azur100
06.03.2020 | Autor/in: Martin Ströder

Hengeler Mueller – Top-Arbeitgeber – Platz 4

Das azur-Urteil

Bemerkung: *****= herausragend; ****= sehr gut; ***= gut; **= empfehlenswert, *= im Marktvergleich normal; ohne Stern = die Kanzlei hat den Marktdurchschnitt nicht erreicht. Das azur-Urteil ist eine Bewertung der azur-Redaktion; wenn ihr nicht ausreichend Informationen vorliegen, entfällt u.U. in bestimmten Kategorien die Bewertung, dies wird dann mit „keine Wertung“ gekennzeichnet.

„Toll ist das eigenständige Arbeiten und die frühe Verantwortung“

„Brillante und inspirierende Kollegen“

„Große Entwicklungsmöglichkeiten“

„Vergütung steht nicht im Verhältnis zur Arbeitsbelastung und den Partnerchancen“

„Keine Transparenz zu Staffing-Entscheidungen in Projekten“

„Bessere Organisation könnte unnötig lange Arbeitszeiten vermeiden“

„Nicht annähernd so konservativ wie ihr Ruf“

„Verlangen extreme Leistungsbereitschaft“

„Fachlich hochkarätig, harte Arbeitszeiten“

▪ Umfassende Betreuung im Young-Talents-Programm

▪ Zweimal jährlich mehrwöchige Praktika mit Fallstudien

▪ Hochkarätiges Ausbildungsprogramm an der Universität St. Gallen

▪ Rotation der Associates fördert breites wirtschaftsrechtliches Know-how

▪ Förderung für internes und externes Networking etwa beim ‚Woman’s Day‘

▪ Engagiertes LGBT-Netzwerk mit den europäischen Partnerkanzleien

▪ Mentoring und Leadership-Seminare für weibliche Associates

Über den Arbeitgeber

Und sie bewegt sich doch. Hengeler Mueller kennt sogar, wer sonst keine Kanzleien kennt – stärker als viele Wettbewerber steht Hengeler für Tradition, Top-Mandate und elitäres Selbstverständnis, das bei manchen auch als Dünkel ankommt. „Steif und konservativ“, „aus der Zeit gefallen“ oder „arrogant“, meinen einige Associates aus anderen Kanzleien in der azur-Umfrage. Dennoch: Hengeler ist im Wandel, nicht zuletzt, weil allmählich eine junge Partnergeneration nach vorne kommt. Die Kanzlei bindet ihre Associates stärker ein und hat zuletzt sogar ein Programm gestartet, um den Dialog zwischen den Anwälten und allen übrigen Hengeler-Mitarbeitern zu fördern. Die neue Offenheit schlägt sich auch in der azur-Umfrage nieder, in der Hengeler-Associates zufriedener sind als im Vorjahr. Ein Teilnehmer erklärt: „Das verstaubte Image der Kanzlei ist in keiner Weise mehr gerechtfertigt“, und ein anderer lobt „den Willen, sich endlich selbst zu evaluieren“.

Referendariat als Kaderschmiede. Schon Praktikanten und Referendare bezieht die Kanzlei voll mit ein. Im Rahmen eines vier- bis sechswöchigen Sommerpraktikums lernen Nachwuchsjuristen unter Anleitung individueller Tutoren den Beratungsalltag kennen, bearbeiten eine Fallstudie, nehmen an Legal-English-Kursen teil und profitieren neuerdings von einem Bewerbertraining. Referendare schwimmen im anspruchsvollen Beratungsalltag mit, können an fachlichen Fortbildungen teilnehmen und einmal im Monat per Kaiser-Klausurkurs fürs Examen trainieren. Ausgewählte Referendare vermittelt die Kanzlei für einen Aufenthalt bei einer befreundeten Kanzlei im Ausland. Der Aufwand lohnt sich für beide Seiten: Hengeler rekrutiert regelmäßig rund zwei Drittel ihrer Neueinstellungen aus dem Pool ehemaliger Referendare und wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Viel gelobte Ausbildung. Im Markt gilt das maßgeschneiderte Associate-Ausbildungsprogramm an der Universität St. Gallen als Goldstandard. Die Hengeler-Associates loben das Programm in der azur-Umfrage als „konkurrenzloses Angebot, insbesondere da es jedes Jahr optimiert und angepasst wird“. Zuletzt kamen etwa Legal-Tech-Inhalte dazu, und die Kurse zum Thema Selbstmanagement können nun schon Berufsanfänger besuchen. Im Beratungsalltag sorgt die Rotation durch die Praxisgruppen seit jeher für die Hengeler-typisch breite fachliche Ausbildung der Associates. Den meisten gefällt das: In der azur-Umfrage erhält Hengeler für die Aus- und Weiterbildung Noten weit über dem Marktdurchschnitt.

Diversität als Zukunftsfrage. In den vergangenen Jahren ging die Kanzlei ihr offensichtlichstes Defizit an: Der Frauenanteil in der Partnerschaft stieg innerhalb kurzer Zeit deutlich und liegt mit knapp 10 Prozent immerhin schon fast im Marktdurchschnitt. Auch wenn damit noch ein langer Weg bis zur voll verwirklichten Chancengleichheit bleibt, hat sich die Perspektive doch grundlegend geändert: Manche Teams sind inzwischen von Frauen dominiert, und auch insgesamt beurteilen die Hengeler-Associates die Gleichbehandlung unabhängig vom Geschlecht in der azur-Umfrage mittlerweile recht positiv.

Flexibilität muss man einfordern. Zahlreiche Associates loben die Angebote der Kanzlei zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Teilzeitmodelle, Elternzeit, Homeoffice, Unterstützung durch einen Familienservice, Tage für die Kinderbetreuung und die Vermittlung von Kita-Plätzen – das alles können die Associates in Anspruch nehmen. Entscheidend ist, wie eine Associate in der azur-Umfrage durchblicken lässt, dass „die vorhandenen Angebote eingefordert werden“. Dabei hilft besonders das wachsende Verständnis der Partner, die selbst Kinder haben, berichtet ein weiterer Teilnehmer der azur-Umfrage. Auch Sabbaticals sind im Angebot. Dabei ist das Umfeld grundsätzlich recht arbeitsreich: Hengeler-Associates arbeiten laut azur-Umfrage durchschnittlich gut 57 Stunden in der Woche, über vier Stunden mehr als der Marktdurchschnitt. Entsprechend schlecht fallen die Noten aus, die Hengeler hier kassiert – sowohl die Arbeitsbelastung als auch die Work-Life-Balance beurteilen die Hengeler-Associates in der azur-Umfrage schlechter als der Marktdurchschnitt.

Neueinstellungen Volljuristen 2020: 50 bis 70

Referendarplätze 2020: 200 

Praktikumsplätze 2020: 90

In puncto Qualifikation stellt die Kanzlei hohe Ansprüche: Gute Englischkenntnisse, ein vielfältiger Lebenslauf und natürlich Prädikatsexamina sind gewünscht. Weil Hengeler schon bei Referendaren und wissenschaftlichen Mitarbeitern auf ein gutes Examensergebnis achtet, lässt sich dieser Wunsch bei den meisten Neueinstellungen auch erfüllen. Ähnlich sieht es mit einem Doktortitel aus, der allerdings deutlich weniger wichtig ist als ein LL.M. – auch als Nachweis der unverzichtbaren Englischkenntnisse. Die Kanzlei hat sich eine so starke Stellung als Referendarausbilder erarbeitet, dass rund zwei Drittel der Berufseinsteiger sie bereits aus einer Station, einem Praktikum oder der wissenschaftlichen Mitarbeit kennen. Insofern kann das Erstgespräch für Bewerber oftmals entfallen – falls es doch zum Kennenlernen nötig ist, finden Einzelgespräche mit zwei bis vier Partnern am präferierten Standort statt. Hinzu kommt ein Mittagessen mit zwei Associates sowie ein Bürorundgang. Das Zweitgespräch findet an einem zweiten Standort statt und läuft ähnlich ab wie das vorherige Treffen – mit der Maßgabe, einen möglichst umfassenden Eindruck vom Tätigkeitsfeld bei Hengeler zu bekommen.

Standorte in Deutschland: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und München

Internationale Präsenz: Hengeler arbeitet intensiv mit Top-Kanzleien wie Slaughter and May (GB), Bredin Prat (Frankreich) oder Uría Menéndez (Spanien) zusammen, verfügt aber auch über eigene Büros in London und Brüssel. Der vor fünf Jahren eröffnete Standort Schanghai wird Mitte 2020 wieder geschlossen.

Anwälte in Deutschland: 86 Vollpartner, 28 Counsel und 200 Associates

Frauenanteil Anwälte: 27,1%

Weitere Juristen in Deutschland (z.B. Dipl.-Jur., LL.B.): keine Angaben

Umsatz in Deutschland 2018: 249 Millionen Euro

Umsatz pro Berufsträger in Deutschland 2018: 896.000 Euro

Aktuelle Entwicklungen: Für Hengeler stehen weiterhin große Mandate im Gesellschaftsrecht und M&A auf dem Programm. Die Kanzlei berät hier führende deutsche Konzerne ebenso wie bedeutende ausländische Investoren. Mehr als früher gewinnen aber auch andere Großprojekte für Hengeler an Bedeutung, etwa im Bereich Konfliktlösung, wie die Arbeit für den TÜV Süd rund um die Dammbruchkatastrophe in Brasilien zeigt.

Renommee: Weiter zur aktuellen Online-Ausgabe des JUVE Handbuchs

Wissenschaftliche Mitarbeiter: 800 Euro/Wochenarbeitstag (nach dem 1. Examen), 1.000 Euro/Wochenarbeitstag (nach dem 2. Examen)

Referendare: 800 Euro/Wochenarbeitstag; max. 4.000 Euro/Monat

Associates:

  1. Jahr: 110.000 bis 120.000 Euro
  2. Jahr: 120.000 Euro
  3. Jahr: 130.000 Euro
  4. Jahr: 145.000 Euro
  5. Jahr: 165.000 Euro
  6. Jahr: 185.000 Euro

Weitere Juristen im 1. Jahr (z.B. Dipl.-Jur., LL.B.): keine Angaben

Associates werden nach drei Jahren zu Senior Associates ernannt, nach sechs Jahren fällt die Entscheidung, ob sie Partner werden. Bis dahin gilt das Up-or-out-Prinzip, das zu diesem Zeitpunkt alternativ einen Abschied aus der Kanzlei mit sich bringen würde. Associates können allerdings auch eine Karriere als Counsel anstreben und sich mit diesem Status dauerhaft auf Spezialthemen fokussieren. Dass der Counsel-Status keine Sackgasse auf dem Weg in die Partnerschaft ist, zeigt die jüngere Vergangenheit: Zwei der zum Jahreswechsel ernannten Partner waren zuvor Counsel. Was für den Einzelnen karrieretechnisch möglich ist, erfahren die Associates in regelmäßigen Feedbackgesprächen etwa im Zuge der Rotation durch die Fachbereiche. Obwohl die Kanzlei jedes Jahr Partner ernennt, geben die Associates beim Thema Karrierechancen keine guten, aber im Vergleich zum Vorjahr verbesserte Noten. Wer nicht Partner wird, den unterstützt die Kanzlei beim Wechsel.

Partner von Hengeler Mueller müssen sich mit der Lockstep-Kultur der Kanzlei anfreunden: Während viele andere Kanzleien die Vergütung der Partner an deren individuellen Leistungsniveau ausrichten, steigen die Entnahmen der Hengeler-Partner aus dem Gewinntopf ausschließlich mit den Dienstjahren. Die Gewöhnung daran beginnt für jeden bereits von Beginn an, denn die Kanzlei zahlt keine Boni, auch nicht für Associates und Counsel.

Stand: Druckausgabe von azur100 2020  (Erscheinungstermin: 5. März 2020). Wie kommen die Analysen in azur100 zustande? Lest hier die ausführliche Methodik.