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23.07.2019 | Autor/in: Eva Lienemann

Kommentar: Wer die Bedürfnisse der Generation Y nicht ernst nimmt, verliert seinen Nachwuchs

Deutsche Mittelstandskanzleien gelten nicht als Speerspitze des Fortschritts. Bis jetzt. Denn laut der aktuellen azur-Associate-Umfrage gelingt es ihnen besser als vielen Großkanzleien, ihren Nachwuchs zu halten (hier geht’s zur Nachricht). Ein klarer betriebswirtschaftlicher Erfolg: Schließlich beginnt sich der Einsatz für die Kanzlei auszuzahlen, wenn berufserfahrene Associates endlich profitabel geworden sind.

Viele Großkanzleien erleben das gar nicht: Fast ein Drittel der erfahrenen Associates ist laut azur-Umfrage zumindest gedanklich auf dem Absprung – wegen der schlechteren Aufstiegschancen, die in dieser Phase offensichtlicher werden, aber vor allem wegen der mäßigen Work-Life-Balance. Und das gilt für Männer und Frauen.

In Zahlen drückt sich hier aus, was viele schon lange ahnten: Mit viel Geld lassen sich die Bedürfnisse der Generation Y zwar kurzfristig unterdrücken. Doch nach ein paar Jahren kommen diese stärker denn je zurück an die Oberfläche. Viele Kanzleien haben den Wunsch nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf lange als Gedöns abgetan. Nun merken sie, dass ihnen nicht mehr „nur“ die Frauen, sondern auch die Männer weglaufen, weil sie ein 24/7-Job weniger interessiert als das Leben außerhalb der Kanzlei. Das sind ‚weiche‘ Aspekte, doch sie haben eine enorme Kraft.

Das Missliche daran: Gerade Großkanzleien hätten beste Voraussetzungen, um ihre Schwachpunkte anzugehen. Sie verfügen mit ihren großen Teams über die nötigen Ressourcen, um innovative Arbeitszeitmodelle zu schaffen. Sie beschäftigen Spezialisten, die sich mit nichts anderem als Personalmanagement beschäftigen. Und sie haben die Frauen auf ihrer Seite, die sich in den ersten Berufsjahren dank etlicher Förderprogramme im Grunde sehr wohl fühlen.

Wer als Großkanzlei nicht zur reinen Ausbildungsstätte verkommen möchte, sollte sein Augenmerk deshalb auf diese neuralgischen Punkte richten.

Ein Kommentar von Eva Lienemann. Sie ist Redakteurin im JUVE Verlag.