Magazin-Artikel
06.06.2019 | Autor/in: Markus Lembeck

Noch mehr Konkurrenz

Die Einstellungsoffensive der Justiz verschärft den Wettbewerb um die guten Absolventen. Was machen die Bewerber daraus?

„Früher haben wir auf Stellenausschreibungen im Gesellschaftsrecht mehr als 100 Bewerbungen bekommen“, sagt die Leiterin einer Rechtsabteilung. „Heute sind es nicht einmal zehn.“ Auch die azur-Bewerber-Umfrage bestätigt diesen Trend: Für Berufsanfänger ist eine Stelle im Unternehmen längst nicht mehr so attraktiv. Nach den Turbulenzen der Finanzkrise wollten noch rund 20 Prozent der Bewerber
ihren ersten Job in einer Rechtsabteilung beginnen – übrigens auch damals schon mit deutlichen Abstrichen beim Einstiegsgehalt. Aktuell sind es acht Prozent. Unternehmen, Behörden und die Justiz als Hort der beruflichen Stabilität und einer guten Work-Life-Balance sind aktuell ziemlich abgehängt.

Fluktuation in Kanzleien.

Auch weibliche Bewerber, die immer eine höhere Präferenz für die „Nicht-Kanzleien“ hatten als die männlichen Bewerber, streben jetzt zum größten Teil in Kanzleien. Für wie lange? Diese Frage steht auf einem anderen Blatt. Die Fluktuation ist nämlich hoch, insbesondere bei den großen Wirtschaftskanzleien. Die meisten Associates bleiben ihrem ersten Arbeitgeber nicht treu. Eine Auswertung des personellen Wachstums der Top-20-Kanzleien zeigt, dass diese Gruppe seit vielen Jahren kaum noch wächst (Großkanzleien: Personal wächst kaum).

Das Prinzip Durchlauferhitzer, das bei Unternehmensberatungen schon lange Realität ist, ist demnach auch im Anwaltsmarkt angekommen. Die hohe Fluktuation auf den unteren Stufen der Kanzlei­hierarchie ist gleichzeitig fast die einzige Chance für Unternehmen und Justiz, freie Stellen zu besetzen. Jetzt soll der Bund-Länder-Pakt 2.000 neue Stellen für Richter und Staatsanwälte schaffen.

Das ist rechnerisch kaum möglich: Selbst wenn sich ein Drittel der Prädikatsabsolventen eines Jahrgangs für die Justiz entscheiden sollten, das wären gut 500 Volljuristen, würde die Besetzung der Stellen vier Jahre dauern. Um diese ganzen neuen Top-Mitarbeiter zu halten, müssten sich die Justizbehörden
allerdings wandeln. Denn manchmal ist die Flexibilität der Arbeitszeiten nur Makulatur. Richterinnen und Staatsanwältinnen müssen nach einer Babypause ziemlich flexibel sein, um die Rückkehrbedingungen des Arbeitgebers zu erfüllen.

Die Gunst der Stunde nutzen.

Und wer in der Justiz mit Kind und in Teilzeit Karriere machen will, der braucht einen langen Atem und ein Faible für die sogenannten Sonderverwendungen (Karriereweg Syndika, Seite 44). Berufsanfänger sollten die Gunst der Stunde nutzen und gute Arbeitsbedingungen aushandeln – egal, ob in Kanzleien, Unternehmen oder Behörden. Sie sind gefragt wie nie zuvor und sitzen am längeren Hebel. Das könnte sich  in einem anderen konjunkturellen Umfeld schnell wieder ändern.