu entschärfen und für die Zukunft zu lernen.“

Hautnah erlebte Geier mit, wohin zu lasche Spielregeln führen können. Linklaters war damals als Krisenmanager für die IKB im Einsatz, die als erste deutsche Bank wegen riskanter Darlehensgeschäfte vor dem Abgrund stand. Die staatliche KfW-Bank und die Bankenverbände sprangen mit Milliardensummen ein. Der Vorstandsvorsitzende verlor seinen Posten, kam vor Gericht und wurde verurteilt. Es folgten eine turbulente Aktionärs-Hauptversammlung, eine Sonderprüfung durch externe Berater, ein EU-Beilhilfeverfahren, zahlreiche Anlegerprozesse und schließlich der Abverkauf.

Linklaters, Allen & Overy, Dentons

Während die alte Bankenwelt mit Getöse zusammenstürzte, bauten andere schon an zukunftsfähigeren Strukturen. Für die Deutsche Börse etwa begleitete Geier die Umsetzung neuer, europäischer Regeln für die Marktinfrastruktur im Wertpapierhandel. Auf der nächsten Karrierestufe, als Counsel bei Allen & Overy, kamen Themen wie Stresstests oder Bankenabwicklungspläne dazu. Genau das Richtige für jemanden, der Spaß daran hat, sich ständig neues Wissen zu erarbeiten. „Als ich anfing, war das Aufsichtsrecht noch weitgehend statisch. Nach fünf Berufsjahren hätte man die meisten Themen beherrscht“, blickt Geier zurück. „Inzwischen ändern sich die Regeln ständig, und anfangs weiß auch niemand, wie sie anzuwenden sind. Das ist juristische Grundlagenarbeit – etwas für Knobel-Fans, die aus 80 Problemen, vor denen der Mandant steht, schnell die 20 wichtigsten herausfinden, durchdringen und lösen wollen.“

Noch dazu lohnt sich der Spaß. Ohne Aufsichtsrechtler will heute keine Bankrechtspraxis mehr antreten. Darum sind erfahrene Spezialisten heiß begehrt. Als Dentons 2015 einen Regulierungspartner sucht, greift Geier zu. Zwar gilt die Kanzlei, anders als die Magic-Circle-Adressen Linklaters oder Allen & Overy, nicht als zentraler Player in der Beratung der Finanzindustrie. Doch für Geier bedeutet das viel Gestaltungsspielraum. Er schart ein kleines, aber fokussiertes Team um sich und wird schon nach wenigen Monaten Co-Leiter der europäischen Finanzaufsichtsrechtspraxis und der Sektorgruppe Financial Institutions. Beim Verkauf der HSH Nordbank, einer weiteren Spätfolge der Finanzkrise, trifft er Anfang 2018 als Berater des Sparkassenverbands DSGV wieder auf seine ehemaligen Magic-Circle-Kollegen, die die Käufer und Haupteigner der ehemals stolzen Landesbank begleiten.

Es ist fast schon sein letzter großer Einsatz für Dentons. Denn zum April hat er einen neuen Job: Die frisch fusionierte, britisch-amerikanische Kanzlei Bryan Cave Leighton Paisner baut ihre deutsche Banking-Praxis aus und braucht dafür einen Regulierungsexperten. Auch in Forschung und Lehre ist diese Spezialisierung gefragter denn je. Zum Sommersemester trat Geier als Professor an der privaten Heidelberger SRH-Hochschule an, sein Publikum: LL.M.-Studenten. Ob der Aristoteles-Satz dort eine Rolle spielen wird, will er noch nicht sagen. Dass Vernunft und Leidenschaft ganz gut zusammenpassen können, hat er längst bewiesen.