Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Christin Nünemann

Auf großer Bühne: Eine Reportage vom Wiener Vis Moot Court

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Moot Courts sind Türöffner für die internationale Schiedsgerichtsbarkeit. azur begleitete das Team der Kölner Universität zum Willem C. Vis Moot Court, dem wichtigsten Jurawettbewerb für angehende Prozessanwälte, nach Wien. Von Christin Nünemann (aus azur 1/2015)

Plötzlich wird es ganz still. Alina ­Bonitz, Angelica Froh und Anna Lock halten sich an den Händen und blicken gebannt auf den Mann, der die Bühne betritt. Langsam wird das Licht gedimmt. „Good evening“, grüßt der Mann mittleren Alters im dunklen Anzug. Er steht an diesem frühen Abend im Austria Centre Vienna vor rund 2.000 Studenten aus aller Welt und deren Betreuern. Sie alle warten seit mehr als einer Stunde auf das Ergebnis für die Finalrunde des 22. William C. Vis Moot Court, dem weltweit wichtigsten Wettbewerb für Jurastudenten. Manche sind nervös, andere gelassen, wieder andere gestresst.

Endlich verliest der Mann die Liste, die vor ihm auf dem Rednerpult liegt. Einige Studenten verfallen in spontanen Jubel, als er ihre Namen nennt. Die Kölnerinnen Bonitz, Froh und Lock werfen sich aufgeregte Blicke zu. Dann liest er endlich vor: „In Seminar 41, National University of Singapur against University of Cologne“. Die drei jungen Frauen schreien auf vor Freude und fallen sich in die Arme. Alina Bonitz und Angelika Froh strahlen ihre Betreuerin Anna Lock an. Die beiden Studentinnen stehen im ­Finale.

Kölner Moot-Court-Team: Angelica Froh und Alina Bonitz

Kölner Moot-Court-Team: Angelica Froh und Alina Bonitz

Jedes Jahr kurz vor Ostern versammeln sich Nachwuchsjuristen in Wien, um sich auf der internationalen Bühne des Vis Moot Court zu messen. In diesem Jahr kamen 298 Teams aus 65 Ländern. Die Aufgabe: In der Rolle des Anwalts muss ein Fall im internationalen Schiedsverfahrens- und UN-Kaufrecht verhandelt werden. Wer ins Finale will, muss die Jury, also die Schiedsrichter, nicht nur juristisch überzeugen, sondern auch mit ausgefeilter Rhetorik und einem professionellen Auftritt. Perfektes Englisch wird vorausgesetzt.

Auftakt im Oktober

Ein Durchgang des Vis Moot Courts teilt sich grob in vier Phasen. Bereits im Oktober 2014 flatterte der Fall auf die Schreibtische der Vis-Moot-Teams. Das konkrete Problem: Zwei Unternehmen streiten sich um die Auslegung eines Liefervertrags. Die Klägerin, Vulcan Coltan, verlangt von ihrem Geschäftspartner die Auslieferung von 30 Tonnen Coltan. Die Beklagte, Mediterraneo Mining, will den Liefervertrag jedoch nicht erfüllen, weil der Preis für Coltan seit Unterzeichnung des Vertrags gestiegen ist – sie will das Erz nun zu einem höheren Preis verkaufen.

Der lange Weg nach Wien: So hat sich das Kölner Team auf den Willem C. Vis Moot Cout vorbereitet
1. Phase: Vorbereitung (September 2014)
Die Teilnehmerinnen lernen in der Uni und bei Kanzleien die Grundlagen der Schiedsgerichtsbarkeit kennen.
2. Phase: Schriftliche Ausarbeitung (Oktober 2014 bis Ende Januar 2015)
Der zu bearbeitende Fall trifft ein. Die beiden Kölnerinnen erstellen zunächst Kläger-, dann Beklagtenschriftsatz.
3. Phase: Mündliche Umsetzung (Februar bis Ende März 2015)
In zahlreichen Pre-Moot Courts in Deutschland, Paris und New York treten die Mooties gegen andere Teams an und optimieren ihre Plädoyers.
4. Phase: Vis Moot Court (26. März bis 2. April 2015)
In Wien qualifizieren sich beide in vier Vorrunden für das Finale der 64 besten Teams. Nach der ersten Finalrunde scheiden sie aus. Ihr Beklagtenschriftsatz wird als einer der 23 besten mit einer „Honorable Mention“ ausgezeichnet.

Gut zwei Monate haben Bonitz und Froh Zeit, den Fall zu bearbeiten und eine Klägerschrift zu verfassen. Sie recherchieren, prüfen und wägen ab. Welche Fälle passen zu dem Problem? Wo sind sie zu finden? Und: Welche Argumente sind die besten? In einem kleinen Büro im Juridicum der Uni Köln verbringen sie ihre Tage – und Nächte. „Das Büro war unser Zuhause“, erzählt Froh. „Ab und an habe ich auch bei Angelica übernachtet, weil die U-Bahnen nicht mehr fuhren“, erinnert sich Bonitz, die im Gegensatz zu ihrer Freundin nicht so nahe am Campus wohnt.

Bei der Bearbeitung des Falls ist Teamarbeit gefragt. „Das lernt man im Jura-Studium gar nicht“, sagt Bonitz. Denn in den Uni-Seminaren und Vorlesungen steht eher die Rolle des Richters im Fokus. Hier müssen beide Seiten eines Falls dargestellt und abgewogen werden, welche die stärkere ist. Während des Vis Moot Courts hingegen schlüpfen die Studentinnen in die Rolle von Anwältinnen: Hier ist es ihre Aufgabe, die Interessen einer Seite mit allen denkbaren Argumenten leidenschaftlich zu vertreten.

„Ich fand es besonders schwierig, abzuwägen, was starke und was schwache Argumente sind“, erzählt Froh. Ihre Betreuerinnen Anna Lock und Karla Klasen unterstützten sie dabei. „Mit den beiden haben wir unsere Ideen immer wieder inhaltlich diskutiert“, sagt Bonitz. Auch bei der Recherche der Fälle griffen die Betreuerinnen den beiden Mooties unter die Arme. „Manch andere Teams treten zu zwölft an“, weiß Klasen. „Die ganze Arbeit zu zweit zu stemmen, ist schon eine große Herausforderung und harte Arbeit.“

Verhandelt wird auf Englisch

In diesem Moot-Jahr trat die Uni Köln anders als sonst nur mit einem Zweier-Team an. Der Grund: Das sprachliche Niveau der Studenten wäre sonst sehr unterschiedlich gewesen. Die Teilnehmer müssen jedoch die englische Sprache bereits sehr gut beherrschen, denn der gesamte Wettbewerb wird auf Englisch durchgeführt.

Doch während des Wettbewerbs lernen die Mooties nicht nur, auf Englisch zu verhandeln, sondern vor allem viel über sich selbst. Sie müssen sich gegenüber Studenten anderer Nationen behaupten und dürfen sich nicht einschüchtern lassen. Zudem lernen sie, sich in einen Fall sehr tief einzuarbeiten, und schulen ihre Rhetorik in einer fremden Sprache. Das alles halten Experten für eine gute Ausbildung. So ist es kein Zufall, dass viele frühere Teilnehmer des Vis Moot Courts heute in den Prozessteams der namhaften Großkanzleien arbeiteten. Aber auch bei kleinen und mittleren Kanzleien sind sie gern gesehene Bewerber.

Tatsächlich nutzen viele Großkanzleien den Moot Court, um ihren Nachwuchs zu rekrutieren. „Hier zeigt sich, wer das Zeug zum Prozessanwalt hat“, sagt Dr. Sebastian Müller, Associate bei King & Spalding, der gerne Bewerber mit entsprechender Erfahrung zum Vorstellungsgespräch einlädt. Der 35-Jährige wurde selbst bei einem Moot Court entdeckt. Es war der European Law Moot Court, bei dem er als Parteivertreter auftrat und in seinem ersten Probe-Pleading Jan Schäfer kennenlernte.

Bühne frei! Der Vis Moot Court und andere Wettbewerbe
Willem C. Vis Moot Court: Im April in Wien. Der größte und bekannteste Wettbewerb für Jurastudenten, bei dem ein Fall im internationalen Schiedsverfahrens- und UN-Kaufrecht (CISG) verhandelt wird. Asiatisch-pazifischer Ableger in Hongkong.
BAG Moot Court: Alle zwei Jahre am Bundesarbeitsgericht in Erfurt, nächster Durchlauf im Januar 2016. Hier dreht sich alles ums Arbeitsrecht.
ELSA Moot Court Competition on WTO Law: Die Regionalrunden finden rund um den Globus statt, das Finale jedes Jahr auf einem anderen Kontinent. Weltweit größter Moot Court im Welthandelsrecht.
ICC Mediation Competition: Veranstaltet von der Internationalen Handelskammer (ICC) und der Dispute Resolution Section der American Bar Association (ABA) in Paris. Weltweit einziger Moot Court für Mediation.
Soldan Moot Court: In Hannover; Fallausgabe Ende Juni. Bundesweiter Moot Court für Studenten deutscher Jurafakultäten.
European Law Moot Court: Finale am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Größter und ältester studentische Wettbewerb im Europäischen Unionsrecht.

Schäfer agierte hier als Schiedsrichter. Heute ist er Partner der Litigation-Praxis von King & Spalding, Sebastian Müller als Associate sein Sparringspartner. „Ein Moot Court ist für die Studenten und die Kanzleien eine echte Win-Win-Situation“, sagt Schäfer. „Die Kanzleien können nach jungen Talenten Ausschau halten und die jungen Juristen können herausfinden, ob der Beruf des Anwalts wirklich für sie infrage kommt.“

Grundsätzlich sollte sich der Nachwuchs bei seiner Berufswahl fragen: Streite ich gerne? Denn: „Schiedsrechtler müssen Probleme lösen und auch schlechte Nachrichten überbringen“, sagt Schäfer. „Außerdem muss man auch ein bisschen Historiker sein, denn man muss die Vergangenheit aufklären.“ Um das zu können, müsse man zuvor jede Kleinigkeit der Materie komplett verstanden haben – und das können Fragen aus jedem Rechtsgebiet sein. Als Schiedsrechtler ist man nämlich nicht auf einen bestimmten Fachbereich festgelegt. „Die extreme Abwechslung macht den Beruf so spannend und interessant“, meint Müller.

Paris und New York

Sehr tief in die Materie arbeiten sich auch Bonitz und Froh für den Vis Moot Court ein. Dafür durften sie ein Freisemester nehmen, das nicht ­relevant für den Freischuss ist. Mitte ­Dezember geben sie ihre Klageschrift ab, dann erstellen sie die Beklagtenschrift. So beleuchten sie den Fall von beiden Seiten. Anschließend geht es an die mündliche Umsetzung. In zahlreichen Pre-Moot Courts halten sie ihre Plädoyers, messen sich an anderen Teams und bekommen Rückmeldungen zu Argumenten, Rhetorik und Auftreten von ­erfahrenen Anwälten, um weiter an ihrem ­Auftritt zu feilen. Dafür reisen die beiden Kölnerinnen quer durch Deutschland. Sogar nach Paris und New York verschlägt es sie. Ende März, zum Finale in Wien, sind sie perfekt vorbereitet.

„Nice to meet you“, begrüßen die beiden jeden einzelnen der drei Schiedsrichter. Visitenkarten werden ausgetauscht. Auf der Gegenseite sitzt das Team der Universität Madrid. Der Seminarraum 33 im Juridicum der Wiener Universität hat wenig Glanz. Von den Säulen des fensterlosen Raumes blättert die Farbe. Die Schiedsrichter sitzen auf drei unterschiedlich hohen Drehstühlen. Wasser gibt es aus Plastikbechern. Es ist der letzte Tag der Vorrunden beim Vis Moot Court. Das letzte Pleading der beiden Kölnerinnen steht auf dem Programm, bevor die Finalisten am Abend bekannt gegeben werden.

Die nüchterne Atmosphäre des Seminarraums hält die Kölnerinnen allerdings nicht von einem perfekten Plädoyer ab. Hochkonzentriert und überzeugend trägt die 22-jährige Bonitz ihre Argumente vor. Sie vertritt mit Froh die Klägerseite, also Vulcan Coltan, die auf die Lieferung von 30 Tonnen Coltan besteht. Auch Froh wendet sich mit ihrem Plädoyer sicher an die Schiedsrichter. Die zierliche 21-Jährige spricht mit fester Stimme, die Aufregung ist ihr bei keinem Wort anzumerken. Die Schiedsrichter sind begeistert. „Ihr habt die Aufgabe hervorragend gemeistert“, lobt der New Yorker Baker & McKenzie-Anwalt Derek Soller. Er ermuntert die beiden: „Bringt eure Persönlichkeit ruhig noch etwas mehr zum Ausdruck.“ Ihre Betreuerin Lock ist mit ihren Mooties zufrieden: „Das war das beste Pleading, das ihr bislang abgeliefert habt.“

Hotspot der Schiedsszene

Welches Team tatsächlich den überzeugendsten Auftritt hinlegt und den besten Schriftsatz abliefert, entscheiden beim Vis Moot 1.126 Schiedsrichter aus 70 Ländern – unter ihnen sehr bekannte Schiedsrichter, aus deren Schriften die Studenten zitierten. So verwandelt der Vis Moot Wien jedes Jahr in einen Hotspot der internationalen Schiedsszene.

Auch zahlreiche Kanzleien bringen sich rund um den Wettbewerb in Stellung, sei es als Veranstalter von Pre-Moot Courts oder als Sponsor. Denn die Teilnahme am Vis Moot Court inklusive Reisen um die ganze Welt will bezahlt werden. Teilweise werden die Studenten auch von Stiftungen unterstützt. So finanzieren sie sich ­eine ereignisreiche und auch glamouröse Zeit, die von manch einem Anwalt durchaus kritisch betrachtet wird.

„Die Studenten müssen aufpassen, dass sie nicht den Anschluss an die Realität verlieren“, warnt Ulrike Gantenberg, Partnerin von Heuking Kühn Lüer Wojtek. „Während des Vis Moot Courts genießen sie die Aufmerksamkeit zahlreicher Kanzleien, gehobene Hotels und tolles Essen. Aber danach sitzen sie wieder in der Uni und sind einer von vielen.“ Dann hätten sie es noch lange nicht geschafft, sondern müssten weiter kontinuierlich an ihrem Studien- und Karriereziel arbeiten. „Viele Ex-Mooties bewerben sich heute nur noch mit der Maßgabe, in die Schiedsgerichtsbarkeit gehen zu wollen“, sagt Gantenberg. „Es ist aber wichtig, dass man auch etwas vom materiellen Recht versteht und darin Erfahrung sammelt.“

Sie selbst setzte deshalb stets auf die Verbindung von Schiedsgerichtsbarkeit und Corporate und schätzt an ihrem Beruf vor allem die Internationalität. „Eigentlich wollte ich nie Anwältin, sondern Diplomatin werden, um möglichst viel international zu arbeiten“, erzählt Gantenberg. „Mit der Schiedsgerichtsbarkeit habe ich heute bestimmt mehr Ausland auf dem Schreibtisch als ich es als Diplomatin hätte.“

Bonitz und Froh haben es unter die besten 64 Teams des diesjährigen Vis Moots geschafft. Fürs Siegertreppchen reichte es allerdings nicht. Den ersten Platz sicherte sich die Universität Ottawa. „Der Vis Moot Court hat mir gezeigt, dass ich in meinem Beruf nicht so viel reisen möchte“, sagt Froh. Da scheidet die Schiedsgerichtsbarkeit, die sich durch ihre Internationalität und die damit einhergehende Reisetätigkeit auszeichnet, einfach aus. Und Bonitz sagt: „Ich bin mir bei meinem Berufswunsch auch nach dem Vis Moot überhaupt noch nicht sicher.“ Nur eins weiß sie genau: „Ich will auf keinen Fall ganz schnell mit dem Studium fertig werden. Denn es gibt so viele Angebote, die man auf jeden Fall nutzen sollte.“ So wie den Vis Moot Court. –