Magazin-Artikel
04.06.2019 | Autor/in: Anika Verfürth

Justitia wird weiblicher

Großkanzleien klagen immer wieder über den Verlust junger Anwältinnen, die in die Justiz wechseln. Dabei geht es vordergründig um die Vereinbarkeit von Familie und Karriere, etwa durch reduzierte Arbeitszeiten. Doch die eigentliche Frage lautet: Welcher Beruf passt zur eigenen Persönlichkeit?

Es ist ein Jahrhundert vergangen, seitdem sich für Juristinnen eine neue Welt eröffnete. „Die Fähigkeit zum Richteramte kann auch von Frauen erworben werden“, hieß es 1922 im „Gesetz über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege“. Lange Zeit war der Richterberuf nur Männern zugänglich, doch das hat sich gründlich erledigt. Das bestätigen auch die Statistiken, die das Bundesamt für Justiz (BfJ) alljährlich zusammenträgt. Laut der Erhebung des BfJ waren im Jahr 2016 mehr als 9.200 Frauen in Deutschland als Richterin tätig. Das entspricht einem Anteil von 44,45 Prozent in der Richterschaft.

Es war ein langer Weg der Frauen bis hierher (Immer mehr Frauen bei Gericht). Erst seit 2002 gibt es überhaupt eine Statistik, die zwischen Richterinnen und Richtern differenziert. Und auch wenn Frauen mittlerweile fast die Hälfte der Richterstellen innehaben, bleibt die Frage, wie es mit ihren Karrierechancen im richterlichen Dienst aussieht. Steigen nur die Männer in der Justiz wirklich auf?

Das oberste deutsche Gericht, der Bundesgerichtshof (BGH), veröffentlicht seine Personalstatistiken seit 1997. Damals waren im richterlichen Dienst 14 Frauen und davon lediglich eine als Vorsitzende tätig. Zehn Jahre später, im Jahr 2007, sind 25 der Richter am BGH weiblich, was immerhin einem Anteil von 19,84 Prozent entspricht. Mit Bettina Limperg kam am 1. Juli 2014 die erste Präsidentin des Bundesgerichtshofs in dieses Amt. In dem Jahr lag der Frauenanteil bereits bei 27,13 Prozent und ist seitdem auf 34,32 Prozent im Jahr 2018 gestiegen, was einer Kopfzahl von 46 Frauen entspricht.

Problemlos Teilzeit. Oder?

Nach Limpergs Ernennung dauerte es gerade mal ein Jahr, bis erstmals am BGH eine Richterin in Teilzeit tätig war. Ob das nun im direkten Zusammenhang mit einer weiblichen Führung des Gerichts steht oder nicht, sei dahingestellt. Doch dass so viel Zeit verging, bis an einem der höheren Gerichte Deutschlands Karriere auch mit oder trotz Teilzeit möglich wurde, wirft ein ganz anderes Licht auf die Vereinbarkeit von Karriere und Familie in der Justiz. Eine Richterin eines großen Landgericht beobachtet zwar eine Veränderung in den vergangenen Jahren, weil die Nachfrage nach Teilzeitrichterstellen sehr hoch ist. „Doch mit halber Stelle an das Oberlandesgericht abgeordnet zu werden, ist immer noch fast unmöglich“, berichtet sie aus eigener Erfahrung.

Teilzeit-Karriere: Die reduzierte Stundenzahl hat Elke Schwager in der Justiz keine Nachteile beschert.

Gleichzeitig gibt viele positive Beispiele: „Ich habe in der bayerischen Justiz von Anfang an in Teilzeit gearbeitet. Diese Möglichkeit ist allerdings nicht in allen Bundesländern auf allen Ebenen selbstverständlich“, sagt Elke Schwager. Die 44-Jährige ist seit April 2019 Vorsitzende Richterin am Landgericht München I. Grundsätzlich hat jeder Anspruch auf Teilzeit, der Kinder hat oder sich um die Pflege von Angehörigen kümmern muss. Inwiefern sich eine Verringerung der Arbeitszeit allerdings auf die Karriere auswirkt, hängt davon ab, ob Vorsitzende Richterstellen oder Richterstellen an Oberlandesgerichten in Teilzeit angeboten werden. Im Grunde ist es eine einfache Rechnung, die sich aus dem Geschäftsverteilungsplan ergibt.

Ein weiteres positives Beispiel für Karriere mit Teilzeit ist Dr. Kerstin Geist. Die 44-Jährige ist seit September 2018 Richterin im 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts in Stuttgart. „Ich habe in meiner Laufbahn nie die Erfahrung machen müssen, dass Teilzeit und Karriere nicht vereinbar ­waren“, berichtet sie. Wichtig sei aber, dass die Teilzeitkräfte auch ein hohes Maß an Flexibilität mitbringen, denn an Verhandlungstagen werde gerade in Strafsachen oftmals ganztägig verhandelt. Vor allem in Kammern, in denen mehrere Teilzeitrichter arbeiten, sprechen sie also meist feste Verhandlungstage ab, an denen alle verfügbar sein müssen.

„Teilzeit wirkt sich nicht negativ aus. Ich hatte nie das Gefühl, in der zweiten Reihe zu stehen.“

 

Teilzeitmodelle und flexible Arbeitszeiten bieten mittlerweile zwar auch viele Wirtschaftskanzleien, dennoch zieht es gerade Frauen immer wieder weg von den Kanzleien hin zu den Berufen in der Justiz. „Der Vorteil der Teilzeitbeschäftigung im Richteramt ist, dass sich diese nicht negativ auf die Arbeitsinhalte auswirkt. Aufgrund der gegebenen Zuständigkeitsregeln werden die Verfahren gleichmäßig verteilt und ich erhalte ebenso interessante Verfahren wie Vollzeitkräfte. Ich hatte auch nie das Gefühl in zweiter Reihe zu stehen, wie es vielleicht bei Wirtschaftskanzleien der Fall sein könnte“, schildert Eva Schwager vom LG München ihre Erfahrungen.

Wer sich in einer großen Kanzlei auf dem Partnertrack befindet, muss sich häufig darauf ein­stellen, dass Teilzeitarbeit den Weg zum Ziel ­verlängert. Mandanten­akquise, der eigene Business Case und letztlich das Erreichen von Umsatzzielen verlangen einen ­hohen Einsatz. „In der Justiz herrscht keine Ell­bogenmentalität, das prägt das Arbeitsklima sehr“, betont Schwager. Doch die Vorstellung, dass Karriere in der Justiz einfacher oder gar schneller geht, ist falsch. Im Normalfall findet ein Aufstieg in eine höhere Richterposition, also mit Vorsitz oder an das OLG, nicht vor dem 40. Lebensjahr statt.

Langer Weg.

Damit dauert der Aufstieg in der Justiz genauso lang oder sogar länger als in einer Wirtschaftskanzlei. Zudem sind die Systeme in den einzelnen Bundesländern teilweise sehr unterschiedlich. In Bayern und Baden-Württemberg ist beispielsweise ein Wechsel zwischen Richteramt und der Tätigkeit bei der Staatsanwaltschaft vorgesehen, und auch diverse – wie es im schönsten Amtsdeutsch heißt – Sonderverwendungen, etwa durch die ­Arbeit im Justizministerium, sind nicht selten.

Eine solche Station im Justizministerium hat auch Carolin Bourgun gemacht. Die 39-Jährige ist seit März 2019 in einer Strafkammer ebenfalls am OLG Stuttgart. Die zweifache Mutter arbeitet aktuell Vollzeit, hat aber im Laufe ihrer Karriere zeitweise auch nur eine 50-Prozent-Stelle gehabt, zum Beispiel während ihrer Erprobungszeit. Dabei stand für Bourgun der Karriereaspekt nie im Mittelpunkt: „Ich wollte schon immer Richterin werden“, erzählt sie, „dabei habe ich nicht an eine möglichst schnelle Beförderung gedacht.“

Die Karrierewege und Anforderungsprofile in der Justiz sind sehr transparent. Zu Beginn der Karriere erhalten junge Richter regelmäßiges Feedback, meistens von einem Kollegen im selben Team. Danach kommen sie in die Regelbeurteilung der Personalverantwortlichen des Gerichts und des Justizministeriums, die alle vier Jahre stattfindet und eine Benotung einschließt. Weitere Kriterien für eine Beförderung sind das Dienstalter sowie die Verwendungsbreite, die man etwa durch Sonderverwendungen erweitert. Letztlich läuft es sehr bürokratisch: Das Justizministerium erstellt gemeinsam mit dem Gericht eine Liste, auf der automatisch alle Namen stehen und nach der die Stellen besetzt werden.

Doch die Bürokratie macht die Vorteile der Arbeit nicht zunichte. Bourgun hat ihre Wahl­station bei einer Großkanzlei in Stuttgart absolviert und gemerkt: „In einer Großkanzlei bin ich ein kleines Rädchen von vielen, bis ich vielleicht irgendwann Partnerin werde. Als Richterin treffe ich vom ersten Tag an Entscheidungen in eigener Verantwortung, wozu auch die Leitung einer Gerichtsverhandlung gehört.“

„Urlaub ist Urlaub. Und am Wochenende ruft kein Mandant an.“

Umfrage belegt Zufriedenheit.

Mit der Meinung steht sie nicht allein. Die selbstbestimmte Arbeitsteilung ist unter den Richtern und Staatsanwälten ein Aspekt ihrer Arbeit, der vielen wichtig ist: Laut einer Studie, dem Roland Rechtsreport 2019, für die 988 Richter und Staatsanwälte in Deutschland befragt wurden, stimmen 83 Prozent der Aussage zu, selbstbestimmt arbeiten zu können, 71 Prozent von ihnen unterschrieben eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bourguns Kollegin Geist absolvierte ihre Wahlstation ebenfalls in einer Großkanzlei. „Ich habe damals stark abgewogen, wo ich Familie und Karriere am besten vereinbaren kann. In der Justiz ist das deutlich einfacher, das gab damals den Ausschlag für die Entscheidung.“

Länder bezahlen unterschiedlich.

Allerdings spielt bei der Entscheidung zwischen einer Karriere als Wirtschaftsanwaltin oder Richterin noch ein anderer Faktor eine wichtige Rolle: das Gehalt. Eine Richterin ohne Vorsitz oder am Landgericht wird nach R1 vergütet, mit der Berufung ans OLG oder einer Stelle mit Vorsitz kommt der Sprung auf R2. Ein weiterer Faktor ist die Stufe, die sich nach den Dienstjahren erhöht. Nur wenige Stellen – etwa als Vorsitzender Richter an einem OLG – bringen den Sprung auf die Vergütungsstufe R3 mit sich. Die Bezahlung der Richter ist unterhalb der Bundesebene in der ­jeweiligen Besoldungstabelle des Bundeslandes geregelt. So verdient laut Angaben des deutschen Richterbundes ein lediger Richter beim Berufseinstieg im Saarland knapp 3.500 Euro brutto im Monat, in NRW sind es schon 4.223 Euro, und an der Spitze steht Bayern mit 4.437 Euro.

Wer dieses Gehalt mit der Bezahlung junger Juristen in einer Wirtschaftskanzlei vergleicht, der wird nicht überrascht sein, dass viele Berufseinsteiger sich zunächst für den Start in einer Kanzlei entscheiden und sich erst später umorientieren. „Wir haben eine Reihe von jungen Richterinnen und Richtern, die nach zwei bis drei Jahren Arbeit in einer Rechtsanwaltskanzlei zu uns in die Justiz wechseln“, berichtet Dr. Andrea Schmidt. Seit Dezember 2018 ist sie im Amt der Präsidentin des größten bayrischen Landgerichts, dem LG München I. Sie beobachtet eine Veränderung von Anforderungen an ihren Job bei der nachwachsenden Generation. „Vor allem eine ausgewogene Work-Life-Balance ist den jungen Richterinnen und Richtern so wichtig wie nie“, sagt Schmidt.

Dieser Wunsch sei unabhängig vom Geschlecht, da sowohl Frauen als auch Männer Elternzeiten oder Teilzeitmodelle nutzen. Das sind auch in den meisten Fällen die Beweggründe, die den Wechsel von einer Kanzlei in den Richterberuf motivieren. Doch Schmidt sieht die Gefahr in dem vergleichsweise niedrigen Gehalt: „Gerade in Großstädten ist das Gefälle zu groß. Damit der Richterberuf konkurrenzfähig bleibt, muss die Besoldung auf lange Sicht angehoben werden.“

Dienstleister oder Entscheider.

Letztlich ist die Wahl zwischen einer Karriere in der Justiz oder in einer Kanzlei eine Frage der Persönlichkeit: Will man die Interessen des Mandanten vertreten oder ein Richter sein, der eigene Entscheidungen trifft? Ersteres bedeutet gleichzeitig, Dienstleister zu sein. Und damit einher gehen viele Themen, die besonders für Frauen und die Familienplanung zentral sein können. „Urlaub ist Urlaub, und am Wochenende ruft kein Mandant an“, resümiert Schwager vom LG München. Gleichzeitig verlangt der Richterberuf Entscheidungsfähigkeit. „Manchmal gibt es Jura-Absolventen mit Spitzennoten, die Schwierigkeiten haben, zeitnah zu einer Entscheidung zu gelangen. Die tun sich dann schwer als Richterin oder Richter“, sagt auch Schmidt. Genau wie Bourgun und Geist vom ersten Tag an ihre Entscheidung nicht bereut haben, bestätigen laut der ­Roland-Umfrage stolze 88 Prozent der weib­lichen Teilnehmer: Ich würde mich heute wieder für den Beruf des Richters oder Staatsanwalts entscheiden.