Magazin-Artikel
06.06.2019 | Autor/in: Anika Verfürth

Jeck in Berlin – Kathrin Westermann im Porträt

Berlin ist ihre Heimat, seit sie 17 war. Nur für das Bundeskartellamt brachte Dr. Kathrin Westermann es übers Herz, die heutige Hauptstadt zeitweise zu verlassen. Mittlerweile ist sie eine der renommiertesten Kartellrechtlerinnen hierzulande. Und nicht zuletzt durch ihre Vorliebe zum Fachgebiet hat sie den rheinischen Karneval für sich entdeckt.

„Der Umzug war das Beste, was mir passieren konnte.“ Wenn Dr. Kathrin Westermann von Berlin erzählt, strahlen ihre Augen. Mit ihren damals 17 Jahren zog sie mit ihren Eltern 1985 von Bielefeld nach Berlin. Von den stoischen Ostwestfalen ins wilde und laute Berlin der 1980er Jahre. Der Hauptstadt ist sie treu geblieben, ebenso wie ihrem Rechtsgebiet (Auf der Überholspur, Seite 120). Die 50-Jährige ist die einzige Frau unter den Kartellrechtspartnern bei Noerr. Nicht nur innerhalb ihrer eigenen Kanzlei zählt sie zu den Top-Anwälten. Auch in der gesamten Kartellrechtsszene genießt Westermann einen hervorragenden Ruf.

Auf ihrem Karriereweg wurde sie immer von Männern gefördert, denn Partnerinnen als Vorbilder gab es kaum. Genauso wie das Kartellrecht zu ihrer Studienzeit noch als Exotenfach galt. „Mittlerweile ist Kartellrecht ja total hip, aber damals war das noch eine Nische“, sagt Westermann. Dennoch legte sie bereits vor dem Ersten Staatsexamen einen Schwerpunkt auf diese Fachrichtung. Nicht zuletzt ein Auslandssemester in Wien war der Grundstein für diesen Entschluss. Dort besuchte sie zahlreiche Kurse zum Europarecht und entdeckte ihr Interesse am euro­päischen Fusionskontrollrecht, worüber sie drei Jahre später ihre Dissertation in Göttingen schrieb.

 Jura wurde ihr in gewisser Weise mit in die Wiege gelegt, Vater und Großvater waren beide renommierte Juristen und Universitätsprofessoren für Zivilrecht. Dass in einer Vorlesung die Literaturliste zur Hälfte aus Werken ihrer Familie bestand, war für Kathrin Westermann im Uni­alltag keine Seltenheit. „Ich habe mir das Gesellschaftsrecht natürlich auch mal angeschaut. Aber eigentlich hatte ich mich schon längst für das Kartellrecht entschieden. Und mittlerweile interes­siert sich auch mein Vater dafür“, erzählt Westermann.

Neue Dinge lernen, sich in Themen reinfuchsen, das ist es, was Westermann am Kartellrecht so fasziniert: „Die Notwendigkeit, in einen Markt bis aufs kleinste Detail einzusteigen, die Branche und die Produkte genau zu verstehen und gleichzeitig den volkswirtschaftlichen Einfluss zu berücksichtigen, das ist für mich das Spannende am Kartellrecht.“

Von Berlin nach Bonn.

Nach dem Referendariat und einer Verwaltungsstation beim Bundeskartellamt – das damals noch in Berlin saß – begann Westermann ihre berufliche Laufbahn bei der deutschen Großkanzlei Hengeler Mueller. Dort blieb sie allerdings nicht lange. Als eine Stelle beim Bundeskartellamt frei wurde, ergriff Westermann die Gelegenheit. „Schon in meiner Verwaltungsstation fand ich die Arbeitsweise des Amtes toll. Schnell, unbüro­kratisch, es ist einfach eine sehr kooperative Behörde. Das können die meisten Behörden in Deutschland nicht von sich behaupten“, erzählt Westermann.

Dafür nahm sie auch den bereits absehbaren Umzug des Amtes von Berlin nach Bonn in Kauf. Insgesamt vier Jahre war sie beim Bundeskartellamt in der Beschlussabteilung, die sich unter anderem mit der Branche Medien und Telekommunikation befasste. Als Mitarbeiterin der Behörde besuchte sie auch erstmals eine Sitzung der Studienvereinigung Kartellrecht. Dass sie rund 20 Jahre später zum Vorstand gehören würde, hätte sie sich zu dem Zeitpunkt wohl nicht erträumt. Denn die Studienvereinigung hat großes Gewicht und verbindet Wissenschaft und Praxis auf hohem fachlichen Niveau. Weltweit pflegt sie Kontakte zu Entscheidern in Politik und Wirtschaft.

Auch wenn es sie letztlich wieder in die Hauptstadt zurückzog, hat das Bundeskartellamt und das Rheinland Kathrin Westermann geprägt. Insbesondere der rheinische Karneval hat sie seitdem nicht mehr losgelassen. „An Weiberfastnacht feierte ich im Bundeskartellamt das erste Mal Karneval. Seitdem komme ich fast jedes Jahr dafür nach Köln zurück“, erzählt sie.

Seitenwechsel.

Doch letztlich zog es sie zurück nach Berlin. Dort schlug sie ein neues Kapitel auf und begann 2002 ihre Arbeit bei Noerr im Team um den bekannten Partner Dr. Karsten Metzlaff. „Das war schon eine Umstellung, wenn die alten Kollegen und Freunde dann plötzlich auf der Gegenseite in Kartellverfahren sitzen“, sagt Westermann, die schon früh etwa an den Verfahren um die Kabelweitersendung beteiligt war. Auch heute noch liegt einer ihrer Schwerpunkte auf der Medien- und Telekommunikationsbranche und sie berät unter anderem die deutsche Bundesliga bei der Vermarktung der Ausstrahlungsrechte.

Der eigentliche Anfang lag für sie aber ganz woanders, und so landete sie beinahe zufällig in einem der größten und brisantesten Kartellkomplexe mit den höchsten Bußgeldern überhaupt, dem sogenannten Zementkartell. „Einen Anruf, den werde ich nie vergessen. Ich war erst wenige Wochen bei Noerr, da rief der Rechtsabteilungsleiter von Cemex mich an. Es ging nur um eine einstweilige Verfügung in einer kleineren Sache, aber das war der Beginn einer langen Mandatsbeziehung.“ Gerne erinnert sich Westermann an diesen einen Meilenstein, der ihre Karriere so nachhaltig beeinflusst hat.