Magazin-Artikel
06.06.2019 | Autor/in: Markus Lembeck

…und net nach de Mädle schaue

Vorbilder für eine Juristinnenkarriere in Stuttgart gelten als rar gesät. Doch es gibt sie, und mehr Arbeitgeber, als man denkt, haben sich die Karriereförderung für Frauen auf die Fahnen geschrieben.

Dass die Schwaben mit ihrer Sparsamkeit kokettieren, ist bekannt. Sparsamkeit und Fleiß: Das Arbeitsethos des Spruchs „Schaffe, schaffe, Häusle baue …“ ist weiterhin Realität. Manche Wirtschaftsanwälte zählen voller Stolz die vielen Herzinfarkte in ihrer Kanzlei auf. Jetzt kokettieren die Schwaben auch noch mit der Zahl ihrer Herz­attacken! Darauf können nur Männer kommen – Männer wie jener einflussreiche Stuttgarter Kanzleipatriarch, der lange unwidersprochen behaupten durfte: „Frauen als Anwälte? Des hodd koin Werd!“

Eine Initiative namens „Spitzenfrauen“ konzentriert sich lieber auf messbare Leistungen und kann unter ihren 120 Vorbildern für Frauen in Führungspositionen auch auf Juristinnen verweisen. Eine der baden-württembergischen Spitzenfrauen ist demnach Margret Obladen (43), Leiterin der Abteilung Konzernrecht der Wüstenrot & Württembergische. Das Häuslebauen ist sozusagen eine der Kernkompetenzen des börsen­notierten Finanzkonzerns – das passt zur Region, und das passt aktuell zur Gesamtentwicklung der W&W, die einen ganzen Campus für ihre Firmenzentrale neu baut: vor den Toren Stuttgarts, an der Grenze von Ludwigsburg und Kornwestheim.

Strategie und Geschäft im Blick: Margret Obladen hat bei der Wüstenrot & Württembergische die Abteilung Konzernrecht neu aufgestellt.

Geschäft und Recht.

Wer denkt, dass die Rechtschefin mit dem Bau(spar)geschäft wenig zu tun hat, liegt falsch. In ihrer bald fünfzehnjährigen Tätigkeit für den Konzern hat Obladen auch schon nicht-juristische Führungsrollen übernommen und zum Beispiel strategische Vertriebskonzepte in der Wüstenrot Bausparkasse entwickelt und gesteuert. Diese Erfahrung im operativen Geschäft prägt ihr Verständnis der Rechtsabteilung: „Wir wollen die Sachverhalte im Konzern nicht nur ungefähr verstehen, sondern ganz. Wir sind sehr nah am Geschäft. Deshalb setzen wir auf eigene Juristen, die mit den operativen Abteilungen eng zusammenarbeiten und konstruktive Lösungen finden.“

Nach ihrer Ernennung als Leiterin der Abteilung Konzernrecht bekam sie vor drei Jahren den Auftrag, diese neu zu konstruieren: die Abteilungen Recht und Konzernvorstandsstab wurden zusammengelegt, die Compliance abgespalten und das Team mit jetzt 37 Juristen neu organisiert. „Wir wollten uns auf die Kernfähigkeiten einer Rechtsabteilung besinnen“, so Obladen. „In dieser neu aufgestellten Rechtsabteilung sind auch einige neu gewonnene Mitarbeiter tätig, die als Fachanwälte qualifiziert sind und die wir explizit für fachliche Fragen etwa im Bank- und Kapitalmarktrecht eingestellt haben.“ Obladen ist nicht nur als Führungskraft tätig, sondern arbeitet weiterhin juristisch und leitete etwa das Team, als W&W 2018 die Aachener Bausparkasse erwarb. Zudem ist ihr strategischer Rat gefragt – etwa im Rahmen der konzernweiten Digitalisierungsoffensive.

Ihre eigene Karriere, die Mischung aus operativen Führungsaufgaben und der jetzigen Legal-Verantwortung macht sie zu einer engagierten Fürsprecherin für die Vorteile der Tätigkeit dort: „Wir sind offen für Teilzeittätigkeit und Homeoffice. Der Tarifvertrag bietet auch darüber hinaus einen festen Rahmen, etwa in Bezug auf die Arbeitszeiten. Und auf jeder Position – auch bei juristischen Spezialisierungen – gibt es vielfältige Tätigkeiten, regelmäßiges Feedback und geschäftliche Einblicke.“ Der Frauenanteil in der Rechtsabteilung liegt deutlich über 50 Prozent und kann sich mit vielen anderen Großunternehmen messen.

„Wir sind in der Rechtsabteilung nah am Geschäft mit eigenen Lösungen.“

Karriere bei den Großkanzleien.

Da tun sich die meisten Großkanzleien schwerer – auch in Stuttgart. Gleiss Lutz und CMS Hasche Sigle bilden nach dem fachlichen Renommee, aber auch nach ihrer schieren Größe die Stuttgarter Spitzengruppe. Unter ihren Associates haben beide Sozietäten fast 50 Prozent Anwältinnen, nach oben hin wird es dünner: Gleiss verzeichnet kanzleiweit, und auch in Stuttgart, 11 Prozent Partnerinnen. CMS fällt es etwas leichter, auf Partnerinnen in den eigenen Reihen hinzuweisen: Der Frauenanteil in der obersten Riege liegt in Stuttgart bei knapp 20 Prozent – mehr als in anderen CMS-Büros, mehr als in den meisten ­anderen Kanzleien überhaupt (Lebendes Beispiel, Seite 26). „Dieser relativ hohe Wert ist nicht das Ergebnis einer Vorgabe aus dem Management oder nach einem starren Modell geplant“, sagt Dr. Alexandra Schluck-Amend (47). „Wir haben schon lange einen überdurchschnittlich hohen Frauenanteil auf allen Karrierestufen und damit auch einen guten Unterbau, um noch mehr Frauen in die Partnerschaft zu bringen.“ Schluck-Amend ist Krisenexpertin, seit 2002 bei CMS und leitet von Stuttgart aus den Geschäftsbereich Restrukturierung und Insolvenz.

Dass man Anwaltsberuf und Familie verein­baren kann, ist für Schluck-Amend keine Selbstverständlichkeit. Wie es funktioniert? „Der Anwaltsberuf ermöglicht eine gewisse Art von Flexibilität, die andere Berufe nicht haben“, ist sie überzeugt. „Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein freier Beruf, und die Flexibilität gibt es auch dann, wenn man – so wie ich – in Vollzeit arbeitet.“ Was bei Wirtschaftsanwälten nicht selten in Richtung 60 Wochenstunden und mehr geht. „Wichtig ist ein gutes familiäres Netzwerk, etwa als Backup für Engpässe bei der Kinderbetreuung. Und alles, was sich im Haushalt outsourcen lässt, nehmen wir in Anspruch – die Zeit mit der Familie soll nicht mit Hausarbeit belastet sein.“ Von Vorteil ist dabei auch, dass das Stuttgarter CMS-Büro im Stadtteil Degerloch nicht weit weg ist von Zuhause.

Viele Empfehlungen im Markt: Tina Bergmann von Dolde Mayen & Partner ist wohl die bekannteste Vergaberechtlerin in Stuttgart.

Stuttgart ist attraktiver geworden.

Häufig klagen die Arbeitgeber in Stuttgart und Umgebung darüber, dass die Region für Berufseinsteiger aus dem Rest des Landes nicht attraktiv ist – die Kandidaten stammen angeblich nur aus dem Ländle. Auch bei Dr. Tina Bergmann (45) könnte es nach einem ziemlich kleinen Wirkungsradius aussehen, den sie sich mit dem Jurastudium und ihrem Anwaltsberuf erobert hat: Geboren in Esslingen, Studium und Promotion in Tübingen, Anwaltstätigkeit seit 2004 in Stuttgart. Bergmann ist dort Partnerin bei Dolde Mayen & Partner.

Doch das Bild vom kleinen Wirkungskreis ist falsch. Während des Studiums zog sie für einige Zeit nach Fribourg in der Schweiz, um dort unter anderem Europarecht zu vertiefen, und während des Referendariats verbrachte sie ihre Wahlstation in Lausanne. Beruflich bedeutet die Heimatregion ohnehin keine Einschränkungen: „Für mich ist es sehr angenehm, in der Region verwurzelt zu sein.“ Auch wenn die Schwaben nicht so kontaktfreudig seien wie angeblich die Rheinländer, stellt Bergmann fest: „Stuttgart ist als Standort attraktiver geworden, die Stadt ist offener als früher.“

Zur Kanzlei, die vor zehn Jahren mit einem Team um Prof. Dr. Thomas Mayen auch nach Bonn expandierte, kam sie ganz traditionell über eine Stellenanzeige und unterschrieb noch vor dem Abschluss ihrer Promotion den Vertrag: „Die Spezialisierung auf das Öffentliche Recht fand ich interessant, auch weil mir die Dissertation im Vergaberecht Spaß gemacht hat. Ich habe mich bewusst für eine auf das Öffentliche Wirtschaftsrecht spezialisierte Boutique entschieden.“ Eine Großkanzlei oder ein Wechsel in die Justiz kam ihr nicht in den Sinn, und so zählt sie nach anderthalb Jahrzehnten bei Dolde Mayen zu den prägenden Figuren der Kanzlei. Diese besteht zur Zeit aus 15 Anwälten, unter den 13 Partnern sind immerhin drei Frauen – keine schlechte Quote im bundesweiten Vergleich, demzufolge Frauen nur rund zehn Prozent der Vollpartnerränge besetzen.

„Der Anwaltsberuf bietet viel Flexibilität, auch wenn man in Vollzeit arbeitet.“

Arbeitsende 16 Uhr.

Abseits der Großkanzleien ist ein niedriger Frauenanteil noch mehr Thema. Zu den traditionellen Stuttgarter Sozietäten, die für einen hohen Männeranteil bekannt sind, zählt auch Oppenländer. Aber das ändert sich, auch in der Chef­etage: Mit Dr. Christina Koppe-Zagouras, Dr. Donata Beck und Dr. Katharina Köbler sind es vorerst drei Partnerinnen, die das Bild der Kanzlei allmählich ändern. Koppe-Zagouras (43) wurde bereits vor zehn Jahren zur Partnerin befördert. Nach zwei kurzen Babypausen arbeitet sie aktuell in Teilzeit mit festem Arbeitsende um 16 Uhr. „Es gibt im Gewerblichen Rechtschutz natürlich manchmal auch Fälle, die dringend sind und für die ich länger bleiben muss“, erzählt sie. Andererseits sieht sie das Verständnis für familiäre Belange auf der Mandantenseite stetig wachsen. „Je mehr Frauen auf der Nachfrageseite stehen, desto höher ist die Akzeptanz. Zwar wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Staatsdienst oder in Unternehmen allgemein besser eingeschätzt als in Kanzleien, aber dort ist die Karriere in Teilzeit auch kein Selbstläufer“, findet sie. Donata Beck (45) hat das gute Vorbild in der Familie: „Meine Mutter hat schon mit drei Kindern in Teilzeit gearbeitet – auch als Anwältin.“

Erfolgreiche Beraterinnen mit Teilzeit-Modell: Christina Koppe-Zagouras (li.) und Donata Beck von Oppenländer.

Beck, die nach dem Berufsstart bei Boston Consulting zu Oppenländer wechselte, traut den Partnerkollegen durchaus den Wandel zu: „Ich habe mich im Bewerbungsgespräch danach erkundigt, ob die Frauen der Anwälte berufstätig sind – das war so, und für mich war das ein gutes Zeichen dafür, dass sich die Kollegen in das Thema Beruf und Familie hineindenken können.“ Die 2018 zur Partnerin ernannte Anwältin hat schon mit ganz unterschiedlichen Teilzeitmodellen gearbeitet und ist jetzt mit 50 Prozent in der Kanzlei aktiv. Ihr Spezialgebiet ist das Kartellrecht. „Wir betreuen hier im Team häufig große, langfristig laufende Mandate. Diese Mandatsstruktur und die Teamaufstellung machen die individuelle Arbeitsbelastung gut planbar.“ Trotz Teilzeit fließen viel Kraft und Kreativität in die Mandate, sagt sie selbstbewusst: „Wir bieten 100 Prozent Kreativität in 50 Prozent der Zeit.“

Verständnis bei Mandanten.

In Teilzeit arbeitet auch CMS-Partnerin Dr. ­Carolin Armbruster (40), die ebenfalls 2018 zur Partnerin ernannt wurde. Sie ist der Kanzlei seit 2007 treu geblieben, als sie mittels eines Doktorandenmodells einstieg. Armbruster betreut M&A-Transaktionen, vielfach aus der Energiewirtschaft. „Teilzeit ist häufig ein Spagat“, räumt sie ein. „Es geht schon manchmal einiges an Freizeit verloren. Aber ich kann meinen Arbeitstag recht flexibel einteilen und bin bei dringenden Projekten auch in der Lage, mehr Zeit zu investieren.“ Wie ihre Kolleginnen von Oppenländer meint sie, dass Mandanten für familiäre Engpässe viel mehr Verständnis haben, als man denkt.

Vorbilder für eine Karriere als Partnerin: Carolin Armbruster (li.) und Alexandra Schluck-Amend von CMS Hasche Sigle.

„Aber wir haben natürlich den Anspruch, dass die Mandanten es an unserem Output nicht merken, ob wir in Vollzeit oder Teilzeit arbeiten. Es kommt auf das Ergebnis an.“ Und wenn dieses Ergebnis mit viel Effizienz entstanden ist, dann hat niemand etwas dagegen, weder der Mandant noch die Kanzlei insgesamt: 13 Frauen und 4 Männer sind bei CMS als Partner in Teilzeit tätig. Für die erfahrene Partnerin Schluck-Amend ist der Umgang mit Teilzeit auch eine alltägliche Führungsaufgabe. Sie hat in ihrem Team drei Teilzeit-Associates. „Die Koordination der Mandate und der Arbeitszeiten der Kollegen ist durchaus eine Herausforderung“, sagt sie. „Ich muss laufend einschätzen, was der oder die Einzelne in der verfügbaren Zeit schaffen kann.“

Die verfügbare Zeit ist in allen Spezialdisziplinen das entscheidende Problem. Tina Bergmann wäre überhaupt nicht damit einverstanden, das Öffentliche Wirtschaftsrecht und speziell das Vergaberecht klein zu reden: „Wir bearbeiten die Fälle, die täglich in der Zeitung stehen. Große Planfeststellungsverfahren etwa, die das ganze Land beschäftigen, sind für die Kanzlei Alltag und bieten auch für Berufseinsteiger viele Gelegenheiten, schnell in den Mandaten mitzuarbeiten.“ Enthusiasmus für Öffentliches Wirtschaftsrecht, geht das? Es geht. Bergmann macht es vor. Komplex seien die Mandate, abwechslungsreich und mit einem großen Zeithorizont. In ihrer Spezialdisziplin Vergaberecht, die mittlerweile rund 70 Prozent ihrer Beratungstätigkeit ausfüllt, ist sie nicht nur in Stuttgart eine gefragte Expertin. Ein Star fast, denn fragt man in den Männerbastionen der Stuttgarter Traditionskanzleien gezielt nach bekannten Anwältinnen in der Stadt, fällt schnell der Name Bergmann. „Fachlich top, durchsetzungsstark, umsichtig und schnell“ heißt es in anderen Kanzleien.

Das fachliche Schulterklopfen verknüpfen die Herren gerne mit einem Extralob dafür, dass Bergmann sich mit dem im Anwaltsmarkt als streng verschrieenen Altmeister Prof. Dr. Klaus-Peter Dolde zurechtgefunden habe, was für eine gewisse Durchsetzungsstärke spricht. „Wir müssen einerseits versuchen, die Rechtsentwicklung vorherzusehen, um Projekte erfolgreich zum Ende zu bringen“, sagt sie. „Andererseits arbeiten wir Anwälte jahrelang im Team mit anderen Berufsgruppen wie Umweltgutachtern, Fachplanern, Architekten oder Projektsteuerern. Es ist nicht nur Jura!“ Und dank Bergmann sind es nicht nur Männer.