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31.10.2019 | Autor/in: Antje Neumann

Strafrecht in der Boutique – Renate Verjans im Porträt

Als eine der ersten spezialisierte sie sich in den Neunzigerjahren auf die Verteidigung von Unternehmen. Heute ist Renate Verjans Senior-Partnerin einer der führenden Strafrechtsboutiquen – mit einer Spitzenadresse an der Düsseldorfer ­Flaniermeile Königsallee, zwischen lauter Großkanzleien.

Sie gilt als geradlinig und als eine, die sich nicht vor klaren Aussagen scheut. So ist auch ihr professionelles Selbstverständnis als Anwältin: „Natürlich zeige ich Mandanten verschiedene Szenarien auf, wie sich ein Fall entwic­keln kann, und verschiedene Handlungsoptionen. Aber ich gebe immer auch eine Empfehlung. Darauf hat der Mandant einen Anspruch.“

Renate Verjans von VBB Rechtsanwälte sieht sich nicht nur als Anwältin, sondern auch als Unternehmerin.

Renate Verjans ist eine der führenden Wirtschaftsstrafrechtlerinnen Deutschlands. Und sie stand in den fast drei Jahrzehnten ihrer beruflichen Laufbahn schon oft an der Seite von Mandanten in heiklen Situationen: Manager, denen die Staatsanwaltschaft Bilanzvergehen, Marktmanipulation, illegale Waffenexporte oder krumme Cum-Ex-Geschäfte vorwarf, ein Beschuldigter im Prozess um den Düsseldorfer Flughafenbrand, die Stadt Duisburg im Loveparade-Prozess oder KPMG als Prüferin der Mittelstandsbank IKB, die in der Finanzkrise vor der Pleite gerettet werden musste.
Gleichzeitig ist es Verjans gelungen, eine Kanzlei aufzubauen, die sich heute an der Düsseldorfer Kö über mehrere Stockwerke erstreckt. Sie hat, wie sie sagt, im Grunde zwei Berufe: „Ich bin Anwältin und gleichzeitig Geschäftsführerin eines Unternehmens.“
Die nötige Entschlossenheit und Kompetenz nimmt ihr jeder ab, der sie kennt. Doch sie strömt zugleich viel Fingerspitzengefühl und Empathie aus, wenn sie über ihre Arbeit als Verteidigerin spricht – Eigenschaften, die sie auch selbst als zentrale Qualitäten für versierte Wirtschaftsstrafrechtler nennt. „Von strafrechtlichen Ermittlungen betroffen zu sein, das ist eine große Belastung. Immer wieder habe ich erlebt, wie schnell ein Beschuldigter keine Freunde mehr hat, wie Geschäftspartner auf Abstand gehen. Das gilt ganz oft auch für Teile der Familie.“
Und doch gehe es darum, einen Beschuldigten dabei zu begleiten, wirklich in den Spiegel zu schauen und sich den Vorwürfen zu stellen. „Solange ich noch das Wörtchen ‚man‘ höre, anstelle von ‚ich‘, weiß ich zum Beispiel, dass wir noch ein Stück des Wegs vor uns haben. So bin ich als Strafverteidigerin eine Zeit lang diejenige, die wahrscheinlich am meisten darüber weiß, wie es diesem Menschen gerade geht.“
Es liegt in der Natur der Sache, dass trotz dieser zeitweilig engen Verbindung mit den betreffenden Mandanten der Kontakt nach einer Individualverteidigung nur ganz selten weitergeführt wird. Da bieten strafrechtliche Mandate von Unternehmen mehr Raum für längerfristige Beziehungen. Den Essener RAG-Konzern etwa berät Verjans schon seit vielen Jahren immer wieder.

Bestechungsgelder steuerlich absetzen?
Was heute nach einer logischen Kanzleistrategie klingt, war vor ein paar Jahren in der Strafrechtsszene noch ein ungewöhnlicher Gedanke. Doch dass sie außer Anwältin auch Geschäftsfrau ist, bewies Verjans schon Mitte der 1990er-Jahre.
Mit fünf Jahren Berufserfahrung in einer Freiburger Strafrechtskanzlei zog es sie zurück nach Düsseldorf. Als sie ihre Kanzlei mit dem damals schon hoch angesehenen Strafverteidiger Jürgen Wessing gründete, war sie gerade einmal 35. Die beiden definierten dabei von Anfang an das Wirtschaftsstrafrecht als ihr Metier. Damals ging es gerade damit los, dass Wirtschaftsstraftaten überhaupt stärker verfolgt wurden. Wie sehr sich das Klima verändert hat, lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Wer heute hört, dass inländische Bestechungsgelder immerhin bis 1998 sogar noch steuerlich absetzbar waren, greift doch reflexartig zum Smartphone, um auf Wikipedia zu checken, ob das denn tatsächlich stimmt. Es stimmt.
Eine von Wessing und Verjans damals in Frankfurt organisierte wirtschaftsstrafrechtliche Fortbildungsreihe blieb ohne nennenswerte Resonanz. Viele Anwälte und Unternehmensjuristen konnten mit dem Stichwort Compliance noch wenig anfangen oder taten es als in den USA erfundene Bezeichnung für gesetzestreues Verhalten von Unternehmen ab. Erst mit dem großen Siemens-Korruptionsskandal ab 2007 und dann noch mehr im Zuge der Finanzkrise änderte sich die gängige Markteinschätzung. Dann allerdings gewaltig.

Unter männlichen Primadonnen.
Auch die Staatsanwälte, so erinnert sich Verjans, wussten anfangs nicht, ob sie mit den Vertretern von Unternehmen sprechen sollten. „Regelungen zum Unternehmensvertreter gibt es bis heute weder in der Strafprozessordnung noch in einem anderen Gesetz. Das wird sich wohl mit Ein­führung des aktuell viel diskutierten Unternehmenssanktionsrechts ändern.“ Heute bilden Compliance-Themen eine unverzichtbare Dis­ziplin, die auch Wirtschaftsstrafrechtler beherrschen müssen.
Doch nicht nur mit der Fokussierung auf das Wirtschaftsstrafrecht, zu dem sie von Anfang an nicht nur die Verteidigung von einzelnen Beschuldigten, sondern auch die Beratung von Unternehmen zählten, bewiesen Verjans und ihr Partner Wessing strategischen Weitblick. Auch die Bedeutung des Internets, das Mitte der Neunziger noch in den Anfängen steckte, erkannten sie früh. Verjans und Wessing sicherten sich gleich für ihr Berufsfeld zentrale Domains. „Diese Jahre der gemeinsamen Praxis waren eine grandiose Zeit, das Wirtschaftsstrafrecht nahm immer mehr Fahrt auf“, erinnert sie sich.
Als sie ihre Sozietät zehn Jahre später auflösten, teilten sie auch die Domains untereinander auf: Strafrecht.de wurde die Webseite von Wessings Kanzlei, Wirtschaftsstrafrecht.de und Steuerstrafrecht.de blieben bei Verjans und führen noch heute auf die Website ihrer Kanzlei VBB Rechtsanwälte. Auch die Adresse an der Kö blieb – ebenso wie der strategische Weitblick. Um Mandanten im Ruhrgebiet noch stärker ansprechen zu können, bauten Verjans und die jüngeren Partner, die bei ihr geblieben waren, einen Standort in Essen auf. Spezialthemen wie das Medizinstrafrecht kamen hinzu. Erst vor wenigen Monaten startete ein weiteres Projekt: ein Büro in Karlsruhe, um noch konsequenter auch bei Revisionen auftreten zu können.
All dies führte dazu, dass Verjans heute als höchst respektierte Strafrechtsspezialistin in einem Atemzug mit den überwiegend einige Jahre älteren Wirtschaftsstrafrechtlern an der Marktspitze genannt wird. Man kennt sich eben aus der gemeinsamen strafrechtlichen Aufarbeitung vieler prominenter Skandale aus der jüngeren deutschen Vergangenheit. „In den Verteidigerrunden saß ich zwischen den hoch etablierten Kollegen lange immer als die Jüngste und zugleich die einzige Frau“, erinnert sie sich.
Doch bange war ihr dabei nie. Sie sei eigentlich immer akzeptiert gewesen, sagt sie im Rückblick. Selbstbewusstes Auftreten gehört für sie zum Instrumentenkasten, den Strafverteidiger im Sinne ihrer Mandanten einsetzen. „Wir Strafrechtler sind Primadonnen“, sagt sie lächelnd. „Man muss einfach die Lust dazu verspüren, am Ende der Verhandlung aufzustehen und ein Plädoyer zu halten.“

Strafrecht trifft Datenschutz.
Dass sie sich auch über Aktenberge und konkrete Fälle hinaus mit der Strafjustiz beschäftigt, bewies sie, als sie im Düsseldorfer Stadtmuseum eine Ausstellung mitinitiierte, die bedeutende Strafprozesse in Düsseldorfer Gerichten aus mehreren Jahrhunderten präsentierte. Darunter auch etliche, in denen Anwälte aus ihrer Kanzlei tätig waren. „An meinen Fällen spiegelt sich immer ziemlich genau, was die Gesellschaft gerade bewegt. Nach dem Zusammenbruch des neuen Marktes gab es eine Vielzahl von Fällen, in denen es um Vorwürfe von Bilanzmanipulationen ging“, sagt sie – und stellt gleich eine Prognose auf: „Demnächst dürfte es mit Medizinkorruptionsvergehen hoch her gehen.“ Außerdem wird nach Verjans’ Überzeugung ein weiteres Feld, das Zivilrechtler derzeit stark beschäftigt, schon bald auch in ihrer Strafrechtsdomäne für Arbeit sorgen: Verstöße gegen den Datenschutz.

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