Magazin-Artikel
05.06.2019 | Autor/in: azur Redaktion
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Krimi statt Kanzlei

Ihr Werkzeug ist in beiden Welten die Sprache: Statt nur Schriftsätze zu verfassen, sind etliche Juristinnen auch literarisch aktiv. Meistens bleiben sie ihrem Beruf aber treu.

von Kai Nitschke

„Mandanten beraten, Schriftsätze verfassen und vor Gericht auftreten, das war meine Welt und hat sehr viel Spaß gebracht“, erzählt die Schriftstellerin Laura Karasek. Bis Juli 2018 arbeitete sie rund sechs Jahre im Bereich Zivilprozessrecht im Frankfurter Büro von Clifford Chance. Die 36-jährige gebürtige Hamburgerin studierte in Berlin und kam durch das Referendariat nach Frankfurt.

Mit dem Namen Karasek fällt es schwer, Literatur nicht als den Mittelpunkt des eigenen ­Lebens zu sehen. Laura Karasek war das gelungen. Die Tochter des langjährigen Spiegel-Feuilletonchefs Hellmuth Karasek, der auch als TV-Gesicht berühmt war, und der früheren Kulturredakteurin des Hamburger Abendblatts Armgard Seegers hat kein geisteswissenschaftliches Fach studiert, sondern Jura.

Aber dann merkte Karasek, dass ihr ohne Literatur doch etwas fehlt. Bereits während des Referendariats hatte sie ihren ersten Roman „Verspielte Jahre“ geschrieben. Ihr neues Buch, ein Kolumnenband mit dem Titel „Ja, die sind echt“, ist Ende Februar erschienen. Zudem hat Laura Karasek auf Antenne Frankfurt 95.1 eine wöchentliche Radiosendung, zu der sie regelmäßig auch Kulturschaffende einlädt.

„Ich liebe das Schreiben und das Moderieren, aber auch die Arbeit als Anwältin bedeutet mir viel“, sagt Karasek. Doch 2019 will sie ausschließlich als Schriftstellerin und freie Journalistin ihr Geld verdienen. Langfristig würde Karasek gerne in beiden Bereichen tätig sein. „Ich will versuchen, die juristische und die literarische Welt miteinander zu verbinden“, sagt die Frankfurter Anwältin.

Kein Jura im Jahr 2019: Laura Karasek arbeitet aktuell nur als Schriftstellerin und freie Journalistin.

Und Laura Karasek ist kein Einzelfall. Etliche Juristinnen arbeiten haupt- oder nebenberuflich als Schriftstellerinnen. Darunter prominente Literatinnen wie Juli Zeh oder Sybille Schrödter, die vom Schreiben leben. Aber auch jenseits der Fachöffentlichkeit unbekannte Autorinnen, wie Martina Peter, die als Referatsleiterin im Bundesjustizministerium tätig ist (Der Krimi dominiert).

Für die 55-Jährige ist das literarische Schreiben vor allem eine schöne Freizeitbeschäftigung, die es ihr ermöglicht, nach der Arbeit im Ministerium in eine andere kreative Welt einzutauchen: „Romane, Kurzgeschichten und Gedichte haben mich schon immer fasziniert“, sagt Peter, die neben Jura auch noch Kulturpädagogik studierte.

Ihren ersten Roman, den Szenekrimi „Abgesang“, schrieb Peter während des Referendariats und entschied sich dann für den Berufseinstieg als Anwältin in einer kleinen, spezialisierten Hamburger Kanzlei. Später wechselte sie in den öffentlichen Dienst der Hansestadt und einige Jahre ­darauf ins Bundesjustizministerium.

Der Krimi dominiert

Literarisch aktive Juristinnen gibt es in allen rechtswissenschaftlichen Berufen. In ihren Romanen geht es meistens um Mord und Totschlag.

▪ Laura Karasek. Die Frankfurter Wirtschaftsanwältin debütierte mit einem Liebesroman („Verspielte Jahre“) als Schriftstellerin. Zudem schreibt sie eine wöchentliche Kolumne für Stern.de und moderiert eine Radiosendung bei Antenne Frankfurt.

▪ Sandra Lohfeldt. Die Hamburger Staatsanwältin arbeitete zunächst einige Jahre als angestellte Anwältin. Unter dem Pseudonym Sandra Gladow veröffentlichte sie einen Frauenroman und mehrere Krimis, zuletzt „Schneetreiben“.

▪ Martina Peter. Die Referatsleiterin im Bundesjustizministerium hat außer Rechtswissenschaft auch Diplom-Kulturpädagogik studiert. Ihren ersten Krimi schrieb sie während des Referendariats.

▪ Sybille Schrödter. Die Hamburger Rechtsanwältin veröffentlicht Krimis und historische Romane, zuletzt: „Die Minnesängerin“. Zudem schreibt sie Drehbücher und arbeitete früher hauptberuflich als Kabarettistin.

Schreiberfahrung genutzt.

Dort arbeitete Peter zunächst im Bereich Datenschutzrecht, bis der damaligen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) zu Ohren kam, dass es unter ihren Referentinnen eine Autorin gab. Peter wurde daraufhin Redenschreiberin – eine Tätigkeit, die aus ihrer Sicht passte: „Da konnte ich sprachliche und juristische Fertig­keiten sehr gut miteinander verbinden“, sagt die Verwaltungsjuristin, die ihre Beamtenlaufbahn mittlerweile bis zur Regierungsdirektorin fortgesetzt hat. Peter arbeitet als Referatsleiterin in der für den Bereich Rechtspflege zuständigen Abteilung des Bundesjustizministeriums. Auch dort helfen ihr die Erfahrungen als Autorin. „In der ministeriellen Arbeit kommt es häufig darauf an, sich verständlich auszudrücken, zum Beispiel, wenn man Broschüren erstellt oder Bürgeranfragen beantwortet“, so Peter.

Einen weiteren Roman zu schreiben, beabsichtigt die Referatsleiterin jedoch derzeit nicht. „Dafür fehlt mir neben der Tätigkeit im Ministerium einfach die Zeit“, sagt Peter. Daher verfasse sie im Moment vornehmlich Gedichte und will diese bald auf einer eigenen Homepage veröffentlichen. Langfristig könnte sich Peter zwar ein Sabbatjahr und einen weiteren Krimi vorstellen, doch hauptberuflich will sie Juristin bleiben.

Eher ungewöhnlich verlief die Karriere der etablierten Schriftstellerin Sibylle Schrödter. Zwar arbeitete auch Schrödter zunächst als Anwältin, merkte aber schnell, dass sie hauptberuflich künstlerisch tätig sein möchte. Nach mehreren Jahren als Kabarettistin veröffentlichte sie Anfang 2001 ihren ersten Roman „Auroras Abgründe“, dessen Protagonistin Staatsanwältin ist. Seitdem lebt Schrödter überwiegend von der Schriftstellerei. Neben Krimis und Kurzgeschichten schreibt sie auch historische Romane und ist mit verschiedenen Pseudonymen wie Mia Löw oder Laura ­Walden eine produktive Schreiberin. Unter dem Namen Svea Linn Eklund entstanden zuletzt zwei Island-Romane.

Nur noch selten als Anwältin tätig: Sybille Schrödter kann von ihrer vielfältigen Romaproduktion leben.

Mit Hintergrundwissen.

Ihr Studium hat Schrödter nie bereut: „Die Hauptfigur in meinen Krimis, die Hamburger Strafverteidigerin Anne Brink, hätte ich ohne ­Jurastudium nie so authentisch ausfüllen können“, sagt die Autorin. Aber auch in ihre Familien­romane baut sie gerne und häufig rechtliche Konflikte ein. „Natürlich hat mich das Jurastudium geprägt“, sagt Schrödter, die in einer Juristenfamilie aufgewachsen ist. Doch eine hauptberufliche Rückkehr in den Anwaltsberuf kann sie sich nicht vorstellen. „Meine Zulassung nutze ich schon aus Zeitgründen nur noch selten, und wenn, dann überwiegend für Beratungen im Freundes- oder Bekanntenkreis.“ Die juristische Berufswelt sei ihr im Laufe der Jahre fremd geworden.

Ganz anders geht es der Hamburger Staatsanwältin Sandra Lohfeldt. Ihr ursprüngliches Ziel war, das Jurastudium zu nutzen, um danach als Jour­nalistin zu arbeiten. Doch dann startete sie nach dem zweiten Staatsexamen als Anwältin in das Berufsleben und wechselte nach rund drei Jahren zur Staatsanwaltschaft. In dieser juristischen Berufswelt ist Lohfeldt mittlerweile fest verankert, doch ihr Interesse am Journalismus und am Schrei­ben hat sie nicht verloren. Für einen Privatsender entwarf sie nebenberuflich das Konzept einer TV-Justizshow und verarbeitete diese Erfahrungen dann in ihrem ersten Buch, einem klassischen Frauenroman.

Es folgten drei Krimis, die Sandra Lohfeldt unter ihrem Geburtsnamen Gladow veröffentlichte, ein vierter ist in Arbeit. Im Mittelpunkt ihrer Geschichten um Mord und Totschlag stehen die Lübecker Staatsanwältin Anna Lorenz und der mit ihr verbandelte Kommissar Bendt. Die Figur der Anna Lorenz und das Genre Krimi sind mit Bedacht gewählt. „Eine Staatsanwältin kann ich natürlich besonders gut beschreiben“, sagt Lohfeldt. Und mit Straftaten habe sie nun mal tagtäglich
zu tun, auch wenn es bei der Staatsanwaltschaft Hamburg keineswegs hauptsächlich um Tötungsdelikte ginge.

Mord und Totschlag in Lübeck: Sandra Lohfeldt machte eine Staatsanwältin zur Hauptfigur ihrer Krimis.

Die Dramaturgie zählt.

Auch ansonsten ist die Juristerei aus der Sicht von Lohfeldt eine gute Schule für das literarische Schrei­ben – eine Meinung, die Laura Karasek teilt: „In beiden Berufsfeldern kommt es darauf an, präzise und überzeugend zu formulieren.“ Eine klare Struktur und ein richtiger dramaturgischer Aufbau seien für einen guten Anwaltsschriftsatz genauso wichtig wie für einen gelungenen Roman. Das Hauptproblem ist für beide, neben der Tätigkeit als Staatsanwältin beziehungsweise Wirtschaftsanwältin sowie als Mutter von jeweils zwei Kindern genügend Zeit fürs Schreiben zu finden. Sandra Lohfeldt hat ihr Arbeitspensum bei der Staatsanwaltschaft reduziert und nutzt auch kurze Sabbaticals, um an ihren Romanen zu arbeiten.

Laura Karasek hat sich hingegen entschieden, zumindest vorrübergehend nicht mehr als Anwältin tätig zu sein, verbindet dies aber nicht mit Kritik an ihrem früheren Arbeitgeber: „Clifford hat mich immer unterstützt und mir zum Beispiel für Lesungen unproblematisch frei gegeben.“ Dennoch sei es häufig sehr schwierig gewesen, allen beruflichen und familiären Pflichten gerecht zu werden. Das Jahr 2019 will sie daher nutzen, um herauszufinden, wie es ist, ausschließlich als Autorin und freie Journalistin zu arbeiten. Neben den Einnahmen aus Buchverkäufen setzt Laura Karasek auf teilweise schon akquirierte Aufträge von Radiosendern und TV-Produktionsfirmen. Doch ihre Anwaltszulassung will sie auf jeden Fall behalten: „Was nach 2019 kommt, ist bei mir noch offen.“