Magazin-Artikel
06.06.2019 | Autor/in: azur Redaktion

Kostet viel, bringt viel: LL.M.-Studium im Ausland

Lange Zeit war der Master of Laws nur eine Zusatzqualifikation unter vielen. Doch immer mehr Kanzleien wollen den LL.M.-Titel heute bei ihren Bewerbern sehen. Besonders geschätzt sind Masterabschlüsse im englischspragichen Ausland, insbesondere aus den USA oder UK.

von Dennis Koch

„Schon als Studentin hatte ich Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit den Anwälten, etwa beim Abendessen“, erinnert sich Angelina Seelbach (30). „Es war beeindruckend, dass sie extra einflogen, um mich kennenzulernen.“ Angelina Seelbach ist heute Anwältin in der auf Transaktionen spezialisierten US-Kanzlei Kirkland & Ellis, deren einziges deutsches Büro in München beheimatet ist. Bereits als LL.M.-­­Studentin wurde sie von anderen Kanzleien umworben, denn ein Abschluss an der University of Columbia in New York steht für eine hervor­ragende Ausbildung.

Angelina Seelbach ist Teil einer wachsenden Gemeinschaft. Für Wirtschaftskanzleien ist der internationale Abschluss ein perfekter Nachweis dafür, dass Bewerber über den Tellerrand des deutschen Rechts hinausgeschaut haben und vor allem auch in grenzüberschreitenden Mandaten einsetzbar sind. Kein Wunder, dass immer mehr junge Juristen Wert darauf legen, bei ihrer Bewerbung in Kanzleien nicht nur ein möglichst gutes Staatsexamen, sondern auch einen LL.M. vorweisen zu können. „Der Trend geht dorthin“, bestätigt Katharina Netzle (27). Sie ist zuständig für das Recruitment bei Kirkland in München und hat erst kürzlich für die Partner ihrer Kanzlei ein Kennenlernen mit LL.M.-Studenten in den USA organisiert. „Ein LL.M. ist für uns nicht nur ein netter Bonus bei Bewerbern, sondern ein klares Merkmal für die bevorzugten Kandidaten“, begründet Netzle den Aufwand, den ihre Kanzlei für die Master-Studenten betreibt.

Abschluss in Big Apple: Angelina Seelbach, Associate bei Kirkland & Ellis, besuchte für ihren LL.M. die University of Columbia in New York.

Law Schools organisieren Bewerbertage.

Auch Andrea Pecina (34) kann diesen Bonus vorweisen. Sie ist Corporate- und M&A-Anwältin bei Linklaters in Frankfurt und hat ihren LL.M. an der University of Chicago gemacht. „Es gibt einen enormen Wettbewerb der Kanzleien um LL.M.-Studenten“, bestätigt sie aus eigener Erfahrung. Schon früh wollen viele Kanzleien den potenziellen Nachwuchs kennenlernen. Daher organisieren amerikanische Hochschulen in ­eigener Regie Veranstaltungen, auf denen sich LL.M.-Studenten und mögliche Arbeitgeber kennenlernen können.

Das ‚Columbia LL.M. Interview Program‘ etwa wird von der Columbia Law School in New York veranstaltet und findet jährlich statt. Sieben weitere Hochschulen der Ostküste, unter anderem Harvard, nehmen daran teil und bieten LL.M.-Studenten die Möglichkeit, in Vorstellungsgesprächen einen Draht zu interessierten Kanzleien zu knüpfen. Noch größer aufgezogen ist das ‚International Student Interview Program‘. Es wird von der New York University School of Law (NYU) ausgerichtet. Mehr als 30 Hochschulen machen mit und helfen so den Arbeitgebern, unter ihren LL.M.-Studenten nach den besten Absolventen zu suchen. An der Westküste wiederum organisiert die University of California in Los Angeles ein entsprechendes Interview-Event. 18 Law Schools und ihre Studenten sind dort vertreten und ermöglichen jungen Juristen und Kanzleien ein Kennenlernen.

Nachhaltige Verbindungen: Andrea Pecina, Associate bei Linklaters, knüpfte ein internationales Netzwerk.

Wachsende Bedeutung.

Dass der Master-Abschluss so begehrt ist, war nicht immer so. Viele Jahrzehnte war die Bedeutung des LL.M.-Titels hierzulande eher gering. Wer als Jura-Absolvent in Deutschland in einer Top-Kanzlei einsteigen wollte, musste in erster Linie sein Studium mit Topnoten abgeschlossen haben. Zusätzliche Englischkenntnisse waren gerne gesehen, aber in den meisten Kanzleien nicht von allzu großer Bedeutung, weil es in den meisten Rechtsgebieten nur wenige internationale Mandanten gab. Die Kür war ein Doktor­titel. Wer diesen vor seinem Namen hatte, gehörte für potentielle Arbeitgeber mit Abstand zu den interessantesten Bewerbern.

Doch seit den 1990er Jahren, als internationale Kanzleien den deutschen Kanzleimarkt eroberten, änderte sich einiges. Kanzleien richteten sich zunehmend auf grenzüberschreitende Mandate aus und überdachten in den folgenden Jahren ihre bisherigen Anforderungen an Bewerber.

Lieber LL.M. als Doktor: Katharina Netzle sucht für Kirkland & Ellis Bewerber mit dem internationalen Abschluss.

In fremden Kulturen zuhause.

Auf die aussichtsreichsten Bewerber der Gegenwart trifft also Folgendes zu: Sie haben gute ­Noten, die sind heutzutage noch genauso gefragt wie damals. Sie sprechen fließend Englisch. Einen Doktortitel brauchen sie allerdings oft nicht mehr, um Arbeitgeber von sich zu überzeugen. Die Prioritäten auf der Arbeitgeberseite haben sich geändert: Der früher seltene LL.M.-Titel ist gefragt wie nie, während der einstmals begehrte Doktortitel heute im internationalen Kontext kaum noch von Bedeutung ist.

Die Wertschätzung für einen im englischsprachigen Ausland absolvierten LL.M. ist deshalb so hoch, weil er einem Arbeitgeber auf Anhieb viel über einen Bewerber sagt. Während ein Doktortitel zeigt, dass ein Bewerber über lange Zeit konsequent an einem Projekt arbeiten kann, sagt ein LL.M. etwas über die Eignung eines Anwalts als Vermittler und Berater im internationalen Mandatsalltag aus. „Leute mit LL.M. haben sich mit anderen Kulturen befasst, sie sind eigenständiger und man kann sich auf ihre Englischkenntnisse verlassen“, führt Katharina Netzle aus. Auch seien ihrer Erfahrung nach LL.M.-Absolventen durch diese Eigenschaften bessere Teamplayer als Bewerber ohne den Master-Titel.

Diese Einschätzung wird von Personalverantwortlichen anderer Kanzleien geteilt. Für so unterschiedliche Adressen wie Cleary Gottlieb Steen & Hamilton, Freshfields Bruckhaus Deringer oder Eversheds Sutherland ist daher ein LL.M. unter den möglichen Zusatzqualifikationen die wertvollste. Doch bei den genannten Kanzleien handelt es sich ohnehin um internationale Einheiten, die von jeher grenzüberschreitendes Geschäft verfolgen.

Kanzleien, die aufgrund ihrer Spezialisierung oder ihrer inländischen Mandantenstruktur weniger international tätig sind, halten auch weniger stark Ausschau nach Bewerbern mit Master-Abschluss. Ein Beispiel dafür waren lange Zeit steuer­rechtlich spezialisierte Kanzleien wie Flick Gocke Schaumburg: Die Kanzlei beschäftigte sich in erster Linie mit deutschem Steuerrecht und war daher auf den deutschen Markt fokussiert – auch bei Nachwuchsthemen.

Internationaler Fokus.

Das hat sich grundlegend geändert, etwa durch die Anbindung der Sozietät an das internationale Steuernetzwerk Taxand und einen Aufschwung des Beratungsfeldes Verrechnungspreise, das jede Menge internationaler Bezüge aufweist. Für Flick Gocke Schaumburg steht der Doktortitel zwar weiterhin höher im Kurs als bei internationaler tätigen Wettbewerbern, doch ist ein LL.M. mittlerweile auch dort gern gesehen.

Aber selbst wenn es kaum Kanzleien gibt, die einen LL.M. bei Bewerbern schon von Anfang an voraussetzt, wird der Wunsch nach dem Titel nicht selten signalisiert. Und viele Arbeitgeber ­legen ihren neuen Associates schnell Angebote nahe, mit denen sie den Abschluss parallel zur ­Arbeit erwerben können. „Kanzleien fördern einen LL.M. heutzutage mehr und helfen ihren Anwälten auch finanziell dabei“, erklärt Andrea Pecina (Big Money). Das ist in vielen Fällen auch nötig: „Es ist ein hoher finanzieller Aufwand. Oft ist man auf Stipendien angewiesen.“

Der Kostenfaktor ist durchaus nicht zu unterschätzen. Gerade die Vereinigten Staaten sind besonders kostspielig. Die US-Law-Schools werfen ihren guten Ruf in die Waagschale und verlangen dafür großteils saftige Studiengebühren. Ein ­Beispiel: Bei einem LL.M. an der University of California in Berkeley schlagen alleine die Kursgebühren mit mehr als 50.000 Dollar zu Buche. Hinzugerechnet werden müssen Lebenshaltungskosten von mehr als 20.000 Dollar, was auch schon eher knapp kalkuliert ist.

Hoher finanzieller Aufwand.

Nicht zu vernachlässigen sind außerdem noch Reisekosten und Versicherungsbeiträge. Alles ­zusammen macht die Zusatzausbildung zu einer erheblichen finanziellen Investition. Trotzdem können sich die Law Schools über mangelnde Nachfrage nicht beschweren. „Nach dem langen Studium wollen viele Anwälte auch einfach nochmal raus, bevor es direkt in den Berufsalltag geht“, meint Katharina Netzle von Kirkland & Ellis.

Auf Angelina Seelbach zumindest trifft das zu. „Ich fand die USA immer spannend und wollte das Land nach dem Studium deshalb besser kennenlernen“, erklärt sie. „Das LL.M.-Studium führt einem vor Augen, wie das Recht im Vergleich zu Deutschland auch funktionieren kann. Ansonsten lernt man einfach tolle Leute im Studium kennen, die man als Tourist wohl eher nicht kennengelernt hätte.“ Nicht selten knüpfen die internationalen Teilnehmer hier Kontakte, die sie ein Berufsleben lang nutzen können.

Denn vielen LL.M.-Absolventen gelingt zurück in Deutschland der Sprung auf verantwortungsvolle Positionen in Kanzleien, Unternehmen oder öffentlichen Institutionen. Andrea ­Pecina bestätigt das: „Das Gemeinschaftsgefühl wird während des Studiums wahnsinnig gestärkt und man knüpft Verbindungen, die auch darüber hinaus noch bleiben. Der LL.M. war nach meinem Studium die Belohnung nach dem Pflichtprogramm.“

Die eigenen Karrierechancen steigern und eine gute Zeit haben – beides lässt sich nicht immer so angenehm miteinander verbinden. Dass das seinen Preis hat, muss man in Kauf nehmen.▪

Big Money

Ein LL.M.-Jahr in den USA ist ein teures Vergnügen. Um das eigene Budget aufzubessern, sollten Interessenten verschiedene Quellen anzapfen – je früher, desto besser. Wer zum Berufseinstieg bereits eine bestimmte Kanzlei ins Auge gefasst hat, sollte dort gezielt nach Fördermöglichkeiten fragen. Eine Auswahl:

  • Stipendien von Kanzleien

Gleiss Lutz:
One-Step-Ahead-Stipendium für ein
Graduiertenstudium in den USA oder Großbritannien
www.gleisslutz.com

GSK Stockmann:
Theo-Waigel-Stipendium für ein LL.M.-Studium im Ausland

www.gsk.de

Linklaters:
Drei Reisestipendien á 2.000 Euro für LL.M.-Studenten, die im Rahmen einer Karriereveranstaltung vergeben werden

www.linklaters.com

Oppenhoff & Partner:
Walter-Oppenhoff-Stiftung, Finanzierung von LL.M.-Studiengängen in den USA

www.deutsches-stiftungszentrum.de


  • Stipendien von Organisationen

DAAD:
Jahresstipendium und weitere Fördermöglich­keiten für ein LL.M.-Studium durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst

www.daad.de

Studienstiftung des deutschen Volkes:
ERP- und Haniel-Programm als offenes Angebot, Bucerius-Jura-Programm nur für geförderte Studenten

www.studienstiftung.de

LL.M. Bildungsfonds von Brain Capital in Kooperation mit der Deutsch-Amerikanischen Juristen-Vereinigung (DAJV):
Übernahme der Studiengebühren. Teilnehmer verpflichten sich, nach Abschluss ihres Studiums über zehn Jahre einen einkommensabhängigen Beitrag zu leisten.

www.llm-bildungsfonds.de