Magazin-Artikel
11.10.2021 | Autor/in: Eva Flick
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Associategehälter: Wer zieht bei den Erhöhungen mit?

Fünf Jahre blieben die Einstiegsgehälter beinahe unverändert – bis Willkie vorpreschte. Doch die Konkurrenz lässt sich nicht abschütteln. Einige kleinere Kanzleien zogen sofort nach, jetzt kommen die großen. Latham & Watkins und White & Case legen 25.000 Euro für Anfänger obendrauf, Allen & Overy und Clifford Chance 20.000 Euro.

Gehaltserhöhungen: Einstiegsgehälter in WirtschaftskanzleienEs war ein Irrtum. Im Herbst 2020 veröffentlichte das azur Karrieremagazin eine Grafik, die die Gehälterentwicklung der vergangenen Jahre aufzeichnete. ‚Plateau erreicht‘ lautete die Überschrift. Die sich abflachende Kurve illustriert den Stillstand der Gehälter auf hohem Niveau. Kaum zwölf Monate später hat sich das Blatt gewendet: Statt der vielerorts üblichen 120.000 Euro pro Jahr zahlen einige Wirtschaftskanzleien nun 140.000 Euro – oder sogar mehr. Noch ist die Zahl der Arbeitgeber, die tatsächlich erhöht haben, überschaubar. Allerdings ist azur-Informationen zufolge die Diskussion unter den Partnern der meisten Großkanzleien noch in vollem Gange. „Müssen wir die Gehälter erhöhen?“, lautet die Frage, die sie in diesem Herbst wieder einmal umtreibt.

Mehr Gehalt ist für eine kleine Kanzlei auch nur eine kleine Investition

Tabelle: Diese Kanzleien haben ihre Einstiegsgehälter erhöhtDenn diese Entscheidung steht in schöner Regelmäßigkeit auf der Agenda – so etwa alle fünf ­Jahre, und sie wird immer dringlicher, wenn sich die erste Kanzlei aus der Deckung wagt. Im ­Frühjahr 2021 war es, wie schon 2016, Willkie Farr & Gallagher. 155.000 Euro Einstiegsgehalt inklusive Startbonus offeriert die US-Kanzlei seit Mai in Deutschland und sorgte damit für Schlagzeilen. Doch der Vorsprung währte nicht lange, US-Wettbewerber mit ähnlich großen Büros reagierten prompt und legten sogar noch einen Happen drauf: Kirkland & Ellis, Milbank, Paul Hastings, Skadden Arps Slate Meagher & Flom und Sullivan & Cromwell sind nun diejenigen, die mit 160.000 Euro am meisten bezahlen. Zuletzt schloss sich Goodwin Procter dieser Spitzengruppe an.

Dass sich die US-Einheiten leichter tun, einen Aufschlag zu zahlen, ist mit Blick auf die Personalstärke nicht überraschend: Die Zahl der angestellten Anwälte, die vom Gehaltplus profitieren, ist eher klein. Den vor allem auf Transaktionen fokussierten deutschen Praxen gehören meist nur zehn bis 20 Associates an, bei Milbank sind es mit rund 45 die meisten. Den richtig großen Sozietäten fällt die Investition deutlich schwerer. Mit Latham & Watkins zog die erste große US-Kanzlei nach. Sie blättert seit 1. August für ihre First Years 25.000 Euro mehr pro Jahr hin, nämlich 145.000 Euro. Auch die Gehälter der älteren Associate-­Jahrgänge steigen dort um durchschnittlich 20.000 Euro pro Jahr. Hinzu kommen Boni, die schon im ersten Jahr 12.000 Euro erreichen können. All das betrifft rund 100 Associates. Ähnlich bei White & Case: zum 1. Oktober stieg das Gehalt um 25.000 Euro auf 145.000 Euro – insgesamt rund 170 Associates, Counsel und Local Partner können sich freuen. 

Bianca Städter, Kanzlei Allen & Overy

Richtung Marktspitze: Für Bianca Städter von Allen & Overy passt die Gehaltssteigerung zu den Zielen der Kanzlei.

Und wie sieht es bei den Magic-Circle-Kanzleien und den großen deutschen Einheiten aus? Sie geben bei den Kanzleien, die noch zögern, häufig die Richtung vor. ‚Magic Circle‘ ist eine traditionelle Bezeichnung für die führenden britischen Wirtschaftskanzleien, die allesamt auch in Deutschland vertreten sind. „Wenn die Magic-Circle-Kanzleien erhöhen, erhöhen wir auch“, war im Sommer von einigen Partnern hinter vorgehaltener Hand zu hören. Mittlerweile ist das – teilweise – geschehen. Zunächst bei Allen & Overy, die ihre Gehälter, auch für Anwälte mit höherer Seniorität, um 20.000 Euro anhob. Weil die Kanzlei ihren angestellten ­Anwälten ab dem dritten Berufsjahr eine Vergütung zahlt, die aus einem Festgehalt und Bonuselementen besteht, kann die Steigerung für einige leistungsstarke Anwälte sogar noch höher ausfallen. Hier sind es insgesamt knapp 140 Associates, die in den Genuss der neuen Regelung kommen. Clifford Chance zog nach und zahlt fortan ebenfalls 140.000 Euro für First Years.

Absehbar war das vor einem Jahr nicht. Im Gegenteil. So sagte Bianca Städter, Recruiting-Verantwortliche bei Allen & Overy, im Herbst 2020 gegenüber azur: „Nach Corona wird es bei den Gehältern nicht noch einmal so einen Sprung nach oben geben wie damals nach der Finanzkrise.“ Nach gut einem halben Jahr Pandemie dachten damals die meisten wie sie. Doch vieles hat sich geändert seitdem.

„Wir hatten ein sehr, sehr gutes Geschäftsjahr“, sagt Bianca Städter heute. Nach 145 Millionen Euro im Vorjahr erreichte die Kanzlei nun einen Umsatz von 150 Millionen Euro, was einer Steigerung von 3,4 Prozent entspricht. „Wir haben ambitionierte Ziele und wollen uns Richtung Marktspitze entwickeln. Die Entscheidung zur Anpassung der Gehälter ist mutig, passt aber zu unserem Anspruch.“ Linklaters und Freshfields Bruckhaus Deringer hüllten sich bis Ende September noch in Schweigen. Hinter den Kulissen allerdings wurde JUVE-Informationen zufolge noch eifrig beraten. 

Viele Kanzleien überlegen noch, ob sie ihre Gehälter erhöhen werden

Auch bei Baker McKenzie war noch nichts spruchreif. „Wir sind noch in der Überlegungsphase“, so Managing-Partner Dr. Matthias Scholz. Die nach Kopfzahl größte Sozietät CMS Hasche Sigle wollte noch im Juli „zeitnah entscheiden“, ließ aber bisher keinen Beschluss verlauten. Dentons belässt alles wie es ist. „Die Erhöhung unseres Einstiegsgehalts von 100.000 beziehungsweise 105.000 Euro ist aktuell bei uns kein Thema“, sagt Managing-Partner Andreas Ziegenhagen.

Aber viele internationale Kanzleien stehen mit Blick auf die USA unter Druck. Die deutschen Associates vergleichen sich laut azur-Associate-Umfrage in erster Linie mit ihren US-Kollegen und möchten nicht schlechter als diese bezahlt werden. Kirkland hat im Stammland bereits die psychologisch wichtige Marke von 200.000 Dollar für Berufsanfänger geknackt. McDermott Will & Emery zog kurz darauf nach, Davis Polk & Wardwell überbot mit 202.500 Dollar. So viel zahlt in den USA inzwischen auch Gibson Dunn & Crutcher. Darauf haben die deutschen Büros bereits reagiert. Nach Kirkland (jetzt 160.000 Euro) erhöhten in Deutschland auch McDermott, die nun zwischen 125.000 und 130.000 Euro zahlt, sowie Gibson Dunn auf nunmehr 145.000 Euro.

Ein dickes Umsatzplus erhöht den Druck

Unter zusätzlichem Druck steht die Branche der Wirtschaftskanzleien, weil sehr viele von ihnen gerade ein dickes Umsatzplus vermelden konnten:  Bei CMS betrug das Plus 9,5 Prozent, bei Hengeler Mueller 8 Prozent, bei Hogan Lovells 5 Prozent. 9,3 Prozent waren es bei Noerr und 4,6 bei Gleiss Lutz – das sind ganz andere und besser Ergebnisse, als viele von ihnen im ersten Corona-Schock zu träumen gewagt haben. Nicht wenige Associates fänden es angemessen, an diesem Erfolg finanziell beteiligt zu werden.

Aber (noch) nicht alle Kanzleien ziehen mit: „Das geht an der Lebenswirklichkeit der First-Years vorbei“, findet ein Managing-Partner. „In Vorstellungsgesprächen fragen viele nach Dingen abseits des Gehalts, zur Zusammenarbeit mit den Partnern, zur Stundenzahl. Nur die wenigsten wollen sich im ersten Monat einen Porsche kaufen.“ Ein anderer sagt: „Ich will nicht ausschließen, dass wir die Gehälter erhöhen, aber sicher nicht als Reaktion auf die Vorprescher.“

Kanzleien wie Gleiss Lutz und Hengeler ­Mueller halten sich bedeckt. Bei Gleiss Lutz ­wurde im September noch diskutiert. „Wer 140.000 Euro und mehr im Jahr bekommt, muss natürlich auch Höchstleistungen bringen“, gibt Dr. Alexander Schwarz, Partner bei Gleiss Lutz, zu bedenken. Aber das verstehe sich von selbst. Niemand könne solche Summen verlangen ohne Gegenleistung. „Manche Mandanten sagen dem Vernehmen nach, ‚je mehr ihr die Schraube nach oben dreht, desto schlechter wird meine Laune‘“, meint Schwarz. „Das will doch auch keiner.“

Allerdings sind sowohl bei Gleiss Lutz als auch bei Hengeler Mueller die jungen Anwälte anderer Meinung. In beiden Kanzleien werden die Stimmen derjenigen, die sich über die Gehälter beklagen, wieder merklich lauter. In der azur-Associate-Umfrage vom Frühjahr 2021 klingt das wie folgt: „Gleiss könnte der perfekte Arbeitgeber sein, wenn sie nicht so geizig wären“, ist dort zu lesen, oder: „leider insgesamt oft zu knausrig“ und „trotz Rekordumsatz im Corona-Jahr 2020 keine Anerkennung und kein Bonus“. Noch deutlicher werden manche Associates von Hengeler Mueller: „Marktspitze bei Mandaten, Marktritze bei Bezahlung“, schreibt einer in der Umfrage, ein anderer fasst es so zusammen: „Regelmäßigen 60-Stunden-Wochen und Wochenendarbeit steht keine im Markt angemessene ­Bezahlung gegenüber.“

Die Gehälter-Entwicklung im Blick behalten

Hengeler Mueller selbst wollte sich zur Frage nach einer Erhöhung der Einstiegsgehälter nicht konkret äußern und schickte folgendes Statement: „Unsere Associates sind hochtalentierte und motivierte Anwälte und Anwältinnen, die zurecht ein kompetitives Angebot von uns erwarten. Dazu gehört ein wettbewerbsfähiges Gehalt und deshalb haben wir die Marktentwicklungen auch stets im Blick.“ Die Marktentwicklung, so viel zeichnet sich im Herbst 2021 deutlich ab, ist klar: Die Gehälter steigen. Ein Plateau ist nicht in Sicht.