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21.05.2014 | Autor/in: Aled Griffiths
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Bloß nicht mit Krawatte

AZ01/14

Bloß nicht mit Krawatte: Beitrag aus azur 1/2014

Großkanzleien haben Venture Capital wiederentdeckt. Die Chancen für Berufseinsteiger, hier Fuß zu fassen, stehen gut – vorausgesetzt, sie stellen sich auf ihre Mandanten ein. Von Ulrike Barth und Aled Griffiths (aus azur 1/2014)

Soho House ist so cool, dass es schon fast wehtut. Am südlichen Rand des Szeneviertels Prenzlauer Berg und doch immer noch nah genug am Bürodistrikt in Berlin-Mitte ist es DER Treffpunkt der neuen Hauptstadt-Jungunternehmer. Und ihrer Berater. Männer mit Bärten spielen Tischtennis im Foyer. Oben isst man einen Gourmet-Burger und spricht über Geschäftliches. Das ist cool. Aber bitte keine Krawatte tragen – das wäre uncool.

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Legerer Auftritt: Osborne Clarke-Anwalt ­Christian Musfeldt passt auch äußerlich in die Berliner Gründer-Szene.

„Nadelstreifen oder Schlips wären hier fehl am Platze“, sagt Christian Musfeldt, Associate bei Osborne Clarke. „Wir wollen uns bewusst von den großen Anwaltskanzleien rund um den Potsdamer Platz unterscheiden.“ Deshalb befindet sich das Büro seiner Kanzlei nur einen Katzensprung von Soho House entfernt.

Musfeldt berät Venture-Capital-Investoren und neu gegründete Start-ups. Zuvor war er selbst über drei Jahre im Management von DuMont Venture Holding, der Venture-Capital-Gesellschaft des rheinländischen Verlags. Seitdem pendelt er regelmäßig zwischen dem Kanzleisitz in Köln und seiner Wahlheimat im Osten.

Berlin zieht Ideengeber an

Venture Capital (VC) wird für Wirtschaftskanzleien wieder interessant. Seit Berlin zu den wichtigsten Standorten der IT- und Internetwirtschaft in Europa zählt, zieht es Jungunternehmer und IT-Experten mit starken Ideen in die deutsche Hauptstadt. An Ideen mangelt es ihnen nicht, an Geld aber schon. Venture-Capital-Gesellschaften indes haben genau das zu bieten. Alle hoffen, den nächsten großen Trend zu schaffen: das nächste Whatsapp, das nächste Instagram, das nächste Zalando.

Aber wie funktioniert VC? Die ersten Investitionssummen sind gering. Es ist die Phase der sogenannten Seed-Finanzierung. Diese umfasst Startkapital, mit dem die ersten paar Monate im Leben eines Unternehmens finanziert werden können, während an der neuen Idee gearbeitet wird. Der erste Härtetest kommt mit der ersten Finanzierungsrunde. Investoren prüfen dann, ob das neue Unternehmen tatsächlich über ein marktfähiges Produkt verfügt. Wenn das der Fall ist, könnte es Investitionen in Millionenhöhe geben. Diese müssen in Verträge gegossen werden, und dazu brauchen beide Parteien Rechtsrat.

Boom-Chancen

Aber was treibt Kanzleien dazu, sich derart für Kleinunternehmen zu interessieren, die zunächst einmal vor allem eins nicht haben: Geld? Die Antwort ist: Chancen in einem boomenden Umfeld. Die Beratung der Wirtschaftskanzleien richtet sich auf drei Hauptgruppen. Neben Venture-Capital-Fonds wie Earlybird oder Wellington kommen seit Neuestem immer häufiger Venture-Töchter von Großunternehmen ins Spiel, die sich mit ihren Investitionen die Zukunft ihrer ­Retail- und Medienhausstrategien erkaufen. Nicht nur DuMont, auch Holtzbrinck ebenso wie BASF, Bayer, Deutsche Telekom und SAP tätigen solche Investitionen.

Schließlich gibt es noch die Gründerseite: die Ideen­geber, die Unternehmer selbst. „Venture Capital ist eine Wette, für Investoren genauso wie für Kanzleien “, sagt Matthias Lupp von DLA Piper. „Wenn man den richtigen Mandanten berät, kann es langfristig ein sehr gutes Geschäft sein.“ Lupp weiß, wovon er spricht. Sein Partner Richard Ginsberg aus Chicago lernte vor Jahren Groupon-Gründer Andrew Mason kennen, als der heutige Rabattriese noch ein ganz kleines Unternehmen war, und beriet es bis hin zu seinem milliardenschweren Börsengang.

Venture Capital lag lange nicht mehr so im Trend wie heute. Ende der 1990er-Jahre boomte die Branche erstmalig und gewaltig, doch ab dem Jahr 2001, nach dem Crash am Neuen Markt, der Börse für junge Technologieunternehmen in Frankfurt, wurde VC einige Jahre lang tunlichst gemieden. Erst ein ganzes Jahrzehnt später, und mit Berlin als neuem, attraktivem Tummelplatz für junge IT-Unternehmen, erholte sich der Sektor wieder (→Investitionsklima Berlin). Dadurch bieten sich viele Chancen für junge Anwälte – fernab des Rockzipfels eines ältere Partners –, die sie nutzen können, um selbst ihres Glückes Schmied zu werden.

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Innovation statt Execution: Lacore-Partner André Eggert glaubt an die Durchsetzungsfähigkeit der Berliner Gründer.

Ein solcher Anwalt ist André Eggert,  Partner bei der jungen Berliner Kanzlei Lacore. „Die meisten Berater stürzen sich natürlich auf die Fonds – aber genau das wollen wir nicht“, sagt er. „Ich finde es viel spannender, auch lustiger, auf der Gründerseite zu stehen.“ Und in der Tat sind es oft junge Anwälte, die sich besonders stark auf der Gründerseite engagieren. So ist etwa Olswang-Associate Dr. Nicolai Lagoni häufig auf Veranstaltungen der Start-up-Szene unterwegs. „Es ist schon wichtig, die Strömungen im Markt zu kennen, um in der Szene auf Augenhöhe mitreden zu können“, sagt Lagoni. Auch bei den etablierten Adressen sind es junge Typen wie Christian Musfeldt oder André ­Eggert, die auffallen.

Gesellschaftsrechtliche Strukturen mit Bestand

Die Art der Beratung ist in den frühen Phasen oftmals gesellschaftsrechtlicher Natur. Das Unternehmen mit Strukturen aufzubauen, die langfristig bestehen können, und bereits potenzielle zukünftige Konflikte zu vermeiden, spielt eine zentrale Rolle. Die Finanzierungsverträge sind hingegen meist standardisiert. Jeder Investor hat sein eigenes Vertragsmuster, von dem er in aller Regel nicht abweicht. Je größer der IT-Bezug des Projekts, desto sicherer müssen auch die jungen Anwälte auf diesem Feld sein. „Du musst natürlich eine gewisse Affinität zu Technologien haben“, sagt DLA-Anwalt Matthias Lupp. Heutzutage handelt es sich nicht nur um die nächste E-Commerce-Website, sondern teilweise um hochkomplexe Technologielösungen.

Doch die hohe Gewichtung von Technologie darf nicht von der wichtigsten Qualität ablenken, die ein Junganwalt an den Tag legen muss. „Anders vielleicht als die Arbeit, die Associates für Großunternehmen leisten müssen, stehen hier vor allem die Menschen im Mittelpunkt“, sagt ein anderer Berliner Anwalt. „Du musst so Feuer und Flamme sein für die Ideen wie die Unternehmer selbst“, sagt Lupp.

Leidenschaft, echt oder gespielt

Jeder Jungunternehmer meint, sein Produkt oder seine Idee sei die nächste große Sache. Und Anwälte müssen diesen Enthusiasmus wiedergeben – oder ­zumindest den Anschein erwecken, die Leidenschaft zu teilen. Aber lässt sich mit VC überhaupt Geld ver­dienen? Die drei Hauptakteure im Markt – die Fonds, die Corporate-Venture-Man­danten und die Gründer selbst – haben ganz unterschiedliche geschäftliche Motive und bieten dadurch unterschiedliche Anreize für Anwälte.

Die ersten zwei bieten Sicherheit: Anwälte beraten eine Reihe von Deals. Je früher die Finanzierungsrunde, desto standardisierter die Dokumentation. Entsprechend wahrscheinlicher ist es, dass junge Asso­ciates vor allem in der Seed-Phase zum Einsatz kommen. „Das ist kein ­Hexenwerk“, sagt ein Berliner Anwalt, „aber dafür vielleicht auch nicht super-interessant. So viel Input kann man in dieser Phase als Anwalt nicht geben.“ Die Investitionen in späteren Stadien, wenn es um Millionensummen geht, sind typischerweise Partneraufgabe. Hier lernen Associates an der Seite des Partners, wie das Geschäft wirklich läuft, die Federführung in den Verhandlungen übernehmen sie jedoch nur selten.

Für Gründer zu arbeiten ist etwas ganz anderes. Es gibt keine regelmäßigen Zahlungsströme, um Anwaltsrechnungen zu begleichen, vor allem nicht in der Anfangsphase. Die Kanzleien stunden mitunter einen Teil der Rechnung, bis das Unternehmen stabil läuft. Oder sie beraten zunächst für einen geringeren Satz und lassen sich eine Zusage für entsprechend höhere Honorare bei den Finanzierungsrunden geben. Dann können die meisten Unternehmen erstmals ihre Rechnungen – und somit auch ihre Anwälte – bezahlen.

Die Beratung der VC-Anwälte muss sich allerdings nicht auf die ersten Unternehmensjahre beschränken. Die meisten Anwälte eint die Hoffnung, mit einem erfolgreichen Start-up groß zu werden. Bis dahin ist aber auch mit der umfassenden rechtliche Beratung der Gründer Geld zu machen. Mit dem weiteren Wachstum des Unternehmens finden neue Finanzierungsrunden statt, darüber hinaus fällt die Art von Beratung an, von der jede Full-Service-Kanzlei lebt. So bilden etwa Handelsverträge, Arbeitsrecht und Lizenzierung ein angenehmes Grundrauschen.

Zalando lässt grüßen

Doch auch das ist nicht der Hauptgrund für das anwaltliche Engagement: Einige dieser Firmen, wenn auch nicht viele, werden sich am Markt durchsetzen. Sie werden entweder selbst zu Großunternehmen, wie zum Beispiel Zalando. Der Online-Versandhändler hat mittlerweile nach Asien und Südamerika expandiert. Oder sie werden an einen größeren Wettbewerber verkauft und lassen durch diesen Exit die Kassen der Gründer (und entsprechend auch die ihrer Anwälte) klingeln.

In den USA, dem Heimatland des Venture Capital, gibt es noch andere Modelle der Beratervergütung. Vor allem an der Westküste ist es gang und gäbe, dass Wirtschaftskanzleien sich in der Anfangsphase eines Unternehmens durch Anteile anstelle von Honoraren entlohnen lassen. Einige Anwälte in Silicon Valley sind zu Multimillionären geworden, weil sie sich den richtigen Gründer geangelt haben. In Deutschland findet sich das Modell ‚Service for Equity‘ hingegen nicht – zumindest nicht offiziell. Denn neben regulatorischen Schwierigkeiten könnten auch handfeste Interessenkonflikte einem solchen Modell hierzulande entgegenstehen.

 Die Großkanzleien kommen

Standardisierung auf der einen Seite, auf der anderen junge Unternehmen, die vorerst ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Da überrascht es nicht unbedingt, dass traditionell vor allem kleinere Wirtschaftskanzleien mit flexibleren Honoraren die Gründerszene in Berlin dominieren. Die Partner bei führenden Corporate-Praxen verlangen Stundensätze von bis zu 600 Euro. In der Gründerszene würde niemand solche ­Honorare zahlen. Oder vielleicht doch?

In den letzten zwei Jahren hat sich das geändert. Vor allem US-Kanzleien, darunter einige ­exklusive New Yorker Adressen, nehmen den deutschen Markt nun erneut unter die Lupe. Willkie Farr & Gallagher hat beispielsweise nur ein Büro in Deutschland. Das befindet sich in Frankfurt, im Schatten der Banken­türme, und ist nicht nur geografisch, sondern auch kulturell von der Berliner VC-Szene meilenweit entfernt. Doch unter Partneraufsicht ist Associate Jan Claudio Munoz damit beschäftigt, eine VC-Praxis für die Kanzlei aufzubauen.

Mithilfe der Kontakte, die er an der Business School INSEAD geknüpft hat, ist ­Munoz in Berlin gut vernetzt und genießt die praxisbezogene Funktion, die er als VC-Berater übernehmen kann. „Man kann auch als Associate eine exponierte Rolle spielen. Das bringt einen als Anwalt und auch als Person weiter. Viele Gesellschafter, die teilweise über Treuhandstrukturen beteiligt sind und unterschied­liche Interessen und Anforderungen haben: Da braucht es mehr als nur das klassische Handwerkszeug“, sagt er.

Hinter Munoz’ Tätigkeit in Berlin verbirgt sich eine Strategie. Zu denken, es ginge allein darum, dass junge Anwälte Erfahrung sammeln können, wäre verfehlt. Willkie Farr ist nämlich die Haus- und Hofkanzlei für zwei der bedeutendsten US-amerikanischen VC-Investoren: Warburg Pincus und Insight Ventures. Letzterer hat beispielsweise sowohl Twitter als auch Tumblr maßgeblich mitfinanziert.

Lupp_Matthias

Aufbauleistung: In den USA brachte DLA Piper Groupon an die Börse. ­Hierzulande baut Dr. Matthias Lupp die VC-Praxis der Sozietät auf.

Große US-Häuser beäugen den deutschen Markt schon länger mit Interesse. Zwar ist der VC-Markt in den Staaten viel größer und liquider, beflügelt von außerordentlichen Erfolgsgeschichten wie Whatsapp. Wegen eben dieses Erfolgs ist aber auch der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Investoren erheblich. Das lässt die Preise in die Höhe schnellen, sodass die Bewertungen noch recht kleiner Unternehmen in Silicon Valley und Berlin sich enorm unterscheiden.

Schnäppchensucher aus den USA

US-Investoren suchen also diesseits des Atlantiks nach Schnäppchen. Sie sind bereit, die deutschen Büros ihrer US-Stammkanzleien zu nutzen, und gewohnt, ordentliche Honorare für die Anwaltsberatung zu bezahlen – auch in Berlin. Die Bundeshauptstadt hat inzwischen einen fuktionierenden VC-Markt. „Dafür braucht man die jungen Leute mit Ideen, erfahrene und erfolgreiche Gründer, die selbst investieren wollen, und die VC-Fonds“, erklärt Matthias Lupp. Die seien jetzt alle in Berlin vorhanden.

Der Markt wächst – so schnell, dass bereits Sorgen um den Hype aufkommen und die Rede von einer Blase ist. Weniger pessimistische Stimmen sprechen indes wieder von goldenen Zeiten für Venture Capital und glauben, dass genau jetzt die beste Gelegenheit für Associates ist, an diesem Boom mitzuwirken. Ein Berliner Anwalt fasst zusammen: „Mein Rat an junge Anwälte: Geht nach Berlin.“ Das ist cool.

Investitionsklima Berlin

  • Laut dem deutschen „Start-up Monitor“ sieht nur eine Minderheit von 19 Prozent der deutschen Start-ups Banken als kompetente Ansprechpartner in Finanzierungsfragen.
  •  Über die Hälfte der befragten Start-ups benötigt am Anfang 50.000 Euro und mehr. In der Wachstums­phase beziehungsweise Serie A brauchen 34 Prozent der Gründer eine Millionen­finanzierung.
  •  70 Prozent bezeichnen den Prozess der VC-Finanzierung als schwierig. In Berlin ist das Finanzierungsklima besonders international.
  • Rund die Hälfte der Berliner Start-ups, die Venture Capital erhalten, bekommen es von aus­ländischen Geld­gebern. Das Kapital kommt dreimal so häufig aus Ländern außerhalb der EU wie in anderen deutschen Gründerregionen.
  •  Business Angels sind für die Berliner Gründer ein wichtigerer Faktor als andernorts.

Quelle: Deutscher Startup Monitor 2013