Magazin-Artikel
18.05.2020 | Autor/in: Markus Lembeck

Das Krönchen richten und weiter

Das Coronavirus hat die Wirtschaft und ihre juristischen Berater infiziert. Es zwingt Kanzleien und Bewerber zu einer Atempause. Doch der Nachwuchs muss mittelfristig vielleicht weniger leiden, als zu Beginn der Krise zu befürchten war.

„Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis, wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute und
bedanken uns für die vertrauensvolle Zusammenarbeit.“ Formvollendet verabschiedete sich Taylor Wessing Ende März fristgemäß von allen wissenschaftlichen Mitarbeitern. It’s Corona Time, Baby! Der veritable Shitstorm, der danach über die Kanzlei hereinbrach, ist mittlerweile wieder abgeklungen, und viele andere Sozietäten haben – mit etwas mehr Fingerspitzengefühl, aber auch mit den Lehren aus Taylor Wessings PR-Desaster im Hinterkopf – den WiMis eine Pause verordnet, Stunden reduziert und Verträge nicht verlängert. Aber war es das schon? Welche Veränderungen gibt es noch auf dem Nachwuchsmarkt nach einer Dekade, in der sich die Kanzleien um den Nachwuchs rissen?

Wissenschaftliche Mitarbeiter sind sicher nicht der Nabel der juristischen Welt. Auch Praktikanten oder Referendare entscheiden nicht primär über Wohl und Wehe einer Wirtschaftskanzlei. Es war allein der überhitzte Bewerbermarkt, der den Anwälten der Zukunft schon in der Gegenwart ein überproportionales Gewicht bescherte. Unter den Zielgruppen im juristischen Nachwuchs wurde gerade die Rolle der wissenschaftlichen Mitarbeiter in den vergangenen Jahren immer stärker aufgewertet: Erstens sind sie relativ günstige Arbeitskräfte, die mit dem im Studium erworbenen Sachverstand und hoher zeitlicher Flexibilität die Lücken füllten, die viele Kanzleien auf Associateebene nicht anders füllen konnten. Viele Doktoranden etwa zweigen einen Teil ihrer wöchentlichen Studienzeit ab, um parallel Geld zu verdienen. Zweitens waren sie ein wichtiger Teil des Bewerberpools der nachwuchshungrigen Sozietäten. Der zickige Umgang vieler Bundesländer mit den Extravergütungen im Referendariat macht letzteres immer unattraktiver. Die WiMi-Tätigkeit hingegen verspricht Arbeitgebern wie Arbeitnehmern gleichermaßen ein intensives Kennenlernen, spätere Einstellung überhaupt nicht ausgeschlossen.

Alte Hasen bestimmen wieder.

Schluss damit. Zumindest kurzfristig stellt die Corona-Pandemie die Kanzleihierarchie wieder vom Kopf auf die Füße. Es sind die alten Hasen, das heißt die Partner, die den Umsatz machen, das Geschäft steuern und die Entscheidungen fällen. Ein bisschen Realitätssinn, ja sogar Demut, kann den jungen Leuten nicht schaden, wird sich mancher von ihnen denken. Und selbst in der Justiz, die wegen der schwachen technischen Infrastruktur mit der Krisenbewältigung noch mehr zu kämpfen hat als die Anwaltschaft, klingt es ein bisschen nach Genugtuung, wenn man die ansonsten allseits hofierten Referendare mal wieder in die Schranken weisen kann. Zur „Aufrechterhaltung des Dienstbetriebs“, so zum Beispiel das hessische Justizministerium am 16. März in einem Schreiben an die Gerichte, gehöre auch die Ausbildung des Nachwuchses. „Dabei ist selbstverständlich anzuerkennen, dass die Referendarausbildung im Rahmen der Aufgaben der Gerichte und Staatsanwaltschaften sicherlich nicht die höchste Priorität haben kann.“ Erst vor wenigen Monaten übrigens hatte Hessen beschlossen, seine Referendare wieder zu verbeamten und somit besser abzusichern – als Zeichen der Wertschätzung.

Das Land Nordrhein-Westfalen, das ansonsten im Monatsrhythmus für den Vorbereitungsdienst einstellt, setzte im April erst einmal aus und verschob gleichzeitig die angesetzten Prüfungen auf Ende Mai. Verschobene Examina sind auch in anderen Ländern die Regel, immerhin verlängerte NRW für seine betroffenen Referendare deswegen die Zahlung der Unterhaltsbeihilfe. Andere große Bundesländer wie Bayern haben mit ihrem zweimal jährlichen Ausbildungsstart für Referendare Glück gehabt – der nächste Starttermin ist erst im Oktober, die Bewerbungen bis zum 20. Juli möglich. Nur mit dem gemeinsamen Wiesn-Besuch wird es nichts.

Hoffnung auf Sommer und Herbst.

Viele Kanzleien spielen beim Umgang mit Referendariatsbewerbungen auf Zeit. Unverändert schreiben die meisten großen Sozietäten ihre Plätze für Anwalts- oder Wahlstationen aus – und suchen auch weiterhin wissenschaftliche Mitarbeiter. Ob und wann neue Referendare starten können, möchten viele Kanzleien allerdings nicht genau sagen. Eine neunmonatige Anwaltsstation, die offiziell vielleicht im April oder Mai begonnen hätte, lässt genug Spielraum, um die tatsächlichen Anwesenheitszeiten der Referendare auf den Spätsommer oder Herbst zu verschieben. Auch die Sommerpraktika für Studenten wurden vielerorts noch nicht abgesagt, soweit dies zum Redaktionsschluss bekannt war. Die Mannheimer Kanzlei Rittershaus etwa hat den 3. August als Starttermin geplant.

Um den Kontakt mit Praktikanten auch weiterhin möglich zu machen, bieten manche sogar ein Praktikum via Internet an. Schnittker Möllmann Partners aus Berlin rief ein solches virtuelles Programm ins Leben – „für all diejenigen, denen Praktikumsplätze aufgrund der Krise abgesagt wurden“. In die Bresche springen andere ebenfalls, um ausgefallene Pflichtpraktika zu ersetzen. Bryter, ein Legal-Tech-Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin, hat mit dem Remote-Legal-Tech-Praktikum eine eigene virtuelle Variante im Programm. Die Kombination von Jura, Technologie und kundenorientiertem Arbeiten dürfte dabei auch abseits von der Corona-Situation interessant sein, denn Bryter setzt die Teilnehmer in den Teams für Business Development und Customer Services ein.

Neueinstellungen strategisch wichtig.

Zwischen den studentischen Praktika und einem möglichen Berufseinstieg als Anwalt liegen etliche Jahre. Aber interessant ist die Idee allemal: Wenn für Wirtschaftskanzleien nicht nur die juristische Beratungsqualität zählt, sondern die Kundenorientierung ebenso, dann nehmen im Legal-Tech-Praktikum vielleicht große Anwaltskarrieren ihren Ursprung. Vermutlich wird Legal Tech ohnehin durch die Corona-Krise seinen nächsten Aufschwung erleben, nachdem der erste Hype allmählich abgeklungen war. Denn dass es bei technologiegestützten Rechtsdienstleistungen nicht auf das Händeschütteln oder sonstigen persönlichen Kontakt ankommt, ist offensichtlich. Virtuell steckt sich keiner an.

Neu ist in der Krisenlage, dass Bewerbungsgespräche jetzt per Videokonferenz stattfinden – und funktionieren, wie die azur-Recherche bei Kanzleien zeigt. Sogar bei Quereinsteigern auf Partnerebene haben die Sozietäten jetzt auf Video umgesattelt, und man hörte schon nach wenigen Wochen Corona-Krise von ersten Wechslern, die nur per Bildschirm unter die Lupe genommen wurden. Neueinstellungen von Berufseinsteigern sind zur Zeit trotzdem ein brisantes Thema, und das liegt nicht am fehlenden Beschnuppern vor Ort. Sicher ist, wer im Jahr 2020 keine Anwälte einstellt, dem fehlt ein kompletter Jahrgang. Er wird in einigen Jahren keinen funktionierenden Mittelbau aus erfahrenen Senior Associates haben und erst recht keine Reserve für künftige Partnergenerationen. Eigentlich war das eine Lehre aus dem letzten heftigen Umsatzeinbruch.

Eingefrorene Gehaltsstufen.

Nach der Finanzkrise 2007/2008 nämlich hatten viele Kanzleien so heftig auf die Bremse getreten, dass der Motor erst mit Verzögerung und mit viel Aufwand wieder ansprang. Die entlassenen oder gar nicht erst rekrutierten Associates der Lehman-Folgejahre fehlten im deutschen Daueraufschwung seit 2009, und die Associates, die bei der Stange geblieben waren, meckerten recht schnell über ihre eingefrorenen Gehälter und fehlende Boni. Arbeit war genug da. Aus dieser Perspektive erklärt sich zum Teil auch der Gehälterkrieg, den die boomenden Wirtschaftskanzleien bis vor Kurzem führten, als Folge der Finanzkrise. Mit hohen Einstiegssalären wollten die Marktführer den Nachwuchs von sich überzeugen, um so ihre Reihen aufzufüllen.

Neue Partner, neue Associates.

Jetzt, im Frühjahr 2020, bestätigen viele Kanzleimanager auf Nachfrage, dass wieder eingefroren wird: Die Gehälter der angestellten Anwälte sollen nicht automatisch steigen, Bonuszahlungen sind aufgeschoben, und die Partner verzichten erst einmal auf Überschüsse, die ihnen turnusgemäß zustünden – bei Freshfields Bruckhaus Deringer in jedem Quartal. Die Chefs nehmen nur einen Sockelbetrag aus den Kanzlei-gewinnen. So bleibt mehr Geld in der Kanzlei, um die laufenden Kosten abzusichern, bei denen die Gehälter bekanntlich den größten Teil ausmachen.

Zuversichtlich klingen die Nachrichten aus einigen der großen internationalen Sozietäten: Linklaters, Freshfields und Allen & Overy ernennen zum Geschäftsjahresbeginn – nach britischer Tradition im Mai – neue Partner. Faktisch sind diese und andere Partnerernennungen vor allem ein Ergebnis der Boomjahre. Der Aufstiegsprozess dauert gerade bei den internationalen Law Firms sehr lange, die neuen Partner waren schon lange vor der Krise beschlossene Sache. Unter den Rechtsgebieten der Aufsteiger sind Steuerrecht, Konfliktlösung, Gesellschaftsrecht/M&A, Arbeitsrecht und andere. Die neuen Köpfe stehen somit für juristische Vielfalt und nicht nur für großvolumige Transaktionen, von denen es in nächster Zukunft wohl recht wenige geben wird. Eine beachtliche Ausnahme bilden die Kooperationsvereinbarungen des Mainzer Unternehmens BioNTech mit Fosun Pharma und mit Pfizer, die im Frühjahr geschlossen wurden. Hier geht es um die gemeinsame Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. Das Virus verschafft den Corporate-Experten also auch Arbeit.

Wer 2020 keine Associates einstellt, hat später keinen Mittelbau.

Associates werden ohnehin weiterhin gesucht, auch Referendare, auch wissenschaftliche Mitarbeiter. „Es gibt keinen Einstellungsstopp“, heißt es zum Beispiel in einer großen Einheit im Südwesten. „Wir sind allerdings noch strenger, was die Qualifikation angeht, und setzen auf Bewerber mit der vollen Kriegsbemalung.“ Einen mittelguten Absolventen auf Verdacht einzustellen, ist zurzeit also eher nicht drin. So manche mittelständische, regional verankerte Kanzlei hebt gerne die Hand, falls die Big Player sich jetzt Zurückhaltung auferlegen. „Wir suchen dringend weitere Rechtsanwälte“, lautet die Ansage bei Martini Mogg Vogt mit Standorten in Koblenz, Bonn und Mainz. „Gerne zwei Gesellschaftsrechtler, zudem Öffentlichrechtler und einen Anwalt für Erbrecht.“ Einen langfristigen, strategischen Kanzleiausbau kann auch Corona nicht bremsen.

Spezialisierung kritisch prüfen.

Der Wunsch, jetzt endlich mal beim Recruitment eine Chance zu haben gegen die lange Zeit dominanten Transaktionskanzleien und -teams, kommt jedoch nicht nur aus dem Kanzlei-Mittelstand. Auch in den Großkanzleien hoffen die kleineren Praxisgruppen auf mehr Beachtung, besonders jene, die von einem Corona-Abschwung nichts bemerken – die Arbeitsrechtler etwa, die rund um die Uhr Fragen zu Lohnfortzahlung, Kurzarbeit oder Homeoffice-Regelungen beantworten mussten. Die Insolvenzrechtler aus den offensichtlichen Gründen. Und die Kreditexperten, die im April zum Beispiel dem Reiseveranstalter Tui zu einem KfW-Kredit von 1,8 Milliarden Euro verhalfen. Für Bewerber heißt es jetzt, den eigenen Wunsch zur Spezialisierung zu prüfen und womöglich etwas flexibler zu sein.