News
16.09.2020 | Autor/in: Anika Verfürth
Themen in diesem Artikel:

Ausblick: Was bedeutet die Corona-Krise für den juristischen Nachwuchs?

Die Corona-Pandemie sortiert den juristischen Bewerbermarkt neu. Kanzleien reagieren höchst unterschiedlich auf finanzielle Themen oder bei der Arbeitsorganisation. Für Bewerber gilt einmal mehr, sich genau anzuschauen, wie ein potenzieller Arbeitgeber aufgestellt ist.   

Seit Jahren steigen stetig die Einstiegsgehälter von Juristen in Großkanzleien. Gut qualifizierte Bewerber hatten nahezu freie Wahl, wohin es nach dem Examen gehen sollte. Oft spielte das Geld eine zentrale Rolle. Doch aktuell haben die Kanzleien ihren Bieterwettbewerb eingestellt. Mit großen Steigerungen ist erst einmal nicht mehr zu rechnen. Aus London kamen im Sommer sogar Meldungen, dass einige Kanzleien die Gehälter der First Years gekürzt haben, als Vorsichtsmaßnahme wegen der Corona-Krise. So drastisch reagieren Kanzleien im deutschen Markt noch nicht. Es sind ganz im Gegenteil äußerst unterschiedliche Reaktionen zu beobachten.

Latham gegen den Trend

Freshfields Bruckhaus Deringer zum Beispiel hat keine Gehälter gekürzt, diese aber für zunächst ein Jahr eingefroren. Zwischen Mai 2020 und April 2021 wird es also keine Gehaltserhöhungen geben. Auch Boni-Zahlungen und Partnerausschüttungen wurden verschoben. Die US-Kanzlei Reed Smith, die in Deutschland mit Büros in München und Frankfurt vertreten ist, kürzte die Bezüge von Equity- und Salary-Partnern.

Eine andere US-Kanzlei, Latham & Watkins, kündigte hingegen kürzlich an, die Gehälter zu erhöhen. Nicht die Associates, sondern die Zuarbeiter und Referendare sollen zum Jahreswechsel mehr Geld bekommen. So erhalten Wissenschaftliche Mitarbeiter nach dem 2. Staatsexamen im Monat 1.500 Euro pro Wochenarbeitstag, zuvor zahlte die Kanzlei 1.000 Euro. Damit zählt sie neben Sidley Austin  und Orrick Herrington & Sutcliffe zu den Top-Zahlern für Wissenschaftliche Mitarbeiter. Referendare und Wissenschaftliche Mitarbeiter nach dem 1. Examen bekommen monatlich künftig 1.100 Euro statt zuvor 800 Euro pro Wochenarbeitstag.  

Arbeitsalltag neu organisiert

Unabhängig von der Bezahlung hat die Corona-Pandemie den Arbeitsalltag von Kanzleien auf den Prüfstand gestellt. In der von der azur-Redaktion durchgeführten Associate-Umfrage im Frühsommer dieses Jahres gaben die rund 3.400 Teilnehmer insgesamt ein gutes Feedback zum Krisenmanagement ihrer Arbeitgeber und lobten etwa auch die „hervorragende Umstellung aufs Homeoffice“.

Inzwischen ist zumindest der Großteil der Anwälte ganz oder teilweise in die Büros zurückgekehrt.  War’s das mit dem Homeoffice-Trend? Die deutsch-französische Kanzlei Qivive Avocats hält dagegen und hat einen Sechs-Tage-Monat eingeführt. Diese sechs Tage verbringen Mitarbeiter der Kanzlei im Büro, alle weiteren Arbeitstage des Monats dürfen sie im Homeoffice arbeiten.

Personalverantwortliche in Kanzleien sind überzeugt, dass auch nach der Pandemie viele dieser neu eingeführten Arbeitsabläufe beibehalten werden. Die Akzeptanz für das Homeoffice ist deutlich gestiegen. Geschäftsreisen und persönliche Treffen bleiben nach wie vor selten. Wenn das so bleibt, dann bringt es speziell für junge Juristen eine große Herausforderung mit sich, die ein noch so gut organisiertes Homeoffice nicht lösen kann: nämlich eigene Mandantenkontakte aufbauen und das eigene Netzwerk vergrößern. Das ist umso wichtiger, je näher es auf den eigenen Business Case als Partner zugeht.

Ausblick: azur Karrieremagazin Ausgabe 2/2020

Das nächste azur Karrieremagazin erscheint am 14. Oktober und unsere Kollegin Annika Janssen befasst sich intensiv mit dem Thema, wie sich die Einstiegsgehälter entwickelt haben. Dabei schaut sie nicht nur auf die aktuelle finanzielle Aufstellung von Kanzleien, sie wirft auch einen Blick zurück zur Finanzkrise 2008.

 

Verwandte Themen:

azur-Associate-Umfrage: Keine Zukunftssorgen dank gutem Krisenmanagement

Personal in der Krise: Dosieren nach Bedarf

Summer in the City: Einstiegsgehälter in London