News
12.11.2019 | Autor/in: Eva Flick

Einfach mal machen – Die neuen Partnerinnen 2019

Frauen sind auf den obersten Kanzleietagen deutlich in der Minderheit. Immer noch stellt sich die Frage, ob und wie sich Kinder und Karriere vereinbaren lassen. azur hat vier Juristinnen getroffen, die genau das geschafft haben und in diesem Jahr Partnerinnen wurden.

Immer wenn Dr. Sabine Vorwerk das ‚Bitte nicht stören‘-Schild an ihre Bürotür hing, hielten sich alle, wirklich alle, an diese Bitte. Vor allem ihre männlichen Kollegen schienen einen besonders großen Bogen um ihr Büro zu schlagen. Das ist sieben Jahre her. Damals war sie Associate im Frankfurter Büro von Linklaters, frisch aus dem Mutterschutz zurück und wenn das Schild dort klebte, hieß das übersetzt: „Ich pumpe gerade Milch ab.“ Den Kollegen war das nicht geheuer. Und die Insolvenzrechtlerin lacht heute noch, wenn sie daran denkt, wie sie außer ihrer Handtasche die Milchpumpe morgens ins Büro trug. Getreu ihrem Motto, ‚einfach mal machen‘, fragte sie damals nicht, ob das okay sei, sondern schaffte Tatsachen.

Tatsachen schaffen, sich den eigenen Weg suchen und Chancen nutzen – das eint Sabine Vorwerk (43) von Linklaters, Dr. Tine Schauenburg (39) von White & Case, Dr. Jenny Mehlitz (46) von GSK Stockmann und Mascha Grundmann (47) von Bird & Bird. Und sie alle sind im Jahr 2019 in die Partnerschaft ihrer Kanzleien aufgestiegen.

Teilzeit oder Sabbatical? Associates müssen ihre Bedürfnisse klar kommunizieren, sagt Jenny Mehlitz von GSK Stockmann.
Wie setzen sich Frauen durch? Humor und einen Schuss Frechheit empfiehlt Sabine Vorwerk von Linklaters.
Organisation ist alles: Tine Schauenburg von White & Case pendelt zwischen Hamburg und Berlin.
Gleiche Kriterien für Männer und Frauen: Gerechtigkeit beim Partnertrack hält Mascha Grundmann von Bird & Bird für selbstverständlich.

Eintrittskarte Umsatz.

Und alle vier eint, dass sie zwei Kinder haben. Bei Männern, die Partner geworden sind, käme niemand auf die Idee, diesen familiären Hintergrund überhaupt zu erwähnen. Für viele Frauen hingegen ist das Thema ‚Familie und Kinder‘ der Dreh- und Angelpunkt ihrer Karriere. Das Problem ist der Umsatz. Nur wer Umsatz mitbringt, kann Teil einer Partnerschaft werden. Das ist das Geschäftsprinzip jeder Kanzlei. Das gilt für Frauen genauso wie für Männer und das ist, so betont mancher Managing-Partner, nicht zuletzt eine Frage der Gerechtigkeit. Jeder – unabhängig vom Geschlecht – braucht als Eintrittskarte für die Partnerschaft also einen Business Case, wie es immer so schön heißt, gepaart mit einem ertragreichen Mandantenstamm. Und das wiederum braucht Zeit.

Setzen Frauen aber wegen eines Kindes auf dem Weg in die Partnerschaft eine Weile aus, verlängert sich ihr Weg nach oben oder er ist schlimmstenfalls ganz vorbei. Das ist ein Dilemma für beide Seiten: Für die Frauen, weil die männlichen Kollegen an ihnen vorbeiziehen, genauso wie für die Kanzleien, weil sie gut ausgebildete Frauen regelmäßig an Gerichte oder Unternehmen verlieren. Die Frauenquote in den Partnerschaften dümpelt seit Jahren entsprechend vor sich hin, die Steigerungsraten sind niedrig.
Das zeigt die diesjährige azur-Statistik wieder einmal deutlich: In den Top-50 Kanzleien aus dem aktuellen azur 100-Ranking 2019 stiegen 120 Männer in die Partnerschaft auf, aber nur 32 Frauen, was einer Quote von gut 21 Prozent entspricht. Dabei sieht die Realität noch düsterer aus, denn hier sind Equity- und Salary-Partner zusammengefasst. Das Sagen in den Kanzleien haben jedoch die Equity-Partner – und dieser Kreis ist noch deutlich männerlastiger als die Salary-Partnerschaft. (Eine Übersicht der Partnerernennungen im Jahr 2019)

Dabei bemühen sich nahezu alle Kanzleien – mehr oder minder erfolgreich – schon seit Jahren gerade um den weiblichen Nachwuchs. Ehrgeizige Ziele verfolgt etwa Bird & Bird. Die internationale Vorgabe aus London fordert einen Frauenanteil von 50 Prozent in der Partnerschaft, in Deutschland liegt er bisher aber nur bei rund 10 Prozent. In diesem Jahr ernannte die Kanzlei in Deutschland fünf Männer und drei Frauen zu Partnern.

Auch für die Bird & Bird-IP-Rechtlerin Mascha Grundmann hat sich der Weg nach oben wegen ihrer Kinder verlängert. Zehn Jahre alt sind ihre Zwillinge heute und kamen in dem Jahr zur Welt, als Grundmann von Mayer Brown zu Bird & Bird ging und dort mit einer 80-Prozent-Stelle einstieg. „Für den Partnertrack muss man Voraussetzungen erfüllen, die nicht einfach sind, für niemanden“, sagt sie. „Aber die Kanzlei war immer fair und die Kriterien sind für Frauen und Männer gleich. Das ist Gleichberechtigung in jeder Hinsicht.“

Nicht als Counsel in Rente.

Klingt einleuchtend, war aber doch frustrierend für sie, weil sie erst einmal auf dem Counsel-Status blieb, statt aufzusteigen. Denn eines war ihr immer klar: „Ich gehe nicht als Counsel in Rente.“ Den Drive in Richtung Partnerschaft hatte auch Immobilienrechtlerin Jenny Mehlitz schnell nach ihrem Berufseinstieg. Anfang 2014 wechselte sie zu GSK Stockmann. Ihr Vorteil aus heutiger Sicht: Ihre Kinder, heute 18 und 16 Jahre alt, waren schon verhältnismäßig groß. „Für mich persönlich war es gut, dass ich meine Kinder in der Referendarzeit bekommen habe“, sagt sie. „Dann ist man mit seinem Karriereweg zwar etwas später dran, ist aber mit der Familie aus dem Gröbsten raus und kann sich intensiver auf den Job konzentrieren.“ Bei GSK hatte sie nie das Gefühl, dass es ihr geschadet hat, Frau zu sein, auch wenn die Partnerschaft zu 90 Prozent aus Männern besteht.
Die Kanzlei bietet zwar diverse Frauenveranstaltungen an, setzt sich aber kein Mindestziel bei der Frauenquote. GSK predigt Eigeninitiative. Von den jungen Kolleginnen erwartet Mehlitz – eigentlich ganz simpel – dass sie mit den Partnern kommunizieren. „Fragen, die man hat, muss man ansprechen“, rät sie. Nur dann könne eine Kanzlei den Bedürfnissen nachkommen. Welches Teilzeitmodell brauche ich? Oder möchte ich ein Sabbatical? „Wir haben viele Teilzeitmodelle“, erläutert sie, „je nach den Bedürfnissen und Wünschen der Mitarbeiterin werden gemeinsam mit dem Partner und Team individuelle Lösungen gefunden.“ Flexibilität sei das Stichwort für alle Kanzleien. Ohne diese bestünde das Risiko, weibliche Associates zu verlieren, die sich dann vielleicht doch für den Richterberuf entscheiden.


Flexibilität ist auch das, was White & Case Tine Schauenburg ermöglicht. Sie lebt in Hamburg, pendelt aber regelmäßig in das Berliner Büro, weil dort der größte Teil des Compliance-Teams beheimatet ist. Als die Partnerpromotion anstand, war sie gerade mit dem zweiten Kind schwanger – ein Zeitpunkt also, der noch vor ein paar Jahren alles andere als günstig gewesen wäre, die Firmenkultur war damals nicht reif dafür. „Ein bisschen Glück gehört aber auch dazu“, sagt sie selbst. Denn zum einen ist ihre Spezialisierung, Wirtschaftsstrafrecht und Compliance, in den vergangenen Jahren durch die Decke gegangen und hat auch kanzleiintern deutlich an Relevanz gewonnen. Zum anderen hatte sie mit Karl-Jörg Xylander einen zuständigen Partner, der sie trotz ihrer Schwangerschaft ins Rennen um den Aufstieg schickte.

Spürbare Veränderung.

Von Vorteil für sie war auch, dass White & Case über etablierte Förderungsinitiativen für Frauen verfügt. So erhielt sie ein ganz individuelles Coaching. „In den vergangenen Jahren hat sich diesbezüglich wirklich etwas hier verändert“, stellt sie mit Nachdruck fest. „Aber letztlich geht es doch nicht primär darum, was die Kanzlei tun kann. Die entscheidende Frage ist: Wie kriege ich berufliche Herausforderungen und Kinder organisiert?“
Selbstmanagement ist das eine, der persön­liche und der gesellschaftliche Druck das andere. Tine Schauenburg geht es da genauso wie an­deren arbeitenden Müttern. „Ich muss eher ein emotionales Opfer bringen“, stellt sie fest. Und auch Bird & Bird-Partnerin Grundmann sagt: „Man muss schon einen Preis zahlen, wenn man zwischen den Welten hin und her springt.“ Dazu gehören Fragen aus dem sozialen Umfeld, von denen man meinen würde, sie sind aus der Zeit gefallen, wie etwa: „Warum musst du denn arbeiten? Verdient dein Mann nicht genug?“ Bird & Bird fördere ebenso, dass Väter Elternzeit nehmen. „Das ist auch ein Beitrag dazu, dass das gesellschaftlich anerkannter wird“, so Grundmann.

Linklaters-Partnerin Vorwerk nimmt aber vor allem die Frauen selbst in die Pflicht. „Frauen sollen mutiger sein“, fordert sie. Der Ansatz, erst alles abzuarbeiten und sich dann um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, sei grundlegend falsch. Eine Schwangerschaft etwa zu verschieben, bis der Schritt in die Partnerschaft geschafft ist, sei eine Falle. „Mit Mitte 30 kommt sonst die Alles-oder-nichts-Frage“, erklärt Vorwerk. „Viele Frauen meinen dann, sich entscheiden zu müssen, weil sie nicht wissen, wie sie Karriere und Kinder kombinieren können.“ Je früher man selbst einen Plan habe, desto bestimmter könne man auch vorgehen.

Selbsterfüllende Prophezeiung.

Dass sie selbst kurz nach dem ersten Staatsexamen schwanger war, ist für Vorwerk aus heutiger Sicht genau deswegen ein Glücksfall. „Ich musste mich deswegen ganz klar entscheiden, was ich will“, sagt sie und stellte damals die Weichen. Ein Dorn im Auge ist ihr das Reden von gläsernen Decken, das immer wieder im Zusammenhang mit Frauen und Karriere fällt. „Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung“, sagt sie mit Nachdruck.
Wenn sie sich Respekt verschaffen wollte, setzte sie eher auf Humor gepaart mit einem Schuss Frechheit – etwa bewiesen beim Termin mit einem Mandanten. Mehrere Männer und Sabine Vorwerk als einzige Frau saßen bereits am Konferenztisch. Als ihr Kollege den Raum betrat mit einem freundlichen „Guten Tag, meine Herren“, flüsterte sie ihm – für alle gut hörbar – zu: „Ich wusste gar nicht, dass ich so männlich bin.“ Übersehen hat sie anschließend niemand mehr.

Mehr zum Thema: 20 Vorbilder: Erfolgreiche Juristinnen im Kurzporträt

Viele Nullen: Frauen in der Partnerschaft sind Mangelware

Die Kanzleien an der Spitze der azur-Liste 2019 sind bei Partnerinnen-Beförderungen wenig vorbildlich. Eine Übersicht der Partnerernennungen im Jahr 2019.

Mangelware: Frauen in der Partnerschaft

azur100 Ranking 2019 Name der Kanzlei neue Partner 2019 davon Frauen
wdt_ID azur100 Ranking 2019 Name der Kanzlei neue Partner 2019 davon Frauen
1 1 Freshfields Bruckhaus Deringer 3 1
2 2 CMS Hasche Sigle 3 0
4 3 Gleiss Lutz 5 1
5 4 Hogan Lovells 8 0
6 5 Hengeler Mueller 3 0
7 6 Noerr 8 1
8 7 Linklaters 5 3
9 8 P +P Pöllath + Partners 6 0
10 9 White & Case 4 2
11 10 Latham & Watkins 1 0

Quelle: azur 100 und JUVE-Recherche. Unter ‚Partner‘ sind Equity-Partner und Salary-Partner zusammengefasst, da viele Kanzleien in der Außendarstellung nicht zwischen beiden Positionen unterscheiden. Unternehmen sind nicht berücksichtigt.