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16.10.2019 | Autor/in: Eva Flick

Eine Sorte für sich: Karriere im Wirtschaftsstrafrecht

Sie gelten als unangepasst, mitunter als Einzelgänger. Strafrechtler ticken etwas anders. Deshalb arbeiten die meisten lieber in kleinen Teams als in großen Einheiten. Aber auch Großkanzleien bekennen sich mittlerweile zum Strafrecht.

Wer Schutz sucht, findet ihn hier, auf der zweiten Etage des schicken Altbaus am Amiraplatz in München. Rechts neben dem Fahrstuhl steht an der anthrazitfarbenen Eingangstür in schlichten Buchstaben „stetter“, und darunter: „maximum protection“. Und wer hierherkommt, braucht Schutz, weil er in ernsthaften Schwierigkeiten steckt und jemanden an seiner Seite wissen will, der sich mit Strafrecht auskennt: „Die einen sind wahnsinnig niedergeschlagen, die anderen ignorieren den Ernst der Lage und sagen einfach: ‚Das kann gar nicht sein‘.“ So beschreibt Dr. Sabine Stetter die Gefühlslage der Mandanten, die zum ersten Mal durch diese Tür kommen. Beide Extreme seien schlecht. Denn um den Job als Verteidigerin zu erledigen, brauche es die richtige Balance bei den Betroffenen. Diese herzustellen kann mitunter schwierig sein. „Das hat viel mit Umgang, mit Einfühlungsvermögen zu tun und einer klaren Führung“, sagt sie. Und führen kann sie, weil sie weiß, wovon sie spricht.

Sabine Stetter von Stetter Rechtsanwälte

Ins kalte Wasser: Als Sabine Stetter, Stetter Rechtsanwälte, das erste Mal Unternehmen verteidigte, fingen alle noch bei null an.

Sabine Stetter ist Wirtschaftsstrafrechtlerin mit Leib und Seele, 2010 gründete sie ihre eigene Kanzlei. Mittlerweile arbeiten dort fünf angestellte Anwälte, gerade erst mietete Stetter zusätzliche Räume an, der Platz reichte nicht mehr aus. Die 46-Jährige vertritt Betroffene in großen Verfahren, die derzeit in den Medien rauf und runter diskutiert werden. Etwa in der Cum-Ex-Sache (Im Fokus – und in Bild, Seite 48) und im Goldfinger-Verfahren – bei beiden geht es um Steuerhinterziehung in Millionenhöhe. Oder etwa im Dieselskandal den Ex-Audi-Vorstand Prof. Dr. Ulrich Hackenberg.

Niemand kannte sich aus.

Auf Unternehmensverteidigung hat sie sich früh spezialisiert. 2004 kam sie das erste Mal damit in Berührung, als ein Automobilzulieferer aufflog, dessen Mitarbeiter für Aufträge jahrelang Manager geschmiert hatten. Den Begriff Compliance – also die Einhaltung von Regeln – gab es damals noch gar nicht. Der feierte seine Geburtsstunde erst 2008 mit den gut gefüllten Schwarzgeldkonten bei Siemens und dem bis dahin größten Korruptionsskandal Deutschlands. Für die beratenden Anwälte bedeuteten solche Mandate, dass sie alle – gleich welcher Senioritätsstufe – bei null anfingen, in einem Gebiet, mit dem sich bis dato noch niemand auskannte. Sabine Stetter sprang hinein, „ab ins kalte Wasser“, wie sie selbst sagt, „und dann beharrlich bleiben, nur so kann man die Nase vorn haben“. In dem was man tut, sagt sie, brauche man einen klaren Fokus, aber auch Offenheit, um zu erkennen, wann sich neue Chancen auftun.
Denn eigentlich wollte sie gar nicht Wirtschaftsstrafrechtlerin werden, lieber Corporate-Anwältin, und am liebsten international arbeiten. Ihr Vater war Uniprofessor, zeitweilig an der renommierten University of California. US-Wissenschaftler saßen bei der Familie abends am Esstisch. „Deswegen hatte ich immer einen starken Bezug zu den USA“, berichtet Stetter. Da die Unternehmenswelt heute global ist und Stetter immer wieder Konzerne vertritt, hat sie es geschafft, international tätig zu sein. „Es geht darum, riesige Strukturen zu verstehen und mit Legal Teams erfolgreich zusammenzuarbeiten“, sagt sie. „Das ist es, was mich im Unterschied zur Individualverteidigung besonders reizt.“

David Pasewaldt von Clifford Chance

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Als Großkanzleianwalt steht David Pasewaldt, Clifford Chance, seltener im Gerichtssaal als ein Individualverteidiger.

Das Internationale gepaart mit dem Wunsch, Unternehmen vertreten zu wollen, war es auch, was Dr. David Pasewaldt zum Wirtschaftsstrafrecht zog – aber in einer Großkanzlei. Dass große Sozietäten auch Strafrecht anbieten, war früher nicht üblich. Wenn sie strafrechtliches Know-how für ihre Mandanten brauchten, zogen sie häufig eine Boutique speziell für diesen einen Fall hinzu. Ansonsten wäre die Gefahr zu groß, mit angestammten Mandanten in Konflikte zu geraten. Erst in jüngster Zeit bauen Großkanzleien Strafrechtspraxen auf.

Strafrecht ohne Gericht.

Pasewaldt absolvierte eine Referendarstation in der Praxis von Dr. Heiner Hugger, Strafrechtler bei Clifford Chance. Die Magic-Circle-Kanzlei zählt neben White & Case zu den wenigen Großkanzleien, die die Relevanz der strafrechtlichen Beratung schon früh erkannten – meist im Tandem mit dem Thema interne Untersuchungen. Nach dem Examen und der Promotion stieg der 40-Jährige dann ganz bei Clifford Chance ein, vor Kurzem wurde er Partner. Ihn reizt an der Arbeit in der Großkanzlei, dass er viel gemeinsam mit den Kollegen aus den anderen Praxisgruppen arbeitet, zum Beispiel im Steuer- oder Gesellschaftsrecht. „Unsere Arbeit ist oft interdisziplinär und international“, sagt er.
Gerichtsgebäude sieht er eher selten von Innen. Gerade große interne Untersuchungen finden – im besten Fall für den Mandanten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Vor Gericht kommen die wenigsten Fälle. Die Vertretung ihrer Mandanten in der Hauptverhandlung ist aber auch gar nicht das Geschäftsmodell von Großkanzleien, weil es zu viele Kräfte bündelt und dem Mandanten obendrein noch negative Presse beschert. Zurzeit hält Pasewaldt allerdings ein großes Verfahren in Atem: Cum-Ex. Anfang September standen die ersten Angeklagten im Strafverfahren vor dem Landgericht Bonn. Der Clifford-Partner war dort als Vertreter eines Einziehungsbeteiligten, der Fondsgesellschaften der Société Générale, sein Kollege Heiner Hugger für BNY Mellon Service.
Doch solche Verfahren sind eher die Ausnahme. „Das strafrechtliche Arbeiten für Unternehmen in der Großkanzlei ist meist anders als im Grisham-Roman mit dem flammenden Plädoyer vor den Geschworenen.“ Pasewaldt findet dieses Arbeiten professioneller. „Die Geschäftsleitung oder Rechtsabteilung ist ja anders von einem Strafverfahren betroffen als eine Einzelperson, gegen die sich ein Vorwurf unmittelbar richtet“, sagt er. Die Unternehmensvertreter, mit denen er es zu tun hat, gingen deswegen meist souveräner mit dem Verfahren um und seien selbst sehr an der Aufklärung interessiert.

Wenn Hubschrauber kreisen.

Es gibt Situationen, da ist es auch mit der Coolness der Rechtsabteilungsleiter nicht mehr weit her: Zum Beispiel, wenn die Staatsanwaltschaft plötzlich vor der Tür steht, Büros durchsucht, Akten und Computer beschlagnahmt oder gar führende Mitarbeiter vom Schreibtisch weg verhaftet werden. Dann schlägt die Stunde der Strafrechtler und Compliance-Spezialisten, die alles stehen und liegen lassen, um zu ihrem Mandanten zu eilen. Clifford-Mandanten etwa erreichen ihre Anwälte direkt über eine Dawn-Raids-App. Kein Wunder also, dass Pasewaldt, gefragt nach seinem prägendsten Mandat, eine Durchsuchung der Deutschen Bank einfällt, bei der damals 500 Beamten im Einsatz waren und über den Hochhäusern in Frankfurt ein Hubschrauber kreiste.
Wer sich für Unternehmensstrafrecht in Kombination mit Compliance entscheidet, muss aber nicht zwangsläufig in eine Großkanzlei.

Johannes Corsten von Kempf Schilling

Neben alten Hasen: Johannes Corsten, Kempf Schilling, saß früh an der Seite seiner erfahrenen Kollegen bei großen Wirtschaftsprozessen.

FS-PP in Berlin hat sich diesen Themenschwerpunkt ebenfalls auf die Fahne geschrieben. Dr. Niklas Auffermann und Dr. Rainer Frank gründeten die Boutique 2010 und fokussieren sich mittlerweile ausdrücklich auf die Verteidigung von Unternehmen. Das war nicht von Anfang an klar. Beschäftigt haben Auffermann zu Beginn seiner Karriere vor allem die Klassiker im Strafverfahren: Mord, Totschlag, Raub und BTM-Verfahren. „Ich war viel bei Gericht, fast jeden Tag“, erzählt der 43-Jährige. Irgendwann hatte er keine Lust mehr auf die „schweren Jungs“. Aber die Erfahrung damals brachte ihm trotzdem viel aus heutiger Sicht: „die genaue Kenntnis der Strafprozessordnung und die Erfahrungen aus vielzähligen Verteidigungen in streitiger Hauptverhandlung sowie ein gutes Gefühl für Mandanten in Krisensituationen“. Und das ist exakt das, was viele erfahrene Strafrechtler ausdrücklich vom Nachwuchs fordern. So stellt Dr. Gerhard Strate (69) im Interview mit JUVE missbilligend fest, dass er immer häufiger jungen Kollegen begegnet, die sich mit zwei
Jahren Berufserfahrung ‚Wirtschaftsstrafrecht‘ auf die Visitenkarte schreiben. Seiner Meinung nach sei das der falsche Weg. „Man ist als Verteidiger auch in Wirtschaftsstrafsachen nur dann wirklich gut, wenn man mal das Stahlbad eines Schwurgerichtsprozesses hinter sich gebracht hat“, sagt er.

Start in der Großkanzlei.

Auch Dr. Johannes Corsten, seit 2019 Partner in der renommierten Strafrechtskanzlei Kempf Schilling + Partner, war zunächst in der Großkanzlei. Der 37-Jährige begann bei Freshfields Bruckhaus Deringer im Kartellrecht, in einer Zeit, in der die Kanzlei kein Strafrecht anbot. Es folgte praktisch das Gegenprogramm: Vier Jahre bei dem angesehenen Strafverteidiger Dr. Felix Dörr, der in der Individualverteidigung als Top-Adresse gilt und zuletzt etwa Ex-VW-Chef Dr. Martin Winterkorn vertrat.
Corstens Glück war, dass kurz nach seinem Start ein Mandat auf den Schreibtisch von Felix Dörr flatterte, das es in sich hatte: Dörr vertrat mit Investmentbanker Dieter Pfundt einen der vier Hauptangeklagten im Sal. Oppenheim-Prozess vor dem Landgericht Köln. Das Verfahren dauerte ganze zwei Jahre und umfasste 120 Prozesstage. Ein Partner alleine, sei er auch noch so erfahren, kann ein Mandat von dieser Größenordnung kaum stemmen, insofern war Corsten von Beginn an mit an Bord. „Dabei habe ich extrem viel gelernt, das war eine Riesenherausforderung“, sagt Corsten im Rückblick. War Dörr verhindert, ging er alleine in die Verhandlung – und saß dann neben Verteidigergrößen wie Dr. Daniel Krause oder Prof. Dr. Franz Salditt.

Junge haben ein Altersproblem.

Mit ähnlich namhaften Mandaten ging es weiter. Es folgte der S+K-Prozess in Frankfurt, einer der größten Betrugsprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik, in dem Corsten einen der sechs Verantwortlichen vertrat. Vor drei Jahren schließlich wechselte er zu Kempf Schilling – und tritt dort wieder in großen Prozessen auf, zuletzt für Porsche, wie mittlerweile öffentlich bekannt ist. Nicht selbstverständlich sei es, von Anfang an hochkarätige Mandaten vertreten zu dürfen, sagt er. „Als Berufsanfänger hat man doch schon mal alleine wegen des Alters ein Problem“, sagt er. Deswegen verteidige man ja auch nicht direkt einen Vorstandsvorsitzenden, sondern verantworte kleinere Mandate oder übenehme den Zeugenbeistand, um Erfahrung zu sammeln.
Mitunter tritt sogar der kuriose Fall ein, dass ein junger Anwalt in einer namhaften Verteidigerboutique im Vorteil ist, weil er nicht so bekannt ist wie der Namensgeber. So rief ein Mandant an, der ausdrücklich nicht Altmeister Eberhard Kempf mandatieren wollte. Die Strategie des Anrufers war simpel: „Wenn ich jemanden wie den Kempf nehme, denkt der Staatsanwalt ja automatisch, dass ich das war. Da nehme ich doch lieber einen Unbekannten.“ „Wir haben sehr darüber gelacht“, erzählt Corsten. Natürlich hat er das Mandat übernommen und sieht seinen Erfolg ganz pragmatisch: „Es ist doch egal, warum ein Mandant kommt, Hauptsache, er kommt.“

 

Mehr zum Thema: Zwei Wirtschaftsstrafrechtler im Porträt. Ali Norouzi und Renate Verjans.