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13.02.2020 | Autor/in: Marc Chmielewski

Dieselklagen bescheren Kanzleien Umsatz- und Personalwachstum

Vor einem Jahrzehnt brauchte es noch eine globale Finanzkrise, um den führenden Litigation-Kanzleien eine Sonderkonjunktur zu bescheren – heute schafft das ein Autokonzern allein. Eine exklusive JUVE-Auswertung ergibt: Von den 50 führenden Kanzleien in Deutschland sind mindestens 18 für VW im Dieselskandal tätig. Der Effekt schlägt sich nicht nur auf die Kanzleibilanzen durch, sondern auch auf den Personaleinsatz.

Die Aufarbeitung des Dieselskandals spannt immense Kapazitäten bei den Kanzleien ein. Auf personeller Ebene ziehen viele den Einsatz von Projektjuristen zur Hilfe. So beschäftigte beispielsweise die Kanzlei Luther über 100 auf Zeit angestellte Anwälte, die zum großen Teil im Dieselkomplex eingebunden sind. Aber auch zahlreiche junge Associates bekommen frühzeitig in ihrer Karriere die Chance, sich in Gerichtsverfahren zu üben. Auswirkungen hat das Geschäft der Massenklagen aber vor allem auch auf die Bilanzen der Kanzleien. Insgesamt legten die JUVE-Top-50-Kanzleien im zurückliegenden Jahr um knapp 10 Prozent zu. Die Kanzleien darunter, die in die Abwehr von Diesel-Verbraucherklagen gegen VW eingebunden sind, verzeichneten dagegen ein durchschnittliches Wachstum von 14,2 Prozent.

Kuriose Konstellation im Rechtsmarkt

Bemerkenswert: Allein 15 der JUVE-Top-50-Kanzleien wehren für VW Klagen von Dieselfahrern ab. Hinzu kommen weitere Kanzleien, die im Großeinsatz für VW sind – etwa Gleiss Lutz für den Aufsichtsrat sowie Hengeler Mueller und SZA Schilling Zutt & Anschütz für Porsche und VW bei der Abwehr von Kapitalanlegerklagen im Dieselkomplex.

Das bedeutet: Mehr als ein Drittel der 50 wichtigsten deutschen Kanzleien sind in ein und demselben Streitkomplex für ein und denselben Konzern tätig. Das ist eine einmalige Konstellation. Dass der Skandal auf Umwegen auch das deutsche Prozessrecht reformiert, erscheint da gar nicht mehr verwunderlich. Die Musterfeststellungsklage, Ende 2018 eingeführt, ist ein Kind des Dieselskandals. Der Gesetzgeber wollte Dieselfahrern ein Instrument geben, um ohne Kostenrisiko klagen zu können.

2020 könnte zum Schlüsseljahr im Dieselkomplex werden: Für das erste Halbjahr werden die ersten Entscheidungen des Bundesgerichtshofs erwartet. Je nachdem, wie klar die ausfallen, könnte dies die Vergleichsbereitschaft der Parteien in der VW-Musterfeststellungsklage erhöhen. Auch in diesem Streit vor dem Oberlandesgericht Braunschweig, in dem es um die Ansprüche von mehr als 400.000 VW-Kunden geht, werden derzeit hinter den Kulissen Vergleichsszenarien ausgelotet.